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Ergebnisanzeige "Hans Werner Richter Literaturtage 2012: "Krieg - Gefangenschaft - Lagerhaft: Opfernarrative und Wandlungsmythen in der deutschsprachigen Literatur nach 1945""
RessourcentypCall for Papers
TitelHans Werner Richter Literaturtage 2012: "Krieg - Gefangenschaft - Lagerhaft: Opfernarrative und Wandlungsmythen in der deutschsprachigen Literatur nach 1945"
BeschreibungHans Werner Richter Literaturtage 2012: "Krieg - Gefangenschaft - Lagerhaft: Opfernarrative und Wandlungsmythen in der deutschsprachigen Literatur nach 1945"
Wissenschaftliches Kolloquium vom 15. - 17. November in Bansin/ Insel Usedom.

Das Lager ist nicht nur in der deutschsprachigen Literatur zu einem symbolischem Raum geworden, der repräsentativ für die Leiderfahrungen des 20. Jahrhunderts ist. Orte wie Auschwitz und Buchenwald sind bis in die Gegenwart Symbole für die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus mit seiner rassistischen Vernichtungsideologie, die während des Zweiten Weltkriegs über 20 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, darunter 6 Millionen jüdische Bürger. Jene Konzentrationslager, die als Gedenkstätten zu Mahnmahlen des dunkelsten Kapitels deutscher und europäischer Geschichte wurden, stehen stellvertretend für die ungezählten Orte des Massenmords in Ostmitteleuropa und Russland, in denen es zur systematischen Tötung von jüdischen Zivilisten und russischen Kriegsgefangenen kam. Die internationale Forschung zu den östlichen ‚Bloodlands‘ (Timothy Snyder) hat diese grauenhafte Dimension des nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskriegs inzwischen breit dokumentiert.
Seit dem Ende des Kalten Krieges und der Öffnung der Archive geriet eine weitere Ausprägung des Lagerwesens im 20. Jahrhundert verstärkt in den Blick: der von Alexander Solschenizyn bereits in den 1970er Jahren beschriebene sowjetische „Archipel Gulag“. Hatten die Totalitarismustheorien des Westens während der Blockkonfrontation noch eine wesentlich politische Funktion, gewann die Debatte über Unterschiede und Gemeinsamkeiten des stalinistischen Terrorsystems mit der NS-Vernichtungspolitik nicht von ungefähr nach 1989 neue Aktualität. Am Rand einer Generationenschwelle haben die öffentlichen Vergangenheits- und Erinnerungsdiskurse in Deutschland und Europa nach drei Jahrzehnten der notwendigen Aufarbeitung des Holocaust inzwischen auch weitere ‚Opfergruppen‘ des Zweiten Weltkriegs und mit ihren Folgen thematisiert. Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa oder das Leiden im Bombenkrieg wurde nicht zuletzt von der deutschsprachigen Literatur angeregt: Texte wie Günter Grass’ „Im Krebsgang“ sowie die Wiederentdeckung der Texte von Gert Ledig über das Grauen der Front und des Bombenkriegs, aber auch TV-Filme wie „Die Flucht“ oder „Dresden“ brachten ‚deutsche Opfernarrative’ in die öffentliche Debatte. Mit Herta Müller wurde 2009 schließlich einer Autorin der Literaturnobelpreis verliehen, die in ihrem jüngsten Roman „Atemschaukel“ ein bislang weitgehend unbekanntes Kapitel der Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts verarbeitet hat, die Deportation der Siebenbürger Sachsen nach Sibirien in den späten 1940er Jahren. Damit ist wiederum der „Archipel Gulag“ angesprochen.
Mit Günter Grass’ Eingeständnis, dass er nicht Flakhelfer, sondern mit 17 Jahren Angehöriger der Waffen-SS war, rückten ab 2006 erneut Fragen nach Nationalsozialismus, Krieg, Holocaust und deutscher Schuld in das Zentrum öffentlicher Verständigung. Die Debatte wurde zwei Jahre später weiter vertieft, als neue Fakten zu Erwin Strittmatters Militärbiographie offenbar wurden: Erwin Strittmatter, der zu den bekanntesten Autoren in der DDR gehörte, hatte seit 1941 einem Bataillon der Ordnungspolizei des Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18 angehört, das 1943 dann in die SS eingegliedert wurde. Diese Einheit war in Griechenland und in der Oberkrain an Geiselerschießungen beteiligt, brannte Dörfer und Klöster nieder und ermordete vermeintliche Partisanen und Zivilisten.
Eine weitere Erfahrungsdimension des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen, die eng mit dem sowjetischen Lagersystem zusammenhängt, erfuhr im Gegensatz zu Bombenkrieg und Vertreibung in der Gegenwart bislang keine nennenswerte Thematisierung: das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen und der politischen Lagerhäftlinge in der Sowjetunion in den 1940er und 1950er Jahren. Dabei gehörte die Kriegsgefangenenproblematik neben der Vertreibung zu den prägenden Aspekten des Vergangenheitsdiskurses der frühen Bundesrepublik, in dem es nicht zuletzt darum ging, von den eigenen Taten während der NS-Zeit abzulenken. Demgegenüber war die Bedrohung durch Verhaftung und Deportation wegen vermeintlicher politischer Straftaten in der SBZ/DDR ein stets präsenter, aber weitgehend verschwiegener Ausdruck der Willkür der russischen Besatzungsmacht. Beide Erfahrungen haben in der Literatur der 1950er bis 1970er Jahre ihren Niederschlag gefunden. Die Texte sind, von wenigen Ausnahmen wie Heinz G. Konsaliks auch erfolgreich verfilmten Bestseller „Der Arzt von Stalingrad (1958) abgesehen, inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei haben sich namhafte Autoren der deutsch-deutschen Literaturen mit dem Thema Gefangenschaft und Lagerhaft auseinandergesetzt: neben Hans Werner Richter sind dies u.a. Alfred Andersch, Hans Bender, Horst Bienek, Johannes Bobrowski, Günter Eich, Walter Kempowski, Uwe Johnson, Hans Hellmut Kirst oder Herbert Otto.
Ausgehend von der skizzierten Situation soll es auf dem Kolloquium um die Füllung eines Desiderats der Forschung zur deutschen Literatur nach 1945 bis zur Gegenwart gehen. Neben den genannten Problemfeldern kann es dabei u.a. um folgende Fragen gehen:

➢ Die Auseinandersetzung mit dem Kriegserlebnis in literarischen Texten in Ost und West nach 1945. Dabei geht es insbesondere auch um Erfahrungen junger Autoren in Ost und West. Angesprochen ist hier etwa die sogenannte ‚harte Schreibweise‘ in der DDR der 1950er Jahre und die Abwehr dieser Texte.
➢ Literarische Verarbeitung des Gefangenschaftserlebnisses von betroffenen Autoren und mögliche Folgen für das ästhetische Selbstverständnis. Dabei geht es um das ganze Spektrum von literarisierten Erfahrungen, das von den Geschichten über Kriegsgefangenenlager in der Sowjetunion, den USA oder Kanada reicht. Obwohl während des Zweiten Weltkriegs knapp 40.000 Deutsche in Kanada als Kriegsgefangene interniert waren, sind die literarischen Ergebnisse dieser Zeit bislang kaum in den Fokus der literaturwissenschaftlichen Betrachtung geraten.
➢ Die Wechselwirkung zwischen literarischen Texten zum Thema Kriegsgefangenschaft, den zeitgenössischen gesellschaftlichen Diskursen in Ost und West und angrenzenden Medien.
➢ Die Verarbeitung der politischen Gefangenschaft durch Autoren aus der DDR, u.a. vor dem Hintergrund der Emigration in die Bundesrepublik und den diskursiven Konfrontationen des Kalten Kriegs.
➢ Das Thema Krieg und Gefangenschaft in der Literatur der Gruppe 47.
➢ Aspekte von Erinnerung an den ‚Erfahrungsort‘ Lager in Texten der Gegenwartsliteratur und Wandel des Umgangs mit dem Thema in den letzten Jahrzehnten.

Weitere Konkretisierungen und Präzisierungen durch die Referenten/innen sind innerhalb des vorgegebenen Themenrahmens ausdrücklich erwünscht.


Die 5. Hans Werner Richter Tage 2011 werden ausgerichtet vom
Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen/Arbeitsbereich Literatur (Prof. Dr. Carsten Gansel/Leitung) und dem
Eigenbetrieb Kaiserbäder Insel Usedom
in Verbindung mit der
Mecklenburgischen Literaturgesellschaft


Bei Interesse bitten wir um Rückmeldung mit einem konkreten Themenangebot bis zum 31. September 2012 an folgende Adresse:

Carsten Gansel und Norman Ächtler

Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Str. 10b
35394 Gießen
carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de
Norman.Aechtler@germanistik.uni-giessen.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBansin/ Insel Usedom
Bewerbungsschluss01.10.2012
Anmeldeschluss01.10.2012
Beginn15.11.2012
Ende17.11.2012
PersonName: Prof. Dr. Carsten Gansel 
Funktion: Leitung 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
KontaktdatenName/Institution: Justus-Liebig-Universität Gießen 
Strasse/Postfach: Otto-Behaghel- Str. 10B 
Postleitzahl: 35394 
Stadt: Gießen 
Telefon: 0641-9929121 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
Internetadresse: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur nach 1945; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Themen; Medien- u. Kommunikationsgeschichte (Hand-, Druckschrift, Film, Rundfunk, Computerspiel usw.); Medien- u. Kommunikationstheorie; Motiv- u. Stoffgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.13.00 Literaturkritik. Wertung; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.16.00 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989); 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.06.00 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.09.00 Stoffe. Motive. Themen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990 > 18.10.05 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990 > 18.10.08 Stoffe. Motive. Themen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.11.00 DDR; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.11.00 DDR > 18.11.05 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.11.00 DDR > 18.11.07 Stoffe. Motive. Themen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.12.00 Österreich; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.12.00 Österreich > 18.12.05 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.12.00 Österreich > 18.12.07 Stoffe. Motive. Themen; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.06.00 Literarisches Leben; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.09.00 Stoffe. Motive. Themen
Ediert von  H-Germanistik
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