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Ergebnisanzeige "Schreibtischtäter – Begriff, Geschichte, Typologie. Interdisziplinäre Tagung am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen"
RessourcentypCall for Papers
TitelSchreibtischtäter – Begriff, Geschichte, Typologie. Interdisziplinäre Tagung am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen
BeschreibungSchreibtischtäter – Begriff, Geschichte, Typologie

Interdisziplinäre Tagung am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, 9.−11.10.2014

Organisation:
Prof. Dr. Dirk van Laak (Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen)
Jun.-Prof. Dr. Dirk Rose (Institut für Germanistik IV, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)


Call for Papers

Die Figur des „Schreibtischtäters“ ist untrennbar mit der Geschichte des Dritten Reiches und seiner Aufarbeitung verbunden, insbesondere mit der Person Adolf Eichmanns und speziell in dessen Deutung durch Hannah Arendt. Seither versteht man hierunter im engeren Sinne den Bürokraten, der ohne innere Bewegung und von seinem Schreibtisch aus per Erlass den Mord organisierte. Von dieser Etikettierung ausgehend wurde „Schreibtischtäter“ zu einem Label für eine breite Palette an Bedeutungen mit im Wesentlichen negativen Konnotationen, auch wenn es gelegentlich in ironischer Brechung auch synonym für „Praxisferne“ verwendet wird. Noch in den aktuellen Debatten um die mit Drohnen vom Schaltpult aus operierenden Militärs findet sich die variierende Zuschreibung als „Schreibtischtöter“.

Von Anfang an standen mit dem Begriff auch juristische Fragen der Reichweite einer „Haftung“ in ausdifferenzierten Verantwortungsstrukturen zur Diskussion. In jüngster Zeit hat das anleitende oder aufstachelnde Handeln aus der Distanz durch die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag neue Brisanz gewonnen. Denn dessen Rechtsprechung betrifft wesentlich solche Tatbestände, die in den Verantwortungsbereich von politischen „Schreibtischtätern“ fallen. Dafür musste (und muss) eine neue Rechtsgrundlage geschaffen werden, die sich zum Teil an den Prozessen gegen NS-Kriegsverbrecher orientiert. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ist an diesem Phänomen bemerkenswert, dass ein kulturelles Narrativ, das auf einer metaphorischen Typisierung beruht (der Figur des Schreibtischtäters), zu einem juristischen Tatbestand werden und damit weitreichende realweltliche Konsequenzen bis hin zur Arretierung und Bestrafung einzelner Personen erlangen konnte.

Die interdisziplinäre Tagung hat sich zum Ziel gesetzt, den Typus des Schreibtischtäters nicht allein in der Beschränkung auf die Geschichte der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts und nicht allein erinnerungspolitisch zu betrachten, sondern ihn als einen paradigmatischen Typus der Moderne selbst herauszuarbeiten. Denn mit „Schreibtischtätern“ ist im weiteren Sinn eine Erscheinung bezeichnet, die an verschiedenen Stellen einer arbeitsteiligen Gesellschaft und ihrer bürokratiebasierten Steuermechanismen anzutreffen ist. Zwei Punkte dürften dabei von systematischer Bedeutung sein: Zum einen liegt dieser Tätigkeit eine Trennung von Anordnung und Ausführung, von Schreibhandlung und sozialweltlichem Handeln zugrunde. Diese für eine funktional differenzierte Gesellschaft durchaus typische Handlungskette wirft eine Reihe ethischer Fragen auf, die sich in der Figur des Schreibtischtäters bündeln lassen.

Hier kommt ein zweiter Aspekt ins Spiel, nämlich diesen Handlungen trotz ihrer Differenzierungen eine Tateinheit zugrunde zu legen. Diese kann einerseits über bürokratische Routinen, andererseits aber auch performativ im Sinne einer qua Schriftgebrauch „zerdehnten Kommunikation“ (Konrad Ehlich) hergestellt werden. Schriftlichkeit wird so zur ‚Schlüsseltechnologie‘ des Schreibtischtäters. Dem parzellierten Verwaltungshandeln eine schriftkommunikative Einheit zu unterlegen, bedeutet letztlich, den Schreibtischtäter zum ›Autor‹ dieser Handlungen zu erklären, und ihn − analog zum Urheberrecht – dafür in Haftung nehmen zu können. Zugleich ist damit die Möglichkeit gegeben, seine Handlungen unter den politisch aufgeladenen Begriff der ‚Tat’ zu stellen, der ihn vom einfachen Bürokraten ebenso wie von der Figur des „geistigen Urhebers“ bzw. „geistigen Brandstifters“ unterscheidbar macht, ihn. Dies ist insbesondere mit Blick auf die aktuelle Täterforschung von Relevanz, die den „spezifischen Referenzrahmen“ des jeweiligen „Tatzusammenhangs“ (Harald Welzer) betont. Schreibtischtäter wären so gesehen Personen, deren Schrifthandeln in einem spezifischen Handlungsrahmen „Taten“ zur Folge hat, die mehr sind als bloße Ergebnisse von Kommunikationsprozessen; sondern vielmehr ereignisgenerierende Handlungen im Sinne eines politischen und/oder justitiablen Tatbegriffs.

Darüber hinaus konfrontiert die Tätigkeit des Schreibtischtäters mit dem Aussagewert und epistemischen Status von Schriftquellen, welche nach wie vor den wichtigsten Quellentyp geistesgeschichtlichen Arbeitens bilden. Schließlich stellen die überlieferten Dokumente in diesem Zusammenhang nur einen Ausschnitt innerhalb einer zwar auf Schrift basierenden, aber sich nicht allein in Schrift realisierenden Handlungsklette dar. Welche Konsequenzen das für die Täterforschung und darüber hinaus für die historische Methodologie hat, scheint noch klärungsbedürftig zu sein.

Zu fragen wäre also, wie sich das Konzept des Schreibtischtäters kommunikationstheoretisch wie sozial- und ideengeschichtlich begründen ließe, welche Typologien dabei denkbar wären, und welche Konsequenzen sich für den methodischen Zugriff aufgrund der spezifischen Überlieferungssituation ergeben. Im Hintergrund steht dabei die grundsätzliche Frage nach der Verantwortung von Steuerungseliten (dem „Regime der Manager“, so James Burnham schon 1940) in sozial differenzierten Gesellschaften. Auch aus diesem Grund soll ausgelotet werden, wie sich kulturwissenschaftliche Beschreibungen des Typus ‚Schreibtischtäter’ mit dem gegenwärtigen rechtswissenschaftlichen Diskurs und der Rechtspraxis in Verbindung setzen lassen.

Hier soll die geplante Tagung einen wichtigen Beitrag leisten, der nur in der Zusammenführung verschiedener Disziplinen gelingen kann: Geschichte, Germanistik, Politik- und Sozialwissenschaften sowie Rechtswissenschaften. In der Konfrontation von paradigmatischen „Schreibtischtätern“ (Adolf Eichmann, Hermann Müller, Maurice Papon, Werner Best usw.), paradigmatischen Situationen (Logistik des Massenmords, Planung des „Ostraums“, Dekretierung der Euthanasie, Verfügung der Abschiebehaft usw.), juristischen Kategorien (Befehlsnotstand, Beihilfe zum Mord, Naturrecht usw.), „Schreibakten“ (gutachten, stempeln, gegenzeichnen, Knöpfe drücken usw.) und deren Niederschläge (an „grünen Tischen“ getroffene Entscheidungen, Verfügungen, Erlasse und Gesetze, Statistiken aller Art usw.) soll der Typus eingegrenzt und diskutiert werden, ob ein vom nationalsozialistischen Kontext abstrahierender Gebrauch analytisch produktiv gemacht werden kann.

Die Referate sollten einen Aspekt des Themas in systematischer Hinsicht aufgreifen und vertiefen, wobei der Austausch mit den anderen Disziplinen besondere Berücksichtigung finden darf.
Vorschläge mit Titel und kurzem Abstract (max. eine halbe Seite) werden bis zum 30.3. 2014 erbeten an Dirk.van.Laak@geschichte.uni-giessen.de oder dirk.rose@uni-duesseldorf.de
Die Vortragsdauer sollte 30 Minuten keinesfalls überschreiten. Die Übernahme der Reise- und Übernachtungskosten ist beantragt.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortEssen
Bewerbungsschluss30.03.2014
Beginn09.10.2014
Ende11.10.2014
PersonName: Prof. Dr. Dirk van Laak 
Funktion: Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen 
E-Mail: Dirk.van.Laak@geschichte.uni-giessen.de 
Name: Jun.-Prof. Dr. Dirk Rose 
Funktion: Institut für Germanistik IV, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 
E-Mail: dirk.rose@uni-duesseldorf.de 
KontaktdatenName/Institution: Jun.-Prof. Dr. Dirk Rose / Institut für Germanistik IV, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 
Strasse/Postfach: Universitätsstraße 1 
Postleitzahl: 40225  
Stadt: Düsseldorf 
Telefon: 0211-81-14941 
E-Mail: dirk.rose@uni-duesseldorf 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeHistorische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Motiv- u. Stoffgeschichte
Ediert von  H-Germanistik
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