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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Ohnmacht des Subjekts – Macht der Persönlichkeit. Internationale Konferenz der Nietzsche-Gesellschaft e.V."
RessourcentypCall for Papers
TitelOhnmacht des Subjekts – Macht der Persönlichkeit. Internationale Konferenz der Nietzsche-Gesellschaft e.V.
BeschreibungWissenschaftliche Leitung: Christian Benne/Enrico Müller
Veranstaltungsort: Nietzsche-Dokumentationszentrum: Naumburg, 11. – 14. Oktober 2012

Hauptvorträge von Karl Heinz Bohrer, James Conant, 
Heinrich Detering, Rüdiger Görner, Hans Ulrich Gumbrecht, 
Duncan Large, Enrico Müller, Chiara Piazzesi, Werner Stegmaier


Macht und Ohnmacht

Wie kaum ein zweiter Autor in der Geschichte der modernen Philosophie hat Nietzsche (oder die je von ihm eingesetzte Autorstimme) das Persönliche zum zentralen Bezugspunkt seines Denkens gemacht. Die Präsenz des Einzelnen, die Souveränität des Individuums und die Macht der Persönlichkeit werden in seinem Werk philosophisch namhaft – in wortwörtlicher Bedeutung. Nietzsches Schriften enthalten über weite Strecken persönliche Auseinandersetzungen mit philosophischen Vorbildern und Widersachern, die scheinbar selbst vor biographischen Herleitungen nicht zurückscheuen. Ob Sokrates oder Platon, ob Pascal oder Rousseau, Spinoza oder Schopenhauer: Auseinandersetzungen mit ihnen werden von Nietzsche stets offensiv als Kampf von Persönlichkeiten, als interindividueller ‚agon’ inszeniert. Ähnliches ließe sich über seine apodiktischen Urteile auf dem Gebiet der Literatur, der Musik, der Politik, anführen. Für die Nietzscherezeption war eben dies auf zunächst fatale Weise prägend. Nichts hat, historisch gesehen, Nietzsches intellektuellem Ansehen so geschadet wie die verkürzte Auffassung seines Denkstils als eines hypertrophen ‚argumentum ad hominem’. Gewiss, einigen dieser Fälle mag der Begriff der Maske oder die Annahme überindividueller ‚types’, die lediglich von berühmten ‚tokens’ repräsentiert würden, zugrunde liegen. Indes handelt es sich bei Nietzsches ‚Persönlichkeiten‘ gleichsam um Kippfiguren. Gegen die vielfältigen Formen ihrer rhetorischen Rollenspiele greift noch jede eingängige Erklärung zu kurz.

Aus Sicht der Nietzscheforschung verbirgt sich darin ein nicht unerhebliches Irritationsmoment, denn bei aller, jedem Leser offenbaren Bedeutung der Persönlichkeit für Nietzsche, ist die neuzeitliche Subjektkritik nirgends so entschieden exponiert worden wie ausgerechnet in seiner Philosophie. Mit ihr werden „Ich“ und „Seele“ als Organisationsformen innerer Erlebnisse und Grundlage autonomer Handlungen ebenso fragwürdig wie alle erst aus ihrer Wahrnehmung konstituierten Korrelate einer wie auch immer gearteten Außenwelt. Nietzsches Dezentrierung des Subjekts trifft, worauf hinzuweisen Philosophie und Nietzscheforschung der letzten Jahrzehnte nicht müde wurden, Vernunft und Moral an ihrer wundesten Stelle. In poststrukturalistischer Lesart habe er in der Trias mit Freud und Marx der Subjektphilosophie sowie allen mit ihr verwandten Geistervorstellungen den Todesstoß versetzt. Andere Traditionen kamen trotz denkbar unterschiedlicher Ausgangspunkte zu vergleichbarem Befund. Weder die Analyse des Willens zur Macht, insbesondere als Lehre von der Pluralität interagierender Machtquanten, noch die Interpretationsphilosophie oder die Philosophie der Zeichen lassen sich heute ohne Weiteres mit vereinheitlichenden Vorstellungen des Individuums oder der Person vereinbaren. Die ‚naturalistische‛ Nietzscheinterpretation schließlich ist am Individuellen, gar an Fragen individueller Persönlichkeit auffallend desinteressiert. Ohnmacht des Subjekts und Macht der Persönlichkeit: Beides findet in Nietzsches Werk seinen Grund und seine Berechtigung. Wie aber finden sie zusammen? Dieser hier skizzierten, paradoxen Ausgangslage will die Jahrestagung umfassend Rechnung tragen.


„hinter den Worten“

Die Auseinandersetzung mit der Macht der Persönlichkeit durchzieht Nietzsches gesamtes Werk. Der junge Philologe entwickelt seine Vorliebe für die antike Doxographie und Philosophenbiographie nicht aus Zufall – er orientiert sich an ihr. In der „Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen“ (1873) heißt es: „Ich erzähle die Geschichte jener Philosophen vereinfacht: ich will nur den Punkt aus jedem System herausheben, der ein Stück Persönlichkeit ist“ (KSA 1, 801). Die Basler Antrittsvorlesung sollte zunächst den Titel tragen: „Über die Persönlichkeit Homers“ – und dies nachdem dergleichen Fragen seit F.A. Wolf als eigentlich längst erledigt galten. Welthistorische Persönlichkeit und Persönlichkeitsschwäche, auch im völkerpsychologisch übertragenen Sinne, sind u.a. in Anschluss an Jakob Burckhardt fortwährendes Thema der Bildungsvorträge, der „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ und des aphoristischen Frühwerks. Während die pointiert moralistische und individualisierende Interpretation aller Facetten von Kultur und Moral die Aphoristik seit „Morgenröthe“ prägt (Persönlichkeitsexegesen sind Legion in den Büchern und Aufzeichnungen dieser Periode), wird der „Zarathustra“ die Philosophie in einem nie gekannten Maß personalisieren, selbst wenn die Gestaltungsmodi dieser ‚Person‛ ihrerseits eminent deutungsbedürftig bleiben. Im Spätwerk endlich nimmt die Auseinandersetzung mit den maßgeblichen Formen europäischer Philosophie und Moral die Gestalt aggressiver personaler Genealogien (Sokrates, Paulus, Wagner) an. Daran gemessen scheint Nietzsches Denken geradezu konsequent in der autogenealogischen ‚poiesis’ von „Ecce homo“ und der Selbst-Apotheose der „Dionysos-Dithyramben“ auszuklingen.

„Das Verständlichste an der Sprache“, schreibt Nietzsche einmal, sei „nicht das Wort selber, sondern Ton, Stärke, Modulation, Tempo, mit denen eine Reihe von Worten gesprochen werden – kurz die Musik hinter den Worten, die Leidenschaft hinter dieser Musik, die Person hinter dieser Leidenschaft: alles das also, was nicht geschrieben werden kann.“ (KSA 10, 89). Nietzsche scheint sich einerseits in sophistischer Manier immer weniger dafür zu interessieren, was gesagt wird, als vielmehr wie es gesagt wird, und vor allem – von wem. Erinnert sei an den ironischen Reflex darauf in seiner eigenen Rezeptionsgeschichte, insbesondere an die Konstruktion einer geradezu ikonischen Persönlichkeit im Nietzschekult. Bei kaum einem anderen modernen Denker lässt sich eine ähnlich starke biographische Aneignung mit z.T. peinlich-identifikatorischen Zügen beobachten. Auf der anderen Seite wirkt die Person „hinter den Worten“ möglicherweise nur deshalb als kaum verbalisierbar, weil man es eigentlich „nicht mehr nöthig habe, an ‚Seelen‛ zu glauben“, weil Nietzsches Autorstimme „die ‚Persönlichkeit‛ und ihre angebliche Einheit leugne und in jedem Menschen das Zeug zu sehr verschiedenen ‚Personae‛ (und Masken) finde“ (KSA 11, 557). Nietzsches persönlicher Umgang mit Individualitätskonzeptionen steht augenscheinlich nicht in unfruchtbarem Widerspruch zu seiner Subjektivitätskritik, sondern könnte sogar deren radikalster Ausdruck sein. Die (neue) Macht des Persönlichen wäre demnach eine bewusste Setzung als Antwort auf die skeptische Auflösung des Subjekts.

„Man hat nämlich, vorausgesetzt, dass man eine Person ist, nothwendig auch die Philosophie seiner Person.“ (FW, Vorrede 2, KSA 3, 347). Wo die Begriffe der Person und der Philosophie dergestalt in gänzlich neuer und provozierender Weise miteinander verschränkt werden, bleiben Folgen für den Begriff und das Selbstverständnis der Philosophie im Ganzen nicht aus. Diese Neujustierung erstreckt sich insbesondere auf die Formen ihrer (literarischen) Darstellung und Kommunikation. Indem bei Nietzsche das Persönliche in seiner Strahlkraft und unmittelbaren Anschaulichkeit nahezu immer Anfang und Ende der Auseinandersetzung bildet, werden scheinbar allgemeine begriffliche Unterscheidungen als individuelle Entscheidungen sichtbar. Diese dann als „genealogisch“ oder „psychologisch“ bezeichnete Interpretationspraxis errichtet ein veritables Spiegelkabinett, indem es Einblicke nur um den Preis des Orientierungsverlustes gibt. Dabei könnte die Zukunftsfähigkeit, die Nietzsche für seine Philosophie in Anspruch genommen und geradezu beschworen hat, wohl nicht zuletzt darin bestehen, innerhalb einer sich dramatisch verändernden Umwelt den Menschen auch da als Person und Individuum zu bewahren, wo er sich als Subjekt verloren hat.


Jahrestagung

Eine Nietzsche-Konferenz, die sich der Macht der Persönlichkeit stellt, weist notwendigerweise über die Interna der Nietzscheforschung hinaus. Die allgemeine Öffentlichkeit zeigt sich heute wieder fasziniert vom Biographischen, von Präsenz und Charisma auratischer Figuren, vom Star genauso wie vom anonymen Einzelschicksal. Auch in angrenzenden Disziplinen wird aktuell die Macht der Persönlichkeit diskutiert. Das bezeugt die Explosion der biographischen und autobiographischen Literatur und Literaturwissenschaft oder die damit in Verbindung stehende Debatte über die Rückkehr des lange (auch und vor allem mit Nietzsche) totgesagten Autors. Das bezeugen ferner die massiven Personalisierungstendenzen im Bereich des Politischen und seiner Reflexion. Angesichts anonymer globalisierter Wirtschaftsprozesse, der Virtualisierung, Homogenisierung und Digitalisierung der Lebenswelt wird die Sehnsucht der postheroischen Gesellschaft nach unverwechselbaren Persönlichkeiten mit Händen greifbar.

Um des wissenschaftlichen Ertrags willen müsste es sich eine Tagung über die ‚Ohnmacht des Subjekts’ und die ‚Macht der Persönlichkeit’ bei und für Nietzsche nun aber zum Ziel setzen, diese Debatten mit den Erkenntnissen der Nietzscheforschung engzuführen. Damit dies gelingen kann, hätte sie sich u.a. folgende Leitfragen zu stellen. Wie lässt sich die bei Nietzsche durchgängige Thematisierung der Persönlichkeit und des Individuellen vereinen mit dem Willen zur Macht und der Leibphilosophie? Wie lässt sich vor diesem Hintergrund Nietzsches Ich-Begriff rekonstruieren? Was ist das Verhältnis von Physiologie und Psychologie? Welche rhetorischen Funktion hat die überaus breite Palette von ‚argumenta a persona’ in Nietzsches Schriften? Wie lange blieb Nietzsche von der antiken Philosophenbiographie (v.a. Diogenes Laertius) geprägt und inwiefern schrieb er sie unter den Bedingungen der Moderne fort? Wie ist sein Verhältnis zum zeitgenössischen ‚hero worship’, dem Kult der großen Männer oder Max Webers Konzeptualisierung des Charisma? Wie verändert sich die philosophische Mitteilung bei Nietzsche unter den Bedingungen interindividueller Kommunikation jenseits einer vergemeinschaftenden Subjektivität? Wie typisiert Nietzsche Personen und in welchen Kontexten – lassen sich kontextfreie Kriterien für Typologien gewinnen? Was bedeuten „große Verantwortung“ und „große Entscheidung“ angesichts postsubjektiver Maskerade? Das Spektrum dieser Fragen, einer Auswahl nur, wäre um konkrete Fallanalysen von Nietzsches Verhältnis zu jenen Persönlichkeiten zu ergänzen, die für Nietzsches Philosophie am wichtigsten erscheinen, darunter Nietzsches eigener. So ergäbe sich am Ende die Signatur einer Denkentwicklung, die zugleich ein Mikrokosmos der Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts darstellt und aus dieser Perspektive heraus Licht auf heutige Debatten zu werfen vermag.


Sektionen

A) Ad hominem: Nietzsches philosophische und literarische Polemik
B) Tod des Autors? Persona und Maske, Autorschaft und Stil
C) Person und Leib: Dividuum und Individuum aus der Sicht des Willens zur Macht, des Perspektivismus und der Zeichenphilosophie
D) Nietzsches „Psychologie“ zwischen Typenlehre, Doxographie, Biographie und Genealogie
E) Nietzsche zwischen Selbstdarstellung und Autofiktion



Exposés bitte bis zum 20. Mai 2012 an:
Dr. Ralf Eichberg
E-mail: info@nietzsche-gesellschaft.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss20.05.2012
PersonName: Eichberg, Ralf [Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: info@nietzsche-gesellschaft.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945
Klassifikation04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.03.00 Vergleichende Literaturgeschichte
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