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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Ökonomische Utopien. Eine interdisziplinäre Tagung für Nachwuchswissenschaftler"
RessourcentypCall for Papers
TitelÖkonomische Utopien. Eine interdisziplinäre Tagung für Nachwuchswissenschaftler
BeschreibungÖkonomische Utopien.
Eine interdisziplinäre Tagung für Nachwuchswissenschaftler
26. und 27. Oktober 2013, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M.


Utopien zeichnen sich durch das Bemühen um Veranschaulichung alternativer Gesellschaftsentwürfe aus. Sie schaffen konkrete Bilder für Hoffnungen, wie die auf die Abschaffung menschlicher Arbeit durch Maschinen, auf Frieden, Wohlstand und kulturelle Blüte. Ebenso drücken sich in ihnen Ängste aus vor technischem Wandel und wirtschaftlicher Rationalisierung, die gewachsene Werte und Traditionen auflösen, den Menschen entfremden und versklaven und die Natur zerstören. Utopisches Denken als ein Denken von Möglichkeiten ist jedoch nicht abzutun als eskapistische Träumerei bzw. apokalyptische Schwarzmalerei: Die Utopie im klassischen Sinn beschreibt alternative Gesellschaftsmodelle auf der Grundlage einer rationalen Analyse der bestehenden ökonomischen und sozialen Strukturen. Sie nimmt Bezug auf gesellschaftliche Realitäten mit der Absicht ihrer Veränderung. Sie ruht auf dem Grund des Wissens und der normativen Vorstellungen, die ihr die Gegenwart ihrer Entstehung zur Verfügung stellt.

Ausgehend von Richard Saages Definition politischer Utopien als „Fiktionen innerweltlicher Gesellschaften, die (…) sich entweder zu einem Wunsch- oder eine Furchtbild verdichten, das auf Fehlentwicklungen der eigenen Gesellschaft reagiert“, konzentriert sich die geplante Nachwuchstagung auf die spezifisch ökonomischen Aspekte utopischer Entwürfe seit Beginn einer im modernen Sinn als kapitalistisch zu beschreibenden Wirtschaftsweise. Die kulturelle Auseinandersetzung mit Rationalisierung und Technisierung der westlichen Welt, so unsere Ausgangsthese, produziert eine Vielzahl visionärer ökonomischer Konzepte, in denen sich Wirtschaftstheorie, Wirtschaft und künstlerische Produktion gegenseitig in einer Weise durchdringen, die nur mit einem interdisziplinären Zugang adäquat zu beschreiben ist. Die geplante Tagung soll daher Nachwuchswissenschaftlern (Doktoranden und Postdocs) der Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften die Möglichkeit zur gemeinsamen Diskussion historischer und aktueller ökonomischer Utopien geben.

Bei Science-Fiction-Autoren wie H. G. Wells und Dietmar Dath finden sich ökonomische Utopien, die nicht nur als Reaktionen auf die jeweilige wirtschaftliche Gegenwart verstanden werden müssen, sondern sich auch dezidiert auf Konzepte ökonomischer Theoretiker berufen und diese weiter denken. Umgekehrt nutzten Ökonomen die Utopie als Narrativ beziehungsweise als fiktionale Versuchsanordnung, um ihre Visionen (alternativer) Wirtschaftsformen zu veranschaulichen und zu konkretisieren. Dem Ökonom John Maynard Keynes beispielsweise diente ein utopischer Entwurf zur Befestigung eines Zukunftsoptimismus, der insbesondere auf stetiges Wirtschaftswachstum setzte. In seinem Essay Economic Possibilities for our Grandchildren von 1931 sagt Keynes den Enkeln seiner Generation eine glückliche Zukunft vorher: Befreit von finanziellen Sorgen und der Last der täglichen Arbeit für den Lebensunterhalt widmeten sich die Menschen des Jahres 2030 vor allem der künstlerischen und kulturellen Selbstverwirklichung. Dabei bleibt die ökonomische Theoriebildung ihrerseits nicht unbeeinflusst von künstlerisch-kreativen Zugängen: Wladimir Iljitsch Lenin bezog sich mit dem Titel seiner berühmten Streitschrift Was tun? auf den gleichnamigen Roman Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewskis; ebenfalls Anfang des 20. Jahrhunderts popularisierte der Nationalökonom Theodor Hertzka seine Idee eines alternativen Kreditsystems in einem phantastischen Roman mit dem Titel Eine Reise nach Freiland. Hertzkas Freiland-Utopie entstand unter dem Einfluss des berühmten utopischen Romans Looking Backward or Life in the Year 2000 des amerikanischen Autors Edward Bellamy. Die Rezeption von Hertzkas Romanen wiederum führte zu Gründungen von Freiland-Vereinen, die seine Vorstellung umzusetzen versuchten und die teilweise bis heute bestehen.

Während sich Geistes- und Sozialwissenschaften schon lange rege am utopischen Diskurs beteiligen, bildet die Perspektive der Wirtschaftswissenschaft auf die Wechselwirkungen zwischen künstlerischer Produktion, ökonomischer Theorie und realen Auswirkungen ein Desiderat der Forschung. Über zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der damals vielproklamierten These vom „Ende der Utopien“ (Joachim Fest) scheint der Wille zu einem utopischen Möglichkeitsdenken heute in Zeiten der Wirtschafts- und Währungskrise neue Aktualität zu gewinnen. Mit dem utopischen Diskurs verbanden sich immer schon Fragen nach der sozialpolitischen Verantwortbarkeit technischen Wandels und ungebremstem Wirtschaftswachstums. Fragen, die heute so aktuell sind wie je, und die zu beantworten oder auch nur erneut zu stellen, einer historischen Rückversicherung bedürfen. Ein erster Schwerpunkt der Tagung liegt daher auf den Verbindungslinien, die sich zwischen heutigen und historischen utopischen Ansätzen ziehen lassen. Inwiefern können etwa gegenwärtig diskutierte Konzepte wie das „bedingungslose Grundeinkommen“ und das „Regiogeld“ im utopischen Diskurs des 19. und 20. Jahrhunderts verortet werden? Umgekehrt soll es auch um die gewandelten Voraussetzungen gehen, unter denen der Begriff der Utopie heute womöglich neu gedacht werden muss. Denn obwohl wir in einer globalisierten Welt leben, stehen gegenwärtige postmoderne Gesellschaften großen Gesamtentwürfen per se eher skeptisch gegenüber. Wie könnten also positive Alternativkonzepte für heutige westliche Demokratien aussehen? Welche gesellschaftlichen und kulturellen Gestaltungsmöglichkeiten kann die heutige ökonomische Theorie also überhaupt aufzeigen? Und wie könnte Utopie als kreativer und fiktionaler Modus des Denkens zu ihrer Entwicklung beitragen? Inwiefern ist utopisches Denken auch und gerade in der um Rationalität und Objektivität bemühten wissenschaftlichen Forschung nötig, um den Glauben an eine bessere, gerechtere Welt und somit den Glauben an die Möglichkeit der Veränderung wachzuhalten?

Die Nachwuchstagung ist als erste Bestandsaufnahme gedacht. Sie soll einen Dialog über die Fachgrenzen hinweg anstoßen und die Grundlage für weitere Untersuchungen auf der Schnittstelle zwischen kulturwissenschaftlicher und ökonomischer Forschung liefern. Der thematische Rahmen ist daher bewusst offen gehalten. Die Bandbreite der zu behandelnden utopischen Wirtschaftskonzepte reicht von den kommunistischen Alternativmodellen zum Kapitalismus frühsozialistischer Denker wie Charles Fourier und Etienne Cabet bis hin zu den ästhetizistisch-romantischen Visionen konservativer Kritiker des modernen Kapitalismus wie Werner Sombart, der städtischer „Vermassung“ und „Asphaltkultur“ eine autarke, national geprägte Wirtschaftsform entgegenstellt. Von heutigen Hollywood-Produktionen wie Andrew Niccols In Time, einer dystopischen Zukunftswelt, in der das Zugeständnis von Lebenszeit das Geld als Währung abgelöst hat, bis zu künstlerischen Experimenten wie das des Hamburger Performance-Kollektivs geheimagentur, das im Frühjahr 2012 für zwei Monate in Oberhausen die Alternativwährung „Kohle“ einführte.

Informationen zur Organisation und Ablauf
Die Tagung findet am 26. und 27. Oktober an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main statt (Gebäude "Normative Ordnungen", Westend Campus). Abstracts für 20minütige Referate (plus 10 Minuten Diskussion) können bis zum 15. August 2013 eingereicht werden. Der Umfang der Abstracts sollte 3000 Zeichen nicht überschreiten. Bitte senden Sie Ihr Abstract an: Johannes.glaeser@normativeorders.net
Für Referenten, die nach Frankfurt anreisen müssen, werden die Übernachtungskosten übernommen. Ein Reisekostenzuschuss kann gegebenenfalls gewährt werden.

Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an Sophia Ebert (sophia-ebert@hotmail.com) oder Johannes Glaeser (Johannes.glaeser@normativeorders.net)

Kooperationspartner: Gemeinnützige Hertie Stiftung, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortFrankfurt am Main
Bewerbungsschluss15.08.2013
Beginn26.10.2013
Ende27.10.2013
PersonName: Sophia Ebert 
E-Mail: sophia-ebert@hotmail.com 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeStilistik / Rhetorik (inkl. Argumentationstheorie, Stilbegriff, Persuasionstheorie, politische Sprache, Werbesprache); Verständlichkeitsforschung (Popularisierung und Wissenstransfer, Schreibforschung, Textoptimierung); Literatur 1880 - 1945; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturtheorie: Themen; Medien- u. Kommunikationsgeschichte (Hand-, Druckschrift, Film, Rundfunk, Computerspiel usw.); Medien- u. Kommunikationstheorie; Motiv- u. Stoffgeschichte; Rhetorik; Theater (Aufführungspraxis)
Zusätzliches SuchwortUtopieforschung; interdisziplinär
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