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Ergebnisanzeige "Der magische Realismus als narrative Strategie in der Überwindung historischer Traumata"
RessourcentypCall for Papers
TitelDer magische Realismus als narrative Strategie in der Überwindung historischer Traumata
BeschreibungDer Magische Realismus als narrative Strategie in der Überwindung historischer Traumata

Call for Papers

Thematische Ausgabe, Nr. 14/2014 von Interférences littéraires – Literaire Interferenties (Multilingual e-Journal for Literary Studies).

ILLI is an open access journal founded in 2001 by the « Institute of literature » that provided a common forum for researchers in literature associated with the Université catholique de Louvain (Louvain-la-Neuve, Belgium). The journal is appearing biannually since November 2008 and is since the 6th issue jointly run by the Université catholique de Louvain (Louvain-la-Neuve) and the Katholieke Universiteit Leuven, in view of a redefined scientific programme and according to an extended administrative and scientific organizational structure.




Jeder Versuch, sich des „magischen Realismus“ als Schlagwort in der Historiographie der europäischen bzw. Weltliteratur vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart zu bedienen, wird zu einer Herausforderung, da es sich als erheblich schwierig herausstellt, das semantische Feld des besagten Konzeptes zu homogenisieren. Obgleich die Tendenz zur Verallgemeinerung des „magischen Realismus“ die fachliche Forschung in den letzten Jahrzehnten charakterisiert hat (siehe die bahnbrechenden Werke von Weisgerber, 1987 und Zamora & Faris, 1995), unterzog sich seine gesamte historiographische und theoretische Verortung unzähligen Drehungen und Wendungen, wodurch die prinzipielle Vielseitigkeit des Begriffs aufgezeigt wird.

Teil des Problems mag an der Tatsache liegen, dass parallele Forschungstraditionen, wie der magische Realismus in der deutschsprachigen Literatur der Zwischen- und Nachkriegszeit, der realismo mágico/real marvilloso in der lateinamerikanischen Tradition seit 1950 und der magical realism als postkoloniale und postmoderne Ästhetik, sich bloß überlagerten, ohne dass sie systematisch weiter eingeordnet wurden. Das Prinzip, den magischen Realismus gemäß seinen ausgeprägten „locations“/Positionen (Bowers 2004) zu behandeln, verstärkt diese Tendenz, linguistische und kulturelle Sphären nebeneinanderzustellen.

Allerdings schließt dieser Befund eine komparative Zugangsweise zum Phänomen magisch-realistischen Schreibens nicht aus – im Gegenteil: Er unterstreicht vielmehr das breite Spektrum seiner Anwendbarkeit, insofern die folgenden Voraussetzungen und Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden:

1) Wir betrachten den magischen Realismus als eine Schreibweise und nicht als eine anerkannte Gattung, welche auf eine bestimmte Geographie, Kultur oder einen literarischen Trend beschränkt ist. Diesbezüglich halten wir an Wendy B. Faris‘ Definition des magischen Realismus als einem Erzählstil fest, „[which] combines realism and the fantastic so that the marvellous seems to grow organically within the ordinary, blurring the distinction between them“ (Faris 2004:1). Magisch-realistisches Schreiben rückt einerseits die traditionellen Grenzen der Realität und der Phantasie in den Vordergrund, andererseits verstößt es gleichzeitig gegen diese, indem es scheinbar antithetische ontologische Daseinssphären innerhalb des literarischen Textes umordnet und neu gestaltet: die logische, wahrnehmbare bzw. verifizierbare alltägliche Realität auf der einen Seite und die sensoriell unbegreiflichen und unerklärlichen Erscheinungen des Übersinnlichen auf der anderen Seite.

2) Wir sind uns dessen bewusst, dass diese allgemeine Definition für weitreichende Bereiche der europäischen und Weltliteratur – zumindest seit der Romantik – geeignet ist. Somit schlagen wir vor, die magisch-realistische Schreibweise aus einer Perspektive zu betrachten, welche ihre Funktion in zeitgenössischen Werken jenseits der unterschiedlichen Erzählweisen und kulturellen Umstände beleuchtet, aus denen sie ursprünglich hervorgegangen ist. Dadurch begrenzen wir das Forschungsgebiet nicht auf postkoloniale und postmoderne Fiktion, sondern ziehen ebenfalls Kulturen und Literaturen in Betracht, in denen der magische Realismus bisher nicht „kanonisiert“ wurde und zusätzliche Recherche erfordert (beispielsweise die deutsch-, französisch-, niederländisch-, oder italienischsprachigen Literaturen).

Um die psychologische und soziopolitische Relevanz des magischen Realismus in den Vordergrund zu rücken, stellen wir die grundsätzliche These auf, dass magisch-realistisches Schreiben seit seinen Anfängen in den frühen 1920er Jahren zu einem der effektivsten, wenngleich umstrittensten künstlerischen Verfahren zur Darstellung äußerst traumatischer Geschehnisse avanciert ist. In den verschiedensten kulturellen Räumen hat diese Schreibweise ihren Einfluss auf literarische Produktionen bewiesen, die Manifestationen der Gewalt, wie beispielsweise Sklaverei, Kolonialismus, Kriege, Holocaust, Völkermord und Gewaltherrschaft repräsentieren. Als textuelle Repräsentation des Unaussprechlichen bringt der magische Realismus traumatische Geschehnisse in einer Weise zum Ausdruck, wie es dem traditionellen Realismus bisher nicht gelang; offenbar, weil die magisch-realistische Schreibweise und das traumatische Subjekt ontologische Grundlage teilen: Sie sind beide Teil einer Realität, in der man stets dem Zeugnis durch das Erzählen entflieht.

Indem er die Grenzen des traditionellen Realismus überschreitet, kann der magisch-realistische Text einerseits die Empathie der Autoren (durch ihre Erzähler und/oder Figuren) übermitteln, andererseits Mitgefühl bei den Lesern auslösen; nicht indem man sich die Stimme der Opfer aneignet, sondern indem man ihnen zum ersten Mal eine Stimme verleiht. Auch wenn die oft extremen Ereignisse, welche in den Texten nachgebildet werden, weder verstanden noch als kohärente Geschichte (im traditionellen, mimetischen Sinn) repräsentiert werden, übernimmt magisch-realistisches Schreiben die riskante Aufgabe, Geschichte zu (re)konstruieren, um diese dem begrifflichen System und der emotionalen Welt des Lesers näher zu bringen. Wenn Zusammenhänge zwischen Trauma, Imagination und Magie hergestellt werden, dann ereignet sich dies im kreativen Prozess und im Leseakt, im Verstand des Autors und des Lesers also. Durch magisch-realistisches Schreiben überträgt der Autor Ereignisse aus seiner „traumatischen Imagination“, die zunächst aufgrund ihrer traumatischen Qualität von der Erzählbarkeit ausgeschlossen scheinen, auf das narrative Gedächtnis. Die Magie im magischen Realismus kann dabei helfen, die Geschehnisse einer ursprünglich unvorstellbaren Erfahrung hinein in die mehr oder weniger kohärente, erweiterte Wirklichkeit des literarischen Textes zu integrieren. Magie wird dabei zum unentbehrlichen Element, mithilfe dessen die traumatische Imagination die Wirklichkeit neu anordnet und darstellt, sobald mimetische Realitätsprüfungen an die Grenzen stoßen.

Eingereichte Vorschläge sollten möglichst folgende Elemente aufgreifen, ohne sich notwendigerweise auf diese zu beschränken:

- die Überwindung traumatischer Erinnerungen durch magisch-realistisches Schreiben in verschiedenen Kulturen und Epochen;
- das Problem der moralischen Instanz, verursacht durch stellvertretende Zeugenschaft und die Repräsentation historischer Traumata durch magisch-realistische Bilder;
- die theoretische Abgrenzung magisch-realistischen Schreibens gegenüber der „poetischen Prosa“, Allegorie oder Metaphorik;
- das eigentliche Potenzial der magisch-realistischen Schreibweise, um das „Gefühl“ zutiefst traumatischer Geschehnisse zu simulieren; usw.

Um die thematische Kohärenz dieser thematischen Ausgabe zu bewahren, werden individuelle Fallstudien zum magischen Realismus, die sich nicht auf die Frage der historischen Traumata beziehen, nicht in Betracht gezogen.

Die Länge der Aufsätze sollte zwischen 4500 und 7500 Wörtern variieren. Bitte senden Sie Ihre Vorschläge vor dem 30. Juni 2013 an beide Herausgeber: Eugene Arva (magicreal@aol.com) und Hubert Roland (hubert.roland@uclouvain.be). Fügen Sie einen kurzen Abriss von rund 300 Worten und eine kurze Biographie hinzu, in der Sie Ihre institutionelle Mitgliedschaft, Ihr Forschungsinteresse und bedeutende akademische Leistungen nennen.

Nach einer Anfang Juli stattfindenden Auswahl werden die Beiträge vor dem 31. Dezember 2013 elektronisch eingereicht.


Ausgewählte Bibliographie zur Einführung

Arva, Eugene L. The Traumatic Imagination: Histories of Violence in Magical Realist Fiction. Amherst, New York: Cambria Press, 2011.
Barroso VIII, Juan et Daniel, Lee A. “Realismo Magico: True Realism with a Pinch of Magic.” The South Central Bulletin. 42.4 (1982): 129-130.
Benito, Jesús, Ana María Manzanas, et Begoña Simal. Uncertain Mirrors: Magical Realisms in US Ethnic Literatures. Amsterdam: Rodopi, 2009.
Bowers, Maggie Ann. Magic(al) Realism. London & New York: Routledge, 2004.
Blustein, Jeffrey. The Moral Demands of Memory. Cambridge: Cambridge Univ. Press, 2008.
Carpentier, Alejo. “De lo real maravillosamente americano,” in Tientos y diferencias (Mexico: Universidad Nacional Autonoma, 1964):115-135.
Durst, Uwe. Das begrenzte Wunderbare. Zur Theorie wunderbarer Episoden in realistischen Erzähltexten und in Texten des „Magischen Realismus“. Berlin/Münster: Lit, 2008.
Faris, Wendy B. Ordinary Enchantments. Magical Realism and the Remystification of Narrative. Nashville: Vanderbilt University Press, 2004.
Flores, Angel. “Magical Realism in Spanish American Fiction,” Hispania, 38 (May, 1955), 187-192.
Hart, Stephen M. et Wen-chin Ouyang (eds.). A Companion to Magical Realism. Woodbridge: Tamesis, 2005.
Harte, Joyce C. (ed.) Come Weep with Me: Loss and Mourning in the Writings of Caribbean Women Writers. Newcastle: Cambridge Scholars Publishing, 2007.
Leal, Luis. “El realismo magico en la literatura hispanoamericana,” Cuademos americanos, 153 (1967), 230-235.
Moran, Patricia. Virginia Woolf, Jean Rhys, and the Aesthetics of Trauma. New York: Palgrave Macmillan, 2007.
Parkinson Zamora, Lois & Faris, Wendy B. (ed.). Magical realism: theory, history, community. Durham: Duke University Press, 2000 [1995].
Roland, Hubert. « La catégorie du réalisme magique dans l’histoire littéraire du 20e siècle : Impasses et perspectives ». In :Hubert Roland & Stéphanie Vanasten (éd.). Les nouvelles voies du comparatisme. Gent: Academia Press, 2011 (« Cahier voor Literatuurwetenschap » 2), 85-98.
Roland, Hubert. “Is Magischer Realismus compatible with Magical Realism? A Case Study for an International Historiography of Literature”. In: Theo D’Haen (ed.), A World History of Literature. Brussel: Koninklijke Vlaamse Academie voor Wetenschappen en Kunsten, 2012, 81-89.
Rothberg, Michael. Multidirectional Memory: Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization. Stanford: Stanford University Press, 2009.
Scheel, Charles W. Réalisme magique et réalisme merveilleux: des théories aux poétiques. Paris : L’Harmattan, 2005.
Scheffel, Michael. Magischer Realismus. Die Geschichte eines Begriffes und ein Versuch seiner Bestimmung. Tübingen: Stauffenburg, 1990.
Valbuena Briones, Angel. “Una cala en el realismo mâgico,” Cuademos americanos, 166 (1969), 233-241.
Warnes, Christopher. Magical Realism and the Postcolonial Novel. London: Palgrave : Macmillan, 2009.
Weisgerber, Jean (ed.). Le Réalisme magique. Roman, Peinture et Cinéma. Bruxelles : L’Âge d’Homme, 1987.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://interferenceslitteraires.be/en/node/186
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss30.06.2013
Anmeldeschluss30.06.2013
PersonName: Hubert Roland 
Funktion: Prof. Dr. 
E-Mail: hubert.roland@uclouvain.be 
KontaktdatenName/Institution: Hubert Roland, Université catholique de Louvain (UCL) 
Strasse/Postfach: Collège Erasme, Place Blaise Pascal 1 
Postleitzahl: B-1348 
Stadt: Louvain-la-Neuve 
Telefon: 003210474951 
E-Mail: hubert.roland@uclouvain.be 
Internetadresse: http://interferenceslitteraires.be/en/node/186 
LandBelgien
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Erzähltheorie; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 1880 - 1945; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturpsychologie
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.12.00 Interpretation. Hermeneutik; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.03.00 Vergleichende Literaturgeschichte; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.04.00 Weltliteratur; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.03.00 Literaturgeschichtsschreibung; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.09.00 Gattungen und Formen > 05.09.03 Epik; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945); 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989); 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.08.00 Gattungen und Formen > 18.08.03 Epik; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.08.00 Gattungen und Formen > 19.08.03 Epik
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