VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Haneke kontrovers – Michael Haneke zum 70. Geburtstag"
RessourcentypCall for Papers
TitelHaneke kontrovers – Michael Haneke zum 70. Geburtstag
BeschreibungMichael Haneke feierte dieses Jahr seinen 70. Geburtstag, mit seinem neuesten Film „Liebe“ (dt. Kinostart Oktober 2012) erhielt er die sechste Einladung zu den Internationalen Filmfestspielen von Cannes und nach „Das weiße Band – eine deutsche Kindergeschichte“ (2009) seine zweite Goldene Palme. Bereits 2001 erhielt er mit „Die Klavierspielerin“ den großen Publikumspreis und 2005 für „Caché“ den Preis für die beste Regie. Dass Michael Hanekes Filme, so unbequem sie sein mögen, dennoch bei einem Filmfestival wie Cannes Tradition haben, verdankt sich nicht zuletzt seiner eigenen Ästhetik, welche Ethik und Aisthesis zu einer Aisthehtik amalgamiert. Mit dem Resultat, dass seine Filme nicht nur an moralische Grenzen rühren, sondern auch ästhetisch „berühren“. Eine Ästhetik, die sich ihrer Wurzeln in der Aisthesis noch bewusst ist und versteht den Rezipienten in seiner somatischen und kognitiven Verfasstheit zu adressieren und in seiner Integrität zu hinterfragen.

Folgt man Martin Seels Konzept einer gewaltsamen Kunst, der es gelingt, uns Gewalt erfahrbar zu machen, so sind Hanekes Filme als gewaltsame Kunst zu verstehen: „Die Evokation eines menschlichen Grenzfalls stellt zugleich einen ästhetischen Grenzfall dar. Will sie Gewalt zum Ereignis machen, muß die Kunst sich zum Ereignis machen. Will sie einen Ausbruch von Gewalt zeigen, muß sie es zu einer Kulmination ihrer Mittel kommen lassen. Um (buchstäbliche) Gewalt zu zeigen, muß die Kunst auf ihre (metaphorische) Gewalt vertrauen.“ (Seel 2000, 304)

Gerade hierin besteht aus filmwissenschaftlicher Perspektive der besondere Reiz, das Werk Hanekes im Detail zu besehen. Der medienkritische Aspekt seiner Filme und die damit einhergehende Kinogewalt wurden bereits zahlreich hervorgehoben, doch unter dem Seelschen Aspekt einer Ereignis-Kunst, wäre gerade der Fokus auf das Zusammenspiel immersiver Verführungsstrategien und präsentischer Entzauberungsverfahren von besonderem Interesse. Denn Hanekes Kino setzt sich nicht einfach einer Überwältigungsästhetik diametral entgegen (vgl. Andrè in: Sannwald 2011, 34), das Gewaltsame, das Kritische dockt vielmehr parasitär an die Illusionskraft des Kinos an. Hanekes Filme entfalten ihre Langzeitwirkung durch Strategien der Präsenz (Hans Ulrich Gumbrecht) und eine elaborierte Ästhetik des Ereignisses (Martin Seel, Dieter Mersch), wodurch sie den Charakter des Kontroversen beziehen. Sie suchen nicht nach einer Möglichkeit der Repräsentation von Gewalt (Metelmann 2003, 10), sondern sie finden eine Möglichkeit der Präsenz von Gewalt. Auch die Suche nach einer Moral der Form durch Haneke selbst steht einer solchen Perspektivierung nicht entgegen: „Die oberste Tugend der Kunst ist die Genauigkeit. […]. Intensität entsteht durch Genauigkeit im Detail. Deshalb ist Genauigkeit sowohl eine ästhetische wie auch eine moralische Kategorie. Sie stellt eine Verpflichtung dar. Sozusagen den moralischen Imperativ der Kunst“ (Haneke in: Assheuer 2010, 47).

Obgleich Michael Haneke durch eine wortgewaltige Selbststilisierung (vgl. Sannwald 2011, 11) eine zielsichere Kommentierung seines Schaf-fens immer wieder gelingt, sind die Beiträger aufgefordert, nicht nur die Selbstaussagen des Auteurs mit Rückgriff auf sein Werk zu illustrieren, sondern vielmehr die Aisthethik in der kinematographischen Handschrift aufzudecken, die wir mit „Haneke“ bezeichnen. Unter diesem Aspekt, der sich als ein Plädoyer fürs Detail versteht, kann auch der analytische Vergleich mit einem zeitgenössischen Welt(autoren)kinos vielversprechend sein. Insbesondere der Aspekt der Intermedialität, im Zusammenspiel von Ton und Bild, bzw. der Einsatz akustischer und visueller Störungen könnte eine neue Perspektive anbieten. Zumal sich vielfach eine thematische Überschneidung aufzeigen lässt. So beispielsweise das Motiv des ungebetenen Gastes in die Mitte einer bürgerlichen Idylle in Caché und Funny Games (U.S.) im Vergleich zu David Lynchs Lost Highway (1997), Takashi Miikes Visitor Q (2001) oder Shinya Tsukamotos Snake of June (2002). Während sich Hanekes Stil durch einen puristischen Minimalismus auszeichnet, investieren diese Filmemacher einen opulenten visuellen Aufwand, der das Konzept der Intermedialität als Mittel wider die Realitätsgläubigkeit ebenso konsequent verfolgt. Auch die Anleihen des Genre-Kinos und dessen Umschreibungen bieten einen vielversprechenden Ansatzpunkt für vergleichende Detailanalysen.

Der Bezug auf die deutsche Geschichte Hanekes sowie sein besonderer Umweg über das Theater und das Fernsehen wurden immer wieder betont, um sein Werk angemessen zu verstehen. Gerade weil sein Werk im deutschsprachigen Raum als ein unantastbarer Monolith erscheint, soll der Versuch unternommen werden, es in einem globalen und vor allem zeitgenössischen Vergleich auf seine kinematographischen Verfahren zu befragen, um noch einmal ausloten zu können, ob und wenn ja, wie singulär sich das Hanekesche Oeuvre jenseits einer Verklärung durch die Autorschaft zeigt.

Der Call for Papers der noch jungen Rubrik Kontrovers auf www.medienobservationen.lmu.de sucht Beiträge (max. 20.000 Zeichen inkl. Leerzeichen), die die Evokation des Präsentischen in ihrem parasitären Zusammenspiel mit der immersiven Illusionskraft von Hanekes Kino in Detailanalyse oder in oben skizzierten Vergleichslinien untersuchen. Der Fokus sollte film" bzw. medi-enwissenschaftlich sein.

Die Redaktion freut sich über die Einreichung von Texten mit maximal 20.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen), die gemäß den Vorgaben des Stylesheets verfasst sind (http://www.medienobservationen.uni-muenchen.de/pdf/medienobservationen_stylesheet.pdf). Einsendungen bitte bis zum 15. Oktober 2012 an die Adresse tan-ja.prokic@germanistik.uni-muenchen.de. Über die Veröffentlichung der Beiträge wird im Peer Review-Verfahren entschieden.


Kontakt:
Tanja Prokic/ Institut für Deutsche Philologie /LMU
Schellingstraße 3
80799 München
E-mail: tanja.prokic@germanistik.uni-muenchen.de
Tel.: 089/21803920
Web: www.tanjaprokic.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.medienobservationen.uni-muenchen.de/
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss15.10.2012
KontaktdatenName/Institution: Tanja Prokic/ Institut für Deutsche Philologie /LMU 
Strasse/Postfach: Schellingstraße 3 
Postleitzahl: 80799 
Stadt: München 
Telefon: 089/21803920 
E-Mail: tanja.prokic@germanistik.uni-muenchen.de 
Internetadresse: www.tanjaprokic.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Erzähltheorie; Genderforschung; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Medien- u. Kommunikationstheorie
Klassifikation00.00.00 ohne thematische Zuordnung
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/27796

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 14.07.2012 | Impressum | Intern