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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Textgenese zwischen Konjektur und Krux"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelTextgenese zwischen Konjektur und Krux
BeschreibungWorkshop «Textgenese zwischen Konjektur und Krux»
im Schweizerischen Literaturarchiv
30. November / 1. Dezember 2007

Ort:
Schweizerische Nationalbibliothek
Hallwylstrasse 15
CH-3003 Bern
Saal Dürrenmatt

Anmeldung für Gäste:
E-mail: Esther.Ackermann@nb.admin.ch
Tel. (Esther Ackermann) 0041 31 325 05 15 (bis 14 Uhr)

Die Erforschung von Textgenesen hat sich seit den 1960er Jahren vor allem durch die französische Critique génétique und später durch die deutsche Editionstheorie und -praxis als fester Bestandteil der literaturwissenschaftlichen Philologie etabliert. Dagegen ist die literaturwissenschaftliche Schreibpro-zeßforschung ein Zweig, der sich erst in der zweiten Hälfte 1990er Jahre herauszubilden begonnen hat. Wichtige Impulse sind in den letzten fünfzehn Jahren gerade von den – eigentlich der textgeneti-schen Forschung zuneigenden – Editionen mit der Herausgabe von begleitenden Faksimiles ausge-gangen, wie etwa der Nietzsche- oder der Kafka-Edition. Spielte in der 'klassischen' Editionswissen-schaft die Konjektur eine zentrale, wenn auch problematische Rolle, so scheint der Rekurs auf Faksi-miles konjekturale Verfahren überflüssig zu machen. Das Faksimile steht als monumentales Abbild der Handschrift in funktionaler Analogie zur Krux. Indes impliziert die Reflexion der Schreibprozesse, daß bereits die Rekonstruktion einer chronologischen Abfolge konjekturalen Charakter hat – selbst wenn man nicht mehr dem Ideal einer 'Leithandschrift' folgt. Gleichsam als Nebeneffekt haben die Faksimiles die singuläre Dynamik jedes Schreibens bis in die situativ-kontingente Umständlichkeit zutage gebracht und in ein Spannungsfeld mit der vermeintlichen oder wirklichen finalen Textabsicht gestellt. Daneben haben einzelne diskursanalytische Studien mit neuer Betonung der Materialität und Technik von Kommunikation die Aufmerksamkeit auf das Schreiben verstärkt.

So arbeitet die Textgenese an der Rekonstruktion von Schaffensprozessen innerhalb eines Werk-komplexes, unabhängig davon, ob ein autorisierter Text vorliegt oder nicht. Die textgenetische Arbeit bildet Mutmassungen über einen zu bestimmenden Werkbegriff und vermeidet die teleologische Fi-xierung des Texts. Vielmehr wird die sich beständig relativierende Anordnung von Varianten auf Plau-siblität geprüft. Textgenetik kann somit von Grund auf als konjekturaler Prozess verstanden werden. Sie verläuft in materiell fixierbaren Bahnen. Die philologische Arbeit beruht auf dem Wechsel zwischen Thesenbildung, Rekonstruktion der materialen Überreste und der Interpretation im Hinblick auf ein möglicherweise gar nie realisiertes Werk. Exemplarisch hierfür sind die Studien zu Friedrich Dürren-matts Spätwerk. Die textgenetischen Rekonstruktionen erlangen eine Plausibilität und eine relative Festigkeit in der Anordnung der Varianten und werden so zur notwendigen Voraussetzung für die Möglichkeit einer Edition.

Darüber hinaus hat die Erforschung von Schreibprozessen der Textgenetik eine kulturwissenschaftli-che Erweiterung erlaubt. Eine beträchtlichen Anzahl einzelner Forschungsbeiträge zum Schreibpro-zeß haben die deutschsprachigen nationalen Literaturarchive mit kommentierten Publikationen von literarischen Dokumenten geliefert. Eigentliche Initiativen für eine programmatische Untersuchung von Schreibprozessen sind einerseits von der französische Schule der Critique génétique, namentlich vom Institut de textes et manuscrits (Item) mit der Zeitschrift Genesis und von der Reihe Textes et Manusc-rits ausgegangen, andererseits vom Projekt „Zur Genealogie des Schreibens“, das seit 2000 eine literarische Schreibprozeßforschung betreibt. Daneben hat jüngst auch ein wissenschaftshistorisches Projekt die Rolle der Schrift und anderer graphischer Mittel in Erkenntnis und Wissensprozessen systematisch zu erforschen begonnen. Am SLA laufen zur Zeit zwei textgenetisch fundierte Editions-projekte zu Friedrich Glausers Schreibszenen (Irmgard Wirtz/Hubert Thüring) und zum Spätwerk Stof-fe von Friedrich Dürrenmatt (Ulrich Weber/Rudolf Probst).

Ausgehend von den Ergebnissen des ersten Arbeitsgesprächs „Konjektur und Krux“ im Juli diesen Jahres am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin stellt sich vertieft die Frage, wie sich aus editionstheoretischer und praktischer Sicht eine Analyse von Schreibprozessen zur Dichotomie von Konjektur und Krux verhält. Vor dem Hintergrund der skizzierten Überlegungen ist die Rolle von Konjekturen im Rahmen der Schreibprozeßforschung mit Blick auf die Deutung von Schreibspuren intensiver zu überprüfen.


Programm:

Freitag, 30. November 2007
09.00 – 18.00 Uhr

09.00
Begrüssung: Irmgard Wirtz, Leiterin Schweizerisches Literaturarchiv (Bern),
Uwe Wirth (Lehrstuhl für Literatur- und Kulturwissenschaft, Giessen), Kai Bremer (Giessen)

09.30
Rüdiger Nutt-Kofoth (Wuppertal)
Textgenese und Textkritik. Zur Relevanz konjekturaler Verfahren bei der editorischen Repräsentation von Textentwicklung und Schreibprozess

10.15
Dietmar Pravida (Frankfurt)
Orion am Morgenhimmel. Ein konzeptioneller Widerstreit in der Text- und Werkgenese von Clemens Brentanos Versepos „Die Erfindung des Rosenkranzes“

11.00 – 11.30
Pause

11.30
Felix Christen (Zürich)
Unverbrüchlicher Text. Kafka konjizieren

12.15
Carlos Spoerhase (Kiel)
Der Status der Werkkonjektur


13.00 – 14.00
Mittagspause im „Bistrot l’esprit nouveau“

14.00 – 14.45
Kleiner Rundgang durch das Schweizerische Literaturarchiv


14.45
Ulrich Weber (Bern)
Konjekturaledition einer Konjekturalbiographie. Mutmassender Umgang mit den Manuskripten zu Friedrich Dürrenmatts Stoffe-Projekt

15.30
Ursula Kocher (Berlin)
Genese und Krux. Zum Textbegriff der Editionswissenschaft

16.15 – 16.45
Pause

16.45
Annetta Ganzoni (Bern)
Schreibprozess und Konjektur. Zur Lektüre poetologischer Manuskripte bei Andri Peer

17.30
Diskussion, Zwischenbilanz

19.00
Abendessen im Restaurant „Zunft zu Webern“


Samstag, 1. Dezember 2007
09.30 – 13.00 Uhr


09.30
Stephan Kammer (Frankfurt)
Text? Genese? Bemerkungen zu einer Problembeziehung

10.15
Irmgard Wirtz (Bern)
Konjekturale Sprünge. Dürrenmatts Midas-Komplex

11.00 – 11.30
Pause

11.30
Sandro Zanetti (Basel/Berlin)
Demokratisierung der Konjektur. (Material-)Dokumentation versus (Text-)Konstitution

12.15
Caroline Pross (Berlin)
Fingierte Konjekturen. Der Philologe W.G. Sebald

13.00
Abschluss

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBern
Beginn30.11.2007
Ende01.12.2007
PersonName: Ackermann, Esther 
Funktion: Ansprechpartnerin 
E-Mail: Esther.Ackermann@nb.admin.ch 
KontaktdatenName/Institution: Schweizerische Nationalbibliothek 
Strasse/Postfach: Hallwylstrasse 15 
Postleitzahl: 3003 
Stadt: Bern 
LandSchweiz
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeEditionstheorie
Ediert von  H-Germanistik
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