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Ergebnisanzeige "Ökonomie des Glücks – Literatur der Muße, des Müßiggangs und der Faulheit"
RessourcentypCall for Papers
TitelÖkonomie des Glücks – Literatur der Muße, des Müßiggangs und der Faulheit
BeschreibungCALL FOR PAPERS:

Ökonomie des Glücks –
Literatur der Muße, des Müßiggangs und der Faulheit

(Sammelband)


Einsendeschluss für die Beitragsvorschläge: 15. März 2013


Müßiggang und Faulheit werden vor allem in der Neuzeit mit Unproduktivität
gleichgesetzt und gesellschaftlich wie moralisch unter Bann gestellt;
industrielle Revolution und bürgerlicher Geist sehen in ihnen nur eine
Gefahr für den Fortschritt und das allgemeine Glück. Die gewinnbringende
Aktivität und mit ihr die produktive Arbeit beginnen dagegen ihren
Siegeszug in einer von Geld bestimmten Welt und werden zur herrschenden
Ideologie, in der kein Platz ist für kontemplatives Leben. Obwohl schon
der Theologe Thomas von Aquin vor acht Jahrhunderten die übertriebene
Arbeitslust für eine Folge ungewöhnlicher Trägheit hielt, nämlich der
Trägheit des Herzens, den im Menschen angelegten göttlichen Gedanken zu
entwickeln.

Wie es eine Tradition innerhalb der Literatur und der gesamten
Geistesgeschichte gibt, in der die Notwendigkeit der harten Arbeit als
menschliche Tugend betont wird, existiert daneben eine viel ältere
Tradition quer durch alle Literaturgattungen, in der dem Müßiggang und der
Faulheit gehuldigt wird. Seit der Antike bedeutete Müßiggang Freiheit,
eine Freiheit, die die griechischen Philosophen im Sinn hatten, als sie
jede Form der körperlichen Arbeit ablehnten, um frei zu sein für ein
selbst bestimmtes, kontemplatives Leben, das sich zum Ziel die
Vervollkommnung des eigenen verantwortungsbewussten Selbst, des wahren
Mensch-Seins im Sinne einer aufgeklärten und humanistischen Philosophie
setzte. Und bedeutete mehr noch Glück und Lebenslust.
Bei Schiller wird Ruhe und Schönheit zum Ausdruck idealer Humanität, die
der freie Mensch nur abseits ‚entfremdeter Arbeit‘ finden kann. Erst in
der Muße kann der Mensch im Augenblick jenes Bleibende entdecken, das sich
in aller Zeit als Ideal verewigt. „Arbeit ist des Bürgers Zierde“, heißt
es zwar in Schillers Gedicht Lied von der Glocke und doch ging es Schiller
um die Freiheit des Menschen, der jede Art (fremdbestimmter) Beschränkung
seines Daseins überwindet. Der Bürger sollte Mensch werden, eine freie
Persönlichkeit, die sich am Ideal des Humanismus orientiert. Doch die
industrielle Revolution ersetzte den Menschen durch den Arbeiter und
nötigte ihn zur Stetigkeit, Monotonie und Routine. Sinnleere, Indifferenz
und Antriebslosigkeit waren vielfach Folge-Erfahrungen der profanisierten
Arbeits- und Lebenswelt. ‚Krankheit der Moderne‘ nannte Søren Kierkegaard
die Langeweile, aus der Arbeit keinen Ausweg bietet: „Man unterziehe sich
niemals einer Berufsarbeit. Tut man das, so wird man schlecht und recht
ein Allerweltsmensch, ein kleines Rädchen in der Maschine des
Staatsorganismus“. Vielmehr ist Müßiggang für Kierkegaard die Alternative
und Herausforderung, „Müßiggang ist durchaus nicht eine Wurzel allen
Übels, sondern ist, im Gegenteil, ein geradezu göttliches Leben, solange
man sich nicht langweilt.“ Im literarischen Beispiel von Robert Walser
Helblings Geschichte jedoch findet der unendlich gelangweilte Protagonist
in seiner bis zur Perfektion getriebenen Arbeitsvermeidung und Trägheit
keinen Eingang in einen erfüllenden Müßiggang.

Der geplante Sammelband will dieser Tradition an ausgesuchten Beispielen,
die bis heute in den verschiedensten Literaturgattungen und
unterschiedlichen Figuren lebendig geblieben ist, nachforschen und
untersuchen, welche Idee eines glücklichen Lebens sich hinter dem
jeweiligen Konzept von Müßiggang und Faulheit verbirgt und ob sich daraus
ein utopischer Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Realität ablesen lässt.

Für den Sammelband können Exposés zu verschiedenen (literarischen)
Schwerpunkten des Themas eingereicht werden, wobei Bezüge zu aktuellen
Diskussionen zum Sinn und Wert von Muße, Müßiggang und Faulheit (in
literarischen Werken) außerordentlich gewünscht sind.

Vorschläge für Beiträge werden bis zum 15. März 2013 per E-Mail erbeten
(Abstract ca. 500 Wörter), sowie zusätzlich bitte einige kurze
bio-bibliographische Angaben.
Abgabetermin für die vollständig ausgearbeiteten Beiträge (ca. 6.000
Wörter) ist dann der 30. August 2013.

Vorschläge und Beiträge werden erbeten an:

Dr. Mirko Gemmel
mirko.gemmel@hu-berlin.de

Claudia Löschner
claudia.loeschner@fu-berlin.de


Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss15.03.2013
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
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