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Ergebnisanzeige "Strukturalismus: Rezeption und Theorieentwicklung"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelStrukturalismus: Rezeption und Theorieentwicklung
BeschreibungStrukturalismus in Deutschland
Literatur- und Sprachwissenschaft 1910-1975

07.-10. November 2007, Deutsches Literaturarchiv Marbach

Eine Tagung des Marbacher Arbeitskreises Geschichte der Germanistik

Gefördert von der Thyssen Stiftung
Anmeldung: wollg@dla-marbach.de

Jacques Derrida schrieb 1967 der zukünftigen Ideengeschichte ins Stammbuch: Wenn sich die »strukturalistische Invasion« eines Tages zurückziehen und ihre »Werke und Zeichen auf den Stränden unserer Zivilisation hinterlassen« würde, dann würde sie zur Frage, zum Gegenstand für die Ideengeschichte. Derrida fügte mit dem Gestus der Historisierungsverweigerung, der für strukturalistisches und nachstrukturalistisches Denken bezeichnend sein würde, hinzu, dass der Ideenhistoriker sich irren würde, sollte er sich auf diese Objektivierung einlassen. Er würde dem »Strukturalismus« nicht gerecht werden – habe es sich doch in erster Linie um ein »Wagnis« in der Umstellung der »Sichtweise« gehandelt, um eine »Veränderung der Art, Fragen an jeden Gegenstand zu stellen«, insbesondere an den historischen, darunter nicht zuletzt den literarischen Gegenstand.

Längst hat sich die »strukturalistische Invasion«, wie Derrida einprägsam formuliert, von den »Stränden der Zivilisation« zurückgezogen. Ihre Dokumente und Überreste hat sie als historisches Strandgut am Spülsaum der Wissenschafts- und Ideengeschichte zurückgelassen. Die Historisierungssperre, die in strukturalistischer Absicht verhängt wurde, ist fragwürdig geworden. Für eine Wissenschaftsgeschichte als Geschichte von Personen und Institutionen, aber auch von Programmen, Traditionen, Legitimationen und Versprechungen werden die strukturalistisch geprägten Vorhaben zum Gegenstand.

Wie lässt sich die Reichweite strukturalistischer Theorien veranschlagen, wie lassen sich Phänomene der Ablehnung und der Weiterentwicklung, des frühen Endes und des Überdauerns strukturalistischer Denkweisen beschreiben? In welcher spezifischen Weise haben sich strukturalistische Theoreme vor ihrer Historisierung zu schützen versucht, welches neuartige Erkenntnisversprechen war mit diesem Heraustreten aus dem Bereich des Historischen und Individuellen verbunden, welche Umstände haben zur Enttäuschung des strukturalistischen Versprechens geführt?

Diese Fragen sind zumal für einen deutschen Forschungskontext von hohem Interesse, dem man pauschale Resistenz gegen das strukturalistische Vorhaben, zumindest aber eigene theoretische Unproduktivität nachgesagt hat. Das gestellte Thema verlangt nach expliziten, eingrenzenden Entscheidungen. Während strukturalistische Theoriebildung und sowie ihre formalistischen Vorläufer landläufig auf Modelle russischer, tschechischer, skandinavischer, französischer und US-amerikanischer Provenienz verengt werden, kommt der deutschen Forschungslandschaft in den einschlägigen Darstellungen eher die Funktion eines Resonanzraums zu. Dass in den deutschen Geisteswissenschaften die strukturalistische Debatte mit hohem programmatischen und wissenschaftspolitischen Einsatz geführt wurde, bleibt dabei weitgehend ausgeblendet.

1. Begriffliche Voraussetzungen

Bereits Beda Allemann (1969) hat auf einen Topos hingewiesen: »Wer über den Strukturalismus spricht, pflegt einleitend festzustellen, daß er sich kaum eindeutig definieren läßt«. Entscheidende Protagonisten des Theorieschubs lehnten das Etikett »strukturalistisch« vehement ab. Anhand neuerer begriffsgeschichtlicher Arbeiten wird deutlich, dass zwischen einem (a) systematischen Strukturalismus-Begriff und einem (b) historischen Strukturalismus-Begriff zu unterscheiden ist.
In einem (a) systematischen Sinne kann »Strukturalismus« / »strukturalistisch« in den Geisteswissenschaften ein Vorgehen bezeichnen, das sich von einzelfallbezogenen Argumentationen, etwa historistischen oder psychologischen, absetzt und stattdessen Prinzipien und Funktionen, etwa elementare Relationen, Oppositionen, Gleichförmigkeiten und Aufgabenentsprechungen in den Blick nimmt. Das Interesse gilt dabei nicht den Eigenarten eines einzelnen Systems, sondern seinen funktionalen Einheiten, deren regelhaften Zusammenhängen sowie der Wiederkehr entsprechender Regeln in Vergleichssystemen. Ein solcher systematischer Strukturalismusbegriff zeichnet sich durch szientifische Emphase aus. Er stellt traditionellen geisteswissenschaftlichen Verfahren, die erzählerisch angelegt sind, den Anspruch auf Funktions- und Regelerkenntnis gegenüber.

Ein solcher systematischer Strukturalismusbegriff erlaubt, »Strukturalismus« im wissenschaftshistorisch engeren Sinne in einem Kontext vergleichbarer, vor- und nachgelagerter Ansätze zu positionieren. In einem (b) historischen Sinne bezeichnet »Strukturalismus« / »strukturalistisch« insofern eine spezielle Ausprägung von (a), nämlich ein Verfahren, das in den Sprachwissenschaften entwickelt und, unter Bezug auf formallogische, mathematische und wissenschaftstheoretische Ansätze, in der Ethnologie, der Philosophie, der Psychologie sowie nicht zuletzt den Literatur- und Geschichtswissenschaften rezipiert und ausdifferenziert wird. Erforderlich erscheint bei der systematischen und historischen Abgrenzung eine vertiefte Reflexion über wissenschaftsgeschichtliche und wissenschaftstheoretische Leitdifferenzen. Oppositionsbildungen in Selbst- und Fremdbeschreibungen wie die zwischen Strukturalismus und Hermeneutik werden im Rahmen der Tagung behandelt und auf ihre wissenschaftsgeschichtliche Validität hin befragt.

2. Leitfragen und Programm

(a) Welcher Strukturalismusbegriff wird verwendet, wenn in der deutschen Literatur- und Sprachwissenschaft von »Strukturalismus« die Rede ist? Wie verlaufen die begrifflichen Demarkationslinien? Welcher Strukturalismusbegriff lässt sich wissenschaftsgeschichtlich für die deutsche Literaturwissenschaft und Linguistik operationalisieren?

(b) Wie lassen sich strukturorientierte Ansätze in der deutschen Literaturwissenschaft und Linguistik vor der Strukturalismusrezeption im engeren Sinne klassifizieren? Wo handelt es sich um abgebrochene Traditionen, wo ist Anschlussfähigkeit gewährleistet?

(c) Welche wissenschaftstheoretischen und wissenschaftspolitischen Versprechungen waren mit der Rezeption strukturalistischer Theoriebildung in der deutschen Literaturwissenschaft und Linguistik in West- und Ostdeutschland verbunden? Mit welchen Argumenten wurde Anschlussfähigkeit bestritten und Nachholbedarf geltend gemacht? Wie schließlich lässt sich die Überlagerung von strukturalistischer Theorieentwicklung einerseits, frühen poststrukturalistischen sowie semiotischen Ansätzen andererseits beschreiben?


Programm

– 7. November 2007, Abend –
Anreise


– 8. November 2007 –

9.00
Ulrich Raulff, Marbach
Begrüßung

Eberhard Lämmert, Berlin
Einführung

9.30
I. Begriffliche und methodologische Vorüberlegungen
Moderation: Marcel Lepper, Marbach

Lutz Danneberg, Berlin
Zum Struktur-Begriff – Deutungskonkurrenzen

Kommentar: Andreas Gardt, Kassel
Zum Struktur-Begriff aus linguistischer Perspektive

Carlos Spoerhase, Kiel
Strukturalismus und Hermeneutik als literaturtheoretische Leitdifferenz?

Dirk Werle, Leipzig
Struktur und Ereignis als geschichtstheoretische Leitdifferenz?

13.00
Mittagspause

14.00
Moderation: Marcel Lepper, Marbach

Christoph König, Osnabrück
Zum Begriff der Äquivalenz

II. Anamnese – Deutschland, Osteuropa, Frankreich, USA
Moderation: Carlos Spoerhase, Kiel

Hans-Harald Müller, Hamburg
Formalistische und strukturalistische Theorieansätze um 1910

Ralf Klausnitzer, Berlin
Theorie-Transfer und kulturelle Adaptation. Transnationale Wanderungsbewegungen des Strukturalismus

Kommentar: Ben Hutchinson, Canterbury
Jean Amérys Dialog mit der französischen Philosophie der 1960er Jahre

18.30
Abendessen

20.00 Abendvortrag:
Thomas Meyer, Jerusalem
Deutsche Emigranten im New Yorker Linguistenzirkel

Moderation: Marcel Lepper, Marbach


– 9. November 2007 –

9.00
III. Vor dem Strukturalismus – Ansätze im deutschsprachigen Bereich
Moderation: Dirk Werle, Leipzig

Eberhard Lämmert, Berlin
Strukturale Typologien – Käte Hamburger

Wilhelm Voßkamp, Köln
Gegenständlichkeit literarischer Sprache bei Wolfgang Kayser

Holger Dainat, Magdeburg
Auf der Suche nach einem Strukturalismus vor dem Strukturalismus in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft nach 1945

Wilfried Barner, Göttingen
Die Attraktivität der Theorie-Skepsis: Friedrich Beißner

13.00
Mittagspause

14.00
IV. Strukturalistische Theoriebildung in der Bundesrepublik und in der DDR
Moderation: Ralf Klausnitzer, Berlin

Ludwig Jäger, Aachen
Zu Saussure in der Sprachwissenschaft in Deutschland (West und Ost)

Myriam Richter, Hamburg / Bernd Hamacher, Köln
Der Sprachkörper unter dem Seziermesser: Strukturalismus im Goethe-Wörterbuch

Petra Boden, Berlin
Früher Strukturalismus und Kybernetik

Ulrike Haß, Essen
Szientifizierungsprogramme I: ‚Datenverarbeitende Maschinen‘ und der strukturalistische Diskurs

19.00
Abendessen

20.00 Podiumsgespräch (wird noch angekündigt)


– 10. November 2007 –

9.00
V. Strukturalismus in der Praxis, Strukturalismus als Haltung
Moderation: Hans-Harald Müller, Hamburg

Jörg Schönert, Hamburg
Szientifizierungsprogramme II: Strukturalistische Grundbegriffe, Verfahren der Textanalyse und methodische Konzepte in der Literaturwissenschaft (1968-1975)

Klaus Weimar, Zürich
Darstellungsformen in strukturalistischen Texten

Marcel Lepper, Marbach
Strukturalismus: ein frühes und ein spätes Ende

Michael Titzmann, Passau
Strukturalistisches Vermächtnis?

VI. Abschlussdiskussion

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortMarbach
Beginn07.11.2007
Ende10.11.2007
PersonName: Wollgarten, Birgit 
Funktion: Ansprechpartnerin 
E-Mail: wollg@dla-marbach.de 
KontaktdatenName/Institution: Deutsches Literaturarchiv Marbach 
Strasse/Postfach: Schillerhöhe 8-10 
Postleitzahl: 71672 
Stadt: Marbach am Neckar 
Telefon: +49 (0)7144-8480 
Fax: +49 (0)7144-848299 
Internetadresse: http://www.dla-marbach.de/ 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturtheorie: Klassiker
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/2513

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