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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Hermann Broch und die Romantik. Internationale DFG-Tagung"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelHermann Broch und die Romantik. Internationale DFG-Tagung
BeschreibungWertbilder: Auflösungsprozesse und Erlösungsutopien. Hermann Broch und die Romantik.
Internationale und interdisziplinäre DFG-Tagung

Carl Friedrich von Siemens Stiftung München, Nymphenburg
27.-29. Juni 2012

gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG),
das Elitenetzwerk Bayern (Studiengang Ethik der Textkulturen),
die Stiftung für Romantikforschung
und die Carl Friedrich von Siemens Stiftung München

Organisation: Dr. Doren Wohlleben (Erlangen/Augsburg, Kontakt (Teilnahme bitte unbedingt anmelden!): doren.wohlleben@phil.uni-augsburg.de), Prof. Dr. Paul Michael Lützeler (St. Louis, USA)

Es mag zunächst irritieren, Hermann Broch (1886-1951), einen der wichtigsten Vertreter der Literarischen Moderne, der mit seiner Theorie des modernen Romans der Poetik und mit seinen essayistischen Reflexionen über den Zerfall der Werte der Ethik entscheidende, bis heute wirksame Impulse verlieh, gerade mit der Romantik in Verbindung zu bringen.
Doch spielt die in der Forschung bisher kaum berücksichtigte Kategorie der Romantik im Gesamtwerk Brochs gleich eine doppelte, zentrale Rolle: Erstens als Epochenbegriff, auf den sich Broch in seinen (geschichts-) philosophischen und poetologischen Essays immer wieder bezieht und den er retrospektiv teils in Anlehnung, teils in Abgrenzung für seine Romanästhetik produktiv macht (1). Und zweitens als eine moralische Lebenshaltung, die Broch mit einem Festhalten an überkommenen Formen der Vergangenheit und einem Wertkonservatismus assoziiert, den es mittels ethischer und literarischer Neuorientierung prospektiv zu überwinden gilt (2). Beide Verwendungsweisen fungieren bei Broch gleichsam als Analyse des eigenen Zeitgeistes, als Standortbestimmung der Moderne in ihrer paradoxalen Bewegung zwischen einerseits dem Bedürfnis nach einer destruktiven Auflösung jeglicher überholten ideologischen Wert- und Weltbilder und andererseits einer konstruktiven Auseinandersetzung mit denjenigen poetischen und ethischen Kräften, die neue Erlösungsutopien initiieren. Dem Irrationalen, das sich gegenüber der „Zerschlagung des Gesamtsystems“ (KW 1, 692) immer wieder als widerständig erweist, muss hierbei besonderes Tribut gezollt werden, was allein im Möglichkeitsraum des Dichterischen gelingen kann.

Ad (1): Die romantische (Geschichts-) Philosophie wie auch die Literaturtheorie spielen besonders für den jungen Broch eine prominente Rolle: Seine frühe Ich-Philosophie ist ohne Fichte nicht denkbar, von Hegel und dessen Fortschrittsglauben setzt er sich kritisch ab, und auch Schopenhauer mit seinem Einfluss indischen Denkens prägt ihn in der Frühphase stark. Brochs Idee der ,neuen Religion‘ und des ,neuen Mythos‘ bleibt den Frühromantikern Novalis, Friedrich Schlegel und Schelling verhaftet, was in den Romanen Die Verzauberung und Der Tod des Vergil literarisch ausgestaltet wird. Anklänge bei der Romantik sind in Brochs Naturlyrik auszumachen, wobei er in seinen Essays zugleich kritisch auf die Romantiker, etwa auf Eichendorff, zu sprechen kommt, die er in einen untersuchungswürdigen Kontrast zu Goethe stellt. Aus Brochs Geschichtsverständnis Europas im Zerfall der Werte lässt sich ansatzweise immer wieder Novalis’ Die Christenheit oder Europa heraushören. Auf Novalis geht auch Brochs Romantik-Definition als ,Erhöhung des Irdischen zu Absolutem‘ zurück. Und Brochs Theorie des modernen Romans nimmt engen Bezug auf Lukàcs Theorie des Romans, die wiederum auf romantischen Romantheorien (Friedrich Schlegel etc.) basiert.

Ad (2): Brochs eigenes Romantik-Konzept, wie es beispielhaft in Pasenow oder die Romantik gestaltet wird, löst sich zwar allmählich von der Epoche, hat aber zugleich mit seiner Epochenanalyse zu tun: Die Romantik, die hier die nostalgische Spätromantik, nicht die revolutionäre Frühromantik meint, gerät als „Seelenlärm“ unter Kitschverdacht, wobei die politische Kritik am Konservatismus mit einer radikal ethischen Kritik verschränkt wird. Das Festhalten an überkommenen moralischen Normen und Wertbildern führt zu einem Fehlverhalten, dem fast alle Protagonisten Brochs unterliegen und das meist nur noch von einem übergeordneten, literarischen (Nicht-)Ort – oft einem essayistischen – aus reflektiert werden kann. Von dort werden utopische Strategien poetisch skizziert, die einen Vergleich mit denen der Epoche der Romantik nahelegen und zugleich Strukturanalogien zu ethischen Neupositionierungsversuchen der Gegenwart erkennen lassen.

Auf der internationalen Tagung soll Brochs Umgang mit der Romantik als Modell dafür dienen, wie im Medium der Literatur vermeintlich transkulturelle und überzeitliche Wertbilder und -theorien kulturhistorischen Zerfallsprozessen und Apokalypsevisionen unterworfen sind und zugleich immer wieder neue Erlösungsphantasien kreiert werden, die wiederum den außerliterarischen philosophischen sowie ethischen Diskurs nachhaltig prägen. Dies kann nur im Austausch mit den Geschichts-, Politik-, Religions- und Kulturwissenschaften sowie der Philosophie gelingen, deren Denkhorizonte der Polyhistor Hermann Broch zeitlebens für seine literarische Ethik aufgriff. Letztere im Lichte aktueller Theorien neu zu befragen, vor der Folie einer historischen Doppelperspektive, der der Romantik und der der Moderne, systematisch zu aktualisieren und für heutige ethische Kontroversen fruchtbar zu machen, ist eine Herausforderung, der sich die interdisziplinäre Tagung stellen wird.

Mittwoch, 27.6.2012
ab 14 Uhr: Empfang durch die Carl Friedrich Siemens Stiftung
14.30 Uhr: Begrüßung
15.00 Uhr: Paul Michael Lützeler (St. Louis, USA): Das Romantikkonzept von Hermann Broch in seinem Roman Pasenow oder die Romantik
15.45 Uhr: Alice Stašková (Berlin): Brochs Begriffe ,Kunstwerk‘ und ,Romantik‘ im Kontext
17.00 Uhr: Friedrich Vollhardt (München): Der Mythos-Begriff der Romantik im Werk Hermann Brochs
abends: Sachiko Broch de Rothermann (Japan): Perspektiven der Broch-Forschung

Donnerstag, 28.6.2012
09.15 Uhr: Claus-Dieter Osthövener (Wuppertal): Erlösungsfigurationen in der Moderne
10.00 Uhr: Ashraf Noor (Jerusalem, Israel): Schwelle und Zeit
11.15 Uhr: Doren Wohlleben (Augsburg/ Erlangen): Metaphysischer Humor. Zur Erzähllogik des Endes in den Schuldlosen
14.30 Uhr: Claudia Liebrand (Köln): Bezugsysteme: Romantik und Kitsch in Brochs Essayistik
15.15 Uhr: Marion Schmaus (Marburg): Hermann Brochs melodramatische Imagination
16.30 Uhr: Patrick Eiden-Offe (Duisburg-Essen): Gespräch und Reich: Zweierlei Politische Romantik im Tod des Vergil

Freitag, 29.6.2012
09.15 Uhr: Helmut Koopmann (Augsburg): Hugenau und das Ende aller Romantik
10.00 Uhr: Manuel Illi (Erlangen): „Das Chaos der Welt stieg allenthalben“: Versuche einer sprachlichen Ordnung der Wirklichkeit zwischen Romantik und Neopositivismus
11.15 Uhr: Walter Hinderer (Princeton, USA): Hermann Brochs Romantikkonzepte: Kritik und kreative Veränderungen
12.00 Uhr: Abschlussdiskussion

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.philhist.uni-augsburg.de/ethik/aktuelles/broch_tagung.html
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortMünchen
Beginn27.06.2012
Ende29.06.2012
PersonName: Dr. Doren Wohlleben 
Funktion: Wiss. Mitarbeiterin Ethik der Textkulturen/ Elitenetzwerk Bayern 
E-Mail: doren.wohlleben@phil.uni-augsburg.de 
KontaktdatenName/Institution: Neuere deutsche Literaturwissenschaft 
Strasse/Postfach: Universitätsstr. 10 
Postleitzahl: 86159 Augsburg 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteratur 1880 - 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte
Ediert von  H-Germanistik
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