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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Nachwuchsworkshop: Neue Perspektiven in der Märenforschung"
RessourcentypCall for Papers
TitelNachwuchsworkshop: Neue Perspektiven in der Märenforschung
BeschreibungCall for Papers

Neue Perspektiven in der Märenforschung.
Nachwuchsworkshop vom 8.-9. Dezember 2012 an der Freien Universität Berlin.

An den mittelhochdeutschen Mären und im weiteren Rahmen der europäischen mittelalterlichen Kleinepik haben sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder Forschungsdebatten entzündet, die dichotome Positionen hervorgebracht, häufig zu aporetischen Tendenzen geführt und dadurch vielfach einen Diskussionsstillstand verursacht haben. So wird die Forschung seit langem geprägt vom Gegensatz zwischen der Auffassung des Märe als exemplarisch-normvermittelnde Textsorte und ihrer Deutung als literarischer Diskurs, der Ordnungsmuster auflöst. Der Nachwuchsworkshop Neue Perspektiven in der Märenforschung möchte diese Tendenz zum Aporetischen weniger als Problem verstehen, sondern als Aufforderung zur Innovation begreifen. So soll der Status Quo der Märenforschung als Chance verstanden werden, neue Ansätze in der Märenforschung zu etablieren und neue Perspektiven zu entwickeln.
Die Veranstaltung richtet sich ausdrücklich an Nachwuchswissenschaftler_innen aus den mediävistischen Literaturwissenschaften oder benachbarten Disziplinen, die vor oder nach der Promotion stehen und einen Forschungsschwerpunkt im Bereich der Kurzerzählung oder in verwandten Gebieten aufweisen.
Der Workshop möchte Raum für die Erprobung literaturtheoretischer und kulturwissenschaftlicher Überlegungen bieten, die bisher im Kontext anderer diskursiver und thematischer Zusammenhänge oder in Bezug auf andere Textsorten diskutiert und entwickelt worden sind. Es ist zudem ausdrücklich erwünscht, Ansätze aus anderen geistes- und literaturwissenschaftlichen Disziplinen auf Mären anzuwenden. Allerdings soll es auch möglich sein, weiterführende Überlegungen zu und kritische Auseinandersetzungen mit eingeführten Fragestellungen und Konzepten der Märenforschung anzustoßen. Dabei wird das je spezifische Forschungsinteresse der Referent_innen im Mittelpunkt stehen und nicht die Notwendigkeit, sich innerhalb spezifischer Forschungsrichtungen zu verorten. Folglich soll es weniger um das Reformulieren traditioneller Forschungspositionen als vielmehr um das Erarbeiten innovativer Forschungsansätze gehen. Dabei soll ausdrücklich der Modus der Diskussion den Charakter der Veranstaltung prägen. Daher sind Kurzbeiträge von etwa zwanzigminütiger Dauer erwünscht, die jeweils durch eine vierzigminütige Diskussion ergänzt werden sollen.

Welche methodenorientierten Fragestellungen dabei vor dem Hintergrund aktueller Forschungsdiskurse diskutiert werden könnten, soll im folgenden mit Bezug auf drei zentrale Forschungsfelder der Mären- und Novellenforschung exemplarisch verdeutlicht werden. Andere thematische und theoretische Schwerpunktsetzungen sind jedoch ausdrücklich erwünscht.

1. Zum Verhältnis von Text und Kontext
Maßgeblich von genderspezifischen Ansätzen beeinflusst, ist in der Märenforschung in den letzten Jahren immer wieder über das Verhältnis von Text und soziokulturellem Kontext diskutiert worden. Dabei lassen sich zwei gegenläufige Tendenzen feststellen: Neben Ansätzen, die „Texterklärung aus dem Horizont soziokultureller Konstellationen“ (Friedrich 2006, S. 53) betreiben und damit den normativen Aspekt kultureller Konventionen betonen, haben sich Ansätze etabliert, die „das kritische Potential der Kurzerzählungen“ (ebd., S. 54) hervorheben und die Möglichkeit zur Infragestellung kulturell vermittelter Muster durch die Erzählungen akzentuieren.
Indem vor allem genderorientierte Ansätze die Relationierung von kulturellen Kontexten und literarischen Texten als komplexe bzw. dynamische Vermittlungs¬verhältnisse konzeptualisieren und nicht in einfachen (bestätigenden oder subversiven) Repräsentations- oder Referenzverhältnissen aufgehen lassen, wird es unmöglich, die Texte „vorschnell auf die Alternative festzulegen, entweder einen bestätigenden oder einen kritischen Beitrag zur bestehenden sozialen Ordnung zu leisten“ (Schausten 2006, S. 174f.) Damit stellt sich allerdings die Frage, wie das Verhältnis von Text und Kontext für Mären gedacht werden kann. Es sollen Möglichkeiten zur Neukonzeptualisierung des märenspezifischen Verhältnisses von Text und Kontext jenseits der dichotomen Logik von Norm und Transgression diskutiert werden können. Dabei könnte unter anderem die Beschreibung von Mären als Kippfiguren „zwischen Weltreferenz und Selbstreferenz“ (Kiening 2008, S. 332) einen Ausgangspunkt für solche Überlegungen darstellen.

2. Zum Verhältnis von Exemplarizität und Literarizität
Während das Märe vor allem von der älteren Forschung als eine didaktisch funktionalisierte bzw. exemplarische Gattung verstanden worden ist, haben jüngere Ansätze vor dem Hintergrund der Studie The Scandal of the Fabliaux des Romanisten R. Howard Bloch zu altfranzösischen Kurzerzählungen (Bloch 1986) vielfach die Literarizität der Texte betont (vgl. Schnyder 2006). Jüngere Forschungsbeiträge heben hervor, dass sich in Kurzerzählungen „Exemplarizität und Literarizität keineswegs ausschließen“ (Reichlin 2009, S. 18) würden. Kurzerzählungen können, diesbezüglich herrscht in aktuellen Forschungsarbeiten Einigkeit, durchaus zugleich als literarische und pragmatisch ausgerichtete Texte verstanden werden. Hier könnten Beiträge des Workshops ansetzen und danach fragen, wie die Texte beide Aspekte verbinden.

3. Zur Gattungsfrage
Schließlich möchte der Workshop, indem er die Gattung Märe ins Zentrum der Diskussion stellt, die Möglichkeit bieten, die seit Hanns Fischers 1968 erschienenen Studien zur deutschen Märendichtung (Fischer 1968) vieldiskutierte Gattungsfrage innerhalb der Märenforschung neu zu perspektivieren. Hinsichtlich der Frage, ob und inwiefern das Märe als Gattung zu bezeichnen sei und von anderen Gattungen – etwa der Novelle – abgegrenzt werden könne, haben intensive Forschungsbemühungen eine Vielzahl unterschiedlicher Antworten produziert: Nach einer Definition der Gattung Märe (vgl. ebd.), ihrer Infragestellung (vgl. Heinzle 1983) und dem Versuch ihrer Rehabilitierung (vgl. Ziegeler 1985) haben die vielfältigen und durchaus widersprüchlichen Tendenzen der Gattungsdebatte schließlich in eine Sackgasse geführt und eine produktive Forschungsdiskussion verhindert. Schließlich ist die Kategorie der Gattung für das Märe überhaupt infrage gestellt worden (vgl. Haug 1993) und damit konnten andere Paradigmen ins Zentrum der Mären- und Novellenforschung rücken. Während die Gattungsfrage seither nicht selten ignoriert wird, haben einige neuere Forschungsarbeiten sie erneut zum Gegenstand von Überlegungen gemacht: Neben narratologischen Perspektiven (vgl. Kocher 2005) ist dabei vor allem auch auf André Jolles’ Einfache Formen (Jolles 1930) zurückgegriffen worden (vgl. Scheuer 2009, Bleumer 2011, Emmelius 2011). Dabei haben nicht nur die Begriffe des Kasus und des Schwanks eine Aktualisierung erfahren, sondern es wurden auch neue Perspektiven im Hinblick auf ein Gattungsverständnis jenseits des Konzepts Märe entwickelt. Im Anschluss daran könnte im Workshop die Tragfähigkeit dieser Überlegungen und ihr Weiterentwicklungspotential diskutiert werden. Dabei sind ausdrücklich Ausblicke auf verwandte Textsorten – z.B. Fabeln, Reden, Mirakel – erwünscht.


Wenn Sie Interesse haben, an diesem Workshop teilzunehmen, senden Sie bitte bis 30. September 2012 ein aussagekräftiges Exposé und einen kurzen Lebenslauf an nina.nowakowski@fu-berlin.de. Bis Mitte Oktober 2012 werden Sie Rückmeldung erhalten. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.


Nina Nowakowski
Freie Universität Berlin
Institut für deutsche und niederländische Philologie
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin
nina.nowakowski@fu-berlin.de




Zitierte Literatur:

Bleumer 2011
Bleumer, Hartmut: Vom guten Recht des Teufels. Kasus, Tropus und die Macht der Sprache beim Stricker und im Erzählmotiv The Devil and the Lawyer (AT 1186; Mot M 215). In: LiLi 163 (2011), S. 149-173.

Bloch 1986
Bloch, Ralph Howard: The Scandal of the Fabliaux. Chicago, London 1986.

Emmelius 2011
Emmelius, Caroline: Der Fall des Märe. In: LiLi 163 (2011), S. 88-113.)

Fischer 1968
Fischer, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung. Tübingen 1968.

Friedrich 2006
Friedrich, Udo: Trieb und Ökonomie. Serialität und Kombinatorik in mittelalterlichen Kurzerzählungen. In: Mittelalterliche Novellistik im europäischen Kontext. Hg. v. Mark Chinca, Timo Reuvekamp-Felber und Christopher Young. Berlin 2006 (Beihefte zur Zeitschrift für deutsche Philologie 13), S. 48-75. Hier: S. 53.

Haug 1993
Haug, Walter: Entwurf zu einer Theorie der mittelalterlichen Kurzerzählung. In: Kleinere Erzählformen des 15. und 16. Jahrhunderts. Hg. v. W. H. und Burghart Wachinger. Tübingen 1993 (Fortuna vitrea 16), S. 1-36.

Heinzle 1983
Heinzle, Joachim: Märenbegriff und Novellentheorie. Überlegungen zur Gattungsbestimmung der mittelhoch¬deutschen Kleinepik. In: Das Märe. Die mittelhochdeutsche Versnovelle des späteren Mittelalters. Hg. v. Karl-Heinz Schirmer. Darmstadt 1983 (Wege der Forschung 558), S. 91-110.

Jolles 1930
Jolles, André: Einfache Formen. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz. Tübingen 1930.

Kiening 2008
Kiening, Christian: Verletzende Worte – verstümmelte Körper. Zur doppelten Logik spätmittelalterlicher Kurzerzählungen. In: ZfdPh 127 (2008), S. 321-335.

Kocher 2005
Kocher, Ursula: Boccaccio und die deutsche Novellistik. Formen der Transposition italienischer 'novelle' im 15. und 16. Jahrhundert. Amsterdam, New York 2005.

Reichlin 2009
Reichlin, Susanne: Ökonomien des Begehrens, Ökonomien des Erzählens. Zur poetologischen Dimension des Tauschens in Mären. Göttingen 2009 (Historische Semantik 12).

Schausten 2006
Schausten, Monika: Wissen, Naivität und Begehren. Zur poetologischen Signifikanz der Tierfigur im Märe vom „Sperber“. In: Mittelalterliche Novellistik im europäischen Kontext. Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Hg. v. Mark Chinca, Timo Reuvekamp-Felber und Christopher Young. Berlin 2006 (Beihefte zur Zeitschrift für deutsche Philologie 13), S. 170-191.

Scheuer 2009
Scheuer, Hans Jürgen: Schwankende Formen. Zur Beobachtung religiöser Kommunikation in mittelalterlichen Schwänken. In: Literarische und religiöse Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit. DFG-Symposion 2006. Hg. v. Peter Strohschneider. Berlin u.a. 2009, S. 733-770.

Schnyder 2006
Schnyder, Mireille: Schriftkunst und Verführung. Zu Johannes von Freiberg: Das Rädlein. In: DVjs 80 (2006), H. 4, S. 517-531.

Ziegeler 1985
Ziegeler, Hans-Joachim: Erzählen im Spätmittelalter. Mären im Kontext von Minnereden, Bispeln und Romanen. München, Zürich 1985.
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBerlin
Bewerbungsschluss30.09.2012
Beginn08.12.2012
Ende09.12.2012
PersonName: Nina Nowakowski 
Funktion: wissenschaftliche Mitarbeiterin 
E-Mail: nina.nowakowski@fu-berlin.de 
KontaktdatenName/Institution: Freie Universität Berlin, Institut für deutsche und niederländische Philologie 
Strasse/Postfach: Habelschwerdter Allee 45 
Postleitzahl: 14195 
Stadt: Berlin 
E-Mail: nina.nowakowski@fu-berlin.de 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteratur 1150 - 1300; Literatur 1300 - 1500
Klassifikation05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.10.00 Literarische Volkskunde > 05.10.10 Weitere Formen; 06.00.00 Mittelalter > 06.07.00 Gattungen und Formen; 08.00.00 Hochmittelalter > 08.04.00 Gattungen und Formen; 08.00.00 Hochmittelalter > 08.04.00 Gattungen und Formen > 08.04.03 Epik; 08.00.00 Hochmittelalter > 08.04.00 Gattungen und Formen > 08.04.05 Weitere Formen; 09.00.00 Spätmittelalter und Übergangszeit (14. und 15. Jahrhundert); 09.00.00 Spätmittelalter und Übergangszeit (14. und 15. Jahrhundert) > 09.08.00 Gattungen und Formen; 09.00.00 Spätmittelalter und Übergangszeit (14. und 15. Jahrhundert) > 09.08.00 Gattungen und Formen > 09.08.03 Epik; 09.00.00 Spätmittelalter und Übergangszeit (14. und 15. Jahrhundert) > 09.08.00 Gattungen und Formen > 09.08.05 Weitere Formen
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