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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Akademie der Lesenden Künste: Karl Philipp Moritz ‹Anton Reiser›"
RessourcentypVerschiedenes (Workshops, Sommerschulen u.a.)
TitelAkademie der Lesenden Künste: Karl Philipp Moritz ‹Anton Reiser›
BeschreibungDie Akademie der Lesenden Künste

3. Akademie der Lesenden Künste
Karl Philipp Moritz ‹Anton Reiser›

Meisterklasse mit Peter Waterhouse: Schriftsteller und Übersetzer, Barbara Nüsse: Schauspielerin und Michael Riessler: Klarinette
Karl Philipp Moritz ‹Anton Reiser›
Termin: 10. – 13. Oktober 2013 | Ort: Robert-Koepke-Haus, Polhof 1, 32816 Schieder-Schwalenberg


Gegen die bevormundende und bevollmächtigende Welt

Dem entmachtenden Lesen und Sammeln widmet sich die Akademie der Lesenden Künste. In ihrem ersten Jahr thematisiert sie einige Grundbücher der Literatur, die von den Kindern in der bevollmächtigten Welt erzählen, Adalbert Stifters ‹Bunte Steine›, Charles Dickens’ ‹Hard Times› und Karl Philipp Moritz’ ‹Anton Reiser›.
In die Welt der quietistischen Bücher und Anweisungen und des Streits seiner Eltern über die quietistischen Lehren wird Anton Reiser geboren und lebt wie ein Waisenkind, wie die Waisenkinder, von denen Stifter und Dickens schreiben. ‹So wurde der häusliche Friede und die Ruhe und Wohlfahrt einer Familie jahrelang durch diese unglücklichen Bücher gestört, die wahrscheinlich einer so wenig wie der andre verstehen mochte. – Unter diesen Umständen wurde Anton geboren, und von ihm kann man mit Wahrheit sagen, daß er von der Wiege an unterdrückt ward. – Die ersten Töne, die sein Ohr vernahm, und sein aufdämmernder Verstand begriff, waren wechselseitige Flüche und Verwünschungen des unauflöslich geknüpften Ehebands. – Ob er gleich Vater und Mutter hatte, so war er doch in seiner frühesten Jugend schon von Vater und Mutter verlassen, denn er wußte nicht, an wen er sich halten sollte, da sich beide haßten, und ihm doch einer so nahe wie der andre war.›
Anton Reiser, ein psychologischer Roman von Karl Philipp Moritz, 1785 erschienen, ist die unabschließbare Sammlung der Wirkungen der mächtigen, also der unleserlichen Sprache, der überwältigenden Sprache auf die Seele des Kindes und Heranwachsenden. Bereits auf der ersten Seite sammelt der Roman Beispiel um Beispiel für die behauptende, die Welt zu Ende erklärende, bewegungslose Sprache aus dem Wortschatz der Quiestisten: ‹Nichts, ertöten, Eigenheit ausrotten, inneres Wort, inneres Gebet, Ertötung und Verleugnung, Ausgehen aus sich selbst, Eingehen ins Nichts.›
Die Arbeit der Akademie wird es sein, nicht die Geschichte zu interpretieren, sondern die Sprache, die Wörter, die Komposition der Wörter zu lesen und zu hören, die vielleicht etwas Anderes sagen als die Geschichte und nicht so viel Deutung verlangen. Lesen, wird es sorgfältig ausgeführt, ist das Außerkraftsetzen der Geschichte und des zeitlichen Nacheinanders und der Bedeutungen; es formt den Roman; es schreibt und revolutioniert den Roman. Während Michael Riessler zeigen wird, wie mit Musik eine Parallelität zum Sprechen erreicht wird, wird Barbara Nüsse mit ihrer Vortragskunst auf das Merkwürdige und zugleich Unauffällige in der Sprache aufmerksam machen.

Literatur entsteht im Lesen; im Lesen und Wiederlesen. Sie entsteht nicht im Verstehen und Wiederverstehen. Es gibt kein Wiederverstehen, das Wiederverstehen würde eine bloße Wiederholung von Resultaten sein. Lesen aber läßt entstehen und beginnen, ohne Resultat. Keine Produkte des Lesens, sondern Produzieren. Keine Übersetzung, sondern Übersetzen. Suchen anstelle von Finden. Deuten ist ein Abschlußversuch. Und Lesen ist immer ein Anfang. Die Literatur braucht die Ruhelosigkeit der Lesenden.
Die Akademie der Lesenden Künste beteiligt sich an dieser Aktivierung durch Meisterklassen und richtet sich an alle Interessierte, die aus Passion, Profession und als Künstler mit Sprache arbeiten, sie übersetzen und vermitteln.
Walter Benjamins Begriff des Gedichteten könnte das beschreiben, was im Lesen erkennbar wird – und was der nach Bedeutung und Inhalt und Interpretation suchenden Lektüre verschlossen bleibt. Das Lesen erfährt das Unmittelbare der Sprache, die nicht in Grammatik, Syntax und Sinn eingeengte Sprache. Was zum Beispiel im Vorlesen eines Gedichts oder im Vortrag einer Erzählung hörbar wird, ist nicht die Bedeutung, sondern ist Klang und Rhythmus, hat nicht Sinnqualität, sondern sinnliche Qualität. Wie spricht der Text? Wie ist sein Gefüge? Welche Beziehungen birgt er? Wo beginnt ein Wort? Spricht der Text etwas Unausgesprochenes mit?
Die Akademie der Lesenden Künste vermittelt ein Verständnis literarischer Texte und sprachlicher Kunstwerke, die weitere Dimensionen als die der Interpretation, des Deutens und Bedeutens sowie der Inhaltsanalyse betrachtet. Sie ist der Idee verpflichtet, das Gedichtete als die innere Form, als ästhetische Einheit von Form und Stoff zu erfassen und Einsicht in das Gefüge der Sprachbewegungen und der Sprachbezüge zu geben als einer neuen und weitergehenden Methode der Texterfassung.

Peter Waterhouse leitet die Klasse der Akademie der Lesenden Künste. Er wurde in Berlin als Sohn eines Engländers und einer Österreicherin geboren, er wuchs zweisprachig auf. Seine jüngste Kindheit verbrachte er in Singapur. Die Faszination für Klänge, Töne und Modulationen eröffnen ihm einen ausgesprochen sinnlichen Zugang zur Sprache. Seine akustische und darauf aufbauend auch mnemotechnische Sprachsensibilität bestimmt seine poetische Arbeitsweise – er verfaßt Lyrik, Essays, Erzählungen, Theaterstücke und Romane – und ebenso seine Tätigkeit als Übersetzer, Waterhouse entdeckte und übertrug Lyriker wie Andrea Zanzotto, Biagio Marin oder Michael Hamburger in den deutschen Sprachraum. Seine Lehrtätigkeit an der Universität Wien behandelt übergreifende Fragestellungen des Übersetzens. Er ist im Board von ‹Metamorphosis› und der ‹Kritikfabrik› in Graz. Peter Waterhouse wurde vielfach ausgezeichnet u. a. mit dem Heimito von Doderer-Literaturpreis (2000), Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzungen (2002), H. C. Artmann-Preis (2004), Erich-Fried-Preis (2007), Literaturpreis der Stadt Wien (2008), Nicolas-Born-Preis und Ernst-Jandl-Preis (2011), 2012 erhielt er den Großen Österreichischen Staatspreis für sein Lebenswerk. In seiner Literatur ist das Kleine wie das Große gleichberechtigt, das Übersehene leuchtet ebenso wie das Gesehene. Er versteht seine Literatur als einen Beitrag im ‹Meer der Lösungen›, als Teil eines Kontinuums ohne eigentlichen Anfang und ohne eigentliches Ende, in das er einstimmt, um darin Fragen und Formen zu finden: Wörter und Sätze, die aufhorchen lassen und aufschrecken, da sie sich plötzlich in kategorial anderer Umgebung wiederfinden.

Barbara Nüsse spielte in den letzten Jahren an den Münchener Kammerspielen, Schauspielhaus Zürich und Köln, Burgtheater Wien, sie stand bei den Wiener Festwochen und den Salzburger Festspielen auf der Bühne. Unvergessen ist der Monolog, den sie als Penelope alias Molly Bloom aus James Joyce’s ‹Ulysses› in den 90er Jahren in Hamburg gab. Jetzt ist sie wieder fest am Thalia Theater Hamburg engagiert und ihre Sprachkunst wird immer eindringlicher: In Luc Percevals ‹Hamlet› spielt sie Polonius als geifernden Krüppel im Rollstuhl. In ‹Draußen vor der Tür› rattert ihr Oberst wie eine Maschine, während sie dem Kriegsheimkehrer zuredet, menschlicher zu werden. Und ihr unaufgeregter Mephisto mit Neon-Teufelshörnern in Nicolas Stemanns ‹Faust› ist eines der Bilder, die einem in Erinnerung bleiben. Ihre Rollen sind immer zutiefst existenziell grundiert und die inneren Versehrtheiten läßt sie stärker als die körperlichen wirken, schreibt die ‹Nachtkritik›. Für ihre Darstellung der ‹Virginia Woolf› erhielt sie 2006 den Rolf-Mares-Preis. 2009 wurde Barbara Nüsse für ihre Darstellung des ‹König Lear› in Karin Beiers Inszenierung mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring ausgezeichnet und mit dem internationalen Buchpreis Corinne geehrt. Neben dem Theater ist Barbara Nüsse auch in Film und Fernsehen (u.a. in dem Zweiteiler ‹Teufelsbraten› in der Regie von Hermine Huntgeburth) sowie als Hörspiel- und Hörbuchsprecherin tätig.

Michael Riessler ist einer der vielseitigsten deutschen Klarinettisten und Komponisten zwischen Jazz, Neuer Musik und einer besonderen Art avancierter Folklore. Er ist ein Grenzgänger zwischen Sprache und Klang sowie Musik und Tanz. Er spielte im Ensemble musique vivant in Paris und im Orchestre National de Jazz sowie zusammen mit dem Ensemble Modern und dem Arditti Quartet, er arbeitete mit Mauricio Kagel, John Cage, Steve Reich und Helmut Lachenmann. Seit 2000 realisiert er gemeinsame Projekte mit der Klarinettistin Sabine Meyer und dem Trio di Clarone. Daneben schreibt Michael Riessler seit den 90er Jahren Hörspiel- und Filmmusiken, zum Beispiel zu ‹Heimat 3› von Edgar Reitz oder zum Stummfilm ‹Hamlet› (mit Asta Nielsen) und verwirklicht eigene Projekte, zuletzt im Rahmen des Jazzfestivals Saalfelden ‹Big Circle›, für das er 2012 mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Seit 2009 ist er Professor an der Hochschule für Musik und Theater in München.
3. Akademie der Lesenden Künste

Termin: 10. – 13. Oktober 2013 | Ort: Robert-Koepke-Haus, Polhof 1, 32816 Schieder-Schwalenberg
Kontakt: Sarah Bloch, 0 52 31 / 30 80 20 | bloch@literaturbuero-owl.de |
Anmeldeschluß ist der 1. Oktober 2013.

Anreise am 9. Oktober 2013. Vom 10. bis einschließlich 12. Oktober 2013 finden im Robert-Koepke-Haus Lese- und Textarbeit, Konzerte und Lesungen statt. Die Umgebung von Schwalenberg lädt zu Spaziergängen ein, seit Sokrates weiß man, wie sich Gehen, Denken und Sprechen gegenseitig verstärken. Abreise am 13. Oktober 2013

Die Teilnehmerzahl ist auf maximal 50 Teilnehmer begrenzt.
Kosten für die Teilnahme an der Akademie der Lesenden Künste einschließlich Speisen und Getränke 200 €, Übernachtung - wenn gewünscht - 200 €.

Schüler und Studenten können formlos ein Stipendium beantragen, das sämtliche Teilnahme- und Aufenthaltskosten deckt.

Gründungsmitglieder der Akademie der Lesenden Künste: Peter Waterhouse, Brigitte Labs-Ehlert, Hans-Jürgen Balmes, Ulrike Draesner, Uwe Kolbe, Barbara Nüsse


Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe in Detmold e. V.
Hornsche Straße 38
32756 Detmold
tel 05231-30 80 20
fax 05231-30 80 2 20
mail info@literaturbuero-owl.de
www.literaturbuero-owl.de
Künstlerische Leitung Dr. Brigitte Labs-Ehlert
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.literaturbuero-owl.de/akademie-der-lesenden-kuenste/3-meist...
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortSchieder-Schwalenberg
Bewerbungsschluss01.10.2013
Anmeldeschluss01.10.2013
Beginn10.10.2013
Ende13.10.2013
PersonName: Dr. Brigitte Labs-Ehlert 
Funktion: Künstlerische Leiterin 
E-Mail: labsehlert@literaturbuero-owl.de 
KontaktdatenName/Institution: Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe in Detmold e. V. 
Strasse/Postfach: Hornsche Straße 38 
Postleitzahl: 32756 
Stadt: Detmold 
Telefon: 05231 - 30 80 20 
Fax: 05231 - 30 80 22 0 
E-Mail: bloch@literaturbuero-owl.de 
Internetadresse: www.literaturbuero-owl.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLexikologie / Lexikographie (Wortschatz/ Lexikon, Semantik); Morphologie / Wortbildung; Übersetzungswissenschaft; Arbeitstechniken, Einführungen; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Leserforschung; Literatur 1770 - 1830; Rhetorik
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik > 03.08.02 Dichtung und Sprache; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik > 03.08.04 Dichtung und Musik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.09.00 Metrik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.11.00 Übersetzung
Ediert von  H-Germanistik
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