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Ergebnisanzeige "Hans Werner Richter Tage 2013: "Vom kritischen Intellektuellen zum Medienpromi? Zur Rolle der Intellektuellen in Literatur und Gesellschaft vor und nach 1989""
RessourcentypCall for Papers
TitelHans Werner Richter Tage 2013: "Vom kritischen Intellektuellen zum Medienpromi? Zur Rolle der Intellektuellen in Literatur und Gesellschaft vor und nach 1989"
BeschreibungHans Werner Richter Tage 2013: "Vom kritischen Intellektuellen zum Medienpromi? Zur Rolle der Intellektuellen in Literatur und Gesellschaft vor und nach 1989".

Vom 14. bis 16. November 2013, Hans-Werner-Richter‐Haus in Bansin/ Insel Usedom.

Call for papers:

„Warum latschen deutsche Schriftsteller zu Regierungsgesprächen ins Willy-Brandt-Haus, statt in die Wüste zu gehen und aufzuschreiben, wie unproduktiver Turbokapitalismus abgeht? Warum fieseln Grass und all die alten Wappentiere der deutschen Literatur starre Gedichte über Griechenland zusammen, statt selber nach Griechenland zu fahren und dort eine Hilfseinrichtung für Obdachlose zu gründen?“ fragte kürzlich in einem lesenswerten Beitrag der Essayist Hilmar Klute (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 16./17. MÄRZ 2013). Wenn auch nicht explizit betont, so zielt die Frage keineswegs nur auf ein Defizit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Letztlich geht es auch um die Rolle des Intellektuellen in Vergangenheit und Gegenwart. Es ist längst an der Zeit darüber nachzudenken, „wo die Intellektuellen hin sind“. Es mangelt zwar nicht an Leuten, die Woche für Woche ihre Statements in Talkshows abgeben: Zu Fukushima, zur Euro-Krise, zu Entwicklungen in der arabischen Welt, zum Einsatz der Nato in Afghanistan, zu den absurden Gehältern nicht nur von Bankmanagern. Aber liefern diese Personen, deren Kapital ihre Medienprominenz ist, wirklich eine kritische Analyse und eine Interpretation der Ereignisse, die unabhängig vom Mainstream der herrschenden Eliten ist? Eher nicht. Und weil dies größere Teile der Bevölkerung so empfinden, „sehnt man sich nicht nur nach Experten, sondern nach Intellektuellen, die ihr Expertentum und ihre intellektuelle Tätigkeit mit Moralvorstellungen verbinden“ (Stefan Moebius). Dass es in den 1950er und 1960er Jahren noch kritische Intellektuelle gegeben hat und die Gruppe 47 um Hans Werner Richter in ihrer Hochzeit als „Störfaktor“ funktionierte, das ist wiederholt betont worden. Und auch in der DDR haben Autoren bis 1989 ihre Aufgabe, ein kritisches Korrektiv der Macht zu sein, gerade unter Bedingungen einer ‚geschlossenen Gesellschaft‘ wahrgenommen. Erinnert sei an Reformversuche Mitte der 1950er Jahre (u.a. W. Harich, W. Janka, E. Loest), die Entwicklungen nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oder die Biermann-Ausbürgerung von 1976 und ihre Folgen.

Mit Blick auf gegenwärtige Entwicklungen ist zu fragen, ob und in welcher Weise es nach 1989 zu einem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gekommen und wie es um jene bestellt ist, zu deren Aufgaben in Kunst und Literatur, in Universitäten, in den Medien es gehört, gegenwärtige Prozesse kritisch zu durchleuchten bzw. zu beobachten. Derartigen Aspekten soll auf der Tagung nachgegangen und danach gefragt werden, wie es um die Figur des Intellektuellen in Gesellschaft und Literatur vor und nach 1989 bestellt ist. Insofern zielt die Diskussion auch auf eine kritische Sicht der Rolle des Intellektuellen in der Gegenwart. Auf einen in diesem Kontext nicht unwichtigen Aspekt macht der Autor und Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl aufmerksam. Reinhard Jirgl notiert im Gespräch, dass er Vorbehalte habe, wenn der „Begriff des Intellektuellen – es ist ein Ehrentitel“ auf ihn angewendet werde. Seine Zurückhaltung liege „am inzwischen inflationären Gebrauch dieser Bezeichnung. Nicht jeder Schreiberling ist auch gleich ein Intellektueller“, so Reinhard Jirgl. In diesem Rahmen steht die Frage, ob und inwiefern Autoren jeweils als Intellektuelle gelten können und in welchem Fall sie diesen „Ehrentitel“ berechtigt tragen. Zu bedenken ist schließlich auch, warum es derzeit den Anschein hat, dass die klassische Aufgabe des Intellektuellen, sich „für verletzte Rechte und unterdrückte Wahrheiten, für fällige Neuerungen und verzögerte Fortschritte“ (Jürgen Habermas) einzusetzen, kaum noch erfüllt wird.

Ausgehend von den skizzierten Problemfeldern können mit Blick auf das Handlungs- bzw. Sozialsystem Literatur folgende Fragestellungen ins Zentrum des Interesses rücken:

• Wer ist eigentlich gemeint, wenn die Medien ‚die kritischen Intellektuellen‘ adressieren?
Lassen sich in diachroner wie synchroner Perspektive spezifische (biographische, ideologische, motivationale usw.) Eigenschaften, Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Autoren nachweisen, die sich in der Öffentlichkeit vor und nach 1989 zu Wort meldeten und melden?
• In welchem Verhältnis steht der persönliche öffentliche Einsatz von Autoren mit Konzepten der litterature engagée? Diesem Leitbegriff der (westeuropäischen) Literatur der Nachkriegszeit fühlte sich, im Gefolge von Jean-Paul Sartre, vor allem das Umfeld der Gruppe 47 verpflichtet. Nach dem Scheitern der sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre galt die Vorstellung einer eingreifenden Literatur dann lange Zeit als Auslaufmodell. Gerade jüngere Autorinnen und Autoren wie Juli Zeh, Ilija Trojanow oder Dietmar Dath mischen sich inzwischen aber wieder beherzt in öffentliche Debatten ein. Es ist zu fragen, welche Vorstellungen von ‚eingreifender Literatur‘ zu bestimmten Zeitpunkten der Nachkriegsgeschichte und Gegenwart diskutiert und von Autoren umgesetzt werden.
• In umgekehrter Perspektive gerät das Wechselspiel von öffentlich ‚aufstörendem‘ Individuum und Gesellschaft in den Blick. Versteht man soziale Gemeinschaften als Systeme, die ihre Stabilität dadurch erhalten, dass sie ihre mehr oder weniger starr gezogenen Toleranzgrenzen immer wieder neu aushandeln müssen, dann kommt den kritischen Intellektuellen eine wichtige Systemstelle zu: Indem sie mit ihren Beiträgen und diskursiven Vorstößen immer wieder neue, ggf. kontroverse Informationen in den öffentlichen Diskurs einspeisen, tragen sie wesentlich dazu bei, die Prozesse gesellschaftlicher Selbstverständigung in Gang zu halten. Die Geschichte der deutsch-deutschen Literatur seit 1945 liefert eine Reihe von Beispielen dafür, wie Autoren sich in gesellschaftliche Verständigungsprozesse eingemischt und den „gesellschaftlichen Normalismus“ (J. Link) gezielt aufgestört haben.
• Damit steht auch die Frage nach den Ansprüchen, die die Gesellschaftssysteme nach 1945 an ihre Intellektuellen richteten. Nicht nur haben die Intellektuellen selbst ihre öffentliche Rolle immer wieder thematisiert und verhandelt. Auch die politischen Eliten, gesellschaftlichen Interessengruppen und medialen Meinungsführer haben ihr Verständnis von der Funktion einer kritischen Intelligenz schon immer an die Autoren herangetragen. Es bleibt also immer auch zu eruieren, welche Rolle das Wechselverhältnis von aufstörendem Individuum und seiner medial-sozialen Umwelt spielt, die diesem die Möglichkeit gibt oder erschwert, sich öffentlich zu äußern.
• In Hinblick auf Literatur als Symbolsystem – und insbesondere darum soll es auf der Tagung gehen – ist natürlich danach zu fragen, welche Konfigurationen von der Figur des ‚Intellektuellen‘ sich in literarischen Texten materialisiert finden: Da literarische, filmische und bildkünstlerische Texte immer wieder Zwischenräume gestalten und Störungen sowie Grenzüberschreitungen inszenieren, ist nach der narrativen Funktion und handlungstragenden Bedeutung der Figur des Intellektuellen zu fragen. In Verbindung damit wäre genauer herauszuarbeiten, inwiefern man von der literarischen Figur des Intellektuellen als einer „Figuration der Störung“ sprechen kann.

Weitere Konkretisierungen und Präzisierungen durch die Referentinnen und Referenten sind innerhalb des vorgegebenen Themenrahmens ausdrücklich erwünscht.

Margarethe von Trotta, die gerade mit „Hannah Arendt“ einen überaus erfolgreichen Kinofilm über die deutsch-jüdische Philosophin und Intellektuelle (1906–1975) gedreht hat, ist als Gast angefragt. Zudem werden erneut Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, u.a. aus Deutschland, den USA, Canada, Polen, England, Kroatien dabei sein.

Die 6. Hans Werner Richter Literaturtage 2013 werden ausgerichtet vom Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen/Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur (Prof. Dr. Carsten Gansel/Leitung) und dem Eigenbetrieb Kaiserbäder Insel Usedom
(Dr. Karin Lehmann), in Verbindung mit der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft (Neubrandenburg).

Bei Interesse bitten wir um Rückmeldung mit einem konkreten Themenangebot bis zum
15. Juli 2013 an folgende Adresse:

Carsten Gansel und Norman Ächtler
Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Str. 10b
35394 Gießen
Carsten.Gansel@germanistik.uni-giessen.de
Norman.Aechtler@germanistik.uni-giessen.de
Web; http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm/forschung/tagungen/cfp-hwr2013_intellektuelle

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBansin/ Usedom
Bewerbungsschluss15.07.2013
Anmeldeschluss31.10.2013
Beginn14.11.2013
Ende16.11.2013
PersonName: Prof. Dr. Carsten Gansel 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
KontaktdatenName/Institution: Prof. Dr. Carsten Gansel/ Institut für Germanistik/ Justus-Liebig-Universität Gießen 
Strasse/Postfach: Otto-Behaghel-Str. 10B 
Postleitzahl: 35394 
Stadt: Gießen 
Telefon: 0641-9929121 
Fax: 0641-9929129 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
Internetadresse: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie; Medien- u. Kommunikationstheorie
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.13.00 Literaturkritik. Wertung; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.16.00 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.11.00 DDR; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.06.00 Literarisches Leben
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