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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Erschöpfung / Épuisement"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelErschöpfung / Épuisement
BeschreibungErschöpfung / Épuisement 2013

Tagung/Colloque L’arc Romainmôtier 15.–17.11.2013

Kooperation: Veronika Sellier, L’arc Romainmôtier; Barbara Naumann und Georges Felten, UZH; Edgar Pankow, Goethe-Universität Frankfurt am Main.


PROGRAMM

Freitagnachmittag

16:30
Begrüßung / Vorstellung

17:00
Bernhard Grimmer (Zürich, Psychoanalyse/-therapie)
Burnout – Psychoanalytische Überlegungen zu einem neuen Leiden

18:00
Hartmut Böhme (Berlin, Kulturwissenschaft)
Das Gefühl der Schwere. Phänomenologische und historische Ansichten der Müdigkeit, Erschöpfung, Schwermut und verwandter Emotionen

19:00
Apéro und Abendessen

21:00
Rico Gubler (Basel, Komponist und Saxophonist)
Performance


Samstag

09:00
Marc Loriol (Paris, Soziologie)
De l'épuisement physique à l'épuisement psychologique. Éléments d'histoire sociale

10:00
Marianne Sommer (Luzern, Wissenschaftsgeschichte, Kulturwissenschaft)
Erschöpfung als Ressource. Julian Huxley und die afrikanische Megafauna in der Kosmologie des evolutionären Humanismus

11:00
Kaffeepause

11:30
Georges Felten (Zürich, Literaturwissenschaft)
Anna Seghers – Aus der Erschöpfung heraus erzählen

12:30
Mittagspause

14:30
Sarah Clément (Paris, Literaturwissenschaft)
La parole épuisée chez Samuel Beckett et Thomas Bernhard

15:30
Achim Geisenhanslüke (Regensburg, Literaturwissenschaft)
'Completely horizontal'. Das erschöpfte Selbst in David Foster Wallace' Infinite Jest.

16:30
Kaffeepause

17:00
Francoise Lartillot (Metz, Literaturwissenschaft)
Erschöpfung in der Rhetorik des Symbolismus und dessen Erben

18:00
Robin Rehm (Basel, Kunstgeschichte)
Das Rätsel des Auges. Kunst und Er-Schöpfung

19:00
Apéro und Abendessen

21:00
David Wagner (Berlin, Autor, Leipziger Buchpreis 2013)
Die müde Giraffe. Aus einem älteren schwarzen Notizbuch


Sonntag

9:00
Gunda Zeeb (Zürich, Dramaturgie, Theaterwissenschaft)
Künstlerische Erschöpfung oder Erschöpfung als Kunst?

10:00
Valère Novarina (Paris, Dramaturgie, Literatur, Bild, Kunst)
Öffentliche Lesung „L’Espace furieux“

13.00
Sandwiches, individuelle Abreise



ANKÜNDIGUNGSTEXT

ERSCHÖPFUNG indiziert Endlichkeit. Quellen können erschöpft sein und endgültig versiegen. Dies gilt ebenso für materielle Ressourcen wie für psychische und geistige. Doch erschöpft sich in dieser reinen Negativität die Bedeutung der Erschöpfung nicht. Das deutsche Wort Erschöpfung weist deutlicher als etwa das englische „exhaustion“ oder das französische „épuisement“ auf den Umstand, dass in der Erschöpfung auch Schöpfung enthalten ist, dass aus dem Ende der Verfügbarkeit etwas Neues, gewissermaßen eine Ent-Schöpfung hervorgehen kann.

Erschöpfung und Schöpfung. Entgegen dem ersten Anschein handelt es sich bei diesem Begriffspaar nicht um einen bloßen Widerspruch. Man hat es vielmehr mit einem komplementären Phänomenen zu tun. Zur Endlichkeit der Schöpfung gehört von Anfang an das Moment der Erschöpfung. Die Verlagerung einer Grenze oder die Eröffnung eines Horizonts, die durch eine Neuschöpfung – sei es in der Kunst oder den Wissenschaften – in die Welt gesetzt wird, ist immer auch ein Zeichen dafür, wann und wo die Schöpfung an ihr Ende kommt. Ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit folgend, muss sich jede Schöpfung erschöpfen können, um überhaupt eine konkrete Gestalt oder Werkform anzunehmen und nicht bloß konfus auszuwuchern. Die Erschöpfung ist auch eine Produktivkraft, ohne die es keine Schöpfung geben kann.

Zunächst einmal legt das Denken der Erschöpfung eine Vielfalt der Szenarien des Nicht-mehr oder sogar Nie-mehr nahe. Einige Stichworte hierzu: Die immer weiter um sich greifende industrielle Produktion führt mit unausweichlicher Konsequenz zur Erschöpfung der materiellen Ressourcen der Erde. Obwohl dies spätestens seit dem 19. Jahrhundert thematisiert wurde, drang dieser Umstand erst im 20. Jahrhundert ins allgemeine Bewusstsein vor. Heute gehört das Wissen um die Erschöpfung der Ressourcen und die Notwendigkeit der Reduktion des Ressourcenverbrauchs zum politischen und ökologischen Alltagsgeschäft, auch wenn dieser Umstand bisher zu keinen wirklich nachhaltigen Erfolgen geführt hat. Das Phänomen der Erschöpfung zeigt sich in ganz verschiedenen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontexten. Erschöpfung erscheint nicht mehr nur als Ausnahmefall. Vielmehr scheint der Zustand der Erschöpfung ein ständiger Begleiter, ein strukturierendes Moment des Alltags: in der Arbeitswelt und Ökonomie ebenso wie in der Wissenschaft und Kunst. Im Phänomen des Burnouts kulminieren Effekte einer permanenten Beanspruchung. Aber auch der nicht an Burnout leidende Arbeitnehmer westlicher Gesellschaften wird aufgrund eines ununterbrochenen Zwangs zu kommunizieren, zu funktionieren, Leistung zu erbringen zumindest phasenweise an den Rand der Erschöpfung gedrängt und von Erschöpfungszuständen bedroht. Berufstätigkeit und Erschöpfung zeigen die Tendenz, zu simultan auftretenden Phänomenen zu werden. Soziologen und Mediziner berichten, dass zur Nichtarbeit gezwungene Arbeitslose über noch mehr Stress- und Erschöpfungsphänomene klagen, als sie sie während ihrer Berufstätigkeit erfahren haben. Fehlende soziale Integration und fehlende Belohnungsmuster für erbrachte Leistungen scheinen die Erschöpfung selbst bei weniger Arbeitsbelastung noch zu intensivieren. Erschöpfungsphänomene sind kein Privileg von Gruppen, die gesellschaftlich gemeinhin als Leistungseliten angesehen wird. Nicht zufällig findet der Burnout-Diskurs gegenwärtig größte Aufmerksamkeit in den Medien. Folgt man der Berichterstattung über das Phänomen der individuellen Erschöpfung in wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Publikationen, dann legt sich die Diagnose nahe, dass der Burnout in den letzten fünf Jahren zu einer Signatur unserer Zeit geworden ist.

Erschöpfung kann allerdings auch von einer anderen Seite betrachtet werden. Den Zustand der Ermüdung und Erschöpfung als einen schöpferischen Zustand erfahren zu können, das scheint vor allem den Künstlern vorbehalten zu sei. Das Aussetzen fokussierter Aufmerksamkeit, die der Erschöpfte erfährt, transformieren Künstler nicht selten in einem Zustand erhöhter Phantasiebildung und intensivierter Imaginationsfähigkeit. In der Erschöpfung kann die Phantasie schöpferisch, da unreglementiert und frei von instrumentellen Zwecken mit sich selbst verhandeln. Es scheint, wenn auch bisher selten bedacht, ein kreatives und innovatives Potential der Erschöpfung zu geben. Das Ende der Ressourcen, die Erschöpfung, die in ökonomischer und ökologischer Hinsicht unausweichlich zu Innovation und Veränderung zwingt, kann auch in ästhetischer Hinsicht als Freiheit zur Innovation und Veränderung aufgefasst werden.

An dieser Tagung werden materielle/ökonomische und ökologische, psychische, ästhetische und artistische Dimensionen der Erschöpfung analysiert und auf ihre möglichen Interdependenzen hin befragt. Im Kreise von Vertretern und Vertreterinnen aus den Bereichen Literaturwissenschaft, Psychoanalyse/Psychologie, Ökonomie, Philosophie und den Künsten möchten wir diese Fragen gemeinsam diskutieren.
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.l-arc.ch/Literatur-reflektieren
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortL'arc Romainmôtier
Beginn15.11.2013
Ende17.11.2013
PersonName: Georges Felten 
Funktion: Oberassistent Deutsches Seminar Zürich, Lehrstuhl Barbara Naumann 
E-Mail: georges.felten@ds.uzh.ch 
KontaktdatenName/Institution: Deutsches Seminar, Universität Zürich 
Strasse/Postfach: Schönberggasse 9 
Postleitzahl: 8001  
Stadt: Zürich 
Telefon: +41 44 634 25 45 
E-Mail: georges.felten@ds.uzh.ch 
Internetadresse: http://www.ds.uzh.ch/Institut/Mitarbeitende/index.php?detail=617 
LandSchweiz
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Erzähltheorie; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Themen; Theater (Aufführungspraxis)
Ediert von  H-Germanistik
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