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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Arbeit als Naturverhältnis in medialer und literarischer Reflexion "
RessourcentypCall for Papers
TitelArbeit als Naturverhältnis in medialer und literarischer Reflexion
BeschreibungArbeit als Naturverhältnis in medialer und literarischer Reflexion
Interdisziplinäre Tagung vom 29.11. – 01.12.2013
an der Otto-Friedrich Universität Bamberg
– Call for Papers –

In seiner Kritik des Gothaer Programms geißelt Karl Marx die Vorstellung der zeitgenössischen Sozialdemokratie, dass Arbeit Quelle allen Reichtums sei. Hinter dieser These stehen für Marx die Machtinteressen der herrschenden Klasse, die den gesellschaftlichen, kollektiven Charakter der Arbeit betone, um fetischistischen und ausbeuterischen Instanzen wie dem Staat und seiner Bürokratie eine soziale Legitimation zu verschaffen und den tatsächlichen Ursprung ökonomischen und kulturellen Reichtums zu verschleiern: Ohne Inbesitznahme der Natur können laut Marx weder Gebrauchswerte noch Mehrwert produziert werden, da jede Produktion die Existenz von Produktionsmitteln voraussetzt, die der Mensch ursprünglich der Natur entnimmt. Derjenige, der sich – wie der Arbeiter – jedoch nichts weiter als die Natur seiner Arbeitskraft aneignen kann, gerät in ein strukturelles Abhängigkeitsverhältnis zu denjenigen, die über die natürlichen Rohstoffe als Quelle der Gebrauchswertproduktion verfügen. Ohne Analyse des menschlichen Naturverhältnisses fehlt somit der kritischen Ökonomie, wie sie von der marxistischen Diskursivität begründet wurde, der Maßstab, um die kapitalistischen Eigentums- und Machtverhältnisse zu hinterfragen. Während die zahlreichen Tagungen der vergangenen Jahre zum Thema Arbeit sich vor allem auf deren ökonomische und soziokulturelle Aspekte konzentrierten, wird die geplante Tagung Arbeit als Naturverhältnis untersuchen, um die Grundlagen einer markt- und kapitalismuskritischen Ökonomie zu erkunden und zu problematisieren. Dabei wird zum einen die anthropologische Dimension des Arbeitsbegriffs und zum anderen seine mediale Repräsentation und Reflexion im Mittelpunkt der Tagung stehen. Da konkret Literatur, Kino, Fernsehen, Fotografie, Presse, Rundfunk usw. mit ihren Inhalten ein Verständnis von bestimmten Thematiken wie auch der Arbeit kommunizieren, kann ihre genaue Betrachtung aus diesem progressiven Blickwinkel heraus neue Erkenntnisse zum wahrgenommenen Verhältnis von Arbeit, Natur und Gesellschaft liefern.

Im Anschluss an Hegels Ausführungen zur Teleologie in der Enzyklopädie definiert Marx im Kapital Arbeit als instrumentelles und strategisches Handlungsmuster, das nicht (wie Hegels „Idee“) auf die Versöhnung von Subjekt und Objekt zielt, sondern auf die technische und zweckrationale Manipulation der Natur. Diese Konzipierung des Arbeitsprozesses brachte Marx vonseiten der zweiten und dritten Generation der Kritischen Theorie den Vorwurf ein, nicht die gesamte Leistung der sapientialen Kultur zu erfassen, da sich menschliche Interaktion durch hochkomplexe Muster kommunikativen Handelns auszeichne, die das bereits auf der Stufe der Hominidenkultur realisierte evolutionäre Niveau technischer Rationalität übersteige. Mit Lyotard lässt sich zudem an dem von Marx entwickelten Begriff der Arbeit selbst Kritik üben: Bezieht sich der Mensch tatsächlich zweckrational auf die Natur oder prägt nicht vielmehr ein dionysischer Exzess und eine mimetische Anverwandlung das menschliche Naturverhältnis? Ob diese Vorwürfe Marx’ Arbeitsbegriff überzeugend widerlegen, kann man bestreiten, da der junge Marx den Menschen als universellen Produzenten begreift, der die Natur nicht zu seinen Zwecken manipuliert, sondern „überall das inhärente Maß dem Gegenstand anzulegen weiß“ und damit den „Gesetzen der Schönheit“ entsprechend produziert. Unabhängig von diesen Fragen der Marx-Exegese bleibt das von Walter Benjamin in seinen geschichtsphilosophischen Thesen angesprochene Problem bestehen, dass im 19. und 20. Jahrhundert nicht allein die Vorkämpfer des Kapitalismus, sondern auch die kommunistischen und gemäßigt sozialistischen Strömungen technische Naturbeherrschung mit sozialem Fortschritt identifizierten und damit die Frage ausblendeten, wie sich ein freier Naturbezug jenseits instrumenteller Arbeit denken lässt: Welche Rolle spielt die Mimesis bzw. eine auf Mimesis basierende Ästhetik in einem gewaltfreien Naturverhältnis? Lässt sich überhaupt eine ästhetische Versöhnung mit der Natur herstellen oder können instrumentelle Verhaltensmuster ausschließlich durch die Kraft kommunikativen Handelns überwunden werden? Welchen Maßstab bietet das menschliche Naturverhältnis für eine kritische Ökonomie, die ökologische Fragestellungen nicht der Naturbeherrschung aufopfert? Welche gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und ideologischen Bedingungen führten in der Moderne zur Durchsetzung eines einseitigen, auf zweckrationale Naturbeherrschung ausgelegten Arbeitsbegriffs?

In der Medienwelt, so heißt es in der einschlägigen Forschungsliteratur häufig, finden sich kaum Bilder von Arbeit – und demnach offenbar auch kaum Antworten auf diese Fragen. Überspitzt formuliert, seien mit Ausnahme von Ärzten, Anwälten, Journalisten, Rechtsanwälten, Soldaten und Kriminalpolizisten, die regelmäßig in Fernsehserien auftauchen sowie sich auf den Kinoleinwänden tummeln, fast nie Arbeitende oder ihre Arbeitsräume zu sehen. Allenfalls Dokumentar- und Experimentalfilme setzen sich intensiver mit dem Thema auseinander, doch auch das in vergleichsweise (zunehmend) geringem Rahmen. Arbeit erscheine als kommerziell schlecht verwertbar. In Anbetracht der außergewöhnlich engen Beziehung zwischen dem Sujet und speziell dem Medium Film mag das verwundern, ist doch nicht nur die Entwicklung der Kamera untrennbar mit der Industrialisierung ergo den fundamentalen Veränderungen in der Arbeitswelt verbunden; auch steht direkt am Anfang der Filmgeschichte Louis Lumières ARBEITER VERLASSEN DIE FABRIK (1895). Distanziert sich der Film also tatsächlich von seinem Ursprung, oder ist es vielmehr so, wie Georg Seeßlen konstatiert, dass uns Arbeit nicht unmittelbar vor Augen geführt wird, sondern unsere Diskurse um Arbeit in anderen Genres ‚verkleidet’ erscheinen? Die zeitgenössischen Science-Fiction-Blockbuster von MATRIX (1999-2003) bis I-ROBOT (2004) beispielsweise enthalten in der Tradition von Fritz Langs METROPOLIS (1927) unter anderem Auseinandersetzungen mit der Arbeit der Zukunft. Es gehe nicht nur um die Beziehung zwischen Mensch und Maschine, sondern auch darum, ob sich der Arbeiter weiterhin über seine Tätigkeit definieren kann oder ob sein Dasein sich einem Dahindämmern im Medienrausch annähere.

Diese Idee der Verkleidung möchten wir weiterverfolgen, denn gerade Reflexionen über Arbeit als Naturverhältnis scheinen im Mediendiskurs implizit beinahe allgegenwärtig zu sein: Zum Beispiel können die populärsten und ertragreichsten Filme wie James Camerons AVATAR (2009) oder dessen TITANIC (1997) als Verhandlungen über Imperialismus und Naturzerstörung bzw. über die Unverfügbarkeit der Natur und die Hybris der technischen Vernunft gelesen werden. Auch bei den Filmen Roland Emmerichs oder Katastrophenfilmen allgemein steht oftmals die Konfrontation von Mensch und Natur im Mittelpunkt. Begreift man Arbeit wie Hannah Arendt als jede „unmittelbar lebenserhaltende Tätigkeit des Menschen in seiner Auseinandersetzung mit der Natur“ (Krebs, 2002) lassen sich ferner Narrationen wie Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719), William Goldings Lord of the Flies (1954), Robert Zemeckis CAST AWAY (2000), die Fernsehserie LOST und viele weitere, die den Überlebenskampf in der rauen Natur einer entlegenen Insel thematisieren, als Verhandlungen über die menschliche Arbeit begreifen. Nicht zuletzt bieten zudem etliche Komödien verkleidete Arbeitsdebatten, indem sie uns Lebenskünstler par excellence präsentieren – besonders hervorzuheben wäre in diesem Zusammenhang Buster Keaton, der sich im ‚Kampf ums Dasein’ die Grundgesetze der Natur bzw. sein umfassendes kinetisches Wissen zu Nutze macht. Wie wird Arbeit als Naturverhältnis also explizit, aber auch implizit medial reflektiert? Wie wird die Beziehung zwischen Mensch und Natur dargestellt? Welche Rolle spielt die Tatsache, dass die Ressourcen unserer Arbeit mehr und mehr die Medien selbst werden und wir uns somit gewissermaßen von der Natur entfernen? Inwiefern tragen diese Bilder zu unserem Verständnis von Arbeit bei und wie wird dieses Verständnis durch die für die Medien charakteristische Selbst- und Fremdreferentialität sowie die wirkenden Wiederholungsmechanismen im Sinne Roland Barthes naturalisiert? Oder anders: Welche (dialektischen) Rückkopplungseffekte führen dazu, dass gesellschaftliche Verhältnisse den Schein natürlicher Gegebenheiten annehmen und umgekehrt Natur von anthropomorphen Projektionen überlagert wird?

Diese Fragen sollen lediglich grob den Rahmen für die Tagung abstecken, die vom 29.11. – 01.12.2013 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg stattfinden wird. Ergänzende und erweiternde Vorschläge sind selbstverständlich willkommen. Die Vorträge sollen Forschungsdesiderata aufgreifen, innovative Zugänge zum Tagungsthema eröffnen und gerne auch interdisziplinär angelegt sein. Beiträge aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaften, von Kultur-, Medien- und Literaturwissenschaftlern, Anthropologen, Philosophen, Sozialwissenschaftlern und Theologen sind ausdrücklich erwünscht.
Wir bitten um Zusendung eines Abstracts im Umfang von max. 500 Wörtern und einer kurzen biobibliographischen Notiz bis spätestens 31. Dezember 2012 an judith.wimmer@uni-bamberg.de. Die Veranstalter der Tagung werden im Januar über die Annahme entscheiden und die Beiträger_innen über ihre Entscheidung umgehend per E-Mail informieren. Der fertige Vortrag, dessen Länge 20-25 Minuten nicht überschreiten sollte, wird aller Voraussicht nach in einem Tagungsband veröffentlicht. Genaue Hinweise zur geplanten Veröffentlichung erhalten die Referenten auf der Tagung. Eine Übernahme der Reise- und Übernachtungskosten wird angestrebt.


Organisation/Kontakt:

Dr. Hans-Joachim Schott
Experienced Researcher an der Professur für
Neuere deutsche Literaturwissenschaft/Prof. Dr. Andrea Bartl

Judith Wimmer, Dipl. Medienwissenschaftlerin
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für
Literatur und Medien/Prof. Dr. Jörn Glasenapp

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBamberg
Bewerbungsschluss31.12.2012
Beginn29.11.2013
Ende01.12.2013
PersonName: Dr. Hans-Joachim Schott 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: hajoSschott@web.de 
KontaktdatenName/Institution: Judith Wimmer 
E-Mail: judith.wimmer@uni-bamberg.de 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Medien- u. Kommunikationstheorie
Zusätzliches SuchwortArbeit, Anthropologie
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien
Ediert von  H-Germanistik
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