VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Herder: Von der Erkenntnis zur Kulturwissenschaft"
RessourcentypCall for Papers
TitelHerder: Von der Erkenntnis zur Kulturwissenschaft
BeschreibungCall for Papers für die Konferenz der Internationalen Herdergesellschaft 2014,
Bitte schicken Sie die Abstracts zwischen 1-30. September, 2013 an allert@purdue.edu
fuer die Konferenz, die vom 7-10. September 2014 an der Purdue University,
West Lafayette, Indiana, USA, stattfinden wird.
Konferenzthema “Herder: Von der Erkenntnis zur Kulturwissenschaft”
(Herder: From Cognition to Cultural Science)

Herders Werk partizipiert in vielfacher Hinsicht an den erkenntnistheoretischen Debatten seiner Zeit. Aus der Tradition der Leibniz’schen Philosophie entsteht bei Baumgarten die Ästhetik, also zunächst der Versuch einer Theorie der Wahrnehmung (Aisthesis). Herders Sensualismus (nicht zu verwechseln mit dem angelsächsischen Empirismus), ist im Kontext einer philosophischen Tradition zu verorten, in der Wahrnehmung grundsätzlich einer Theorie der Subjektivität zugeordnet wird, welche Traditionsbestände der Leibniz’schen Monadologie aufnimmt.
Herders Erkenntnistheorie nimmt daher den Weg, Aisthesis und Ratio in ihrer komplexen Wechselwirkung zu beschreiben. In seiner Schrift “Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele” wird dieses Programm exemplarisch durchgeführt. Zur genuinen Frage nach dem, was bei Herder als eine Theorie der Wahrnehmung beschrieben werden kann, tritt nun diejenige nach einer Theorie der Erkenntnis, welche in jedem einzelnen Moment an die Wahrnehmung rückgebunden bleibt. Mit diesem Theoriedesign ist zugleich die Möglichkeit gegeben, dass Gefühle, Emotionen, Stimmungslagen und Mentalitätsdispositive theoriefähig werden.
Mit der kritischen Wende Kants entsteht für Herder das Problem, sich mit einer Erkenntnistheorie auseinandersetzen zu müssen, die den generischen Bezug zu den unteren Vermögen leugnet und die oberen Vermögen vom Gedanken der Apriorität her einer Theoriebildung unterzieht. Es entsteht die Frage, wie Herder seine Gnoseologie der unteren Vermögen gegen die konkurrierende und schnell erfolgreiche Transzendentalphilospphie argumentativ in Stellung bringt. Die in der Herderforschung oft besprochene Debatte zwischen Herder und Kant wäre so hinsichtlich der Frage nach einer Art von Außenpolitik der Herderschen Erkenntnistheorie zu besprechen.
Herder entwickelt aber eine über diese im engeren Sinne philosophische Ausgangslage hinausgehende Theorie der Erkenntnis, in dem er in vielen Feldern damit beschäftigt ist, das Konzept einer umfassenden Kulturwissenschaft (wie man heute sagen würde) zu entwickeln. Er widmet sich Theoriefeldern, die von der akademischen Philosophie seiner Zeit unthematisiert gelassen werden. Allem voran entsteht eine Sprachphilosophie, es entstehen Ansätze zu einer Philosophie des Bildes, es entstehen Überlegungen zur Kulturmorphologie, es wird eine bestimmte Form hermeneutischer Literaturwissenschaft entwickelt, die Idee einer vergleichenden Volkskunde und einer vom Fortschrittsgedanken befreiten Geschichtsphilosophie
wird in vielen Versuchen angegangen. Hier ist die Frage zu beantworten, wie Herder seine philosophischen Grundüberzeugungen in die für die Geistes- und Kulturwissenschaften zentralen diskursiven Gründungsakte überträgt. Die hier annoncierte und vorgeschlagene Tagung hat insbesondere in dieser Fragestellung ihr Zentrum zu finden. Herder ist als der Autor zu exponieren, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Aufriss einer hermeneutischen Kulturwissenschaft im modernen Sinne erarbeitet und damit gegenüber der alten Epistemologie eine vollkommen neue Konzeption von Erkenntnis inauguriert.
Es wird vorgeschlagen, diesen Versuch, Herders Position als Diskursbegründer für das Konzept der Kulturwissenschaften durch das Ensemble der folgenden Fragestellungen zu gliedern:
1) Kognition oder Erkenntis, interpretiert als Prozesse der sinnlichen Wahrnehmung (Aisthesis), einschließlich Sehen, Hören, Tasten und ihrem Bezug zu Begriffbildung, Urteil und Schlußfindung.
2) Herders Kritik am Okularzentrismus und an den dominanten Diskursen zum Auge und zum Sehen in der europäischen Geistesgeschichte: Welche tiefgreifenden Theorietransformationen erwachsen aus Herders “Bildkritik” oder seiner Neubewertung der Sinnesleistungen nach bestimmten Kriterien, vor allem seiner Neubewertung des vermittelt operierenden Sehsinnes und seiner Präferenz für den unvermittelt operierenden Tastsinn und das Gehör. Welche Auswirkungen lassen sich auf den Feldern Spracherwerb, Literatur, Metapher, Visuelle Theorie, Hermeneutik, Bildende Künste, Kognition beschreiben (um bewusst eine inkohärente und offene Liste zu platzieren)?
3) Kognition und Individualität, die Formation des Selbst, die Empathie und der/die Andere: Diese Fragestellung bündelt eine Reihe von sehr vermittelten Zusammenhängen. Mit Baumgarten entsteht die Idee einer individualisierenden Begriffsbildung und damit überhaupt eine Theorie der Individualität. Der Grund der Individualität liegt für Herder im Konzept der nicht hintergehbaren Erfahrung des Selbstseins. Pro positu corporis heißt diese Formel öfter, die Herder aus Baumgartens Metaphysik entnimmt und dieser positus hat seinen Grund in der Erfahrung (und nicht in der begrifflichen Bestimmung) des eigenen Daseins. Indem Herder, so die These, eine starke Theorie der Individualität entwickelt (oder zumindest andeutet), radikalisiert sich das Problem, den/die Andere/n zu verstehen. Herder nimmt dieses Problem sowohl auf der Ebene der Interaktion von Individuen, als auch kulturmorphologisch auf.
4) Disziplinarität: Das Postulat, dass Herder als Diskursbegründer der Kulturwissenschaften verstanden werden kann, ist dahingehend einer Konkretisierung zu überführen, dass die einzelnen kulturwissenschaftlichen Disziplinen in ihren jeweils tatsächlichen Erkenntnisinteressen beschrieben werden müssen. Wie genau sieht Herders Literaturwissenschaft, Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Volkskunde etc. aus? Wie differenziert sich der allgemeine Erkenntnisanspruch einer von den unteren Vermögen her genetisch konstruierten Epistemologie in den heuristischen und epistemischen Filtern der von Herder zum Teil miterfundenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen aus?
5) In der erkenntnistheoretischen Debatte des 18. Jahrhunderts gibt es die bekannten Reduktionsexperimente. Wie würde die Wahrnehmung eines Blinden funktionieren? Kennt er Bilder? Würde er für den Fall, dass er den Gesichtssinn plötzlich erlangen würde, in der Lage sein, das dann von ihm Gesehene auf die Erfahrungen zu übertragen, die er vorher mit dem Tastsinn erworben hat? Diese Reduktionsexperimente haben zweifelsohne eine epistemologische Funktion. Sie lassen sich aber auch auf noch eine weitere Spur in Herders Werk (und hinsichtlich der Augenoperation Herders: auf Herder selbst) beziehen: Gibt es bei Herder einen Diskurs der Körperbehinderung? Welche Erfahrungen fundieren und dekonstruieren jene epistemologischen Versuchsanordnungen? Lassen sich Herders Texten Lektürespuren entnehmen, die zu einer diskurstheoretischen und dekonstruktiven Platzierung von körperlicher Materialität führen, ähnlich etwa wie in der Forschung zu Lessings Laokoon eine Debatte über die Ästhetik in der Negativität (Ekel, Schmerz, Hässlichkeit) entstanden ist?
6) Es ist ein Theorem von Herders Sprachphilosophie, dass die Sprache nicht erst hinzutritt, wenn die Wahrnehmung schon erledigt ist. Vielmehr formiert die Sprachförmigkeit des gesamten Wahrnehmungsapparates schon jede einzelne Perzeption, so dass eine jede sinnliche Wahrnehmung immer schon im Kontext von Sprachlichkeit stattfindet. Herder steht damit in der Tradition einer freilich auf instruktive Weise gewendeten Logosphilosophie. Er kann aus dieser Perspektive als ein Vorläufer gewisser Strömungen in der Phänomenologie des 20. Jahrhunderts verstanden werden, zum Beispiel lässt sich an die Philosophie von Merleau-Ponty denken. Auch Ernst Cassirers kulturtheoretisch gewendeter Kantianismus oder Hans Blumenbergs metaphorologisch weitergedachte Phänomenologie kennen Argumentationssequenzen, die sich intensiv auf Herder zurückbeziehen lassen. – Diese Sektion fragt also nach theoretischen Parallelunternehmen nach Herder, sei es im Rahmen nachweisbarer Rezeption, sei es in systematischer Hinsicht.
7) Herder als ein Advokat der Empathie und der Sympathie: Altruistische Grundimpulse sind mit Herder theoriefähige Gegenstände. Von einem noch vor dem Bewusstsein liegenden sympathetischen Mitschwingen mit den Tönen des/der Anderen bis hin zum Großkonzept der Humanität, verstanden durchaus als Gegenentwurf zum Weimarer Klassizismus, zieht sich durch das gesamte Werk Herders eine erkenntnistheoretisch untermauerte Hermeneutik der Empathie. Dabei ist zum Beispiel das Mitschwingen und die Einfühlung durchaus auch mechanistisch (in einem gewissen Sinne: naturwissenschaftlich) gedacht. Wie lässt sich diese wichtige Dimension in Herders Werk in Zusammenhang einer Erkenntnistheorie denken?
Gegenstand der Tagung ist also Herders Erkenntnistheorie in doppelter Hinsicht: einerseits als genetische Theorie der Erkenntnis ausgehend von den sogenannten unteren Vermögen, andererseits als Konzeptentwurf für die spezifischen Erkenntnisformen der Kulturwissenschaften. Die Tagung fragt nach dem Zusammenhang dieser beiden Dimensionen in Herders Werk: Warum ist gerade ein Theoriedesign, das von den unteren Vermögen ausgeht, geeignet, einen Entwurf der Kulturwissenschaften zu formulieren? Diese Fragestellung ist angesichts anhaltender Debatten über die Legitimität der geistes- und kulturwissenschaftlichen
Erkenntnisformen von dringender Aktualität und wird, dies ist das Ziel, zu einer neuen Kultuwissenschaft produktiv beitragen.
Bitte schicken Sie Ihr Abstract oder das Exposé für Ihren eventuellen Vortag im August 2013 für die Planung der Internationalen Herder Konferenz 2014 direkt an Prof. Dr. Beate Allert, Präsidentin der Internationalen Herder Gesellschaft (allert@purdue.edu). Die Auswahl fürs Programm beginnt mit dem Einsendeschluss, dem 30 September 2013 und die Auswahl erfogt durch das jeweilige Votum aller IHS Vorstandsmitglieder (einschliesslich Stefan Greif, Johannes Schmidt, Heinrich Clairmont), Sie erfahren das Ergebnis im Anfang November 2013 und das Programm sollte bis Anfang Dezember, auch mit Keynotes, feststehen, sodass die Vortragenden genug Zeit haben, sich indiviudell für Reisegelder beim DAAD, oder wo immer möglich, zu bewerben. Wir freuen und auf die Konferenz und hoffen auf wertvolle und interessante Beiträge.

http://www.johann-gottfried-herder.net/english/ihs_conferences.htm
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.johann-gottfried-herder.net/english/ihs_conferences.htm
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortPurdue University, West Lafayette, IN (USA)
Bewerbungsschluss30.09.2013
Anmeldeschluss31.08.2014
Beginn07.09.2014
Ende10.09.2014
PersonName: Beate Allert 
Funktion: President of the International Herder Society 
E-Mail: beate.allert@johann-gottfried-herder.net 
KontaktdatenName/Institution: Purdue University--School of Languages and Cultures 
Strasse/Postfach: IN 
Postleitzahl: 47907  
Stadt: West Lafayette 
Telefon: ++1 (765) 494-3865 
E-Mail: beate.allert@johann-gottfried-herder.net 
Internetadresse: http://www.cla.purdue.edu/slc/german/directory/index.aspx?p=Beate_Allert 
LandVereinigte Staaten von Amerika
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literarische Wertung/Literaturkritik; Literatur 1700 - 1770; Literatur 1770 - 1830
Zusätzliches SuchwortPhilosophie und Erkenntnistheorie
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/34153

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 09.09.2013 | Impressum | Intern