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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Paul Celan und der Holocaust - Neue Perspektiven"
RessourcentypCall for Papers
TitelPaul Celan und der Holocaust - Neue Perspektiven
BeschreibungSymposium: Paul Celan und der Holocaust – Neue Perspektiven

Samstag, 9. November 2013
Beginn: 10:00 Uhr
Universität des Saarlandes, Campus Saarbrücken; Geb. C7 4, Raum 1.17
Organisation: Ruven Karr, M. A.

Mit freundlicher Unterstützung des Graduiertenprogramms der Universität des Saarlandes (GradUS) und des Lehrstuhls für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft Prof. Dr. Manfred Engel




Dass dem Holocaust eine ganz zentrale Rolle in der Dichtung Paul Celans zukommt, ist unbestritten. Ja, es scheint in der Celan-Forschung schon lange eine solche Einhelligkeit darüber zu herrschen, dass zwar noch stets auf den Holocaust hingewiesen wird, doch zumeist nur noch im Vorbeigehen, so als wäre über dieses Thema im Grunde alles gesagt. Auch in dem hochaktuellen und mittlerweile fast nicht mehr überschaubaren interdisziplinären Forschungsfeld der Erinnerungskultur und in dem weitläufigen Diskurs über Ästhetik und Poetik des Holocaust wird Celan zwar immer gerne herangezogen, doch eher als Kronzeuge und Stichwortgeber denn als Gegenstand sui generis: Griffige Formeln aus Celans Werk wie etwa „Niemand zeugt für den Zeugen“ oder die „tausend Finsternisse todbringender Rede“ werden dann oft mit den jeweiligen Kontexten verknüpft, ohne aber ihre Bedeutung im Kontext von Celans Poesie und Poetik hinreichend zu untersuchen. Mit anderen Worten: Es fehlt der Diskussion um den Stellenwert des Holocaust bei Celan heute mitunter an der Tiefe, die der Komplexität dieses Werkes eigentlich entspricht.

James K. Lyon sah 1993 die Celan-Forschung in zwei Lager gespalten: auf der einen Seite die „Biographisten“, auf der anderen die „Autonomisten“. Glücklicherweise hat sich im Zuge der „biographischen Wende der Celan-Forschung“ (Corbea-Hoisie 2002) die Überzeugung durchgesetzt, dass beide Paradigmen – Autorbiographie und poetische Autonomie – nicht voneinander zu trennen sind. Was die Darstellung des Holocaust betrifft, so kann bei Celan freilich nicht von mimetischer Darstellung gesprochen werden, gleichwohl – und das hatte bereits Lyon betont – geht Celan stets von konkreten Wirklichkeitsreferenzen aus, um sie dann in einen autonomen, poetisch generierten Sinnhorizont zu stellen. Man kann daher von einer ‚rudimentären Mimesis‘ des Holocaust in Celans Werk sprechen, auf deren Grundlage eine eigengesetzliche poetische Welt erschaffen und zugleich poetologisch reflektiert wird. Das Ineinander dieser drei Elemente – Fremdreferenz, Selbstreferenz und Autonomie – trägt maßgeblich zu jener Schwerverständlichkeit bei, die unter dem Etikett „Hermetik“ lange Zeit die Dichtung Celans charakterisierte. Weit mehr noch als um die Darstellung des Geschehens war Celan allerdings am Totengedächtnis an die jüdischen Opfer des Holocaust gelegen; auch das ist unhinterfragter Konsens. Allerdings wird auch dieses Thema in der aktuellen Forschung eher stiefmütterlich behandelt. Es wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Celan nicht an einer bloßen Thematisierung des Totengedenkens interessiert ist, sondern dass er die Toten personal evozieren bzw. selbst zu Wort kommen lassen möchte. Doch erstaunlicherweise ist dieser Befund (von der TODESFUGE einmal abgesehen), z. B. an den Gedichten, die sich als direkte Rede der Toten lesen lassen, selten eingehend geprüft worden.

Das Symposium findet am 9. November 2013 an der Universität des Saarlandes statt; an diesem Tag jährt sich die Reichskristallnacht zum 75. Mal. Der junge Paul Celan fuhr am 9. November 1938 mit dem Zug über Krakau und Berlin ins französische Tours, wo er zu dieser Zeit Medizin studierte. In einem späteren Gedicht ruft er diese Reise und ein böses Vorzeichen in Erinnerung: Den Rauch, den der bei seinem Zwischenstopp am Berliner Anhalter Bahnhof vernahm, hatte seine Ursache zwar in den Brandstiftungen an jüdischen Synagogen, Geschäften und Wohnungen, ist aber für den poetisch zurückblickenden Celan zugleich eine untrügliche Vorahnung des Kommenden – der Verbrennungsöfen in den Vernichtungslagern.

Über Krakau
bist du gekommen, am Anhalter
Bahnhof
floß deinen Blicken ein Rauch zu,
der war schon von morgen.


Ziel des Symposiums ist es, neue Perspektiven der Forschung über Paul Celan und den Holocaust zu eröffnen. Dabei ist die Anknüpfung an neuere Forschungsergebnisse (z. B. im Hinblick auf Celans dialogische Poetik, Textgenese, Selbstreferentialität oder auf biographische Quellen und Einflüsse) ebenso wünschenswert wie die Verortung innerhalb des Memoria-Diskurses (z. B. Zeugenschaft, Trauma- und Gedächtnistheorien) sowie die Aufdeckung zentraler Darstellungsweisen des Holocaust/der Toten anhand der Untersuchung einzelner, vor diesem Hintergrund bislang nicht hinreichend erforschter Gedichte.




Themenvorschläge:

- Bezüge auf den Holocaust/Totengedächtnis
(z. B. in den Gedichten SPÄT UND TIEF, IN ÄGYPTEN, ZÄHLE DIE MANDELN, PSALM, TENEBRAE, ENGFÜHRUNG, ALLERSEELEN, ANDENKEN, VOR EINER KERZE, ES WAR ERDE IN IHNEN, STIMMEN, INSELHIN,
SCHWARZE FLOCKEN, TODESFUGE, ES FÄLLT NUN MUTTER, ESPENBAUM, LA CONTRESCARPE, IN DER LUFT, DIE FLEIßIGEN, WALLISER ELEGIE, WOLFSBOHNE, UNGEWASCHEN UNBEMALT, MIT DER STIMME DER
FELDMAUS, AM WEISSEN GEBETRIEMEN, SCHIEFERÄUGIGE, OSTERQUALM, ÜPPIGE DURCHSAGE, ASCHENGLORIE etc.)

- Verknüpfung mit Theorien der Erinnerungskultur: Wie verhält sich Celans dialogische Poetik zum Konzept der Zeugenschaft (Zeuge und Zuhörer)? Wie zur Traumatheorie (vor allem im
Spätwerk)? Gibt es bestimmte Gedächtnistheorien, die sich heranziehen lassen? Etc.

- Holocaust-Diskurs in Celans Verhältnis zu seinen Zeitgenossen (Ingeborg Bachmann, Nelly Sachs, Ilana Shmueli, Martin Heidegger etc.); Stellung zum Literaturbetrieb und zur
Literaturkritik (Gruppe 47, Blöcker, Holthusen etc.); Antisemitismus in der Nachkriegszeit

- Thematisierung der jüdischen Tradition; Theodizee (z. B. ZÜRICH ZUM STORCHEN, EINE GAUNER- UND GANOVENWEISE, RADIX MATRIX, BENEDICTA, HINAUSGEKRÖNT, AUS ENGELSMATERIE, GESPRÄCH IM
GEBIRG etc.)

- Stellung des Holocaust in der „Meridian“-Poetik, der nachgelassenen Prosa und in den zahlreichen bislang kaum untersuchten Gedichte aus dem Nachlass

- Holocaust-Motive und -symbole und ihre (Dis-)Kontinuität im Werk

- Textgenese: Gibt es in früheren Textfassungen direktere Wirklichkeitsreferenzen? Wie werden diese im Verlauf der Textgenese transformiert/verfremdet? (Anknüpfungspunkte an die aktuelle
Forschung etwa in ‚Qualitativer Wechsel‘. Textgenese bei Paul Celan. Hrsg. von Axel Gellhaus und Karin Herrmann. Würzburg 2010).

- Was wusste Celan über den Holocaust? Welche Quellen hat er gelesen? Wie hat er sie literarisch verwertet?

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Wenn Sie an der Konferenz mit einem Beitrag teilnehmen möchten, schicken Sie bitte bis spätestens 31. Mai 2013 ein Abstract Ihres Themas (300-600 Wörter) an r.karr@mx.uni-saarland.de.
Eine Publikation der Beiträge ist fest eingeplant.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortSaarbrücken
Bewerbungsschluss31.05.2013
Beginn09.11.2013
Ende09.11.2013
PersonName: Karr, Ruven [M. A.] 
Funktion: Veranstalter, Ansprechpartner 
E-Mail: r.karr@mx.uni-saarland.de 
KontaktdatenName/Institution: Fachrichtung Germanistik der Universität des Saarlandes  
Strasse/Postfach: Campus 
Postleitzahl: D-66123  
Stadt: Saarbrücken 
Internetadresse: http://www.uni-saarland.de/fak4/fr41/germanistik/  
Name/Institution: Graduiertenprogramm der Universität des Saarlandes (GradUS) 
Strasse/Postfach: Campus 
Postleitzahl: D-66123 
Stadt: Saarbrücken 
Internetadresse: http://www.uni-saarland.de/campus/forschung/gradus.html 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte
Zusätzliches SuchwortHolocaust; Lyrik; Erinnerungskultur
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.09.00 Gattungen und Formen; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.09.00 Gattungen und Formen > 05.09.04 Lyrik; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989); 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.08.00 Gattungen und Formen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.08.00 Gattungen und Formen > 18.08.04 Lyrik
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