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Ergebnisanzeige "Intertextuelle und interkulturelle Dimensionen literarischer Celan-Referenzen: Prozesse einer Traditionsbildung in der Moderne "
RessourcentypCall for Papers
TitelIntertextuelle und interkulturelle Dimensionen literarischer Celan-Referenzen: Prozesse einer Traditionsbildung in der Moderne
BeschreibungKonferenzdaten: Mainz, 04.-06.07.2013

Paul Celan gehört sicherlich zu den am meisten erforschten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Diese Tagung stellt deshalb einmal nicht das Werk Celans in den Mittelpunkt der Betrachtung, sondern literarische Bezugnahmen auf sein Leben und Œuvre, v. a. die Rezeption seiner lyrischen Dichtung durch andere AutorInnen.

In jüngster Zeit haben kulturhistorische Perspektiven Verfahren und Funktionen der litera-rischen Traditionsbildung zunehmend ins Zentrum des Interesses gerückt und die Rolle der Verortung in solchen Traditionslinien als Form der Etablierung und Stabilisierung literarischer Systeme behandelt. Dass das Berufen auf Traditionen auch in der sich dezidiert als Dichtung der Moderne verstehenden Literatur nicht abbricht, belegen unter anderem die in der Moderne uneingeschränkt fortgesetzten Bezugnahmen auf andere Dichter, durch die eine Kommunika-tion von Vorstellungen über Relevanz und Vorbildlichkeit dichterischer Entwürfe erfolgt und thematische wie programmatische Kontinuitäten gestiftet werden. So ist auch für die deutsch-sprachige Lyrik nach 1945 eine über Zitate und Fortschreibungen im Bereich der Metaphorik erfolgende Referenz auf dichterische Tradition und deren Repräsentanten, die oft nicht nur eine sprachlich-stilistische Eigentümlichkeit erfasst, sondern gleich ein Dichterbild entwirft, vielfach festgehalten worden – man denke an die zahlreichen Gedichte zu Hölderlin.

Eine vergleichbar zentrale Position innerhalb der Diskurse literarischer Selbstverständigung – vielleicht die zentrale Position neben B. Brecht – nimmt in der Lyrik der 50er bis zu den 70er Jahren und in der zugehörigen Programmatik Werk und Biographie Paul Celans ein. Bereits in der mehr oder weniger indirekten dichterischen Kommunikation mit Celan selbst, aber noch stärker in den nach seinem Tod fortgeführten Auseinandersetzungen mit seinem Werk entsteht eine Vielzahl von Gedichten an und über Celan, in denen die Vertreter der hermetischen, aber auch der engagierten, v. a. jüdischen Literatur ihr Selbstverständnis und die Gültigkeit ihres ästhetischen Ausdrucks diskutieren. Dabei eröffnet sich ein breites Spektrum von Fortsetzungen und Anknüpfungen, affirmierenden und anerkennend kritischen Wieder-verwendungen von Textteilen und Bildern – besonders anschlussfähig, aber nicht unumstritten erweisen sich immer wieder die (vielfach nachgeahmten) sprachlich-stilistischen Eigenarten von Celans Gedichten –, von zum Zitat geronnenen poetischen Programmen und Dichtungsidealen. So beteiligen sich z. B. Gedichte und Stellungnahmen von Erich Arendt, Ernst Meister, Erich Fried, Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Johannes Bobrowski, Nelly Sachs u. a. auf je unterschiedliche Weise an diesem Diskurs, der nicht zuletzt einer über die Lyrik nach Auschwitz ist, für deren radikalste Konsequenzen, aber auch für deren Möglichkeit Celans Name steht – ist es doch gerade Celans Dichtung, angesichts derer Adorno sein Diktum von der Unmöglichkeit einer Lyrik nach Auschwitz zurücknimmt.

Eine solche Betrachtung richtet nicht zuletzt den Blick auf die Entfaltung verschiedenster Formen und Verwendungsweisen von Intertextualität. Entscheidend sind dabei nicht allein die Inhalte der Bezugnahmen und das bloße Auffinden intertextueller Verweise, sondern die spezifischen Möglichkeiten der Bedeutungskonstitution mittels Wiederaufnahme und Verwei-se auf das Celan'sche Œuvre, seien es nun reine Wiederholungen im Zitat oder ein Aufgreifen von Gedichtpassagen, eines metaphorischen Komplexes oder des dichterspezifischen Stils. Zu untersuchen wäre am Beispiel Celan die ganz eigene Art von Produktivität, die diesen Verfahren lyrischer Fortschreibungsprozesse zukommt und die als Medium ästhetischer Selbstvergewisserung genutzt wird: Wo zitiert oder fortgeschrieben wird, da steht oft weit mehr als der Inhalt des Übernommenen die Möglichkeit im Vordergrund, einen Kommentar dazu mitzuteilen, ein Verhältnis zum Prätext zu eröffnen. Dieses Verhältnis, das eine Distanz einschließt, kann als Auftakt zu einer Distanzierung, einer Kritik (in der gleichwohl der Dis-kurs fortgesetzt wird) fungieren oder zur Aneignung des Ausdrucks oder Gedankens für die eigene Schreibweise, die eigene Dichtungskonzeption dienen. Hierbei wird sichtbar, auf welche Weise Maßstäbe der Wertschätzung oder der literarischen Geltung des vorhandenen poetischen Ausdrucks eingeführt und verhandelt sind und inwiefern sich daraus eine poetologische Debatte ergeben kann (aber nicht muss). Es ließe sich nachvollziehen, wie literarische Produktion sich durch ihre Legitimierungsbestrebungen fortentwickelt und wie sie über den Selbstbezug, der die Gültigkeit der eigenen Dichtung ausweisen soll, letztlich zur Affirmation der als Maßstab etablierten Instanz beiträgt. Neben der Rezeption von Celans Ge-dichten durch deutsche und österreichische Dichter ist der Frage nachzugehen, wie Celan von den Bukowiner, den rumäniendeutschen, französischen und israelischen AutorInnen wahrgenommen und reflektiert wurde. Darüber hinaus lässt sich in der deutschsprachigen interkulturellen Literatur immer wieder feststellen, dass – neben Hölderlin und Kafka – Paul Celan eine Referenz für diese AutorInnen bildet. Die Biografie Celans als deutschsprachiger Dichter im (dauerhaften) Exil bietet hier nicht selten den Anschlusspunkt für eine Identi-fikation. In diesem Zusammenhang soll betrachtet werden, welche identitätsstiftenden Mög-lichkeiten das Werk Celans für die translingualen AutorInnen darstellt, wie diese in ihrem eigenen Schreiben aufgegriffen werden und welche Unterschiede im Vergleich zu den nationalen AutorInnen erkennbar sind.

In den einzelnen Beiträgen soll es darum gehen, das „Gespräch der Dichter“ (van der Knaap 1996) mit und über Paul Celan in seinen Verfahren, Varianten und Wirkungen zu erfassen und zu untersuchen. Das Anliegen einer solchen Untersuchung lässt sich in dreierlei Hinsicht wie folgt präzisieren:

- Mit der dichterischen Celan-Rezeption wird ein konkreter Fall von Fortschreibungspro-zessen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts thematisch, an dem sich die Dynamiken von Kanonbildung sowie die Verfahren der Etablierung ästhetischer Mustergültigkeit verfolgen lassen. Hier kann der Ausgangspunkt dafür liegen, eine neue Dimension der Celan-Forschung jenseits der bekannten Topoi zu eröffnen, in der die Auseinandersetzung mit Celans Werk für eine literarhistorische Perspektive fruchtbar gemacht werden kann.
- Die dichterische Beschäftigung mit Celans Werk und Leben ermöglicht es, die Ent-wicklung und Darstellungsformen poetologischer Diskurse zu untersuchen; zu zeigen wäre, wie Selbstvergewisserung und -reflexion mittels poetischer Rezeptions- und Fortschreibungsverfahren ihren Ausdruck finden, wie diese Verfahren zum Medium eigener Positionierungen werden, z.B. für die nach 1945 immer wieder erhobene Forde-rung nach einer engagierten Dichtung, und wie sich die literarische Traditionsbildung über Legitimationsgedanken von dichterischen Konzepten vollzieht. Mit Blick auf das vor allem nach Celans Tod verstärkte Einbeziehen seiner Biografie in den Diskurs lässt sich eine für die Moderne spezifische Form der Dichterstilisierung konturieren.
- Von Interesse ist ferner, wie der ,Dialog der Dichtungen‘ nicht nur das jeweilige dichte-rische Selbstverständnis und dessen Ausdruck bestimmt, sondern inwiefern er ein Movens oder eine Bestimmungsgröße von Gruppenbildungsprozessen erfasst bzw. welche Funktion er als poetisch inszenierte Kommunikations- und Anerkennungspraxis erfüllen kann und soll.

Kontakt:
Abstracts von etwa 300 Wörtern und Rückfragen richten Sie bitte bis 10. November 2012 an
Dr. Natalia Shchyhlevska (shchyhlevska@uni-mainz.de)
Dr. Christine Waldschmidt (waldsch@uni-mainz.de)

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortMainz
Bewerbungsschluss10.11.2012
Beginn04.07.2013
Ende06.07.2013
PersonName: Natalia Shchyhlevska 
E-Mail: shchyhlevska@uni-mainz.de 
KontaktdatenName/Institution: Deutsches Institut, Johannes Gutenberg-Universität Mainz 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteratur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Motiv- u. Stoffgeschichte
Zusätzliches SuchwortPaul Celan, Intertextualität, Moderne, Lyrik nach 1945, Fortschreibungsprozese, Erich Arendt, Ernst Meister, Erich Fried, Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Johannes Bobrowski, Nelly Sachs
Klassifikation18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.06.00 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.08.00 Gattungen und Formen > 18.08.04 Lyrik; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.09.00 Stoffe. Motive. Themen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990 > 18.10.03 Geistes- und Kulturgeschichte; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990 > 18.10.08 Stoffe. Motive. Themen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.11.00 DDR > 18.11.03 Geistes- und Kulturgeschichte; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.11.00 DDR > 18.11.06 Gattungen und Formen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.11.00 DDR > 18.11.07 Stoffe. Motive. Themen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.12.00 Österreich > 18.12.07 Stoffe. Motive. Themen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.13.00 Schweiz > 18.13.03 Geistes- und Kulturgeschichte; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.14.00 Zu einzelnen Autoren; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.08.00 Gattungen und Formen > 19.08.04 Lyrik; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.09.00 Stoffe. Motive. Themen; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.10.00 Bundesrepublik Deutschland; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.10.00 Bundesrepublik Deutschland > 19.10.03 Geistes- und Kulturgeschichte; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.10.00 Bundesrepublik Deutschland > 19.10.08 Stoffe. Motive. Themen; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.11.00 Österreich > 19.11.03 Geistes- und Kulturgeschichte; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.11.00 Österreich > 19.11.06 Gattungen und Formen; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.11.00 Österreich > 19.11.07 Stoffe. Motive. Themen; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.13.00 Zu einzelnen Autoren
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