VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Realitätsflucht und Erkenntnissucht - Alkohol und Literatur"
RessourcentypCall for Papers
TitelRealitätsflucht und Erkenntnissucht - Alkohol und Literatur
BeschreibungCALL FOR PAPERS:

Realitätsflucht und Erkenntnissucht - Alkohol und Literatur
(Sammelband)

Einsendeschluss für die Beitragsvorschläge: 15. März 2012

Brauchen Schriftsteller den Alkohol um zu schreiben? Schriftsteller
schreiben nicht weil, sondern obwohl sie trinken. Der Trinker als
literarische Figur und der Schriftsteller als Trinker, zwischen diesen
beiden Punkten oszilliert das Thema Alkohol und Literatur. Wenn ein
Komatrinker wie Charles Bukowski behauptet, er müsse sich „einen
antrinken, um in den Flow zu kommen“, dann bedeutet das zunächst, das er
Alkoholiker ist und ohne Alkohol weder leben noch schreiben kann. In
alkoholischer Hinsicht sind bei Bukowski Leben und Werk identisch, ebenso
wie bei seinem Vorbild Hemingway. Für beide ist der Rausch nicht mehr der
exaltierte Ausnahmezustand eines romantischen Zeitalters sondern
notwendige Ingredienz des Alltags. In typischer Alkoholikermanier bewegen
sich ihre Texte zwischen alkoholseliger Übertreibung und erstaunlich
zarter Empfindsamkeit und sind zugleich Zeichen für eine Flucht vor der
tief empfundenen Unmenschlichkeit der modernen Welt sowie dem eigenen
Versagensgefühl.

Zahlreiche Schluckspechte wandeln durch die Weltliteratur, und der
Alkoholisierte gehört längst zum Stereotypenarsenal der Literatur, muss
aber in keinerlei Beziehung zum Leben des Autors stehen. Versucht sich
dagegen ein alkoholabhängiger Schriftsteller in einer Alkoholikerfigur zu
spiegeln, dann wird das Klischee der oft tragikomischen Präsentation auf
der Suche nach Selbsterkenntnis oder neuen Darstellungsmöglichkeiten
durchbrochen. Dabei handelt es sich um eine literarische Innenperspektive
der Alkoholsucht. Dann treffen Kreativität und Alkoholmissbrauch
aufeinander, das Leben des Schriftstellers tritt in eine nicht zu lösende
Wechselbeziehung mit dem literarischen Text.

Im Gegensatz zur Klassik interessierte sich die kranke Romantik (Goethe)
für alles Pathologische und Dekadente, sie erhob das fühlende Subjekt zum
primären Kriterium für die Bewertung der Welt. Neben Opium wurde Alkohol
genutzt, um sich Einsichten in das Unbewusste zu verschaffen. Von dieser
Theorie zeigten sich Literaten wie E.T.A. Hoffmann, Charles Baudelaire,
Edgar Allan Poe und Malcolm Lowry tief beeindruckt. Was sie immer wieder
auch zum Alkohol greifen ließ, ist neben dem ganz normalen Rausch der
Wunsch zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wie der
Weintrinker Goethe es im Faust formulierte. Sie wollen so einen
metaphysischen Bereich des Lebens ergründen, der von der Vernunft nicht
berührt wird. Dazu ist es notwendig, das Bewusstsein auszuschalten, um aus
seinen Grenzen herauszutreten und mittels ästhetischer Imagination ein
Abbild der eigenen Innerlichkeit zu erschaffen.

Die oft satirischen und zumeist hoch intelligenten Reflexionen der
trinkenden Helden geraten in den literarischen Texten zu aberwitzigen
Monologen, in denen alle moralischen und geistigen Werte demontiert werden
und die Realität nicht nur im Chaos versinkt, sondern gar deren Existenz
überhaupt in Frage gestellt wird. Dabei gewähren die Texte Einblicke in
die seelischen Abgründe von Alkoholsüchtigen, in dem dargestellten Verfall
der einsamen Trinker spiegelt sich aber zugleich auch der Zustand der
modernen Gesellschaft. Es soll in dem geplanten Sammelband u.a. die Frage
diskutiert werden, welchen Einfluss der Alkohol auf die Autoren-Theorie
und die dichterische Produktion selbst hatte und warum Alkohol nach wie
vor zu einem ebenso offensichtlichen wie verdrängten Teil menschlicher
Kultur gehört.

Für den Sammelband können Exposés zu folgenden Schwerpunkten eingereicht
werden, wobei weitere relevante Themenvorschläge natürlich willkommen
sind:
1. Alkohol(-rausch) als alternative Weltwahrnehmung
2. Der Trinker als literarische Figur
3. Realitätsflucht und Erkenntnissucht
4. Soziale und kulturelle Funktionen des Alkohols
5. Der Dichter und der Alkohol
6. Einfluss des Alkohols auf die dichterische Produktion

Diese Schwerpunkte aber auch darüber hinausgehende Fragen möchte der
Sammelband kontrovers diskutieren. Beiträge sind – nicht ausschließlich –
u.a. erwünscht zu Autoren wie Joseph Roth, Wenedikt Jerofejew, Malcolm
Lowry, E.T.A. Hoffmann, Jack London, Charles Bukowski, Emile Zola, Gerhart
Hauptmann, Hans Fallada und Marguerite Duras.
Vorschläge für Beiträge werden bis zum 15. März 2012 per E-Mail erbeten
(Abstract ca. 500 Wörter), sowie zusätzlich bitte einige kurze
bio-bibliographische Angaben.
Abgabetermin für die vollständigen Beiträge (6.000 bis 8.000 Wörter) ist
der 30. August 2012. Der Sammelband soll im Verlag Ripperger & Kremers
voraussichtlich Ende 2012 erscheinen.

Vorschläge und Beiträge werden erbeten an:

Dr. Mirko Gemmel
mirko.gemmel@hu-berlin.de

Prof. Dr. Markus Bernauer
M.Bernauer@mailbox.tu-berlin.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss15.03.2012
PersonName: Markus Bernauer 
Funktion: Kontakt 
E-Mail: M.Bernauer@mailbox.tu-berlin.de 
Name: Mirko Gemmel 
Funktion: Kontakt 
E-Mail: mirko.gemmel@hu-berlin.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/23529

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 14.12.2011 | Impressum | Intern