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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Sammelband: Kriminalliteratur und Interkulturalität"
RessourcentypCall for Papers
TitelSammelband: Kriminalliteratur und Interkulturalität
BeschreibungCall for Papers: Sammelband Kriminalliteratur und Interkulturalität
Deadline Abstracts: 30.10.2011

„Die Handlung eines Kriminalromans läßt sich in anderthalb Seiten gut und gerne erzählen. Der Rest – die übrigen hundertachtundneunzig Schreibmaschinenseiten – sind Füllsel. Es kommt darauf an, was man mit diesen Füllsel anstellt.“
Friedrich Glauser: Offener Brief über die „Zehn Gebote für den Kriminalroman“.

Überblickt man die jüngere Forschung zur Kriminalliteratur als Genre, so zeigt sich, dass in den letzten Jahren insbesondere jene von Friedrich Glauser thematisierten „Füllseln“ aus unterschiedlichsten Perspektiven diskutiert werden. Ausgehend von grundlegenden Forschungsbei¬trägen aus dem angloamerikanischen Raum, zu denen u.a. Stephen F. Soitos’ Untersuchung der „tropes of black detection“ in seiner Monographie The Blues Detective (1996) zu zählen ist, entfaltet sich eine kritische Diskussion hinsichtlich der Konstruktionsprozesse von gender, race bzw. black¬ness/white¬ness im Genre der Kriminalliteratur. Nicht zuletzt aus postkolonialer Perspektive eröffnet die Re-Lektüre des vermeintlich trivialen Genres fruchtbare Einblicke (vgl. Matzke, Mühlei¬sen 2006). Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen des Genres setzt sich nun auch in der deutschsprachigen Forschungslandschaft zunehmend ein Verständnis von Kriminalliteratur als „sozialer Enquête“ (Abt 2004) durch: Angesichts der paradigmatisch im sog. neuen deutschen Kriminalroman erprobten und sukzessive standardisierten Ausschreibung der Geschichte hinter der Geschichte des Mordes unter historischem, psychologischem, sozialem und gesellschaftskritischem Vorzeichen, erweist sich die narrative Doppelstruktur des Genres für die kritische Beobach¬tung bundesrepublikanischer Wirklichkeit nachgerade prädestiniert.

Im Anschluss an diesen Paradigmenwechsel in der Forschung zur Kriminalliteratur sucht der geplante Sammelband eine Forschungslücke zu schließen, indem er das skizzierte Beobachtungspotenzial des Genres aus interkultureller Perspektive diskutiert. Die Interkulturalitätsforschung fokussiert die Konstruktionsmechanismen von Identität und Alterität und verweist damit zugleich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse der „künstlerische[n] Transformation kulturspezifischer und -überschreitender Wissensbestände“ (Mecklenburg 2008) vom Verbrecher vor dem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund. So betont Alois Hahn, dass die soziale Konstruktion des Fremden im Kern einem Schema der Kriminalsoziologie folgt, demzufolge der Andere als Verbrecher etikettiert wird (vgl. Hahn 1994) – dies zeigt sich im Genre nicht nur mit Blick auf den Spionagethriller, sondern bereits in der frühen Kriminalliteratur, die sich entlang der Dichotomie ‚Bürger‘ – ‚Verbrecher‘ organisiert. Diese alte Grundfigur kriminalliterarischen Erzählens über den devianten Anderen schreibt sich aktuell nicht zuletzt in der Dichotomie ‚Bürger‘ – ‚Immigrant‘ fort.
Ziel einer interkulturellen Analyse des Genres ist es dementsprechend, die Codierung, Populari-sierung und Standardisierung der Verbrecherbilder im Sinne einer Konstruktion des devianten Anderen transparent zu machen. Denn gerade das Moment der Entlarvung erweist sich in dieser Hinsicht als doppelbödig: Das Genre der Kriminalliteratur, das qua Gattungskonvention mit der Beobachtung des Anderen befasst ist, kann sowohl an der Durchsetzung und Etablierung stereotyper, kulturell codierter Verbrecherbilder partizipieren als auch deren Konstruktionsmechanismen offen legen und subversiv unterlaufen. Aus der Perspektive der interkulturellen Literaturwissenschaft erweist sich Kriminalliteratur somit als Genre, das aufgrund seiner spezifischen narrativen Struktur personale wie kollektive Identitäten be- und hinterfragen kann.

Im Fokus des geplanten Sammelbandes stehen deutschsprachige Kriminalromane, die im Sinne der skizzierten interkulturellen Perspektive die Konstruktion des Eigenen und des Fremden mit Blick auf das deutsch-türkische Verhältnis thematisieren. Der Vorzug wird prinzipiell jenen Texten gegeben, die das Beobachtungspotenzial des Genres nutzen, um Grenzen im interkulturellen Sinn zu hinterfragen und eine Verbindung von kriminalliterarischem Erzählen und einer interkulturellen Perspektive wagen. Als beispielhaft für diesen Ansatzpunkt können die Kriminalromane von Jakob Arjouni gelten, die traditionelle Konzepte von Identität und Alterität, Heimat und Fremde, Herkunft und Nation einer kritischen Revision unterziehen. Kulturwissenschaftliche Beispielanalysen einzelner Kriminalromane sind ebenso willkommen wie grundsätzliche methodische Beiträge, die detektivische/detektorische Erzählverfahren aus inter-/transkultureller Perspektive beleuchten.

Gegenstand der Analyse können hierbei u.a. sein:

- Analyse der bundesrepublikanischen Gegenwart: Verarbeitung der gesellschaftspoliti-schen Themenfelder von Immigration und Integration u.a. vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Terrorismusdiskurses nach 9/11 (u.a. Horst Eckert: Spreng¬kraft)

- Erinnerungspolitische Fragestellungen: Darstellung gegenkultureller Erinnerungen mit Blick auf die deutsche (u.a. Ulrich Noller, Gök Senin: Çelik & Pelzer) bzw. die türkische Erinnerungskultur (u.a. Wilfried Eggers: Paragraf 301) oder deren frühem Kulturkontakt (u.a. Sabine Scholl: Tödliche Tulpen)

- Konzept der Herkunft: Problematisierung des kulturell codierten whodunit aus interkul-tureller und kriminalliterarischer Perspektive (u.a. Jakob Arjouni: Kismet)

- Tatorte: Topographische Imaginationen im Zeichen des Orientalismus (u.a. TV-Ver-filmung von Hülya Özkans Romanreihe um Kommissar Özakın)

- Rollenbilder: Konstruktionsprozesse von Identität und Alterität entlang der Dichotomie von Detektiv und Verbrecher bzw. Opfer und Verbrecher (u.a. W.W. Domsky: Ehre, wem Ehre…, Willibald Spatz: Alpendöner)

- Genrespiele: Satirische und selbstreflexive Genreexperimente (u.a. Osman Engin: Tote essen keinen Döner)

Bitte schicken Sie ein Abstract von max. 4000 Zeichen bis zum 30. Oktober 2011 an die beiden Herausgeberinnen. Die Beiträge sollen bis spätestens 30. März 2012 eingereicht werden, können in deutsch oder englisch verfasst werden und sollen ca. 30 000–45 000 Zeichen umfassen. Die Publikation des Bandes ist für Ende 2012 geplant.

Sandra Beck MA (beck@uni-mannheim.de)
Dr. Katrin Schneider-Özbek (katrin.schneider@phil.uni-mannheim.de)

Postanschrift:
Sandra Beck und Dr. Katrin Schneider-Özbek
Seminar für deutsche Philologie
der Universität Mannheim
Neuere Germanistik I
D-68131 Mannheim

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Literatur:
Abt, Stefanie: Soziale Enquête im aktuellen Kriminalroman: Am Beispiel von Henning Mankell, Ulrich Ritzel und Pieke Biermann. Wiesbaden 2004.
Hahn, Alois: Die soziale Konstruktion des Fremden. In: Objektivität der Ordnungen und ihre kommunikative Kon-struktion. Hrsg. v. Walter M. Sprondel. Frankfurt/M. 1994, S. 140-163.
Krajenbrink, Marieke; Quinn M., Kate (Hrsg.): Investigating Identities: Questions of Identity in Contemporary Inter-national Crime Fiction. Amsterdam, New York 2009.
Matzke, Christine; Mühleisen, Susanne (Hrsg.): Postcolonial Postmortems. Crime Fiction from a Transcultural Perspective. Amsterdam, New York 2009.
Mecklenburg, Norbert: Das Mädchen aus der Fremde. München 2009.
Soitos, Stephen F.: The Blues Detective: A Study of African American Detective Fiction. Amherst 1996.
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss30.10.2011
PersonName: Beck/Schneider-Özbek 
E-Mail: katrin.schneider@phil.uni-mannheim.de 
KontaktdatenName/Institution: Seminar für deutsche Philologie, NG I 
Strasse/Postfach: Universität Mannheim 
Postleitzahl: 68131 
Stadt: Mannheim 
Telefon: 0621 181-2318 
E-Mail: katrin.schneider@phil.uni-mannheim.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Erzähltheorie; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft)
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