VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Fontanes Stoffe. Zur Produktivität des Materialen in Fontanes Schreibpraktiken und Schriftgeweben"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelFontanes Stoffe. Zur Produktivität des Materialen in Fontanes Schreibpraktiken und Schriftgeweben
BeschreibungFontanes Stoffe. Zur Produktivität des Materialen in Fontanes Schreibpraktiken und Schriftgeweben

Workshop des DFG-Graduiertenkollegs Schriftbildlichkeit der FU Berlin
in Kooperation mit dem Theodor-Fontane-Archiv Potsdam


Organisatoren: Thorsten Gabler (Berlin) & Hanna Delf von Wolzogen (Potsdam)


Potsdam, 15.11.2012


Fontane ist zeitlebens ein Schreib- und Schriftbesessener gewesen: ein »Scribilifax«, der nach den Stunden handschriftlicher Arbeit an Theaterkritiken, Reise- und Kriegsberichten, Gedichten und Romanen die Feder nicht etwa beiseitegelegt, sondern erneut angesetzt und zur Erholung tausende Briefe zu Papier gebracht hat. Über die Jahrzehnte ist auf diese Weise ein Konvolut entstanden, dessen Autographen einen Blick hinter die Kulissen von Fontanes eigentümlicher Arbeits- und Produktionsweise ermöglichen. Die Stoffe, die der Journalist und Schriftsteller bearbeitet hat – Papiere, Zeitungsartikel, Briefe, Skizzen, Bilder und dergleichen mehr – lassen die Schreibszenen ansichtig werden – die Prozeduren des Auf-, Ab-, Um- und Überschreibens –, namens derer Fontane allmählich zu seinem berühmten, unverwechselbaren ›Ton‹ gefunden hat.

Handschriftliche Notate wie diejenigen aus Fontanes Feder nicht länger bloß als Vorstufen zum gedruckten Werk oder aber, wie im Fall von Briefen, Tage- und Notizbüchern, als werkbiographische Beigaben, sondern als lohnenswerte eigenständige, an Komplexität ihren typographischen Verwandten in nichts nachstehende Forschungsobjekte zu betrachten, ist ein Perspektivenwechsel, den die Literaturwissenschaft allmählich vollzieht. Auslöser hierfür sind unter anderem die Invektiven der critique génétique gewesen, deren Vertreter die Aufmerksamkeit auf die aisthetischen Dimensionen des Geschriebenen gelenkt haben und, vom ikonischen, konstellativen Charakter der Schrift/Bilder sprechend, für eine Ästhetik plädieren, die der Mitsprache des Materials bei der Produktion von Sinn Rechnung trägt.

Auf der Grundlage einer solchen Theoriebildung erweisen sich Fontanes Autographen als Objekte, die einen Einblick in das ›stoffliche‹ Voraussetzungsgefüge sinnproduzierender Zeichenprozesse ermöglichen. Im Fokus des Workshops stehen daher Autopsien, die sich der Produktivität des Materialen – der Papierqualität, des Formats, des Nach- und Nebeneinanders beschrifteter und unbeschrifteter Seiten, des Schreibduktus, der topographischen Organisation der Seite(n) und dergleichen – von Fontanes Autographen zuwenden. Ziel des Workshops ist es, Fontanes Schreibprozesse als eine in ihren kreativen und explorativen Leistungen nicht zu unterschätzende spezifische, im Wechselspiel zwischen Auge, Hand und Kulturtechnik(en) vollzogene Praxis herauszustellen und Fontanes handgefertigte skripturale Texturen in ihren jeweiligen aisthetischen und epistemologischen Dimensionen zu beleuchten.

Die literarischen Manuskriptblätter, auf denen sich Fontane Notizen zu den Schauplätzen und Figuren seiner Texte gemacht, Handlungsverläufe skizziert und Formulierungen erprobt hat, sind Dokumente der »Selbstorganisation eines sich Übersicht schaffenden Denkens« (Kogge). Es handelt sich nämlich um Blätter, auf denen sich die Leistung der Schrift, Konfigurationen auf der Fläche simultan darstellen zu können, an den zahlreichen Bearbeitungsspuren – den Streichungen, Hinzufügungen und Überschreibungen mit Tinte, Blei- und Buntstift –, sehen und das operative Denken der Schrift in den Schreibpraktiken: in den Phasen des Stoff- und Materialsammelns, der Dispositions- und Entwurfsarbeit, der Niederschrift und der intensiven Überarbeitung, genauestens nachvollziehen lässt.

Dass es das Zusammenspiel der Schreibmaterialien und -werkzeuge ist, das die Gedanken hervorbringt, wird ebenfalls in den 67 Notizbüchern augenfällig, in die Fontane diverse heterogene Eintragungen journalistischer und literarischer Art vorgenommen hat. Hier beeinflussen die situativen Umstände und materialen Parameter die Gestalt der Einträge: Dicht an dicht berühren sich in den Heften sprachliche und bildkünstlerische, mal mit Feder und Tinte, mal mit Bleistift niedergeschriebene Notate und Skizzen – was freilich zur Folge hat, dass sich die Medien Schrift und Bild in ein spannungsvolles Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeiten setzen und die beschrifteten und bezeichneten Seiten dadurch intrikate, in ihren bedeutungsgenerierenden Dynamiken höchst bemerkenswerte Beziehungen eingehen.

Eine andere kreative Leistung der Schrift tritt in Fontanes Briefkonvolut zutage: Hier ist es die »Architektur der Randbeschriftung« (Erler): die kapriziöse Linien- und Zeilenführung an den Rändern des Briefpapiers, mittels derer Fontane die Potentiale des »Operationsraumes Schrift« (Krämer) durchmisst. Denn obwohl Fontane um die konventionellerweise linear gestaltete abendländische Schreib- und Leserichtung weiß, präsentiert er seinen Briefpartnern in Gestalt der postalisch expedierten Schriftstücke mehrdimensionale skripturale Geflechte, die sich in der einen oder einer ganz anderen Weise lesen lassen – je nachdem, welche Schriftlagen man zueinander in Beziehung setzt. Auf diese Weise führen Fontanes Skripturen vor, dass sich die briefliche Kommunikation nicht auf den Akt der Informationsübermittlung beschränken lässt, sondern Briefe grundsätzlich auch in ihren aisthetischen Valenzen gewürdigt sein wollen.


PROGRAMM

11.00-11.15 Uhr
Thorsten Gabler (Berlin)
Begrüßung, Eröffnung des Workshops

11.15-12.15 Uhr
Heike Gfrereis (Deutsches Literaturarchiv Marbach)
Literatur als Überfluss. Fontanes Entwurfshandschrift

12.15-13.15 Uhr
Hanna Delf von Wolzogen (Theodor-Fontane-Archiv Potsdam):
Fragmentarische Entwürfe. Zwischen Werkstatt, Werk und Wirkung

13.15-14.15. Uhr
Mittagsimbiss

14.15-15.15 Uhr
Petra McGillen (Dartmouth College Hanover, New Hampshire)
Seitensprünge. Theodor Fontanes bewegliche Notationspraxis

15.15 Uhr-15.45 Uhr
Kaffeepause

15.45-16.45 Uhr
Thorsten Gabler (Freie Universität Berlin)
»…so kommt denn die Hauptsache richtig wieder an den Rand«.
Zur topo/logo/graphischen Organisation von Fontanes Ehebriefen

16.45-17.00 Uhr
Hanna Delf von Wolzogen (Theodor-Fontane-Archiv Potsdam):
Schlussworte



Der Workshop findet statt in der

Villa Quandt: Theodor-Fontane-Archiv
Große Weinmeisterstraße 46/47
14469 Potsdam


Gäste sind uns herzlich willkommen. Bitte melden Sie ihre Teilnahme bis zum 12.11.2012 unter fontanearchiv@uni-potsdam.de an.



Thorsten Gabler
FU Berlin: Institut für Philosophie
DFG-Graduiertenkolleg ›Schriftbildlichkeit‹
Habelschwerdter Allee 30
14195 Berlin
www.schriftbildlichkeit.de


Dr. Hanna Delf von Wolzogen
Theodor-Fontane-Archiv Potsdam
Große Weinmeisterstraße 46/47
14469 Potsdam
www.fontanearchiv.de
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortPotsdam
Anmeldeschluss12.11.2012
Beginn15.11.2012
Ende15.11.2012
PersonName: Gabler, Thorsten 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: gabler@schriftbildlichkeit.de 
Name: Delf von Wolzogen, Hanna [Dr.] 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: fontanearchiv@uni-potsdam.de 
KontaktdatenName/Institution: Graduiertenkolleg Schriftbildlichkeit an der Freien Universität Berlin 
Strasse/Postfach: Habelschwerdter Allee 30 
Postleitzahl: 14195 
Stadt: Berlin 
Telefon: 03083854243  
Fax: 03083854252  
E-Mail: gabler@schriftbildlichkeit.de 
Internetadresse: http://www.schriftbildlichkeit.de 
LandDeutschland
Klassifikation00.00.00 ohne thematische Zuordnung
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/29188

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 25.10.2012 | Impressum | Intern