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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Fluxus und/als Literatur. Zum Werk Jürgen Beckers"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelFluxus und/als Literatur. Zum Werk Jürgen Beckers
BeschreibungInternationale und interdisziplinäre Tagung

"Fluxus und/als Literatur. Zum Werk Jürgen Beckers"


Organisation
PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek (Berlin)
PD Dr. Anne-Rose Meyer-Eisenhut (Hamburg)

Kontakt
Telefon: 030/838-57841
Email: bumesi@zedat.fu-berlin.de

Tagungsorte
Museum Fluxus+
Schiffbauergasse 4F
14467 Potsdam

und

Freie Universität Berlin
„Rostlaube“
Raum KL32 202
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin-Dahlem

Beschreibung:
In den 1960er Jahren wandelt sich unter dem starken Eindruck des Nouveau Roman, den Arbeiten der Wiener Gruppe um Hans Carl Artmann, Ernst Jandl, Konrad Bayer und Oswald Wiener und dem Werk Helmut Heißenbüttels die westdeutsche Prosaliteratur auf nachhaltige Art und Weise. Autoren wie Jürgen Becker, Peter Handke, Wolfgang Hildesheimer, Ror Wolf, Hubert Fichte oder Friederike Mayröcker erproben in ihren (Früh-)Werken neuartige Schreibverfahren und lösen sich von den alten Formen der Narration. Den Roman nicht länger als klassische Erzählform, sondern vielmehr als eine „Suche“ (Michel Butor) zu begreifen, heißt, „dem Roman der Zukunft eine Bahn“ (Alain Robbe-Grillet) zu ebnen, ihm neue Wege zur Darstellung von Innen- und Außenwelt zu weisen. In diesem „Zeitalter des Misstrauens“ (Nathalie Sarraute) gegenüber den klassischen Erzählformen des neunzehnten Jahrhunderts werden plötzlich auch die etablierten Autoren der Gruppe 47 wie etwa Günter Grass, Heinrich Böll, Alfred Andersch oder Max Frisch zu den Antipoden einer neuen Literatur, die sich „Gegen die Erhaltung des literarischen status quo“ (Jürgen Becker) ausspricht. Dabei geht es wohl primär um Genauigkeit und Präzision: Nicht von ungefähr erreicht diese Opposition mit Peter Handkes Verspottung der „Beschreibungsimpotenz“ der als „läppisch“ verurteilten Autoren der Gruppe 47 im berühmten Treffen der Gruppe 1966 in Princeton einen Höhepunkt. An die Stelle des Erzählens tritt also spätestens mit dem 1960 veröffentlichten Mikroroman "Der Schatten des Körpers des Kutschers" von Peter Weiß eine bis dato unbekannte Genauigkeit der Beobachtung und Beschreibung. Ging es Weiß dabei um die Wahrnehmung äußerer Vorgänge, so werden etwa mit Ror Wolfs Debütroman "Fortsetzung des Berichts" von 1964 auch die Geschehnisse im Bewusstsein – Erinnerungen, Vorstellungen, vorbewusste Vorgänge – in die Beschreibung eingezogen. Nach Einschätzung Peter Handkes entwickelte sich so „im deutschen Sprachgebiet der erste ernstzunehmende Versuch, für diesen Strom des Bewußtseins eine neue sprachliche Form zu finden.“
Das Werk des Kölner Schriftstellers Jürgen Becker ist im Rahmen dieser Neoavantgarde unbedingt an erster Stelle zu nennen. Allein die Titel seiner ersten drei Prosatexte – Felder (1964), Ränder (1968), Umgebungen (1970) – adressieren dieses seit dem Nouveau Roman neue Genre der Bewusstseinsprosa. Es geht Becker im Anschluss an Butor um ein Verständnis von Literatur als einer „besonderen Form des Berichtens“, wie es im Aufruf Gegen die Erhaltung des literarischen status quo heißt. Dies meint keineswegs eine „positivistische Bestandsaufnahme“ der eigenen Lebenswelt, sondern vielmehr „die Verwandlung eines Objektes in einen sprachlichen Vorgang, der die Reaktionen meines Bewusstseins auf dieses Objekt artikuliert.“ Man kennt dieses Verfahren etwa aus Robbe-Grillets seit dem Ende der 1950er Jahre übersetzten Romanen La jalousie, Le voyeur oder Dans le labyrinth, in denen die Objektwelt als ein bedeutungsloses, von anthropomorphen Projektionen befreites Arsenal an Zeichen und Spuren fungiert, an welchem sich Geschehnisse wie etwa die ansteigende Eifersucht eines Ehemannes ablesen lassen.
Bei Becker erfährt die Tradition des Nouveau Roman jedoch eine formale Radikalisierung. Autoren wie Robbe-Grillet, Butor oder Sarraute gingen noch von einer „Einheit des Dargestellten“ aus; Beckers frühe Prosa dagegen, so fasste es Andreas Wirthensohn zusammen, löst diese Einheit „in ein pluralistisches In- und Durcheinander auf: 101 durchnummerierte Felder, 107 Abschnitte der Ränder, 72 Ausflüge in die Umgebungen.“ Man kann davon ausgehen, dass sich dieses neuartige Verfahren der Fragmentierung des Textes in disparate Felder, Ränder und Umgebungen nur bedingt aus der literarischen Tradition herleitet. Zu denken wäre hier im deutschsprachigen Raum allenfalls an Heißenbüttels Textbücher, die sich in ähnlicher Form den traditionellen Formvorgaben der triadischen Poetik entziehen, und an deren Stelle die Skizzen und Stilproben einer „antigrammatischen Schreibweise“ versammeln.
Einflussreicher dürfte dagegen die Fluxus-Bewegung gewesen sein, deren Anfänge mit dem Beginn der experimentellen Prosa Beckers einsetzen. Wichtigstes Dokument dieser Einflüsse sind zum einen der von Jürgen Becker und dem Fluxus-Künstler Wolf Vostell edierte Band Happenings von 1965, zum anderen der Band Phasen, eine mit Typogrammen Wolf Vostells versehene erste Veröffentlichung von Texten Beckers aus dem Jahre 1960. Vor diesem Hintergrund interessiert im Rahmen der Tagung der Bezug Jürgen Beckers zu Wolf Vostells Verfahren der Décollage, einer in den frühen 1960er Jahren entstandene Praxis der Demontage, deren Ziel es ist, „Bewusstseinsschichten, Wahrheiten, Objekte, Vorgänge und Handlungen bloßzulegen“ (Vostell). Denn dieser Grundbegriff der Fluxus-Kunst scheint auch und gerade für die frühe und einflussreiche Prosa Jürgen Beckers wichtig gewesen zu sein, deren programmatische Sichtung von Feldern und Rändern des Bewusstseins den für die Fluxus-Ästhetik typischen, collageartig komponierten Geschehensabläufen sehr ähnelt.
Das Symposium geht also der Frage nach, inwiefern Jürgen Beckers frühe und intensive Zusammenarbeit mit dem Fluxus-Künstler Wolf Vostell einflussreich für die literarischen Experimente Beckers gewesen sind. Sind von Vostell entwickelte Verfahren wie etwa die De-Collage, das Environment oder die Verwischung in Beckers Prosa adaptiert worden? War die De-Collage als Bloßlegung von ‚Bewusstseinsschichten‘ gar einflussreich für die Neue Subjektivität der 1970er-Jahre-Literatur (Becker, Born, Handke, Brinkmann)? Diese für Beckers Werk zentralen Fragen sollen auf dem Symposium erstmals aus literatur- und kunstgeschichtlicher Perspektive, d.h. in Verbindung mit einem Besuch der Sammlung Wolf Vostell am Fluxus+ Museum in Potsdam geklärt werden.

Programm:

13. Juni 2013
Tagungsort: Museum Fluxus+, Potsdam

15.00 – 15.15 Uhr
Begrüßung durch die Veranstalter

15.15 – 15.45 Uhr
Thematische Exposition und Erläuterung des Tagungskonzepts
PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek und PD Dr. Anne-Rose Meyer-Eisenhut:
„Jürgen Becker, oder: Wie Fluxus die deutsche Literatur veränderte“

15.45 – 16.45 Uhr
Führung durchs Museum Fluxus+, Abteilung „Wolf Vostell“

16.45 – 17.15 Uhr: Kaffeepause

17.15 – 18.15 Uhr
Vortrag: Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers, Kunsthistorisches Institut, Uni Kiel
„Wolf Vostell und die künstlerischen Avantgarden der 1950er bis 1980er Jahre“

Gemeinsames Abendessen


14. Juni 2013
Tagungsort: FU Berlin

9.30 – 9.45 Uhr
Thematische Einführung in die erste Sektion:
PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek
„Fluxus und experimentelle Prosa: Die Dé-coll/age als Verfahren in Kunst und Literatur“

9.45 – 10.45 Uhr
Vortrag: Dr. Evelyne Polt-Heinzl, Literaturhaus Wien, Österreich:
„‘Möglichkeiten für Bilder‘“ – Oder wie lässt sich vom Leben erzählen in dürftiger Zeit? Über die Anfänge von Jürgen Becker, Gisela Elsner und Peter Handke“
10.45 – 11.45 Uhr
Vortrag: Dr. Johanna Bohley, Institut für deutsche und niederländische Philologie, FU Berlin
„Jürgen Becker: Von seinen visuell konkreten ‚Phasen‘ zu den experimentellen Prosa-‚Feldern‘“

11.45 – 12.45 Uhr
Vortrag: Prof. Dr. Hans-Edwin Friedrich, Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien, Uni Kiel
„Jürgen Becker als Theoretiker der Avantgarde“

12.45 – 14.15 Uhr
Mittagspause

14.15-15.15 Uhr
Vortrag: Prof. Dr. Sven Hanuschek, Institut für Germanistik, LMU München
„Was man wegläßt, ist nicht da. Die Journalform als poetologisches Prinzip“

15.15 – 16.15 Uhr
Vortrag: Prof. Dr. Roland Innerhofer, Institut für Germanistik, Uni Wien:
„Grammatische Grenzgänge. Jürgen Becker und Konrad Bayer“

16.15 – 16.45 Uhr
Kaffeepause

16.45 – 18.15 Uhr
Podiumsgespräch: Jürgen Becker; Dr. Rainer Weiß, Weissbooks, Frankfurt a. M.; Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers, Uni Kiel
„Die künstlerischen und literarischen Avantgarden der 1960er Jahre – Ihre Medien und ihr Publikum“
Moderation: PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek und PD Dr. Anne-Rose Meyer-Eisenhut

im Anschluss: gemeinsames Abendessen

15. Juni 2013
Tagungsort: FU Berlin

9.30 – 9.45 Uhr
Thematische Einführung in die zweite Sektion:
PD Dr. Anne-Rose Meyer-Eisenhut
„‘Neue Subjektivität‘: Beckers Gedichtbände und die Alltagslyrik der 1970er Jahre“

9.45 – 10.45 Uhr
Vortrag: PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek, Institut für deutsche und niederländische Philologie, FU Berlin:
„Vom ‚projektiven Vers‘ zum ‚Gedicht als Tagebuch‘: Jürgen Beckers Alltagslyrik und die Poetik Walter Höllerers“

10.45 – 11.45 Uhr
Vortrag: PD Dr. Anne-Rose Meyer, Institut für Germanistik II, Uni Hamburg
„Zwischen Mimesis und Metafiktionalität: Zu Jürgen Beckers Gedichtband Schnee“

Mittagspause 11.45 – 13.15 Uhr

13.15 – 13.30 Uhr
Thematische Einführung in die dritte Sektion:
PD Dr. Anne-Rose Meyer-Eisenhut
„Jürgen Becker: Kontexte und Kontakte“

13.30 – 14.30 Uhr
Vortrag: Prof. Dr. Friedmar Apel, Germanistik, Uni Bielefeld
„Ror Wolf und Jürgen Becker“

14.30 – 15.30 Uhr:
Vortrag: Dr. Mario Grizelj, Germanistik, LMU München
„‘y---------------------o!‘ Frösche, Felder, der Irrwisch Bewusstsein und Jürgen Becker mit Gerhard Rühm gelesen.“

15.30 – 16.00: Kaffeepause


16.00 - 16. 15 Uhr
Thematische Einführung in die vierte Sektion: PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek
„Die Rückkehr des Erzählens? Jürgen Beckers Spätwerk“

16.15 – 17.15 Uhr
Vortrag: Prof. Dr. Eugenio Spedicato, Dipartimento di Studi Umanistici, Università di Pavia, Italien
„‘Jetzt, jetzt ist der Krieg aus...‘ Geschichte, Autobiographie und Erinnerung in Jürgen Beckers Roman Aus der Geschichte der Trennungen“.

17.30 Uhr: Gemeinsames Abendessen

19.30 Uhr
Felder – Ränder – Gedichte: Lesung von und Gespräch mit Jürgen Becker


16. Juni 2013

9.30 – 10.30 Uhr:
Vortrag: Dr. Andreas Wirthensohn, München
„‘Die Türe zum Meer‘ – die Erprobung einer neuen ‚Landschaftsmalerei‘“

10.30 – 11.30 Uhr:
Vortrag: Prof. Dr. Erk Grimm, Department of German, Barnard College, Columbia University:
„Jürgen Beckers Poetik der Trennungen: Mit oder ohne Geschichte?“

11.30 – 11.45 Kaffeepause

11.45-12.45 Uhr
Vortrag: Prof. Dr. Carsten Gansel, Institut für Germanistik, Uni Giessen
„Gegen die ‚Tricks der Erinnerung‘ - Jürgen Beckers Erinnerungsroman ‚Aus der Geschichte der Trennungen‘ und das kollektive Gedächtnis“
12.45 Uhr
Fazit, Dank und Informationen zur Publikation: PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek und PD Dr. Anne-Rose Meyer-Eisenhut

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBerlin, Potsdam
Beginn13.06.2013
Ende16.06.2013
PersonName: PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek 
E-Mail: bumesi@zedat.fu-berlin.de 
KontaktdatenName/Institution: PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek, Institut für deutsche und niederländische Philologie, Freie Universität Berlin 
Strasse/Postfach: Habelschwerdter Allee 45 
Postleitzahl: 14195  
Stadt: Berlin-Dahlem 
Telefon: 030/838-57841 
E-Mail: bumesi@zedat.fu-berlin.de 
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
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