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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Lehrmeisterin und Ammenmärchen. Natur in den Briefen und Werken Heinrich von Kleists"
RessourcentypCall for Papers
TitelLehrmeisterin und Ammenmärchen. Natur in den Briefen und Werken Heinrich von Kleists
BeschreibungIm Rahmen der Frankfurter Kleist-Festtage 2012 veranstaltet das Kleist-Museum am 19. Oktober 2012 erneut ein wissenschaftliches Kolloquium. Das diesjährige Motto der Festtage "Aufs Land!" aufgreifend, steht die Frage nach Kleists Naturvorstellung im Mittelpunkt der Diskussion.

Natur ist ein komplexer Begriff. Das lateinische Wort 'natura' bedeutet das durch die Geburt Mitgebrachte, das Angeborene, woraus sich die Kennzeichnung von Natur als eigentümliches Wesen einer Sache ableitet. Eine entscheidende Rolle im Denken der Natur spielte jedoch auch Aristoteles' Definition derjenigen Gegenstände als 'natürliche', die in sich selbst den Anfang von Bewegung und Stillstand haben. Auf dieser Vorstellung fußte die Bestimmung der Natur als das Selbständige, Freie, Mächtige, Ursprüngliche, Gute.
Der mittelalterliche Gedanke, Gott habe jedem Ding seine individuelle Natur gegeben, wich im 17. und verstärkt im 18. Jahrhundert der Vorstellung allgemeiner Gesetze. Nun war es der menschliche Verstand, der der Natur die Gesetze vorschrieb, sie in den Zustand des Gefesseltseins versetzte (Kant), indem er die Natur zwang, ihre Erscheinungen seinem systematisch angelegten Plan gemäß zu enthüllen: Vor der Natur steht der menschliche Verstand, der die Natur konstruiert.

Das Verhältnis zwischen Natur und schaffendem Subjekt reflektierten auch die ästhetischen Debatten des 18. Jahrhunderts, die um das Verhältnis zwischen Naturschönheit und Kunstschönheit kreisten. Ging es in der frühen Aufklärung vornehmlich um die Frage der übertreffenden Nachahmung der schönen Natur in der Kunst, verlagerte sich der Fokus mit dem Auftauchen des Original-Genies auf die individuelle menschliche Natur, Fluchtpunkt allen naturgemäßen Schaffens. Kunst wurde zum Ausdruck der idealen Menschennatur (Schiller), zur Manifestation geheimer Naturgesetze: Der Künstler als Teil der Natur gibt, "dankbar gegen die Natur, die auch ihn hervorbrachte, ihr eine zweite Natur, aber eine gefühlte, gedachte, eine menschlich vollendete zurück" (Goethe: Diderots Versuch über die Malerei). Natur ist dasjenige, das dem idealen Begriff des Menschen entspricht.
Jean-Jacques Rousseau sah dieses Ideal der Zusammengehörigkeit von Natur und Subjekt allein in der vorgeschichtlichen Epoche verwirklicht; hatte sich die ursprüngliche Reinheit in der äußeren Natur erhalten, so war der Mensch nun aufgefordert, seine im Zivilisationsprozeß verlorene Unschuld durch moralische Vervollkommnung im Sinne einer Reinigung wieder anzustreben. Die äußere Natur stellte dafür den Raum. Und das Genre der Idylle die Beschreibungsmuster: Mensch und Natur leben und weben in harmonischer Einheit.

Heinrich von Kleists Naturvorstellung situiert sich in der zeitgenössischen Diskussion. Seine Briefe und Werke nehmen den Begriff 'Natur' und das Verhältnis zwischen Natur und Subjekt bzw. Menschennatur in unterschiedlicher Weise auf.
In den frühen Briefen findet sich Natur zunächst einmal als Landschaft: Kleist beschrieb die bereisten Gegenden in allegorischen und topischen Überhöhungen; berühmt das Bild des Flusses, der das Ufer küßt. Die Landschaften erscheinen als Gemälde im Rahmen, bereit zur analysierenden Betrachtung. Hier öffnet sich ein reizvoller Spannungsbogen zu einem der letzten Texte Kleists, seinen Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft.
Natur begegnet aber nicht nur als Landschaft, sie tritt in den Briefen – insbesondere in denen an Wilhelmine von Zenge – auch und vor allem als "Lehrmeisterin" auf, wobei lernen von der Natur heißt, ihre Phänomene mittels Gleichnissen auf menschliche Gegebenheiten zu übertragen. Diese "merkwürdige Übereinstimmung zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt" thematisierte Kleist dann noch einmal in einigen späteren Werken (Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden, Allerneuester Erziehungsplan, Über das Marionettentheater). Damit fungiert Natur als oberste moralische Instanz. Unter dieser Prämisse formulierte Kleist seine stark von Jean-Jacques Rousseau beeinflußte Zivilisationskritik in den Briefen aus Paris – sowie seine ebenfalls rousseauistisch geprägte Rückzugsidylle in der Schweiz.
Facetten der Idylle als traditionelles Genre, das Naturformen menschlichen Lebens in Beziehung zur äußeren Natur beschreibt, finden sich auch in Kleists Werken. Den im letzten Stück des Phöbus erschienenen Versdialog Der Schrecken im Bade betitelte Kleist sogar als Eine Idylle. Andere Werke beschreiben fragile und zumeist scheiternde Momente idyllischen Zusammenseins in der freien Natur (Das Erdbeben in Chili, Penthesilea, Das Käthchen von Heilbronn). Schon Kleists Erstling stellt dieses Verhältnis von Beschwörung und Zerstörung der idyllischen Utopie (Helmut J. Schneider) heraus: "[...] nichts mehr von Natur./Ein hold ergötzend Märchen ists der Kindheit,/Der Menschheit von den Dichtern, ihrer Amme,/Erzählt".

Als mögliche Themenkomplexe für Vorträge bieten sich an:
- Geschichte des Begriffs 'Natur'
- Natur im ästhetischen Diskurs um 1800 (Literatur und Malerei)
- Landschaftsschilderungen in Kleists Briefen
- Natur- und Landschaftsvorstellung in Kleists Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft
- Naturvorstellungen in Kleists Werken
- Idylle und idyllische Momente in Kleists Werken
- Kleists Idylle Der Schrecken im Bade in der Genretradition

Das Kolloquium möchte Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern aller Fachbereiche ein Podium geben, eigene Forschungsergebnisse vorzustellen und zu diskutieren. Deshalb fordern wir insbesondere fortgeschrittene Studierende, Doktorand/innen und Postdoktorand/innen herzlich auf, uns die kurze Zusammenfassung (max. 500 Wörter) eines Themenvorschlags zu schicken.
Die Vortragsdauer sollte 20 Minuten nicht überschreiten.

Bitte senden Sie uns Ihre Vorschläge bis zum 20. August 2012; die Entscheidung über eine Teilnahme wird am 27. August 2012 bekanntgegeben.


Dr. Barbara Gribnitz
Tel. +49.335-387.14.53
gribnitz@kleist-museum.de


Fahrt- und eventuelle Übernachtungskosten (bei längerer Anreise) können übernommen werden. Eine Publikation der Beiträge im Kleist-Jahrbuch 2013 ist vorgesehen.


Kleist-Museum
Faberstraße 7
15230 Frankfurt (Oder)
www.kleist-museum.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortFrankfurt (Oder)
Bewerbungsschluss20.08.2012
Beginn19.10.2012
Ende19.10.2012
PersonName: Gribnitz, Barbara Dr. 
Funktion: wissenschaftliche Mitarbeiterin 
E-Mail: gribnitz@kleist-museum.de 
KontaktdatenName/Institution: Kleist-Museum 
Strasse/Postfach: Faberstraße 7 
Postleitzahl: 15230 
Stadt: Frankfurt (Oder) 
Telefon: 0335-531155 
E-Mail: info@kleist-museum.de 
Internetadresse: www.kleist-museum.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Genderforschung; Literatur 1770 - 1830; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturtheorie: Themen; Motiv- u. Stoffgeschichte
Klassifikation05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.09.00 Gattungen und Formen > 05.09.04 Lyrik; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.11.00 Stoffe. Motive. Themen; 12.00.00 18. Jahrhundert > 12.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 12.00.00 18. Jahrhundert > 12.08.00 Aufklärung; 12.00.00 18. Jahrhundert > 12.09.00 Empfindsamkeit; 12.00.00 18. Jahrhundert > 12.11.00 Gattungen und Formen > 12.11.05 Weitere Formen; 12.00.00 18. Jahrhundert > 12.12.00 Stoffe. Motive. Themen; 13.00.00 Goethezeit > 13.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 13.00.00 Goethezeit > 13.08.00 Spätaufklärung; 13.00.00 Goethezeit > 13.10.00 Klassik; 13.00.00 Goethezeit > 13.12.00 Gattungen und Formen > 13.12.01 Allgemeines; 13.00.00 Goethezeit > 13.12.00 Gattungen und Formen > 13.12.05 Weitere Formen; 13.00.00 Goethezeit > 13.13.00 Stoffe. Motive. Themen; 13.00.00 Goethezeit > 13.14.00 Zu einzelnen Autoren
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