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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige ""1308": 36. Kölner Mediaevistentagung"
RessourcentypCall for Papers
Titel"1308": 36. Kölner Mediaevistentagung
Beschreibung36. Kölner Mediaevistentagung, 9.-12. September 2008
»1308«


1. Rundbrief / call for papers

Was ist ein historischer Moment? Etwa ein bedeutendes Ereignis, das sich unserer Aufmerksamkeit aufdrängt, weil es als Kulminations- oder Wendepunkt wahrgenommen wird? Dergleichen geschieht zumeist aus der Retrospektive, seltener hingegen von Zeitgenossen und Zeitzeugen, denen es oftmals an der gebotenen Distanz zum Geschehenen mangelt. Dieser verlaufsorientierte Blick größerer historiographischer Erzählungen, gleich ob wir mehr das Ereignis oder die Dauer betonen, bestimmt im übrigen auch die verschiedenen Kultur- und Wissensformationen. Beinahe alle Wissenschaften, auch die Philosophie, orientieren sich an einem Verlaufs- und zumeist an einem Fortschrittsmodell, das die Aufmerksamkeit auf vermeintliche Höhe- und Wendepunkte lenkt. Nicht selten aber bleiben im Schlagschatten jener Ereignisse die anderen Momente unbeachtet, die mitunter erst die Voraussetzungen für jene „lauten“ Ereignisse bilden oder in denen sich Alternativen ankündigen, die von weither kommend erst später ihre Wirkung entfalten – oder aber auch nicht. Denn ein historischer Moment kann banal und zufällig sein. Das aus einem bestimmten Blickwinkel Bedeutsame verliert unter einem anderen Paradigma seine Bedeutung. Wie also gehen wir mit dem zunehmenden Wissen von Vergangenem um?
Diese Frage soll im Mittelpunkt der 36. Kölner Mediaevistentagung stehen, und dies aus der Sicht eines Jahres: 1308. Die Wahl des Jahres ist arbiträr, auch wenn es – zumindest für den Philosophie- und Theologiehistoriker – einen Kölner Anlaß zu geben scheint. Denn am 8. November 1308 stirbt im Kölner Minoritenkonvent Johannes Duns Scotus. Doch über die Umstände ist kaum etwas bekannt, ebensowenig wie über die Kölner Zeit des Scotus. Überhaupt wird von diesem Ereignis erst in späteren Chroniken ausführlich Notiz genommen. Die Aufmerksamkeit gilt anderen Ereignissen: etwa dem Prozeß gegen die Templer, in den viele Magister und Gelehrte als Gutachter involviert sind. Auch in Köln werden auf Geheiß Clemens V. entsprechende Untersuchungen durchgeführt. Der gleiche Papst fertigt am 12. August 1308 in Poitiers die Konvokationsbulle für das Konzil in Vienne aus; im selben Jahr wird Marguerite Porete gefangengenommen und an den dominikanischen Inquisitor Humbert von Paris, dem Beichtvater Philipps des Schönen, überantwortet. Während in Paris Durandus von St. Pourçain seine erste Sentenzenvorlesung hält, wirken in Oxford Peter Sutton, Robert Cowton und William Ockham, arbeitet Meister Eckhart in Erfurt an seinem “Opus tripartitum”, das er nie beenden wird, zerschlagen sich Dantes Hoffnungen auf eine Rückkehr nach Florenz mit dem Scheitern des Italienfeldzugs Heinrichs VII. endgültig, nachdem dieser – und nicht der Kölner Erzbischof Heinrich II. von Virneburg – nach der Ermordung König Albrechts I. bei Königsfelden zu dessen Nachfolger gewählt worden war. Im gleichen Jahr wird Karl I. Robert von Anjou König von Ungarn. Und mit 104815 Faß (= 850.000-900.000 hl) erreicht die Menge des in Bayonne eingeschifften Weines ein Rekordvolumen.

Warum also 1308 und warum überhaupt ein Jahr als Thema für eine Tagung? Die aus verschiedensten Bereichen genommenen Ereignisse erscheinen arbiträr; manche hängen miteinander zusammen, andere nicht. Manche verweisen auf Künftiges, andere sind Ergebnis zurückliegender Entwicklungen. Und genau besehen, ist die Auswahl beschränkt. Der mittelmeerische Raum fehlt unter den bisher genannten Beispielen. Weder von Sizilien noch von Andalusien war bislang die Rede, weder vom Niedergang der seldschukischen Dynastie und den mongolischen Ilchanen, von Ibn Manz?r und seinem „L?s?n al-?arab“ und auch nicht von Andronikus II. Palaiologus, unter dessen Herrschaft Byzanz immer mehr in das Spannungsfeld der Türken, Lateiner und Mongolen gerät. Doch bemerken wir überhaupt den einer solchen Synchronie zugrundeliegenden Anachronismus eines, nämlich des lateinischen Kalenders?

Die Fragestellung der 36. Kölner Mediaevistentagung will Perspektiven eröffnen, indem sie einlädt, Sehgewohnheiten in Frage zu stellen, zu schärfen, zu verlängern – anhand eines Jahres und auch über dieses Jahr und seine historische Peripherie hinaus. Wie wäre es, wenn wir unsere Forschungsfragen als Philosophen und Historiker, als Literaturwissenschaftler und Theologen, als Philologen und Kulturwissenschaftler einmal durch die Brille eines Jahres betrachteten? Hierbei soll es nicht nur um Mikrogeschichte gehen, um die Rekonstruktion eines Jahres und dessen historischer Umgebung. Was bedeutet es beispielsweise für unser Verständnis eines Wissensdiskurses, diesen aus der Sicht einer zeitgenössischen Quelle, d.h. eines unmittelbaren Zeitzeugen, zu betrachten, die bislang im Schlagschatten eines vermeintlich bedeutenderen Zeugnisses stand? Was ist mit den schweigenden Meistern, den weniger erfolgreichen Agenten, den unbeachteten Ereignissen oder schwachen Konjunkturen, den Alltagsquellen und Chroniken, die ein solches Jahr dokumentieren? Wie und in welchen Bereichen verzweigen sich Ereignisse oder Diskurse? Wie nehmen Zeitgenossen im Vergleich zu ihren Nachfahren dieses Jahr wahr?

Die Einladung, mit 1308 ein Jahr zum Referenzpunkt der eigenen Forschung zu machen, ist die Einladung zu einem „ersten Blick“, zu einer Epoché der Sehgewohnheiten, zu einem gemeinsamen Experiment. Ich würde mich freuen, wenn viele Freunde der Kölner Mediaevistentagung sich auf dieses Experiment einließen, den ersten Blick wagten. Hierzu laden wir Sie, die Kolleginnen und Kollegen aus den verschiedenen Disziplinen der Mittelalterforschung, herzlich ein, aus ihrem Arbeitsbereich Themenvorschläge einzureichen und Anregungen zur Gestaltung der Tagung zu geben. Bitte geben Sie dieses Rundschreiben auch an interessierte Kolleginnen und Kollegen weiter, die noch nicht in unserer Adressendatei stehen und diesen Rundbrief deshalb nicht erhalten haben. Ich möchte mit der Bitte schließen, uns Ihre Vorschläge nach Möglichkeit bis zum 15. August 2007 zuzusenden (andreas.speer@uni-koeln.de oder thomas-institut@uni-koeln.de), und würde mich freuen, Sie im kommenden Jahr zur 36. Kölner Mediaevistentagung begrüßen zu können.

In diesem Sinne verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen,
Andreas Speer

1. März 2007



Wissenschaftliche Leitung und Organisation:

Prof. Dr. Andreas Speer
Thomas-Institut der Universität zu Köln
Universitätsstraße 22
D-50923 KÖLN

Tel.: ++49/(0)221/470-2309
Fax: ++49/(0)221/470-5011
Email: thomas-institut@uni-koeln.de
www.kmt.uni-koeln.de oder www.thomasinst.uni-koeln.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortKöln
Bewerbungsschluss15.08.2007
Beginn09.09.2008
Ende12.09.2008
PersonName: Speer, Andreas [Prof. Dr.] 
Funktion: Organisation 
E-Mail: thomas-institut@uni-koeln.de 
KontaktdatenInternetadresse: www.thomasinst.uni-koeln.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch; Englisch; Französisch
SchlüsselbegriffeLiteratur 1300 - 1500
Klassifikation08.00.00 Hochmittelalter
Ediert von  H-Germanistik
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