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Ergebnisanzeige "Interpassivität und Mediävistik"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelInterpassivität und Mediävistik
Beschreibung12. - 14. Oktober 2012 Interdisziplinäre Tagung zum Thema „Interpassivität und Mediävistik“

Veranstaltungsort: Universität Bayreuth, Universitätsstraße 31, Gebäude GW I, Raum S 120 2. OG
Tagungsbüro: GW I, Zi. 0.22 EG

Der Philosoph Robert Pfaller brachte in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts den Begriff „Interpassivität“ als politischen Streitbegriff in den Kunst- und Mediendiskurs ein. Seitdem konnte Interpassivität als „kleine Theorie“ (Pias 2000) einen festen Platz an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft einnehmen.

Pfaller entwarf das Interpassivitätstheorem ursprünglich um „die damals drückende Vorherrschaft des Diskurses der Interaktivität zu relativieren“ (Pfaller 2008). Sein Ansatzpunkt war dabei der Überdruss vieler Rezipienten an der zur Ideologie geronnenen Forderung nach Interaktivität, sprich: Nach schöpferischer Beteiligung des Rezipienten an der Fertigung des Kunstwerkes. Anstatt aktiv an der Fertigstellung von Kunstobjekten mitzuwirken, konnte Pfaller in der postmodernen Gesellschaft auch das gegenteilige Phänomen des „delegierten Genießens“ beobachten, also die Auslagerung von Kunstrezeption und dem damit verbundenen Genuss auf Andere bzw. auf das Kunstwerk selbst. Das sowohl in der wissenschaftlichen Debatte als auch im Feuilleton zentrale Beispiel dafür ist das Phänomen „Dosengelächter“, also die bereits im Unterhaltungsfernsehen eingelagerte, emotionale Rezeption des Unterhaltungsfernsehens. Pfaller versteht das Dosengelächter nicht mehr interaktiv als Rezeptionsaufforderung, sondern interpassiv als ausgelagerte Rezeption, von der der Rezipient entlastet ist – und dennoch (bzw. gerade) daraus Genuss gewinnt: Nicht die Kunst lagert Teile ihrer Produktion auf den Betrachter aus, sondern der Betrachter kann Rezeption und damit Genuss auf das Kunstwerk auslagern.

Pfaller erweiterte in seinen grundlegenden Arbeiten zur Interpassivität die „kleine Theorie“, indem er es mit Überlegungen aus Psychoanalyse, Geschichts- und Religionswissenschaft ergänzte; die zentralen Größen der Interpassivität wurden nun Subjekt und Glauben. Pfaller unterscheidet zwischen „eigenen Einbildungen“ und den „Einbildungen Anderer“, wobei er mit Slavoj Žižek postuliert, dass diese „Anderen“ nicht in jedem Falle tatsächlich als Subjekte existieren: „[K]önnte es nicht sein, daß es Einbildungen gibt, die immer die der Anderen sind, ohne je die eigene Einbildung von irgend jemandem zu sein?“ (Pfaller 2002) Mit der Einbeziehungen der Überlegungen Veynes zum Glauben der antiken Griechen und der grundsätzlichen Überlegungen Mannonis zu Glaube und Aberglaube weitet Pfaller das Interpassivitätstheorem schließlich sowohl historisch als auch soziokulturell radikal aus, wobei nicht mehr Genuss, sondern Glauben der Gegenstand der Auslagerung ist: Auch Glaubensinhalte können existieren, ohne jemals von „irgend jemandem“ geglaubt worden zu sein (Beispiele hierfür wären etwa der Weihnachtsmann der Moderne oder auch die anthropomorphen Götter der Antike). Interpassivität (sei es in Form des delegierten Genießens, sei es in Form des delegierten Glaubens) wird somit zumindest tendenziell zu einer anthropologischen Konstante.

Dieser Universalitätsanspruch ist allerdings bislang noch nicht im Einzelnen eingelöst. In den Arbeiten zur Interpassivität wurden bislang nur Phänomene der Antike und der Neuzeit analysiert und interpretiert; gerade das europäische Mittelalter blieb bisher unbeleuchtet (mit der Ausnahme Wagner 2011), obwohl es mit seinen religiösen Auseinandersetzungen und seiner zunehmenden Ausdifferenzierung von Kunst und Literatur ein vielversprechender Untersuchungsgegenstand unter dem Fokus Interpassivität sein könnte. An diesem Forschungsdesiderat will die Tagung ansetzen. Dabei ist ein Mehrwert in zweierlei Richtungen zu erwarten: Einerseits verspricht die Anwendung eines aktuellen philosophischen Theorems auf die Mediävistik neue Einsichten und Erkenntnisse, aber auch eine fruchtbare Irritation des bereits etablierten Wissenskanons (vor allem hinsichtlich bislang als interaktiv interpretierter Phänomene); andererseits kann der Universalitätsanspruch des philosophische Theorems überprüft und seine Begrifflichkeiten historisierend geschärft werden.

Um den doppelten Mehrwert für die Mediävistik einerseits und dem Interpassivitätstheorem andererseits zu gewährleisten und auch um die Vielfalt mittelalterlicher Interpassivitätsmomente mit der je notwendigen Fachkompetenz in den Blick zu nehmen, ist ein interdisziplinäres Vorgehen unabdingbar: Die Philosophie stellt dabei erkenntnisleitende Fragestellung und theoretisch-methodisches Instrumentarium, die mediävistischen Disziplinen fungieren als Experten für deren Anwendung auf die mittelalterliche Kultur und Gesellschaft.

Für die mediävistische Germanistik eröffnet das Interpassivitätstheorem neue Zugriffsmöglichkeiten auf die Schnittstellen von Literatur und Gesellschaft, insbesondere auf das aktuell wieder kontrovers diskutierte Verhältnis von Text und literarischer Praxis (Konzeption, Aufführung, Rezeption, historische Interpretation). Auch hinsichtlich der erzähltheoretischen Debatten um die Größen Erzähler, expliziter/impliziter Autor, explizites/implizites Publikum etc. verspricht das Interpassivitätstheorem neue methodische Zugänge und eine Bereicherung der Fragestellungen. Gerade hier besitzt die Germanistik ein bereits breit diskutiertes Begriffsrepertoire, das inhaltliche Überscheidungen mit den Zentralbegriffen der Interpassivitätsdebatte aufweist, so dass in der gemeinsamen Arbeit der Philosophie und Literaturwissenschaft am Verhältnis von Kunstwerk und Rezipient ein gezieltes Hinterfragen und Präzisieren von theoretischen Begrifflichkeiten für beide Seiten in Aussicht steht.

Die Theologie ist schon durch die Interpretation von Glauben und Aberglauben als interpassive Phänome in ihrem Zentrum angesprochen (und auch angegriffen) und als zuständige Fachdisziplin zu Gespräch und Auseinandersetzung gefordert. Aber auch die wichtige Stellung von Performanz und Körper in der Religiosität des Mittelalters scheint ein vielversprechender Arbeitsbereich zu sein: Der auf dem ersten Blick interaktive Charakter mittelalterlicher Rituale führt zum einen den Universalitätsanspruch der Interpassivität auf den Prüfstand, könnte aber andererseits auch mit ihr gegengelesen und kritisch hinterfragt werden. Zudem wäre auch zu diskutieren (und dies auch in literarischer und kunsthistorischer Hinsicht), welche Funktion ggf. Gott für das Phänomen Interpassivität einnimmt, der bislang in dieser Hinsicht kaum in den Blick geraten ist, für die mittelalterliche Gesellschaft aber eine unhintergehbare Bezugsgröße darstellt.

Ähnlich verhält es sich mit der Geschichtswissenschaft: Hier liegen einerseits etwa mit Althoffs Arbeiten zu symbolischer Ritualität und Dinzelbachers Entwurf einer mittelalterlichen Laienfrömmigkeit vergleichbare Arbeitsfelder vor, die das Interpassivitätstheorem durch ihren vordergründig interaktiven Charakter in eine fruchtbare Krise führen können. Andererseits bleiben auch die jüngsten kritischen Gegenentwürfe zum „mittelalterlichen Panritualismus“ Alhoffscher Prägung durch Peter Dinzelbacher (Dienzelbacher 2009) ganz selbstverständlich einem Interaktivitätsparadigma verhaftet, so dass ein gezieltes Gegenlesen mittelalterlicher Ritualkultur mit dem Interpassivitätsparadigma als dringend geraten erscheint.

Die Kunstgeschichte bietet ähnliche Anknüpfungspunkte zum Interpassivitätstheorem wie schon die Germanistik, da die bildende Kunst des Mittelalters ebenso wie die mittelalterliche Literatur bereits mit unterschiedlichen Arten der Kunstbetrachtung und – Interpretation spielt und dabei die Rezeption im Kunstwerk thematisiert und tendenziell in dieses verlagert. Hier wäre auch kritisch danach zu fragen, ob nicht weite Teile des Interpassivitätsparadigmas bereits im Feld der künstlerischen Autopoiesis vorformuliert sind und welche neuen Aspekte eine interpassive Lesart der bereits bekannten Auslagerungen von Interpretation auf das Kunstwerk bringen könnte.

Die Philosophie schließlich wäre nicht nur als Impulsgeber gefordert, sondern auch als historische Wissenschaft: So könnte es sich als zielführend erweisen, den spezifisch modernen philosophischen Ansatz der Interpassivität mit mittelalterlichen – etwas scholastischen – philosophischen Ansätzen zu Subjekt und Beobachtung ins Gespräch zu bringen. Hierbei wäre es möglich, eine gezielte Historisierung der Begrifflichkeiten des Interpassivitätstheorems zu erreichen.

Grundsätzlich bietet sich in der Auseinandersetzung mit dem Interpassivitätstheorem auch eine Möglichkeit für die Mediävistik, direkt kritischen Anteil an einem aktuellen Diskurs zu nehmen, der nicht nur in der Wissenschaft geführt wird, sondern auch über den akademischen Rahmen hinaus in der Gesellschaft präsent ist.

Gäste sind herzlich willkommen.

Tagungsprogramm:

Freitag, 12. Oktober
16.30-17.00: Begrüßung

Sektion I: Der Glaube der Anderen (Sektionsleitung: Sonja Feldmann)
17.00-17.45: Manuel Braun: Heroen, Minnende und Märtyrer als ‚Glauben der anderen‘?
17.45-18.30: Silvan Wagner: Literarische Didaktik als Arbeit am Glauben der Anderen
18.30-19.30: Abendessen

Abendvortrag
19.30-21.00 Uhr: Robert Pfaller: Von der Tyrannei der Intimität zu den Freuden der Interpassivität.
Delegiertes Genießen 2012

Samstag, 13. Oktober
9.00-9.45: Kaffee

Sektion II: Theologische Implikationen der Interpassivität (Sektionsleitung: Silvan Wagner)
9.45-10.30: Wolfgang Schoberth: Was glaubt eigentlich der Glaube?
10.30-11.15: Jens Wolff: Passivität und Rhetorik bei Luther und ihre Relation zur mittelalterlichen
Theologie
11.15-14.00: Mittagspause

Sektion III: Interpassivität und Poetologie (Sektionsleitung: Silvan Wagner)
14.00-14.45: Michael Ott: Stellvertretung in Permanenz – Aspekte einer interpassiven Poetik des
Artusromans
14.45-15.30 Sonja Feldmann: Erzählerexkurse in Hartmanns Iwein und Erec: Interpassivität –
Rezeptionslenkung – Autopoiesis?
15.30-16.00: Kaffeepause

Sektion IV: Interpassivität und Interaktivität (Sektionsleitung: Sonja Feldmann)
16.00-16.45: Gabriel Viehhauser: Lesen lassen. Stellvertretende Lektüren in den Titurel-Dichtungen
16.45-17.30: Ralf Schlechtweg-Jahn: Interpassivität im Computerspiel
18.00-20.00: Abendessen (Buffet) mit Konzert (Silvan und Eva Wagner)

Sonntag, 14. Oktober
9.00-9.30: Kaffee

Sektion V: Interpassivität als gesellschaftliche Kraft (Sektionsleitung: Sonja Feldmann)
9.30-10.15: Ludger Körntgen: Stellvertretende Belehrung, stellvertretende Beschämung. Phänomene
der Interpassivität in der pragmatischen und diskursiven Schriftlichkeit des früheren Mittelalters
10.15-11.00: Birgit Kynast: Die Autorität der Tradition im Dekret des Bischofs Burchard von Worms –
ein Phänomen der Interpassivität?
11.00-11.45: Gesine Mierke: »Sündenbock« und Interpassivität? Überlegungen aus
wirkungsästhetischer Perspektive
11.45-12.30: Abschlussdiskussion
Möglichkeit zum gemeinsamen Mittagessen
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBayreuth
Beginn12.10.2012
Ende14.10.2012
PersonName: Wagner, Silvan 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: silvan.wagner@gmx.de 
Name: Feldmann, Sonja 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: sonja.feldmann@uni-bayreuth.de 
KontaktdatenName/Institution: Lehrstuhl für Ältere Deutsche Philologie, Universität Bayreuth 
Postleitzahl: 95440 
Stadt:  Bayreuth 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Literatur 700 - 1150; Literatur 1150 - 1300; Literatur 1300 - 1500; Literatur- u. Kulturgeschichte; Medien- u. Kommunikationstheorie
Ediert von  H-Germanistik
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