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Ergebnisanzeige "Alfred Andersch 100 – Engagierte Autorschaft im Literatursystem der Bundesrepublik."
RessourcentypCall for Papers
TitelAlfred Andersch 100 – Engagierte Autorschaft im Literatursystem der Bundesrepublik.
BeschreibungAlfred Andersch 100 –
Engagierte Autorschaft im Literatursystem der Bundesrepublik.

Internationale wissenschaftliche Tagung an der Justus-Liebig-Universität Gießen
vom 17. bis 19. Juli 2014,
ausgerichtet von Dr. Norman Ächtler
in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Carsten Gansel
und dem Institut für Germanistik der JLU
sowie dem Literarischen Zentrum Gießen (LZG).

Call for Papers
Der Name Alfred Andersch ist während der vergangenen 20 Jahre vor allem im Rahmen einer anhaltenden öffentlichen Kontroverse gefallen, die die Selbstdarstellung von prominenten Vertretern der deutschsprachigen Literatur nach 1945 problematisierte. Die diversen Debatten um Autoren der sogenannten ›Stunde Null‹ wie Andersch (Döring/ Joch 2011) oder Günter Eich (Vieregg 1996) und in jüngster Zeit Günter Grass und Erwin Strittmatter (Gansel/ Braun 2012) verhandelten in erster Linie die Diskrepanz zwischen deren nach außen eingenommener Position eines kritischen Korrektivs der Nachkriegsgesellschaft und den kaschierten Ambivalenzen ihrer Lebensläufe im Nationalsozialismus. So betrachtet fügen sich diese medialen Enthüllungen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zugleich in den größeren Diskurs um Kunst und kulturelles Gedächtnis, der nach der Aufhebung der Zweistaatlichkeit 1989 und dem Ende des Kalten Kriegs neuen Auftrieb bekommen hat und seither zunehmend die Grautöne deutscher Geschichte im »Zeitalter der Extreme« (E. Hobsbawm) ausleuchtet.

Die von W.G. Sebald angestoßene und bis heute nachwirkende Debatte um Alfred Anderschs Lavieren im ›Dritten Reich‹, die zweckdienliche Schönung seiner Biographie während Kriegs- und Besatzungszeit und die spätere literarische Aufarbeitung der Vergangenheit zeigt beispielhaft, wie in den genannten Fällen nicht nur die moralische Integrität der Personen und damit zusammenhängende künstlerische Rollenbilder in Frage standen. Mit der Erkundung und Neubewertung der Lebensläufe geriet auch die historische Gültigkeit des jeweiligen literarischen Werks auf den Prüfstand. Dies mag bei einem Autor, der die Bedeutung des autobiographischen Elements in seinem schriftstellerischen Schaffen stets hervorgehoben hat, durchaus naheliegen. Entsprechend hat sich die Andersch-Forschung nach der letzten größeren, von Irene Heidelberger-Leonard und Volker Wehdeking verantworteten Publikation zu Leben und Werk (1994) im Wesentlichen mit der historisch-kritischen Analyse von Anderschs ›Erinnerungsliteratur‹ beschäftigt. Mit zwei Sammelbänden unter der Herausgeberschaft von Annette und Marcel Korolnik (2008) bzw. Jörg Döring und Markus Joch (2011) liegen gegenüber Sebalds Polemik inzwischen differenziertere Ergebnisse vor.

Gleichwohl haben biographisch orientierte Ansätze nur begrenzten Erkenntniswert, weil sie sowohl die künstlerisch-ästhetische Dimension literarischer Texte als auch ihre diskursive Historizität weitgehend ausblenden. Gegenüber der Engführung von Anderschs Literatur und Leben bedarf es einer erweiterten Perspektive, die wieder verstärkt das facettenreiche Gesamtwerk eines der bedeutendsten Autoren der neuesten deutschsprachigen Literatur

a)in seinem entstehungs- und wirkungsgeschichtlichen Kontext in den Blick bekommt,
b)die Texte in ihren vielschichtigen Wechselbeziehungen zu zeitgenössischer Literatur- und Medienästhetik würdigt und
c)dies unter Berücksichtigung aktueller literatur- bzw. kulturwissenschaftlicher Fragestellungen und Ergebnisse unternimmt.

Eine internationale Tagung anlässlich des 100. Geburtstages von Alfred Andersch bietet dazu den geeigneten Rahmen.
Die Tagung fokussiert auf drei zentrale Problemkomplexe, die sich zugunsten eines möglichst hohen Maßes an inhaltlicher Kohärenz und thematischer Anschlussfähigkeit als konzeptuelle Leitlinien des Programms und damit als Anregungshorizont für Beiträge verstehen:

1) Anderschs Wirken als einflussreicher Netzwerker des bundesrepublikanischen Kulturbetriebs. Als ›Radiomacher‹ und Herausgeber der legendären Zeitschrift Texte und Zeichen avancierte Alfred Andersch in den 1950er Jahren zu einem der bahnbrechenden Förderer junger deutscher Nachkriegsautoren und agierte als wichtiger Vermittler der Literatur der Moderne und des deutschsprachigen Exils wie auch der internationalen Avantgarde. Wohl bekannt ist, dass Autoren wie Böll, Enzensberger, Heißenbüttel, Hildesheimer, Koeppen oder Arno Schmidt die Möglichkeit zum literarischen Durchbruch wesentlich der Brotarbeit für Anderschs Sendeformate verdankten. Die spätere Nobelpreisträgerin Nelly Sachs wurde von Andersch in Westdeutschland durch Erstveröffentlichungen ebenso bekannt gemacht wie andere Emigranten von Gustav Regler bis Erich Fried und auch Vertreter der Literatur aus der DDR. Radiofassungen von Beckett oder Ionesco öffneten bspw. der aktuellen französischen Dramatik das deutsche Publikum. Gerade am Beispiel Andersch wird deutlich, dass Literatur als ein Symbol- und Handlungssystem zu denken ist, Texte also immer auch ein Ergebnis von Interaktions- bzw. Kommunikationsprozessen sind. Gleichwohl mangelt es nach wie vor an quellenfundierten Untersuchungen wie sie inzwischen etwa zu Hans Werner Richter vorliegen (Cofalla 1997, Gansel/Nell 2011), die Alfred Anderschs ambitionierte Vernetzungsstrategien im Literatursystem der Bundesrepublik genauer ausleuchten und seine Bedeutung für den Anschluss der westdeutschen Nachkriegsliteratur an die internationale Moderne würdigen. Nicht zuletzt für das Textverständnis erscheint Anderschs enge Zusammenarbeit mit Literaten, Künstlern und Medienschaffenden unterschiedlichster Couleur von einigem Nutzen. Neben den Werkverzeichnissen zahlreicher deutscher und internationaler Autoren bieten der umfangreiche Nachlass Anderschs und die Archive der Sendeanstalten hierzu ein bislang weitgehend unerschlossenes Reservoir.

2) Anderschs Wirken als gesellschaftskritischer écrivain engagé im diskurs- und ideengeschichtlichen Zusammenhang. Über die Phasen und konzeptuellen Ausprägungen von Alfred Anderschs gesellschaftskritischem Engagement auf literarischem Gebiet herrscht weitgehender Konsens. In Hinsicht auf aktuelle kulturwissenschaftliche Fragestellungen und Ansätze, die den Beitrag des Literatursystems zur ›intellektuellen Gründung‹ der Bundesrepublik untersuchen, erscheint nun ein Zugang bereichernd, der die tendenziell autorzentrierten Ergebnisse der werkbiographischen Forschung um eine soziologische Dimension ergänzt. Es geht u.a. darum, Anderschs Autorschaft wieder deutlicher in ihrem kultur- und diskursgeschichtlichen Kontext zu verorten. Seine Texte partizipieren an jenen zeitgenössischen Kontroversen, in denen sich nicht zuletzt das kulturelle Erinnern an den Nationalsozialismus mit seinen spezifischen Sprachspielen und langwährenden diskursiven Toleranzgrenzen formierte (Ächtler 2013). Eine veränderte Betrachtungsweise ergänzt die retrospektiv aufscheinenden Aporien der Vergangenheitsbewältigung um die Erörterung der historischen Leistung von Texten, die sich wie Sansibar (1957), Efraim (1967) oder Der Vater eines Mörders (1980) an den jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Diskursgrenzen abarbeiten bzw. diese widerspiegeln. In diesem Zusammenhang verdient u.a. die poetologisch-philosophische Grundierung von Anderschs Programmatik einer littérature engagée eine genauere Betrachtung als bisher erfolgt. Die ideologische Dimension der richtunggebenden Schriften wie der literarischen Texte lässt sich nicht auf die geläufigen Referenzen eines dezisionistischen Existenzialismus reduzieren. Andersch partizipierte an einem Modediskurs der Nachkriegszeit, der auf die sinnstiftende Deutung von totalitärem Terror und totalem Krieg zielte und sich deshalb aus ganz unterschiedlichen weltanschaulichen Quellen speiste. Der enorme Einfluss von Vertretern einer christlichen Existenzphilosophie (S. Kierkegaard, G. Marcel, G. Bernanos) bspw. ist im Kontext der Nachkriegsliteratur weitgehend unbeachtet geblieben. Auffällig in diesem Zusammenhang ist außerdem, dass die Forschung immer wieder auf jene Autoren wie Arthur Koestler oder André Malraux hingewiesen hat, die Andersch einer »europäischen Geistesavantgarde« zurechnete, eine genauere Analyse der intertextuellen Verweisungsverhältnisse aber nach wie vor aussteht. Auch die Poetik des sozialistisch inspirierten Engagements der späten Jahre bedarf noch einer im genannten Sinn umfassenderen Beschreibung. Die Einordnung von Anderschs Werk in eine Geschichte der engagierten Literatur im 20. Jahrhundert steht noch aus.

3) Anderschs Autorpoetik zwischen internationaler literarisch-künstlerischer Spätmoderne und innovativer Medienästhetik. Alfred Andersch war nicht nur einer der profiliertesten Programmatiker der deutschen Nachkriegsliteratur. Darüber hinaus flankierte er sein künstlerisches Œuvre mit einer komplexen Autorpoetik, die explizit an die Tradition der klassischen europäischen und amerikanischen Moderne anknüpft, mit forminnovativen Experimenten jedoch in mehrerlei Hinsicht Akzente für die Entwicklung der Nachkriegsliteratur setzte. Hier gilt es anzusetzen. Während der Lyriker Andersch weitgehend unbeachtet geblieben ist, sind mit Blick auf folgende exemplarisch aufgeführte Aspekte bisherige Einzelstudien zu verknüpfen und interdisziplinär zu ergänzen:

– Andersch war der Vordenker des ›magischen Realismus‹, jener literarischen Nachkriegsströmung, die durch eine Sachlichkeit des kargen Ausdrucks und der nüchternen Bildsprache zum metaphysischen Kern einer entfremdeten Wirklichkeit durchzudringen trachtete. Wie zahlreiche weitere Werke aus dem Umfeld der frühen Gruppe 47 sind seine frühen Kurzgeschichten und Romane stark von dieser an der amerikanischen ›hard boiled literature‹ (z.B. Hemingway) und dem Kino des italienischen ›neoverismo‹ (Rossellini, Antonioni) geschulten Poetik geprägt.

– Anderschs andauernde theoretische wie praktische Beschäftigung mit Film und Funk schlägt sich in einer Ästhetik nieder, die versucht, die Schnitt- und Montagetechniken der elektronischen Medien mit ihren narrativen Möglichkeiten auf literarische Texte zu applizieren. Umgekehrt boten Anderschs Texte die Vorlage für eine ganze Reihe von filmischen Adaptionen (u.a. von Helmut Käutner, Bernhard Wicki).

– Andersch zielte auf ein multimediales Schreiben, indem er zahlreiche Texte als Funk- und Printfassung konzipierte und damit hergebrachte Genregrenzen ebenso gezielt verwischte wie die Kluft zwischen Hoch- und Unterhaltungsliteratur. Seine kritischen Funkfeatures machten Andersch zum Vorreiter der literarischen Dokumentarformate der 1960er Jahre, deren Objektivität er im historischen Konjunktiv des Metaromans Winterspelt (1974) wiederum infrage stellte.

– Demgegenüber setzt sich Andersch in den autobiographisch fundierten Texten explizit mit einem Problem auseinander, das die interdisziplinäre Gedächtnisforschung inzwischen als ›Rhetorik der Erinnerung‹ breit diskutiert – und dies bereits Jahrzehnte vor der einsetzenden Welle selbstreflexiver Erinnerungsliteratur im deutschsprachigen Raum nach 1989.

– Konträr zu diesem facettenreichen Changieren zwischen Genres, Medien und Macharten stehen die klassischen Reisererzählungen, mit denen sich Andersch ostentativ aus der politisch aufgeladenen Atmosphäre zur Zeit der Studentenrevolte verabschiedete, um sich in den 1970ern vor allem durch provokante Lyrik und Essayistik wieder im gesellschaftspolitischen Diskurs zurückzumelden.

Von den genannten Aspekten ausgehend, setzt sich die Tagung zum Ziel, internationalen Experten und Nachwuchswissenschaftlern ein Forum für einen nicht zuletzt interdisziplinär angelegten Dialog über Alfred Anderschs Werk zu bieten. Die Autorin und Juristin Juli Zeh wurde bereits angefragt für einen Abendvortrag mit Lesung zum Thema „Engagierte Literatur heute“.

Einreichung von Beitragsvorschlägen (Arbeitstitel, kurzes Abstract, kurzes CV) bitte möglichst bis 29. November, spätestens bis 13. Dezember 2013 an:

Dr. Norman Ächtler
Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Straße 10B
35394 Gießen
E-Mail: norman.aechtler@germanistik.uni-giessen.de
Web: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm/uber-uns/wimi/Norman/Projekte/cfp_andersch100_2014

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortGießen
Bewerbungsschluss13.12.2013
Anmeldeschluss30.06.2014
Beginn17.07.2014
Ende19.07.2014
PersonName: Dr. Norman Ächtler 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: norman.aechtler@germanistik.uni-giessen.de 
KontaktdatenName/Institution: Dr. Norman Ächtler/ Justus-Liebig-Universität Gießen/ Institut für Germanistik 
Strasse/Postfach: Otto-Behaghel-Str. 10B  
Postleitzahl: 35394 
Stadt: Gießen 
Telefon: 0641/ 99-29084 
Fax: 0641/ 99-29129 
E-Mail: norman.aechtler@germanistik.uni-giessen.de 
Internetadresse: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm/uber-uns/wimi/Norman 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.16.00 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.06.00 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990 > 18.10.05 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990 > 18.10.06 Literarische Gruppen
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