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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Risiko – Experiment – Selbstentwurf. Kleists radikale Poetik"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelRisiko – Experiment – Selbstentwurf. Kleists radikale Poetik
BeschreibungRisiko – Experiment – Selbstentwurf. Kleists radikale Poetik

Eine internationale Tagung anlässlich des Kleist-Jahres 2011

Termin: 1.-3.12.2011
Tagungsort: Seminarzentrum der FU Berlin
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin


Gefördert aus Mitteln der
Stiftung Preußische Seehandlung,
des Akademischen Außenamtes der FU Berlin
und der Ernst Reuter Gesellschaft


Organisatoren: Prof. Dr. Hans Richard Brittnacher, Berlin
Prof. Dr. Irmela von der Lühe, Berlin


I. Tagungskonzept, Forschungskontext

Der erstmals von Wilhelm Grimm geäußerte und seither vielfach variierte Verdacht einer besonderen pathologischen Disposition Kleists für Extreme der Gewalt und des Schreckens mag als psychologische Diagnose seine Berechtigung haben, vergibt sich aber die Möglichkeit, aus der Radikalität der poetischen Praxis auf die Radikalität der poetologischen Konzeption zu schließen. Dass es in Kleists Texten so oft um das Äußerste geht, dass seine Figuren das Äußerste wollen und das Äußerste riskieren, und dies auch angesichts ihrer äußersten Gefährdung oder Erniedrigung, weist auf einen Impuls der Unbedingtheit und Radikalität, der auch in der kontroversen Forschungsgeschichte Kleists bislang nicht hinreichend bedacht wurde. Der 200.Todestag Kleists sollte daher Anlass sei, anders als dies bisher geschehen ist und stärker als die verschiedenen für das Kleistjahr geplanten Tagungen, die vor allem systematische, biographische, politische, wissens- und literarhistorische Fragestellungen ins Auge fassen, nicht so sehr nach den Erscheinungsformen und der Systematik der radikalen Poetik Kleists zu fragen, sondern nach ihren poetologischen Implikationen.

Dass Kleists Werk vor dem Hintergrund der Sattelzeit und der damit verbundenen Umbrüche des sozialen Lebens und der politischen Verhältnisse zu verstehen ist, dürfte unstrittig sein. Für den jungen Kadetten, einen Kindersoldaten fast, muss die gleichzeitige Erfahrung des Erdbebens der Französischen Revolution und des Drills der starrsinnigen preußischen Militäraristokratie kaum zu bewältigen gewesen sein. Die epistemische Grundlegung – und Irritation (‚Kantkrise’) – eines neuen Denkens ohne den sicheren Boden einer letzte Wahrheiten verbürgenden Instanz sowie das gewaltige Unternehmen einer anthropologischen Neubestimmung des Menschen, der sich ‚ohne Leitung eines anderen’ zu Mündigkeit, zu staatsbürgerlicher Courage und zur Integration in eine für alle verbindliche Ordnung bereit findet, sind die großen Fragen der Sattelzeit, die auch Kleists Texten ihr besonderes Profil geben.

Richard Alewyns berühmte These, dass Angst sich literarisch inszenieren und genussreich erfahren lässt, wenn ihre Anlässe in der Lebenswelt historisch ausgestanden seien, gibt als tröstliches Ergebnis eines historischen Fortschritts aus, was sich den Zeitgenossen Kleists vor allem schmerzlich als Verlust einprägte: die Korrosion der vertrauten Ordnung, das Wegbrechen von Gewissheiten, die Auflösung von Bindungen, der Geltungsverlust der Autorität. Während die bestimmenden literarischen Tendenzen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, Aufklärung und Empfindsamkeit, auf je eigene Weise an der Reduktion oder Ermäßigung dieser Kontingenzerfahrungen arbeiten, charakterisiert es den eigentümlichen Charakter von Kleists Poetik, dass sie die bodenlosen Herausforderungen der Kontingenz annimmt und die Möglichkeiten eines neu zu definierenden Subjekts ohne jede Absicherung zu denken versucht. Kleists Erzählungen, Romane und essayistischen Betrachtungen fragen nach den Bedingungen dieser einmaligen zivilisationsgeschichtlichen Zäsur und prüfen unter Berücksichtigung der ‚gebrechlichen Einrichtung der Welt’, der Unzuverlässigkeit der Erkenntnis und der Korruption der Sprache die Belastbarkeit der condition humaine. Dabei zählt es zu den Besonderheiten von Kleists Poetik, dass seine Erzählungen und Dramen wie Versuchsanordnungen konzipiert sind, in denen sich seine Protagonisten grundsätzlich unter Extrembedingungen zu bewähren haben. Kleists Texte rechnen nicht nur mit dem Einbruch der Kontingenz, sie kalkulieren ihn apriorisch ein, gestalten ihn als natürliche oder soziale Katastrophe und bilanzieren die zumeist desaströsen, gelegentlich aber auch beglückenden Möglichkeiten, die sich aus der Konfrontation mit ihm ergeben.

Während der zeitgenössische Bildungsroman etwa Goethes das Leben – „wie es auch sei, das Leben, es ist gut“ – als einen in den längerfristigen Phasen einer gemächlichen Sozialisation allmählich zu erwerbenden Besitz preist, dokumentieren Kleists Novellen die Störfälle des sozialen Lebens und beschreiben das tödliche Risiko, dem sich aussetzt, wer nach seiner Façon selig zu werden versucht. Während Schillers philosophische Ästhetik einen friedlichen, durch Kultur und Bildung vermittelten Fortschritt für möglich hält, argumentativ begründet und in seinen Dramen auch noch das Scheitern dieses Konzepts als Möglichkeit zu einer würdevollen Demonstration erhabener Gesinnung gestaltet, folgen Kleists Texte dem literarischen Apriori der Unversöhnlichkeit und lassen jeden geschichtsphilosophischen Optimismus an der Realität – etwa der Befreiungskriege in Europa oder der Sklavenaufstände auf Haiti – dramatisch oder jämmerlich scheitern. Während die zeitgenössische Popularphilosophie die konjugale Familie feiert, die Unverrückbarkeit des Sittengesetzes ausruft und die Frömmigkeit der romantischen Liebe beschwört, registrieren Kleists Texte deren Störungen, innere Aporien und Entstellungen, sei es in der Gnadenlosigkeit eines nach Buchstaben verfahrenden Gesetzes, sei es in der Rücksichtslosigkeit eines Eros, der – im Extremfall – erst mit der Vernichtung des anderen zur Ruhe kommt. Der in der Philosophie der Aufklärung entwickelten Kultur moderierter Affekte und gemäßigter Ansprüche setzen Kleists Dramen und Erzählungen in ihrer sich gegen die Einsprüche der Vernunft immunisierenden Radikalität auf Risikobereitschaft, auf Handstreich und Hazard. An die Stelle harmonisierender Antikereminiszenzen oder romantischer Natureskapismen tritt, gewissermaßen als Vorwegnahme einer avantgardistischen Ästhetik, der Einbruch der Kontingenz als verstörender acte gratuit, an dem sich seine Protagonisten zu bewähren haben oder scheitern. Dem Hasard der Natur, etwa dem Erdbeben, entspricht die Bereitschaft seiner Protagonisten zum Hasard, das Leben aufs Spiel zu setzen, um das Schicksal zu gewinnen.

So entwickelt Kleist, praktisch im Alleingang, an der entsagungsreichen und auf Mäßigung bedachten Ästhetik der Weimarer Klassik vorbei, mit Skepsis gegenüber dem spekulativen Schwung der frühen Romantik und voller Verachtung für jede kompromisslerische Ästhetik eine Poetik des radikalen existenziellen Risikos, die alles auf eine Karte setzt und in ihrer Radikalität die von der Romantik eher heuristisch gemeinte Empfehlung einer Aufhebung der Grenzen von Kunst und Leben in die Tat umsetzt und dabei das eigene Leben – und das anderer – auf Spiel zu setzen bereit ist. In Kleists Texten ist die Emphase eines neuen Zeitalters spürbar, das eine radikale Neudefinition des Lebens in Aussicht stellt, doch zugleich tragen diese Texte in sich auch die Ahnung von dem hohen Preis der Freiheit und von den Kalamitäten des Gesetzes, das als unbedingte und selbstgesetzte letzte Instanz anzuerkennen ist, auch wenn es dem Einzelnen im Extremfall – und um ihn, nur um ihn geht es Kleist – auch die Bereitschaft zu seiner Selbstauslöschung abverlangt.

Der 200. Todestag Kleists gibt Anlass, im Zeitalter universeller medialen Repräsentation und postmoderner Beliebigkeit nach der Modernität eines Werks zu fragen, das es buchstäblich blutig ernst meint, das seine Protagonisten in die Pflicht nimmt und ihnen gegebenenfalls auch das Leben abverlangt. Dass diese Poetik dabei die (Selbst)vernichtung nicht ausschließt, rückt sie wieder an exzessive Formen der modernen Aktionskunst heran (Stelarc, Günter Brus etc.). In der prekären Freundschaft mit Adam Müller, mit Achim von Arnim und Clemens Brentano bilden sich in Dresden und Berlin um Kleist produktive intellektuelle Konstellationen, aus der sich in Ansätzen, man denke an die „Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft“, auch eine neue, in Tonfall und Metaphorik so noch nicht gehörte, radikale Art von Kunstbetrachtung entwickelte. Komplettiert wird das Unternehmung einer Neubegründung des literarischen Wortes in Berlin, wo Kleist in atemloser Produktivität das einzigartige Projekt verfolgte, mit den Abendblättern der sich formierenden urbanen Moderne die Chronik zu liefern – einschl. ihrer faits divers –, hat diese radikale Poetik ihre publizistische Gestalt gefunden: hier ist folglich auch der angemessene Ort, ihrer zu gedenken. Die Beiträge der Konferenz sollten nach denkgeschichtlichen Voraussetzungen der grundstürzenden Kontingenzerfahrungen Kleists, nach der Besonderheit ihrer literarischen Inszenierung und nach dem Risiko fragen, das diese Literatur für ihren Urheber, aber auch für die Idee der Ästhetik um 1800 bedeutete. Das schließt auch die Erörterung ihrer Folgenlosigkeit um 1800 und ihrer eigentümlichen, oft auch bedenklichen Resonanz bei Nationalsozialisten, Surrealisten oder den Vertretern moderner Körperkunst ein.


II. Vorläufiges Tagungsprogramm

Donnerstag, 01.12.2011

14.00 Eröffnung der Konferenz durch den Präsidenten der Freien Universität Berlin, Prof. Dr. Peter-André Alt
Sektion I: Moderation Anke Bennholdt-Thomsen
14.30 Rolf-Peter Janz, Berlin: Zwischen Liebestaumel und Chauvinismus. Affektregie um 1800
15.15 Alice Staskova, Berlin: Riskante Wiederholungen. Dramaturgie des „Variant“ im Zerbrochnen Krug
16.00 Kaffeepause
16.30 Gesa Dane, Berlin: Literarische Glückskonzeptionen
17.15 Irmela von der Lühe, Berlin: Vom Mitleidseffekt zum Gewaltexzess: Kleists Findling

*
18.30 Werner Frick, Freiburg: „Es ist ein Wurf, wie mit dem Würfel; aber es gibt nichts anderes.“ Kleists experimenteller Gestus

Freitag, 02.12.2011
Sektion II: Moderation Irmela von der Lühe
9.00 Anne Fleig, Berlin: Unbedingtes Vertrauen? Kleists Erzählung Der Zweikampf
9.45 Achim Geisenhanslüke, Regensburg: Infame Scherze? Kleists Prinz Friedrich von Homburg
10.30 Kaffeepause
11.00 Aniela Knoblich, Freiburg: Wenn Frauen sich anziehen. Der Schrecken im Bade als Versuchsanordnung
11.45 Gesa von Essen, Freiburg: Nach der Katastrophe. Kleists gewagte Schlüsse
12.15 Maria Carolina Foi, Triest: Die Souveränität aufs Spiel setzen: Kleists Prinz Friedrich von Homburg

13.00 -15.00 Mittagspause

Sektion III: Moderation Hans Richard Brittnacher
15.00 Dieter Heimböckel, Luxemburg: Paradies mit Hintertür. Strategien und Inszenierungen der Verweigerung bei Kleist
15.45 Markus May, München: „Diese rätselhafte Sphinx“ – Zur Kategorie des Fremden bei Kleist
16.30 Kaffeepause
17.00 Günter Oesterle, Gießen/Wien: Kleist im Kontext riskanter romantischer Geselligkeit
17.45 Wilhelm Amann, Luxemburg: No Direction home. Kleists Idyllen
*
19.00 Buffet

Samstag, 3.12.2011
Sektion IV: Moderation Rolf-Peter Janz
10.00 Bastian Schlüter, Berlin: „…auf ihre Kniee vor ihm hingekauert“ – Achsen des Raumes und Positionen des Körpers bei Heinrich von Kleist
10.45 Wiebke Amthor, Berlin: Die „Wirkung eines unfühlbaren, aber gewaltigen Stoßes“. Zu Kleists Strategie der Stockung und Verzögerung
11.30 Kaffeepause
12.00 Antonia Eder, Genf: Das Recht der Indizien in Kleists Hermannschlacht und Familie Schroffenstein
12.45 Achim Küpper, Liège: "Schriftverschiebungen in Heinrich von Kleists Texten"
13.30. Hans Richard Brittnacher, Berlin: Das ‚Rechtsgefühl einer Goldwaage’. Kohlhaas läuft Amok.

Abschluss

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBerlin
Beginn01.12.2011
Ende03.12.2011
SchlüsselbegriffeLiteratur 1770 - 1830
Klassifikation13.00.00 Goethezeit > 13.14.00 Zu einzelnen Autoren
Ediert von  H-Germanistik
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