VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "»Fort von hier, nur fort von hier!« Fernweh von 1830 bis zur Gegenwart"
RessourcentypCall for Papers
Titel»Fort von hier, nur fort von hier!« Fernweh von 1830 bis zur Gegenwart
Beschreibung»Fort von hier, nur fort von hier!« Fernweh von 1830 bis zur Gegenwart

Call for Papers

Ort: FernUniversität in Hagen
Datum: 23. bis 25. Oktober 2014
Bewerbungsschluss: 21. Februar 2014
Organisation: Dr. Irmtraud Hnilica, Dr. Malte Kleinwort, Matthias Plumpe und Patrick Ramponi, M.A.

»Fernweh« gehört zu jenen seltsam schillernden Wörtern des Deutschen, die kaum in andere Spra-chen übersetzbar sind. Obwohl in der Alltagskommunikation intuitiv verwendbar und hochgradig anschlussfähig, wird schnell eine semantische Unschärfe erkennbar: So scheint zwar jeder eine Vorstellung zu haben, was Fernweh sein könnte, doch systematisch und historisch aufgearbeitet wurde der Begriff bislang nur in Ansätzen. Dieses Desiderat möchte die geplante Tagung an der FernUniversität in Hagen mithilfe einer Reihe literatur- und kulturwissenschaftlicher Beiträge an-gehen.
Gegenwärtig ist Fernweh ein Schlagwort der Reisebroschüren. Als diffuse, trivialpsychologische Gemütslage weist es eine doppelte Fluchtlinie auf: Wer Fernweh verspürt, den überkommt ein Verlangen nach Ferne – und zugleich manifestiert sich in dieser Sehnsucht nach dem Anderswo ein Unbehagen an der Gegenwart. Fernweh ist damit eine schwierig zu greifende, emotional aufge-ladene Diskursfigur, die Raum und Zeit miteinander koppelt.
Als zentraler Signifikant postmoderner Reisesucht (und Reisesuggestion) bleibt Fernweh ein Ge-fühl, dessen lexikalisch-begriffsgeschichtliche Genese und kulturgeschichtliche Diskursivierung bislang im Dunkeln verblieben sind. Bereits eine stichprobenmäßige Suche in einschlägigen Lexi-ka erweist sich als wenig ergiebig: Weder Zedlers »Universallexikon« noch das Grimmsche »Wör-terbuch« kennen das Lemma »Fernweh«. Bei den Grimms tauchen immerhin Wörter wie »Wan-derlust«, »Reisefieber« und »Reisewut« auf, denen man unschwer eine (nach)romantische Codie-rung ablesen kann. Der »Kleine Duden« von 1939 wiederum führt das Wort »Fernweh« bezeich-nenderweise als Analogbildung zum Begriff »Heimweh« auf.
Beim Fernweh handelt es sich, so eine Hypothese der geplanten Tagung, um eine spezifisch mo-derne psychohistorische Konstellation, deren Genese in Goethezeit und Romantik beginnt und deren Medien- und Kulturgeschichte ab 1830 wiederholte Konjunkturen aufzeigt: Zunächst einmal scheint Fernweh eng an die Figur eines bürgerlichen Reiseindividuums gekoppelt zu sein, wie es das empfindsame Reisenarrativ des 18. Jahrhunderts in Ablösung von der Institution der adeligen Kavalierstour allmählich herausbildete. Es ist aber erst der kulturelle Diskurs der Romantik, der jene Schlüsselmotive und Kulturtechniken etabliert, die für die typologische Bedeutungsebene des Fernweh-Begriffs prägend waren: die Sehnsucht nach Ferne und Fremde, die enthusiastische Wanderschaft, die vielfach versprachlichte und vertonte Aufbruchsbewegung in Natur und Land-schaft, die Fluchtbewegung auf ein Offenes, Unbestimmtes und Unerfülltes hin.
Die Periodisierung ab 1830 nimmt die Formierungsphase einer spezifisch modernen Fernweh-Semantik in den Blick und erlaubt es, mediengeschichtliche Perspektiven einzubeziehen. Zu fra-gen ist etwa nach der verkehrstechnischen Materialisierung jener diffusen Gefühlslage, die mit Ferne, Raum/Zeit und Reisen verbunden ist: Die durch den Weltverkehr ermöglichte globale Er-reichbarkeit und Vernetzung der Welt scheint – paradoxerweise – den Reiz des Nicht-Verfügbaren und der Fern-Projektionen noch gesteigert zu haben.
Fernweh ist zwar keine Bedingung des Reisens schlechthin, doch avancierte es im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Medium der Reise in Wohnzimmern und Schreibstuben, in Texten und auf Landkarten. Auf diese Weise konnte es zum Bestandteil eines ebenso materiellen wie imaginä-ren Dispositivs werden, das Bernd Stiegler treffend »Reisender Stillstand« genannt hat. Fernweh wäre demnach ein »Bahnhofs- und Aussichtsturmgefühl« (Jürgen Hosemann).
Nimmt man das »Weh« im Fernweh in den Blick, so wird deutlich, dass damit eine Defizienz-Erfahrung markiert ist, ein Unbehagen am Hier und Jetzt. Sigmund Freud hat in seiner Metapsy-chologie darauf hingewiesen, dass das jugendliche Begehren zu reisen nicht selten mit einer frühen Empfindung von Restriktionen in Heim und Ort verbunden ist. Es ließe sich daran anschließend fragen, ob Fernweh an ein bestimmtes Lebensalter gebunden ist und welche Gendersemantiken mit dem Fernwehdiskurs verbunden sind. Ist die Frau lediglich Objekt eines männlich konnotierten Fernwehs; welche Formen der Aneignung gibt es?
Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine Vielzahl möglicher Gegenstände und Fragestellungen:

1. Literarische Formen des Fernwehs: Welche Konjunkturen des Fernwehs lassen sich von 1830 bis heute in der Literatur- und Kulturgeschichte der Moderne ausmachen? Wel-chem Wandel unterlag die Fernweh-Semantik von einem dominanten Motivgeflecht der Hochliteratur (›romantische‹ Sehnsucht und Wanderlust) über die vielfältigen Poetolo-gien des Aufbruchs (Entwicklungsnarrative, Avantgardeliteratur, Exotismus) bis hin zu einem populärkulturellen Diskurs, der gleichermaßen Reisebelletristik wie Science Fic-tion-Literatur, Abenteuer- oder Aussteigerromane, aber auch Schlagertexte beeinflusst? Tatsächlich ist die Sehnsucht nach der Ferne ein wiederkehrendes Motiv in Texten vom Realismus bis zur Gegenwart. Fernweh kann aber nicht nur als bloßes Motiv wirksam werden, sondern auch strukturbildende Kraft entfalten oder als übergeordneter Bezugs-rahmen einer Theorie oder Ästhetik des Fernwehs dienen.
2. Medien des Fernwehs: Die Literatur war, so ist anzunehmen, lange Zeit der maßgebli-che Bildspender für Gefühlsdispositionen wie Fernweh. Welche Einschnitte und Codie-rungen lassen sich indessen im Fernweh-Diskurs mit dem Aufkommen neuer Medien so-wohl der Kommunikation als auch des Verkehrs, ausmachen? Welche spezifische Affini-tät unterhalten bestimmte Instrumente (wie Fernrohr oder Kamera), Medien (wie Litera-tur, Kino oder Fernsehen) oder Medienformate (wie Schlagerfilm oder Shanty) zum Fernweh? In welchem Verhältnis steht das Fernweh zu Vergegenwärtigungen und Ver-bildlichungen von Ferne?
3. Diskurse des Fernwehs: Gewinnt die Rede vom Fernweh wider Erwarten durch das Verschwinden der weißen Stellen auf der Weltkarte an Popularität und Virulenz? Welche Rolle spielt dabei der koloniale und imperiale Diskurs Ende des 19. Jahrhunderts? Wel-che Rolle spielt Fernweh im Kontext der großen Auswanderungswellen des 19. Jahrhun-derts, der Massenmigration im 20. Jahrhundert? Ist mit der sozialen Popularisierung die-ser Gefühlslage auch eine sozialkritische Tendenz verbunden? Ist Fernweh heute in ein umfassendes Selbstoptimierungsprogramm integriert, das den Anforderungen der Ar-beitswelt angepasst ist? In welchem Verhältnis stehen Fernweh und Heimweh?

Wir freuen uns über Vortragsexposés (1 Seite) sowie kurze biobibliographische Angaben von Bei-trägerinnen und Beiträgern jeglicher Qualifikationsstufen. Der erste Tagungstag (23. Oktober 2014) ist für Vorträge von Studierenden und Graduierten reserviert. Eine Übernahme der Reise-, Hotel- und Verpflegungskosten ist geplant.

Exposés bitte als PDF-Datei bis zum 21. Februar 2014 an:
Irmtraud.Hnilica@fernuni-hagen.de und Patrick.Ramponi@fernuni-hagen.de
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortHagen
Bewerbungsschluss21.02.2014
Beginn23.10.2014
Ende25.10.2014
PersonName: Hnilica, Irmtraud, Dr. 
E-Mail: Irmtraud.Hnilica@fernuni-hagen.de  
Name: Ramponi, Patrick, M.A. 
E-Mail: Patrick.Ramponi@fernuni-hagen.de 
KontaktdatenName/Institution: FernUniversität in Hagen 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Medien- u. Kommunikationsgeschichte (Hand-, Druckschrift, Film, Rundfunk, Computerspiel usw.); Medien- u. Kommunikationstheorie; Motiv- u. Stoffgeschichte
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft; 01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft > 01.03.00 Germanistik; 03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte; 13.00.00 Goethezeit; 13.00.00 Goethezeit > 13.13.00 Stoffe. Motive. Themen; 14.00.00 Romantik; 14.00.00 Romantik > 14.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 14.00.00 Romantik > 14.11.00 Stoffe. Motive. Themen; 15.00.00 19. Jahrhundert; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.13.00 Gattungen und Formen; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.14.00 Stoffe. Motive. Themen; 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914); 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914) > 16.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914) > 16.13.00 Gattungen und Formen; 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914) > 16.14.00 Stoffe. Motive. Themen; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945); 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.16.00 Gattungen und Formen; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.17.00 Stoffe. Motive. Themen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989); 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.08.00 Gattungen und Formen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.09.00 Stoffe. Motive. Themen; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.08.00 Gattungen und Formen; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.09.00 Stoffe. Motive. Themen
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/36267

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 20.12.2013 | Impressum | Intern