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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Arbeit und Müßiggang in der Romantik"
RessourcentypCall for Papers
TitelArbeit und Müßiggang in der Romantik
BeschreibungARBEIT UND MÜßIGGANG IN DER ROMANTIK

Tagung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, 20.-22.06.2013


Die Zeit von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist für die Entwicklung des modernen Arbeitsbegriffs in Europa und Amerika von außerordentlicher Relevanz. Im Zuge der Aufklärung hatte das 18. Jahrhundert Vorstellungsbildungen eines ‚homo faber‘ akzentuiert und – wie etwa in den pädagogischen Schriften der Philanthropen (Campe u. a.) – den arbeitend und herstellend seine Umwelt gestaltenden Menschen zum erzieherischen Programm erhoben. Sozialhistorisch liegt hierin ein wichtiges Moment der Erstarkung des Bürgertums in seiner Abgrenzung zum Adel. In den literarischen Autonomieprogrammen der Weimarer Klassik findet diese neue sozialhistorische Bedeutung der Arbeit ihre literarästhetische Entsprechung, insofern gegen sie die Sphäre des Spiels und damit auch der Poesie grundsätzlich abgegrenzt wird: Arbeit „an sich“ ist nicht literaturfähig (Schiller, Goethe). Mit diesen Abgrenzungen verfestigen die Aufklärung und die Weimarer Klassik gleichermaßen die bis in die Gegenwart hinein prägenden Oppositionen von „Arbeit“ und „Muße“ sowie „Arbeit“ und „Müßiggang“.

Demgegenüber bietet die Romantik ein diffuseres Bild. Zwar gehören in der Märchensammlung der Brüder Grimm die Belohnung des Fleißigen und die Bestrafung des Faulen zum narrativen Schema. Gleichzeitig betonen Autoren wie Friedrich Schlegel jedoch die Vorzüge von Muße und Müßiggang („Lucinde“) und setzen auf eine kontemplative oder auch auf eine genussorientierte Lebensweise. Indes kehrt die Romantik die von der Weimarer Klassik programmatisch verfestigte Opposition von Arbeit und Müßiggang in solchen Aufwertungen des Müßiggangs nicht einfach um: Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ etwa zeichnet sich gerade dadurch aus, dass in der Figur des alten Bergmanns die kontemplative Haltung des Philosophen und die instrumentelle des Bergmanns überblendet werden. Dies ist von umso größerer Bedeutsamkeit, als der sich entwickelnde Bergbau (Novalis, Tieck, Hoffmann) wie auch das Handwerk des Webens (Chamisso, Heine) zu privilegierten Motiven und poetologischen Reflexionskategorien romantischer und spätromantischer Dichtung erhoben werden. Parallel zu diesen literarischen Reflexionen wird in der idealistischen wie der materialistischen Philosophie der Zeit der Arbeits- und Produktionsbegriff differenziert und anthropologisch zugespitzt (Fichte, Hegel, später Marx), dies mehr und mehr vor dem Hintergrund, dass mit den Industrialisierungsschüben des 19. Jahrhunderts neben den selbstbewussten ‚homo faber‘ ein ‚animal laborans‘ tritt, das nicht mehr als seine Subsistenzmittel erwirtschaftet (zur Differenzierung retrospektiv Hannah Arendt). Schon bei Georg Büchner kommt es, wiederum literarisch gewendet, in diesem Sinne zu einer frühen Kritik des Arbeitsparadigmas.

Ziel der Tagung ist es, angeregt von neueren Ansätzen in der literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschung, die u. a. die Austauschbeziehungen zwischen Literatur und Ökonomie aufgezeigt haben (Vogl, Hörisch, Osteen/Woodmansee, Saller), diese kultur-, sozial- und ästhetikgeschichtlichen Dimensionen des Themenfeldes Arbeit und Müßiggang in der Romantik in ihren Wechselwirkungen zwischen Literatur, bildender Kunst und zeitgenössischen philosophischen und ökonomischen Schriften genauer zu erforschen. Folgende Untersuchungsdimensionen stehen dabei im Fokus:


1. Semantiken, Modi und Figuren von „Arbeit“, „Muße“ und „Müßiggang“

Zur Untersuchung stehen die historischen Semantiken von „Arbeit“, „Muße“ und „Müßiggang“ in der Romantik, wie sie durch die Literatur und Künste realisiert, erprobt und weiterentwickelt werden. Mit welchen Wertungen und Werthaltungen, so wird zu fragen sein, sind die Konzepte von „Arbeit“, „Muße“ und „Müßiggang“ in der Romantik verbunden? Lassen sich gattungs- und medienspezifische Semantiken oder narrative Muster ausmachen? Wie steht es um den utopischen Gehalt von „Arbeit“ und „Muße“ bzw. „Müßiggang“?
Das Verhältnis von „Arbeit“, „Muße“ und „Müßiggang“ organisiert sich indes nicht nur durch den etwa von der Erwerbstätigkeit geregelten Wechsel von Anstrengung und „verdienter“ Erholung. Vielmehr können „Muße“ und „Müßiggang“ ganz unterschiedliche Modi der Nicht-Arbeit darstellen, die auf Kontemplationsbedarf und Entpflichtung oder aber auf Verweigerung und Faulheit beruhen. Ebenso können sie mit ganz unterschiedlichen Formen des Wohlbefindens einhergehen und für den Nicht-Arbeitenden ebenso Genuss und schöpferisches Innehalten wie Langeweile oder sogar Melancholie bedeuten. Damit zusammenhängend etablieren sich im Umfeld der Romantik unterschiedliche Figuren der „Muße“ und des „Müßiggangs“, vom „Taugenichts“ über den Spaziergänger, Reisenden oder Flaneur bis zum Dandy. Zu fragen ist insbesondere nach dem Status der Produktion und Rezeption von Literatur und Künsten als „Arbeit“ und/oder „Müßiggang“, aber auch danach, welchen Einfluss die ersten Vorläufer der „Arbeiterbewegung“ auf die Vorstellungen von „Arbeit“, „Muße“ und „Müßiggang“ haben.


2. Zeit und Raum von „Arbeit“, „Muße“ und „Müßiggang“ in der Romantik

Das Verhältnis von „Arbeit“, „Muße“ und „Müßiggang“ reguliert einerseits die Zeit als Arbeitszeit oder Zeit der Nicht-Arbeit. Im Verhältnis zu Arbeit definierte Zeiten der Nicht-Arbeit sind beispielsweise Sonntag, Feierabend, Urlaub, die indes Anfang des 19. Jahrhunderts sozialhistorisch zum Teil noch gar nicht, zum Teil erst ansatzweise geregelt sind. In Betracht zu ziehen sind aber ebenfalls Zeiten der Krankheit sowie im Blick auf die Erwerbsbiographie insgesamt Zeiten der Kindheit und des Alters, die ebenfalls Nicht-Arbeit begründen können.
Andererseits prägen sich aber auch besondere Raumkonzeptionen aus, die als Arbeitsräume (von der häuslichen Werkstatt des Handwerkers bis zum Kahn des Fährmanns, und vom Acker des Bauern bis zu den ersten Manufakturen etc.), als Räume der Muße (Garten und Park, Theater, Museum, Salon, Schlafzimmer etc.) wie auch des Müßiggangs (Kneipe, Bordell, grüne Wiese etc.) gestaltet und zugleich moralisch bewertet werden. So zieht die Opposition von „Arbeit“ und „Muße“ auch die Abgrenzung von Arbeits- und Privaträumen nach sich, eine Grenzziehung, die in Praktiken wie Heimarbeit (Weber) ihre sozialhistorische Relevanz zeigt, sich aber zugleich auch schon als instabil erweist. Die Zeit um 1800 dürfte auch in dieser Hinsicht eine Übergangszeit sein, in der die scharfe Abgrenzung von Arbeitsräumen, wie sie mit der Industrialisierung die Fabriken zum Regelfall machen, noch eher die Ausnahme darstellt. Im Blick auf Räume der Arbeit und der Muße dürften zugleich Semantisierungen von Stadt und Land sowie Prozesse der Urbanisierung aufschlussreich sein.


3. Historische Anthropologie und Geschlechterdifferenzen von „Arbeit“, „Muße“, „Müßiggang“

„Arbeit“ – und in der Folge „Muße“ und „Müßiggang“ – sind in hohem Maße mit anthropologischen Vorstellungen vom „Menschen“ und von Geschlechterrollen verbunden. Gehört die Arbeit zum Wesen „des“ Menschen? und sind in diesen Bestimmungen Männer und Frauen gleichermaßen eingeschlossen? Während „Arbeit“ um 1800 gemeinhin als Domäne des Männlichen gedacht wird – wie besonders deutlich bei Fourier –, so ist gerade für die Romantik zu fragen, ob und wie diese Vorstellung von den zahlreichen männlichen Müßiggängern und „Taugenichtsen“ infrage gestellt oder zumindest modifiziert wird. Schafft die Romantik auf diese Weise Freiräume für Übergängige zwischen Bildern von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“? Wie wird die Vorstellung von einer genuin „männlichen“ Sphäre der Arbeit durchkreuzt von weiblicher Handarbeit und Hausarbeit? Welche Bedeutung haben Geschlechtervorstellungen über „Arbeit“, „Muße“ und „Müßiggang“ für die Erziehung? Angesichts dieser Fragen erscheint es evident, dass den Repräsentationen und Reflexionen von „Arbeit“, „Muße“ und „Müßiggang“ eine wichtige Rolle in den Prozessen der Identitätsbildung zukommt, die sich sowohl auf individueller wie auch auf gesellschaftlicher Ebene vollziehen. Zu fragen ist hierbei außerdem nach der Bedeutung der Arbeitsteilung im Hinblick auf das Bild des Menschen, wird doch der Mensch in arbeitsteiligen Prozessen weniger als Ganzheit und Individualität denn als fragmentarisch und Funktion betrachtet.


Dies sind einige Facetten des ergiebigen Themenkomplexes, dem im Rahmen der internationalen Tagung genauer nachgegangen werden soll.

Die Tagungssprache ist deutsch.

Die Veranstalter bemühen sich für die Durchführung der Tagung um Zuschüsse, so dass die Reise- und Übernachtungskosten für Referentinnen und Referenten im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten voraussichtlich übernommen werden können.

Eine Publikation der Tagungsbeiträge ist vorgesehen.


Interessenten senden ihren Themenvorschlag für einen 30-minütigen Vortrag bitte mit Titel und Exposé (max. 1000 Zeichen) sowie Kurzvita bis zum 30. Juni 2012 per E-Mail an bjoern.weyand@ovgu.de.



Veranstalter:

Prof. Dr. Thorsten Unger und Dr. des. Björn Weyand
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Institut für Germanistik
Universitätsplatz 2
39106 Magdeburg

Kooperationspartner:

Associate Professor Dr. Franz-Josef Deiters, FAHA
School of Languages, Cultures and Linguistics
Monash University
Victoria 3800
Australia

Dr. Claudia Lillge
Universität Paderborn
Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft
Warburger Str. 100
33098 Paderborn

Hanneliese Palm
Leiterin des Fritz-Hüser-Instituts
für Literatur und Kultur der Arbeitswelt
Grubenweg 5
44388 Dortmund
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortMagdeburg
Bewerbungsschluss30.06.2012
Beginn20.06.2013
Ende22.06.2013
PersonName: Weyand, Björn [Dr. des.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: bjoern.weyand@ovgu.de 
KontaktdatenName/Institution: Institut für Germanistik, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg 
Strasse/Postfach: Universitätsplatz 2 
Postleitzahl: 39106 
Stadt: Magdeburg 
Telefon: + 49 (0)391 67-16591 
Fax: +49 (0)391 67-16559 
E-Mail: bjoern.weyand@ovgu.de 
Internetadresse: http://www.iger.ovgu.de/ 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Literatur 1770 - 1830; Literatur- u. Kulturgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 14.00.00 Romantik
Ediert von  H-Germanistik
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