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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Das Konkrete im kulinarischen Prozess: Semiotik der Speise"
RessourcentypCall for Papers
TitelDas Konkrete im kulinarischen Prozess: Semiotik der Speise
BeschreibungCALL FOR PAPERS
Das Konkrete im kulinarischen Prozess: Semiotik der Speise

Einsendeschluss: 22.02.08


Sektion auf dem 12. internationalen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Semiotik „Das Konkrete als Zeichen“, 9.-12. Oktober 2008, Universität Stuttgart

„Das Konkrete im kulinarischen Prozess: Semiotik der Speise“, Sektionsleitung: Nicole M. Wilk (Universität Paderborn)


Kaum etwas reizt die Sinne so stark wie die Speise, die hinuntergeschluckt werden soll. Bevor sie ihren Weg in den Magen antritt, muss sie die sensorischen Prüfinstanzen Auge, Nase und Zunge passieren. Diese folgen physiologischen Algorithmen (körperlicher Hunger, Ekel, Mangelsignale, der evolutionäre „Sicherheitsgeschmack „süß“). Gleichermaßen übersetzen sie einen gesellschaftlich vermittelten Geschmack (soziale Deutungsmuster und Ästhetiken) in eine ganzheitliche Erfahrung des Körpers. Das durch die sinnliche Qualität des Nahrungszeichens verursachte Körpererleben weist den kulinarischen Konsumprozess als besonderen Ort der individuellen Erlebniskonkretion aus: Was ich esse, kann kein anderer nach mir essen oder vor mir gegessen haben. In der Reproduktion des Individuums durch Nahrung erweist sich das Individuelle genau wie im Vorgang von Geburt und im Sterben als unhintergehbar. So oft der Mensch mit verewigenden Gesten seine Bindung an die irdische Materialität zu vergessen sucht, so sehr bringt ihn der knurrende Magen auf den (mitunter kränkenden) Boden der leiblichen Existenz zurück.

Ausgehend von diesem Konvergieren gesellschaftlicher Erfahrungsnormen im Leiblichen annonciert die geplante Sektion zum Konkreten im kulinarischen Prozess das Lebensmittel und seine Ver-/ Behandlung auf wenigstens vier Ebenen:

1. Die ‘Wucht’ der Einzigartigkeit des eigenleiblichen Stoffwechselerlebens macht die Nahrungsaufnahme zu einem bevorzugten ‘Einfallstor’ gesellschaftlicher Macht. Die Einverleibung der Norm bleibt in der kulinarischen Semiose keine Metapher. Sie gewinnt die Realität einer Verhaltensnorm, die auf die spezifischen Herausforderungen sozialer Kontexte reagiert: Ehedem waren es die Übereinkünfte in einer (ritterlichen, familiären, ordensgebundenen etc.) Tischgemeinschaft. In der Konsumgesellschaft sind es primär die (oft körperbasierten) Imageangebote der Verpackungstexte und der öffentlichen Reklamen. Mit der Auflösung traditioneller Esskulturen, ihrer Orte und Sitten, tritt die Machtfunktion des Essens in aller Deutlichkeit zutage: „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing“ – Wenn aber Familientradition, Sippe oder Glaubensgemeinschaft nicht mehr personifiziert werden, wirken andere, dezentrierte Mächte des Marktes, des Wissens und des ökonomischen Steigerungsprinzips, die das Bild des ‘Dauersnackers’ im Einkaufsparadies der Metropolen entwerfen.

2. In Bezug auf das Nahrungsprodukt als solches kann das Heraustreten bestimmter Merkmale von handelsüblichen Nahrungsmitteln als Vorgang der Konkretisierung gefasst werden. Die Nahrung wird zum Beispiel im Hinblick auf ihre gesundheitsfördernden Bestandteile ‘konkretisiert’: Aus kohlehydrat- und fetthaltigen Speisen werden ‘Fruchtbomben’, der Milchanteil in Schokolade kreiert ‘Powerriegel’, Körnerlegierungen lassen Snacks zu Verdauungshilfen mutieren. Das werbewirksame Versprechen dieser Produkte verändert die eigenleibliche Wahrnehmung von Körperprozessen: Zu den Vorstellungen, dass bestimmte Speisen beschweren, entschlacken, die Denk- und Leistungsfähigkeit steigern etc. entwickeln sich (soziale) Körpergefühle. Hier löst sich in vollem Sinne jene Umkehrung des Plotinschen Diktums durch Foucault ein, nach der nicht der Körper die Seele gefangen hält, sondern umgekehrt, der Körper als Gefangener einer (durch Wissens-Instanzen) durchdrungenen Seele erscheint, den es durch subversive (und konkrete?) Kulturtechniken zu befreien gilt.

3. Der Produktionsprozess, die Herrichtung der Ware, ihre Verkaufs- und Einsatzbedingungen, sprich: die Kontexte, in denen sie hergestellt, vermarktet und verzehrt wird, haben einen konkreten Zuschnitt, der in Kommunikationen mündet bzw. von Kommunikation ausgeht. Alle Gestaltung dieser vergänglichen Substanz vollzieht sich anhand notwendiger Konkretionen: Heute gibt es frischen Salat, morgen werden 100 Paletten Frischkäse geliefert, die Brötchen müssen zum Abendessen backfrisch aus dem Ofen kommen etc. Dem an feste Zeitrhythmen gebundenen Gebrauch eines Kulturzeichens aufgrund einer antizipierbaren Empfindung von Mangel (Hunger) folgt ein vollständiger ‘Verbrauch’ eines singulären Objekts. Diese Situation führt dazu, dass das Nahrungsmittel nach beiden Seiten, hinsichtlich seiner (sich auflösenden) Form und hinsichtlich seiner (verderblichen) Materie, zu einer ‘flüchtigen’ Kategorie wird. Sowohl seine Ästhetisierungen (Form) als auch seine Funktionalisierungen (Materie) als Arznei, Fitmacher, Nervennahrung usw. sind kurzlebige Kristallisationen sozialer Kontexte, in denen das Produkt erst in einem empraktischen Handlungskontext (Kochen, Einkaufen, Zubereiten, Verspeisen) Zeichenqualität gewinnt.

4. Im Zeichen einer emanzipativen Konkretion des Nahrungsmittels steht in jüngster Zeit ein sich etablierendes food-scouting, das wenig bekannte und exotische Nahrung aus ihrem kulturellen Kontext herauszulösen sucht, um sie in einen alternativen Speiseplan jenseits ernährungswissenschaftlich-orthorektischer Diätetiken zu integrieren. Allein die stoffliche Qualität dieser Nahrungsmittel eröffnet Möglichkeiten für neue Speisekreationen. Im Rahmen einer Wiederentdeckung von Speisen ereignet sich zudem eine (z.T. stereotypisierende) Erschließung kultureller Bedeutungen, in denen die nicht zufälligen Hochwertetiketten ‘bäuerlich’, ‘traditionell’, ‘biologisch’, ‘natürlich’ etc. jene Identitätsbrüche für den einzelnen Esser zu kitten versprechen, die die kulturpolitischen Eruptionen der Moderne durch Globalisierung und neue Kommunikationstechnologien innerhalb der gesellschaftlichen Institutionen verursacht haben.
Bitte senden Sie Ihre Beitragsvorschläge, die diese und/oder verwandte Dimensionen in einem u.a. zeichen-, norm- oder symboltheoretisch relevanten Zugriff fassen, an: nicole.m.wilk@uni-paderborn.de


Dr. Nicole M. Wilk
Wissenschaftliche Mitarbeiterin (in Selbstvertretung der Juniorprofessur)
Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft
Universität Paderborn
Warburger Str. 100
33098 Paderborn
Tel.: (0 52 51) 60-28 90

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortStuttgart
Bewerbungsschluss22.02.2008
Beginn09.10.2008
Ende12.10.2008
PersonName: Wilk, Nicole M.  
Funktion: Kontakt 
E-Mail: nicole.m.wilk@uni-paderborn.de 
KontaktdatenName/Institution: Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft, Universität Paderborn 
Strasse/Postfach: Warburger Str. 100 
Postleitzahl: 33098  
Stadt: Paderborn 
Telefon: +49 (0) 52 51 / 60-28 90 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeSemiotik (Text und Bild)
Klassifikation00.00.00 ohne thematische Zuordnung
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