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Ergebnisanzeige "Der 'große Mann'. Phantasma des 19. Jahrhunderts"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelDer 'große Mann'. Phantasma des 19. Jahrhunderts
BeschreibungDer 'große Mann'. Phantasma des 19. Jahrhunderts

Leibnizhaus, Holzmarkt 4-6, 30159 Hannover, 28.06.-30.06.2012

Im Zentrum der Tagung steht eine Figur, die als Phänomen eine lange Geschichte hat, deren Bezeichnung als Wortfügung historisch weit gestreut ist und die auch in den Gegenwartskulturen von ungebrochener Aktualität ist. Der metaphorische Ausdruck ‚großer Mann‘ steht in unterschiedlichen historischen Epochen für die Geltungskraft des Einzelnen, der dank natürlicher Eigenschaften, erworbener Fähigkeiten oder zugestandener Würde erfolgreich Einfluss ausübt. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts bildete sich ein Diskurs über ‚große Männer‘ in Philosophie, Wissenschaft, Dichtung und Staatsdienst heraus, der die Tugendhaftigkeit und patriotische Wirkung dieser Individuen herausstreicht, worauf sich dann, so die dieser Tagung zugrunde liegende These, im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert die vage verwendete Formel zur verstärkt verwendeten Terminologie verfestigte, die zunehmend auf Fragen der Herrschaftsausübung und der Legitimation von Macht bezogen wurde. Gleichwohl blieb, auch durch Rückübertragungen, eine Varianz von Konzepten bestehen, und im 20. Jahrhundert verteilte sich dieses Modell dann in andere Begriffe und Modelle und verlor terminologisch, aber nicht phänomenologisch seine prägnante Bedeutung.

Die historische Situation, in der diese semantische Verdichtung geschah, ist die Französische Revolution mit ihrer charakteristischen Vor- und Nachgeschichte und den damit verbundenen sozial-, struktur- und medienhistorischen Umwälzungen. Der ‚große Mann‘ trat als neues Konzept von Macht in einer Zeit hervor, in der die Machtrepräsentation des Ancien Régime und die altständischen Gewaltmittel als Sicherungsinstrumente der Herrschaft ernsthaft beschädigt wurden. An die Stelle des durch Gottesgnadentum oder Abstammung legitimierten Monarchen trat das außerordentliche Individuum, dessen Stellung unter Verweis auf die seiner Person zukommenden herausragenden Qualitäten begründet wurde. Dies geschah in Wechselwirkung mit den politischen Ereignissen und dem strukturellen Vorgang einer zunehmenden Dominanz des Gesetzes der großen Zahlen, also durch den politischen und sozialen Einfluss der Menschenmenge, die „avalanche of printed numbers“ (Ian Hacking) in der Statistik und die Einsicht in die Macht der vielen kleinen Einzelereignisse.

Damit ergab sich eine doppelte Krise, die einerseits die traditionellen Institutionen von Herrschaft und anderseits die Einflussmöglichkeiten des Einzelnen in einer von Massenhaftigkeit geprägten Welt betraf. Diese Krise hatte nun den paradoxalen Effekt, dass als Antwort auf die zunehmende Einsicht in die verminderten realen Handlungs- und Kontrollmöglichkeiten der Einzelnen das Phantasma des ‚großen Mannes‘ entstand und Herrschaft sich durch die Verfügung über ein soziales und politisches Imaginäres konstituierte. Am Beispiel Napoleons erläutert bedeutet dies, dass dieser Kaiser neuen Zuschnitts proportional zum Bedeutungsverlust als willentlich handelndes Individuum und zur Auflösung autoritärer Befehlsgewalt im Apparat der Nachrichtenmedien eine Aufwertung als mythisch überhöhtes, medial erzeugtes und affektiv besetztes Bild politischer Gewalt erfuhr, das auch nach seinem Tod als Einsatz im Spiel der Macht von unterschiedlichen Akteuren genutzt werden konnte. Der ‚große Mann‘ war in dieser Weise Protagonist einer scheinbar unmittelbaren Gewaltnahme über ein neuartig figuriertes Soziales, ein Umstand, der die neuen Gemeinschaften als Orte eines mythisch überhöhten Unheimlichen offenbarte, durchzogen von einer zugleich dämonischen und unkontrollierbaren, aber auch im messianischen Sinne beseelenden Macht. Dass die Theorie des ‚großen Mannes‘ um 1830 fast zeitgleich von Adolphe Quetelet im Zusammenhang der Begründung der Sozialstatistik sowie in der historiographischen und literarischen Darstellung Napoleons entwickelt wurde, dokumentiert das soziale und epistemologische Bedürfnis nach dieser Figur und zugleich die Vieldeutigkeit dieser Gestalt. Einer solchen Beobachtung entspricht, dass nun auch das Konzept des ‚großen Mannes‘ im neuen Verständnis als eine das soziale Ganze beherrschende und integrierende Gestalt vom politischen und militärischen Sektor auf andere soziale Sphären übertragen wurde, so etwa in den Überlegungen Jacob Burckhardts zur „historischen Größe“ oder in den Stilisierungen von Goethe, Liszt, Hugo und anderen.

Die Tagung will diese dominante politische Figur des 19. Jahrhunderts in ihren Genesen, Verästelungen, Implikationen und Effekten untersuchen.

Eine Veranstaltung der Professur für Deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Kultur- und Wissensgeschichte der Leibniz Universität Hannover in Kooperation mit dem Nationalen Forschungsschwerpunkt Medienwandel- Medienwechsel - Medienwissen. Historische Perspektiven der Universität Zürich.

Veranstalter: Prof. Dr. Michael Gamper (Leibniz Universität Hannover), Ingrid Kleeberg (Leibniz Universität Hannover), Prof. Dr. Karl Wagner (Universität Zürich).


Der ‚große Mann‘: Phantasma des 19. Jahrhunderts
28.-30. Juni 2012, Leibnizhaus Hannover

Donnerstag, 28. Juni:

14.15 – 14.30 Uhr: Michael Gamper: Begrüßung und Einführung

14.30 – 15.30 Uhr: Ernst-Christian Steinecke: Der große Mann, die große Frau, die große Zahl: Das Russische Reich und die Forschungen des Historikers August Ludwig Schlözer (1735-1809)

15.30 – 16.30 Uhr: Marian Füssel: Der letzte ‚große‘ König. Zur intermedialen Aneignung Friedrich II. im langen 19. Jahrhundert

16.30 – 17.00 Uhr: Kaffeepause

17.00 – 18.00 Uhr: Tobias Schlechtriemen: Auguste Comte als ‚großer Mann‘ – zur Exzeptionalität des soziologischen Beobachters

18.00 – 19.00 Uhr: Claude Haas: Wie sterben ‚große Männer‘? Geschichtsphilosophie und Todespolitik nach Hegel


Freitag, 29. Juni:

9.30 – 10.30 Uhr: Dirk Werle: Schleiermacher und die Anfänge der Rede vom großen Mann

10.30 – 11.30 Uhr: Juliane Vogel: Am Ende der Triumphe - Kleists Guiscard-Fragment

11.30 – 12.00 Uhr: Kaffeepause

12.00 – 13.00 Uhr: Ethel Matala de Mazza: Fehlende Größe. Staatsmänner im Schatten Napoleons

13.00 – 14.30 Uhr: Mittagessen

14.30 – 15.30 Uhr: Stephan Baumgartner: Konkurrenz und Kampf der ‚großen Männer‘ bei Grabbe

15.30 – 16.30 Uhr: Nacim Ghanbari: Der Hausvater – Der Beamte

16.30 – 17.00 Uhr: Kaffeepause

17.00 – 18.00 Uhr: Sonja Osterwalder: Auf die Fussspitzen gestellt. C.F. Meyers größere Helden

18.00 – 19.00 Uhr: Robert Suter: "Großmannssucht". Wegleitungen zum Erfolg um 1900


Samstag, 30. Juni:

9.30 – 10.30 Uhr: Eva Horn: Die große Frau. Führerinnen zwischen Schiller und Fritz Lang

10.30 – 11.30 Uhr: Ingrid Kleeberg: Willenskraft und dunkler Drang. Das Verhältnis des großen Mannes zu den Vielen

11.30 – 12.00 Uhr: Kleine Snacks

12.00 – 13.00 Uhr: Joseph Imorde: Michelangelo – Geschichte aus Kraft

13.00 – 14.00 Uhr: Gregor Wedekind: Der Größe ein Gesicht. Darstellungsformen des grand homme in der Kunst.


Kontakt:
Ingrid Kleeberg
E-mail: ingrid.kleeberg@germanistik.uni-hannover.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortHannover
Beginn28.06.2012
Ende30.06.2012
PersonName: Kleeberg, Ingrid  
Funktion: Mitveranstalterin, Ansprechpartnerin 
E-Mail: ingrid.kleeberg@germanistik.uni-hannover.de 
KontaktdatenName/Institution: Deutsches Seminar, Leibniz Universität Hannover  
Strasse/Postfach: Königsworther Platz 1  
Postleitzahl: 30167 
Stadt: Hannover 
E-Mail: ingrid.kleeberg@germanistik.uni-hannover.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Literatur- u. Kulturgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte
Ediert von  H-Germanistik
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