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Ergebnisanzeige "Der Bildungsroman im literarischen Feld. Perspektiven auf die Gattungsgeschichte mit Bourdieu"
RessourcentypCall for Papers
TitelDer Bildungsroman im literarischen Feld. Perspektiven auf die Gattungsgeschichte mit Bourdieu
BeschreibungCall for Papers

Der Bildungsroman im literarischen Feld. Perspektiven auf die Gattungsgeschichte mit Bourdieu.
Tagung vom 19. bis 21. April 2013 an der Universität Bayreuth

Die Debatte um den Bildungsroman gehört zu den intensiv gepflegten in der germanistischen Literaturwissenschaft: Der Ursprung der Gattung gilt als spezifisch deutsch, dennoch gibt es in der Forschung keinen Konsens, welcher der erste Bildungsroman sei und wie sich die Linie durch die weitere Literaturgeschichte klar verfolgen ließe. Zwei Problemfelder sind immer wieder von neuem Gegenstand der Diskussion: Zum einen die Genese der Gattung, zum anderen ihr Wandel. Beide Probleme können mithilfe der Feldtheorie von Pierre Bourdieu ertragreich neu perspektiviert werden.

Wir wollen die Frage nach der Gattungskonstitution des Bildungsromans feldtheoretisch formulieren, indem wir den Blick auf Positionierungsstrategie eines oder mehrerer Autoren im literarischen Feld richten. Die Frage lautet dann: Wie ist das literarische Feld beschaffen und inwiefern baut ein Autor, indem er einen Text in einer bestimmten Weise gestaltet, eine spezifische Differenz zu anderen Texten des Feldes auf? Aus welcher Position heraus strebt ein Autor als Akteur des Feldes eine bisher nur im virtuellen Raum des Möglichen präsente Feldposition an und wie ist die Positionierung (also der Text als ästhetisches Werk, seine Publikation, die begleitende Kommunikation) beschaffen, d.h. wie unterscheidet sie sich von bisherigen, ggf. ja durchaus ähnlichen? Welcher Text begründet eine Tradition in dem Sinne, dass der Anschluss an ihn symbolisches Kapital verspricht?

Aus dieser Perspektive spricht Vieles für die folgende Sichtweise auf die Gattungsbegründung: Nur „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ lassen sich entlang inhaltlich-thematischer, referenzieller, erzähltechnischer und auch publizistischer Aspekte plausibel als eine solche Positionierung im literarischen Feld rekonstruieren, beim „Agathon“, der in der Forschung oft als gattungsbegründender Text genannt wird (Köhn 1969; Jacobs/Krause 1989; Mayer 1992; Selbmann 1994; jüngst wieder Gutjahr 2007), ist das dagegen nicht möglich.

Gattungsentwicklung

Der Bildungsroman bietet in besonderem Maße die Möglichkeit im Text Aspekte der sozialen und politischen Zeit, zu der die erzählte Geschichte spielt, zu diskursivieren und mit den Bedingungen der Möglichkeit von glückendem individuellen Leben, das sowohl philosophisch und anthropologisch als auch literarisch konzipiert sein kann, zu kontrastieren. Allerdings besteht im Weiterführen der Gattung auch eine besondere Herausforderung, da die Notwendigkeit der ständigen Innovation bzw. Neuformulierung der Gattungspoetologie ein reines Angleichen des etablierten Musters an neue Modelle der Lebenswelt nicht als ausreichend erscheinen lässt, um tatsächlich einen Text zu schaffen, der zur Evolution der Gattung beiträgt. Anders gesagt, müssen trotz aller erkennbaren Bezugnahme auf die etablierten Texte der Gattung und deren Konzept jeweils Momente hinzukommen, die zur Entstehungszeit des Romans im literarischen Feld innovativ und relevant sind, um der Positionierung genügend Nachdruck zu verleihen.

Wir wollen deshalb fragen, inwiefern der Bezug auf den Bildungsroman im Einzelfall als Strategie zur Akkumulation von symbolischem Kapital in einem gleichzeitig existierenden Feld verwendet werden kann. Immerhin erscheint es auffällig, dass diejenigen Autoren der deutschsprachigen Literaturgeschichte Bildungsromane geschrieben bzw. zu schreiben versucht haben, die auf spezifische Weise Anspruch auf eine dominierende Feldposition angemeldet haben.

Dies möchten wir versuchen, indem wir die Positionierung als textuelles Merkmal beschreiben. Wir verstehen den literarischen Text, den Bourdieu als eine mögliche Form der Positionierung erfasst, als Äußerungsakt, mit dem zu anderen vorhandenen Äußerungsakten eine Differenz aufgebaut wird: „Jede […] Positionierung definiert sich (objektiv und manchmal auch absichtlich) durch ihren Bezug auf das Universum der Positionierungen […]; sie erhält ihren Wert von ihrer negativen Beziehung zu gleichzeitig bestehenden Positionierungen, auf die sie objektiv bezogen ist“ (Bourdieu 2001, S. 368). In dieser Differenz lässt sich sowohl diachron im Anschluss an vorgängige Texte bzw. Traditionslinien als auch synchron in Abgrenzung zu anderen möglichen Positionierungen eine Strategie erkennen. Bei der Analyse eines Textes kann der Rekurs auf die zeitgenössische Rezeption dazu dienen, die Aufmerksamkeit auf jene Aspekte des mit dem Text vollzogenen Äußerungsaktes zu lenken, die wesentlich seine Differenz gegenüber anderen Äußerungsakten ausmachen und die als solche wahrgenommen wurden.
Die Bourdieuschen Überlegungen zur Positionierung mithilfe einer Strategie weiterdenkend geht es auch um die analytische Differenzierung von Aspekten, die wir in ihrer Wirkung, ganz im Sinne von Bourdieus Strategie-Begriff, den er als Agieren gemäß des inkorporierten „Spiel-Sinns“ versteht, verbunden denken (Vgl. Jannidis: Unser moderner Dichter. In: Deutschsprachige Romane der klassischen Moderne 2008, S. 47-72.). Das auf literarische Kommunikation hin perspektivierte Verständnis vom Text als Äußerungsakt und der Strategie als Kette von Aktionen (Positionierungen), die zur Erlangung und Sicherung einer Feldposition dienen sollen, macht es allerdings für uns durchaus notwendig, die einzelnen Momente des Textes aufmerksam zu erfassen, die als Strategeme auf allen Ebenen wirksam werden.

Dazu lässt sich gut an Studien anschließen, die mit der Feldtheorie Pierre Bourdieus gearbeitet haben: Norbert Christian Wolf hat in mehreren Publikationen Goethes Funktion für die Autonomisierung des deutschsprachigen literarischen Feldes herausgearbeitet und der von ihm und Markus Joch herausgegebene Sammelband „Text und Feld“ präsentiert zu zentralen Aspekten der Theorie wegweisende Aufsätze (Joch/ Wolf: Text und Feld. Tübingen 2005). Michler hat in diesem Band den Niedergang des Epos mithilfe der Feldtheorie beschrieben und dabei eine anschlussfähige Beschreibung der Gattungswahl vorgeschlagen. Er versteht sie als „Akt der Stellungnahme (Positionierung) nicht bloß zur zeitgenössisch dominanten Sozialklassifikation, sondern insbesondere [als] ein[en] Akt der Stellungnahme zum Verhältnis zwischen dem literarischen Feld [...] und der Sozialklassifikation im sozialen Feld“ (In: Text und Feld, S. 195). Allerdings ist bisher aus Bourdieuscher Perspektive noch nicht die Frage nach Entstehung, Etablierung und Fortführung einer Gattung mit konkretem Blick auf die Texte gestellt worden.

Gegenüber einer bisherigen romansoziologischen Betrachtungsweise, in der man den Bildungsroman z.B. als literarisch-soziale Institution konzipiert, lässt sich der Zugang mit Bourdieu insofern abgrenzen, als die Bildungsromane nicht nur auf außer ihnen selbst liegende gesellschaftliche Zustände bezogen, sondern als Positionierung im literarischen Feld als einem gesellschaftlichen Bereich selbst als soziale Akte verstanden werden. Konkret heißt das: Voßkamp begründet den Erfolg des Bildungsromans über seine Funktion für die Bewältigung einer neuen, an Vervollkommnung in der Zukunft ausgerichteten Individualitätskonzeption (vgl. Voßkamp 1989). Mit der Feldtheorie kann die Wahl der Gattung Bildungsroman zusätzlich auf das Feld der Literatur bezogen werden, indem man Texte als soziale Akte versteht, die sowohl der Disposition und Feldposition des Autors gemäß gestaltet werden, als auch auf die vorhandenen Texte und besetzten Positionen reagieren.

Erwünscht sind Beiträge, die Bildungsromane mit der Feldtheorie neu in den Blick nehmen und dabei die Frage beantworten, inwiefern sich ein Autor einerseits im literarischen Feld seiner Zeit, andererseits in der Gattungsentwicklung positioniert, wenn er einen Bildungsroman schreibt. Wir wollen uns dabei auf deutschsprachige Texte beschränken. Poetologische Positionierungen, die literaturwissenschaftliche Debatte und die Institutionen des Feldes sind zentrale Bedingungen für die (Re-)Konstruktion der Schreib- und Autorenstrategien. Diese Bedingungen des literarischen Feldes sollen jedoch nicht eigenständig soziologisch analysiert, sondern für Aussagen über Romane literaturwissenschaftlich funktionalisiert werden. Fragen nach Rahmenbedingungen, Rezeptionsweisen und Institutionalisierungen (Kanonisierung, Preise, Verlage etc.) wollen wir nicht eigenständig, sondern immer im Rahmen der Diskussion der entsprechenden Texte stellen.
Exposés (max. 500 Wörter) bitte bis zum 06.05.2012 an Dr. des. Elisabeth Böhm (elisabeth.boehm@uni-bayreuth.de) und Dr. Katrin Dennerlein (katrin.dennerlein@uni-bayreuth.de).

Zur gezielten Vorbereitung der Tagung wird ein Reader mit ausgewählten Bezugstexten zeitnah an die Teilnehmer versendet. Die fertigen Beiträge sollen bis zum 10. März 2013 an die Veranstalterinnen geschickt werden, die sie dann an alle Teilnehmer der Tagung zur vorbereitenden Lektüre weiterleiten. Bei der Tagung wollen wir die Beiträge im Anschluss an eine fünfzehnminütige Kurzvorstellung ausführlich diskutieren.


Dr. des. Elisabeth Böhm
Universität Bayreuth
Lehrstuhl für Neuere deutsche
Literaturwissenschaft
D-95440 Bayreuth
elisabeth.boehm@uni-bayreuth.de

Dr. Katrin Dennerlein
Universität Bayreuth
Lehrstuhl für Neuere deutsche
Literaturwissenschaft
D-95440 Bayreuth
katrin.dennerlein@uni-bayreuth.de


Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBayreuth
Bewerbungsschluss06.05.2012
Beginn19.04.2013
Ende21.04.2013
PersonName: Dr. Katrin Dennerlein 
Funktion: wissenschaftliche Mitarbeiterin 
E-Mail: katrin.dennerlein@uni-bayreuth.de 
KontaktdatenName/Institution: Universität Bayreuth, Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft 
Postleitzahl: 95440 
Stadt: Bayreuth 
Telefon: 0921-55 4692 
E-Mail: katrin.dennerlein@uni-wuerzburg.de 
Internetadresse: http://www.germanistik.uni-wuerzburg.de/lehrstuehle/computerphilologie/mitarbeiter/dennerlein/ 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeErzähltheorie; Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Klassiker
Zusätzliches SuchwortPierre Bourdieu; Bildungsroman; literarisches Feld; Feldtheorie; Literatursoziologie; Gattungsgeschichte
Ediert von  H-Germanistik
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