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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Forum Vormärz Forschung e.V. - Homepage"
RessourcentypCall for Papers
TitelForum Vormärz Forschung e.V. - Homepage
BeschreibungGeld und Ökonomie im Vormärz
(CfP für das Jahrbuch des Forum Vormärz Forschung 2013, Dr. Jutta Nickel, Hamburg)

„Richtig sprachen sie den Beruf der bürgerlichen Gesellschaft dahin aus, Geld zu machen, also, vom Standpunkt der einfachen Warenzirkulation, den ewigen Schatz zu bilden, den weder Motten noch Rost fressen.“ (MEW 13, S. 133)

An dieser Stelle in den Grundrissen spricht Marx über die bürgerlichen Ökonomen des 18. Jahrhunderts, die das historisch Neue der kapitalistischen Reichtumsproduktion zu erfassen versuchen. Im Unterschied zum Reichtum, der aus der einfachen Warenzirkulation resultiert, gründet der Reichtum der sich entfaltenden kapitalistischen Warenproduktion nicht in der Schatzbildnerei, sondern in der Verwertung des Werts, dessen Resultat sich in der Wahrnehmung der Zeitgenossen in der schrankenlosen Anhäufung riesiger Vermögen in den Händen weniger Menschen bei gleichzeitiger Pauperisierung großer Teile der Bevölkerung manifestiert.

Dieser Zustand ungleicher Reichtumsverteilung, der zeitgenössischen Äußerungen zufolge in seiner Maßlosigkeit bis dahin unbekannt war, ist einer tief greifenden Transformation der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit geschuldet. In einem Prozess der Industrialisierung und Kapitalbildung, der mit der Genese enormer privatisierter Geldvermögen verbunden ist, verlieren nicht nur die jahrhundertealten geldlosen Subsistenzstrategien armer Bevölkerungskreise an Geltung; vielmehr entwickelt sich das Geld über seine Tausch- und Zahlungsfunktion hinaus zu einem allgemeinen Äquivalent, welches über die bloße Subsistenzsicherung hinaus durch sein Versprechen allumfassender Wunscherfüllung eine oft als unheimlich empfundene Magie entfaltet, die jede Lebensäußerung der in diesen Transformationsprozess geworfenen gesellschaftlichen Subjekte zu bestimmen scheint.

Während die ältere Forschung zum Problem des Geldes und der Ökonomie im Vormärz wesentlich thematisch orientiert war, sind seit den 1990er-Jahren zahlreiche Arbeiten entstanden, die Geld jenseits der Grenzen ökonomischer Schriften als verschwiegenen Subtext in Dichtung und Philosophie lesbar machen. So untersucht etwa Jochen Hörischs Kopf oder Zahl (1996) nicht nur das Thema Geld in der Literatur, sondern umgekehrt auch die „poetischen Qualitäten“ des Geldes; in Kalkül und Leidenschaft (2004) entwirft Joseph Vogl eine Poetologie polit-ökonomischen Wissens, dessen Referenten nicht außerhalb ihrer „diskursiven Bewerkstelligung“ begriffen werden können, und Richard T. Gray richtet den Blick auf ein „economic unconscious“, welches das stumme strukturelle Bestimmungsmoment philosophischer und literarischer Darstellungen der Transformationsepoche sei (Money Matters; 2008).

Wenngleich die Geldvermögen in privater Hand als funkelnde Kristalle der modernen Geldmacherei „in dieser Form keine Narben seiner Entstehung“ (MEW 26, S. 405) mehr an sich tragen, so können die beispielhaft genannten theoretischen Zugänge doch die Perspektive eröffnen, in eben diesen funkelnden Kristallen die unsichtbaren „Narben“ des kapitalistischen Verwertungs- und Zirkulationsprozesses lesbar zu machen. Dazu sollen im Schwerpunkt Geld im Vormärz ökonomische, politische, medizinische, religiöse, philosophische, literarische und andere Darstellungen aus europäischen Ländern, die sich im Zuge der Transformation der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit bisweilen obsessiv mit der Registratur der Folgen dieser Transformation befassen, auf die narrative Beschaffenheit und auf ihre Wahrnehmungs- und Repräsentationsweisen hin untersucht werden.

Folgende Arbeitsbereiche sind denkbar, können aber um andere Aspekte ergänzt werden:

Wirtschafts- und sozialhistorische Aspekte der vormärzlichen Geldherrschaft

* Zeitliche Konzentration des Geldes: Beschleunigung ökonomischer Produktions- und Reproduktionszyklen und deren Auswirkung auf den allgemeinen Arbeits- und Lebensrhythmus
* Geografische Konzentration des Geldes: Urbanisierung, Ausbildung nationaler und kolonialer Märkte samt zugehöriger Infrastruktur (Eisenbahn; Schiffsverkehr)
* überproduktions- und spekulationsbedingte Wirtschaftskrisen (1846/47; 1857)
* Rente, Profit, Lohn; Steuern und öffentliche Finanzen
* ökonomische Theorien zwischen Adam Müller und Karl Marx
* bürgerlich-konservative Geldkritik als Instrument der Krisenregulierung
* Armut und Geldkriminalität: Gaunerei, Bettel, Diebstahl, Betrugsdelikte (Hochstapelei) und Banküberfall
* Registraturen des Pauperismus, Verteilungsgerechtigkeit und Abschaffung des Geldes in frühsozialistischen Utopien

Geld, Körper und Religion

* Geld und moderner Antisemitismus
* Gott, Geld und Glaube: der Fetischcharakter des Geldes und gottgefällige Armut
* Aspekte der Transformation traditioneller christlicher Caritas
* zur Geldnatur des weiblichen Körpers: sozialmedizinische und -hygienische Vermessungen des zirkulierenden weiblichen Körpers in der Stadt (Prostitution)
* zur Geldnatur des männlichen Körpers: Homosexualität, Impotenz/Omnipotenz und phallische Struktur des Geldes
* über geldbedingte pathologische Nervositäten (Raserei), die Konjunktur psychiatrischer Erkrankungen (Wahn; Gefühlskälte) und Paralyse bzw. (Schein)Tod als Konsequenz moderner Geldherrschaft

Mentalitätsgeschichtliche Umbrüche

* Gier und Geiz
* Spekulationslust, Protzerei und Sozialangst, Statuspanik
* Sparsamkeit, Tüchtigkeit, nüchternes Geschäftsinteresse und Müßiggang, Verschwendung, Laster
* Geld als Signatur gesellschaftlicher Anerkennung
* zur Befehlsgewalt des Geldes (militaristische Organisation der industriellen Produktion; der Unternehmer als Feldherr)


Vorschläge mit kurzem Exposé (maximal 500 Wörter) bitte per E-Mail bis 31. Dezember 2012 an:

Dr. Jutta Nickel, nickel.jutta@web.de

Abgabeschluss für die fertigen Beiträge ist der 30. November 2013.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.vormaerz.de/
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss31.12.2012
PersonName: Detlev Kopp 
Funktion: Jahrbuchredakteur 
E-Mail: kopp@vormaerz.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur 1770 - 1830
Ediert von  H-Germanistik
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URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/23807

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