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Ergebnisanzeige "Die Natur-Kultur-Grenze in Kunst und Wissenschaft: historische Entwicklung – interdisziplinäre Differenz – aktueller Forschungsstand"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelDie Natur-Kultur-Grenze in Kunst und Wissenschaft: historische Entwicklung – interdisziplinäre Differenz – aktueller Forschungsstand
BeschreibungInterdisziplinäre Tagung der »Jungen Akademie«:

DIE NATUR-KULTUR-GRENZE IN KUNST UND WISSENSCHAFT:
HISTORISCHE ENTWICKLUNG – INTERDISZIPLINÄRE DIFFERENZ – AKTUELLER FORSCHUNGSSTAND
(Saas-Fee/Schweiz, 9.-13. Oktober 2013)

Veranstaltungsort:
Silence Hotel Allalin****
Lomattenstrasse 7
Tagungszentrum Steinmatte
CH-3906 Saas-Fee

Idee und Konzeption:
Wolf Gerhard Schmidt (Universität Bayreuth)

Gefördert von: Junge Akademie (JA)


EXPOSÉ

Es gibt Problemkonstellationen, die für weite Teile des wissenschaftlichen Bereichs relevant sind, ihn zugleich aber in vielfacher Weise spalten. Dies gilt in besonderem Maße für die Natur-Kultur-Grenze, die »kein harmloser Trennstrich ist, sondern die Front in einem epistemischen Kampfgebiet« (Albrecht Koschorke). Diese ›Front‹ syn- wie diachron zu kartieren und auf ihre erkenntnistheoretische Tragfähigkeit zu befragen, ist dringendes Forschungsdesiderat. Tatsächlich fehlt bis dato ein systematischer Versuch interdisziplinärer Synopse, der die kritische Reflexion des in den Einzeldisziplinen Geleisteten bzw. noch zu Leistenden einschließt.

I. Epistemologie

Im Rahmen der ersten Sektion sollen die erkenntnistheoretischen Problemstellungen diskutiert werden, die für den ›great divide‹ zwischen science und humanities verantwortlich zeichnen: Ist die ›Natur‹ lediglich Konstrukt, und wenn ja, ein sprachbasiertes und/oder kognitives (Kulturalismus/Perzeptionismus)? Oder beruht alle Kultur auf natürlichen Prädispositionen, die in jeder Zivilisationsstufe präsent bleiben und so zu »klaren Dominanzverhältnissen« (Eckhart Voland) beim Zusammenspiel von genetischen Programmen und externer Information führen (Soziobiologie)? Dahinter steht die Grundfrage, ob wissenschaftlich fundierte Aussagen zu diesem Thema apriorisch möglich sind oder einer interdisziplinär-empirischen Perspektive bedürfen (vgl. Poppers Vorstellung ›relativer Wahrheitsnähe‹). Des Weiteren wäre zu diskutieren, welche Deskriptionsverfahren die einzelnen Theoriekonzepte für die Natur-Kultur-Differenzlinie anbieten: Favorisiert man Additionsmodelle, denen zufolge sich beide Komponenten ad centum summieren – sei es symmetrisch oder asymmetrisch? Oder sucht man neue polynäre Darstellungsmodi, die das Zusammenwirken von Natur und Kultur nicht-dichotomisch begreifen: entweder als »unauflösliches Gewebe« unter Beibehaltung klarer Hierarchiebildung zugunsten der Natur (Hubert Markl) oder – Sloterdijks »Schaum«-Metaphorik entsprechend – als »Gewimmel von Differenzen in allen Größenordnungen, die sich fortwährend neu auftun und kollabieren« (Koschorke)?

II. Ästhetiktheorie

Ein weiterer zentraler Aspekt des Tagungsthemas ist die Frage, wie sich die Beurteilung der Natur-Kultur-Grenze auf die Ästhetiktheorie auswirkt. So wird noch immer kontrovers diskutiert, ob kunstgeschichtliche Entwicklungen (relativ) autonom verlaufen oder durch »Universalien« (Christoph Antweiler) bestimmt sind. Karl Eibl spricht mit Darwin von einer »Evolution der Überzeugungssysteme«, und Michael Neumann unterscheidet fünf kulturinvariante »Ströme des Erzählens«. Ähnliche Fragen stellen sich hinsichtlich der Musik: Ist das Konsonanzempfinden kulturell präformiert und ›Neues Hören‹ damit prinzipiell möglich, oder sind dem ›Zurechthören‹ von Klängen physiologisch-kognitiv Grenzen gesetzt? Zu klären wäre vor dem Hintergrund auch, weshalb gerade die Dur-Moll-Tonalität für den Menschen zur »zweiten Natur« geworden ist (Adorno). Hat dies ausschließlich kulturhistorisch-soziopolitische Gründe, oder handelt es sich hier um ein naturakustisch, anthropologisch und/oder musikolinguistisch privilegiertes Ordnungssystem? Ähnliche Problemfelder begegnen im Bereich der Bildenden Kunst, wie interkulturelle Untersuchungen piktoraler Präferenzbildungen zeigen (Vitaly Komar/Alexander Melamid).

III. Kulturgeschichte

Die dritte Sektion fokussiert Genese und Entwicklung der Natur-Kultur-Grenze. Seit wann stehen die Begriffe in Opposition und welche Differenzlinien werden zu welcher Zeit gezogen? Ferner wäre kritisch zu prüfen, ob sich der Kulturbegriff mit der Aufklärung autonomisiert und – wenn ja – wie sich dieser Prozess gestaltet. Verabschieden Hoch- bzw. Popularkultur des 19. und 20. Jahrhunderts tatsächlich jede Ausrichtung an natürlichen Vorordnungen oder werden diese Prädispositionen lediglich anders taxiert? Und wie ist die Tatsache zu beurteilen, dass der Mensch des 21. Jahrhunderts gentechnisch erstmals »eine neue, ganz andere Natur« herstellen kann (Markl)? Darüber hinaus ließe sich diskutieren, ob die Virtualität medialer Welterzeugung auf zunehmende ›Naturdistanz‹ verweist oder ob hier lediglich ein technisch aktualisiertes Grundverlangen nach imaginativer Sinnstiftung wirksam bleibt? Ähnliches gilt für (scheinbar) gegenläufige Entwicklungen: Begünstigt die vollständige ›Entzauberung‹ des Kosmos in der postindustriellen Gesellschaft eine rational fundierte Form ›natürlicher‹ Lebensaneignung, indem sie kulturelle Ideologeme als kontingente Konstruktionen entlarvt, und/oder fördert die wachsende Naturerkenntnis bzw. -beherrschung die Produktion neuer imaginativer Kosmoi, weil der ästhetische Diskurs gerade »dort in seine volle Funktion kommt, wo Wissen und Erfahrung als Weisen der Welterschließung an ihre Grenzen stoßen« (Wolfgang Iser)?

IV. Kunst- und Lebenspraxis

Die Natur-Kultur-Grenze besitzt jedoch nicht nur wissenstheoretische Relevanz, sondern bestimmt auch nachhaltig verschiedene Bereiche menschlicher Lebenspraxis. Kontrovers debattiert und noch immer nicht zureichend erforscht sind u.a. Erziehungsmodelle, Resozialisationsverfahren, Talent- und Begabtenförderung. Auch hier wäre zu klären, welche Differenzlinien bzw. Hierarchiebildungen begegnen und wie diese sich im konkreten Handlungsvollzug niederschlagen. International reputierte Sportler, Künstler und Experten werden daher auf unserer Tagung – in eigenen Vorträgen oder öffentlichen Gesprächen – über dieses Problemfeld berichten und ihre diesbezüglichen Erfahrungen/Erkenntnisse zur Diskussion stellen.

V. Soziopolitik

Thema der fünften und letzten Sektion ist die Frage nach dem strategischen Impetus der Natur-Kultur-Grenze, d.h. ihrer Bedeutung im Kampf der Einzeldisziplinen um Auslegungshoheit bzw. Schlüsselkompetenz in zentralen Wissensbereichen des 21. Jahrhunderts. Während die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften mehrheitlich die These vertreten, die globale Gesellschaft werde kulturell bestimmt und der Mensch medial sogar »neu formatiert« (Dirk Baecker), suchen Naturwissenschaftler ihre Theoriemodelle sukzessive auf den soziokulturellen Bereich auszuweiten. Kehrseite des Streits um das Deutungsmonopol ist die Kompensation fachspezifischer Wissenslimite. Während das Einflusspotential des Subjekts kulturhistorisch an Virulenz verliert (vgl. Sektion III), vergrößert sich gleichzeitig der Raum, der (zumindest potentiell) menschlicher Verfügungsgewalt unterliegt. In der Tat begegnet kaum ein ehedem naturbasierter Bereich, der heute nicht kulturellen Interventionen zugänglich scheint (Talent/Begabung, Geschlechterdifferenz, Hörerwartung etc.), und zwar meist auf Grundlage der Vorstellung, die Realität sei dem Menschen nur unter den Bedingungen diskursiver Repräsentation gegeben. Andererseits erobert die Naturwissenschaft in dem Maße diskursives Terrain wie kulturelle Welterschließungsmodelle dem Kontingenzvorwurf verfallen (u.a. durch das Fehlen ›klarer‹ Falsifikationsmechanismen). Die von beiden Parteien proklamierten Dystopien (»Allmacht der Kultur« vs. »biologistischer Reduktionismus«) zeigen zudem, welche Macht und Bedeutung den epistemologischen Evidenzkriterien (Sektion I) zufällt.


PROGRAMM


Mittwoch, 09.10.2013

18:00
Begrüßung durch die »Junge Akademie«

SEKTION I: EPISTEMOLOGIE
Moderation: Jens Blauert

18:15
Eckart Voland (Biophilosophie, Gießen):
Der Scheinriese – Zum ontologischen Status der Natur-Kultur-Grenze

19:00
Karl Sperling (Medizin, Berlin – BBAW):
Die Natur-Kultur-Grenze im Licht des Humangenomprojektes

20:00
Abendessen


Donnerstag, 10.10.2013

09:00
Markus von Hänsel-Hohenhausen (Theologie/Philosophie, London):
Ergreifen von Wirklichkeit und Ergriffensein von Wirklichkeit.
Der Geheimniszustand der Welt im Wort

SEKTION II: ÄSTHETIKTHEORIE
Moderation: Kyung-Ho Cha

09:45
Wolf Gerhard Schmidt (Literatur-/Musikwissenschaft/Kunstanthropologie, Bayreuth – JA):
Die Tonalität als privilegiertes Ordnungssystem zwischen Naturvorgabe und Kulturalisation

10:30
Kaffeepause

11:00
Stefan Koelsch (Biologische Psychologie/Musikpsychologie, FU Berlin):
Musik – syntaktisch unerwartet – hat Bedeutung und löst Emotionen aus

11:45
Arbogast Schmitt (Klassische Philologie, Marburg – Akademie der Wissenschaften zu Göttingen):
Natur und Kultur: Einheit oder Antithese?
Zwei Grundpositionen der Antike und ihr Einfluss auf neuzeitlich-moderne Diskurse

13:00
Ausflug und Kommunikation I:
Gondelfahrt zum Kreuzboden (2400m), Mittagessen und Wanderung nach Hohsaas (3200m)


Freitag, 11.10.2013

09:00
Michael Neumann (Literaturwissenschaft/Kunstanthropologie, Eichstätt):
Universalien der Narration. Am Beispiel der Komödie

SEKTION III: KULTURGESCHICHTE
Moderation: Marie-Christin Wilm

09:45
Maximilian Bergengruen (Literaturwissenschaft, Genf):
»Betriegliche Apparentzen«.
Technik und Techniken der Imaginationssteuerung in Andreas Gryphius’ »Leo Armenius«

10:30
Kaffeepause

11:00
Barbara Beßlich (Literaturwissenschaft, Heidelberg):
Geopolitik im Gedicht.
Landschaft und »Lebensraum« zwischen Heimatkunst und Avantgarde

11:45
Andreas Kablitz (Literaturwissenschaft, Köln – ML):
Natur und Kultur in Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen«

12:30
Mittagessen

14:00
Dirk Niefanger (Literaturwissenschaft, Erlangen):
Ein Kunstwerk in »statu nascendi«.
Georg Simmels »Philosophie der Landschaft« und die Natur-Kultur-Grenze im 20. Jahrhundert

SEKTION IV: KUNST- UND LEBENSPRAXIS
Moderation: Matthias Kozuschek

14:45
Gordon Kampe (Komponist, Essen – JA):
Komponieren mit Naturklängen

15:30
Kaffeepause

16:00
Jens Wawrczeck (Schauspieler, Hörspiel-/Synchronsprecher, Hamburg) im Gespräch mit W.G. Schmidt:
Die Natur-Kultur-Problematik im Theater- und Medienbereich

16:45
Siegmund Nimsgern (Opernsänger) im Gespräch mit W.G. Schmidt:
Die Natürlichkeit des Gesanges

19:00
Abendessen


Samstag, 12.10.2013

09:00
Hartmut Weber (Leichtathlet/Trainer, Kamen) im Gespräch mit W.G. Schmidt:
Die Natur-Kultur-Problematik im (Hochleistungs)Sport

SEKTION V: SOZIOPOLITIK
Moderation: Hendrik Stiemer

09:45
Christoph Jamme (Philosophie, Lüneburg):
Rationalität, Naturbeherrschung und Mythos

10:30
Kaffeepause

11:00
Peter Walschburger (Biopsychologie, FU Berlin):
Mensch-Umweltbeziehungen und Lebensqualität.
Welche Rollen spielen Natur, Kultur und Zivilisation?

11:45
Christoph Antweiler (Ethnologie, Bonn – Academia Europaea):
Menschen und Kulturen – Für ein Boot über den Rubikon

13:00
Ausflug und Kommunikation II:
Gondelfahrt zum Spielboden (2448m), Mittagessen, Wanderung zur Längfluh und/oder Abstieg über die Gletschergrotte nach Saas-Fee


Sonntag, 13.10.2013

10:00
Abreise

URL: http://www.diejungeakademie.de/aktivitaeten/interdisziplinaere-zusammenarbeit/ag-klangwelten/veranstaltungs-dokumentation/
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.diejungeakademie.de/aktivitaeten/interdisziplinaere-zusamme...
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortSaas-Fee/Schweiz
Anmeldeschluss06.10.2013
Beginn09.10.2013
Ende13.10.2013
PersonName: PD Dr. Wolf Gerhard Schmidt 
Funktion: Organisator 
E-Mail: wolf-gerhard.schmidt@uni-bayreuth.de 
KontaktdatenName/Institution: PD Dr. Wolf Gerhard Schmidt, M.A., M.Phil. (Cambridge), Universität Bayreuth 
Strasse/Postfach: Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät, Neuere dt. Literaturwiss., Universitätsstraße 30 
Postleitzahl: 95447  
Stadt: Bayreuth 
Telefon: 0921/55-3634 
Fax: 0921/55-3012 
E-Mail: wolf-gerhard.schmidt@uni-bayreuth.de 
Internetadresse: http://www.diejungeakademie.de/aktivitaeten/interdisziplinaere-zusammenarbeit/ag-klangwelten/veranstaltungs-dokumentation/ 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft
Zusätzliches SuchwortAnthropologie, Ethnologie, Kulturtheorie, Musikwissenschaft, Philosophie, Biologie, Soziologie, Psychologie
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/34499

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