VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Workshop "Poetiken und Politiken des Triebs""
RessourcentypVerschiedenes (Workshops, Sommerschulen u.a.)
TitelWorkshop "Poetiken und Politiken des Triebs"
BeschreibungWorkshop “Poetiken und Politiken des Triebs”

07.07.2011 am ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry
Christinenstraße 18/19, Haus 8
D-10119 Berlin
http://www.ici-berlin.org/event/395
Organisation: Jan Niklas Howe (Freie Universität Berlin), Kai Wiegandt (Freie Universität Berlin)


Das Konzept des Triebs bestimmt seit dem 18. Jahrhundert heterogene Phänomene des Natürlichen und Normalen, Widernatürlichen und Anormalen, des Unbewussten und Unkontrollierten. Angenommen wird ein motivationaler Zusammenhang gerade da, wo von einer handelnden Person (mit freiem Willen, Handlungsgründen, Reflexion derselben etc.) gerade nicht ausgegangen werden kann; übersetzt wird der Newtonsche Begriff der Kraft in jenen Bereich, in dem physikalische Kräfte gerade nicht zentral wirksam sind, wie etwa im Spannungsfeld von Protobiologie und Evolutionstheorie. Unternommen wird der von Kant für unmögliche erachtete Versuch, eine Mechanik des „Grashalms“, also eine Theorie organischen Wachstums, auf eine einheitliche Konstante des Drangs zu Leben, Überleben und Reproduktion zurückzuführen.

Das epigenetische Modell der Entstehung von Organismen setzt bei Wolff („vis essentialis“) und Blumenbach („nisus formativus“) als allgemeingültige Prämisse einen jedem Organismus inhärenten Impuls zur Entwicklung unspezifizierter Zellen voraus. Bereits im 18. Jhdt. wird, etwa bei Moritz, im „Bildungstrieb“ oder im „Trieb zur Aufklärung“ der Begriff rekodiert zur Erklärung psychischer Prozesse. Im 19. Jahrhundert ist der „Trieb“ zentraler Begriff in Psychiatrie und Kriminalanthropologie und dient (ebenso wie seine Quasi-Synonyme Manie, Wut, Delirium, Drang oder Instinkt) der diskursiven Generalisierung abweichenden Verhaltens. In der Evolutionstheorie dient der Trieb als Beleg für die Gemeinsamkeit von Mensch und Tier sowie für die Kontinuität der Arten.

In der Psychoanalyse setzt sich die Tradition fort, Entwicklung im Rekurs auf eine oder mehrere natürliche Konstanten zu denken. Nicht der unkontrollierte Aggressionstrieb, sondern die Unterdrückung von Trieben ist dabei für einen Großteil abweichenden Verhaltens verantwortlich. Der frühe Freud fasst die Gesamtheit der Triebmanifestationen in der Gegenüberstellung von Selbsterhaltungstrieb und Sexualtrieb, der späte in der Gegenüberstellung von Sexualtrieb und Todestrieb. „Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit“, schreibt er und wirft damit die Frage auf, inwiefern sich Trieb überhaupt begründen lässt bzw. inwiefern dem Begriff nicht eher der Status eines Statthalters für das Unerklärliche eignet. Freud konzipiert den Trieb gleich in mehrfacher Hinsicht ambivalent: in Bezug auf die Alternativen somatischer oder psychischer Provenienz, in der Frage seiner grundsätzlichen Kontrollierbarkeit und auch im Sinne einer grundsätzlichen Unentschlossenheit, ob er, wie Adorno sagt, „den Triebverzicht als realitätswidrige Verdrängung negieren oder als kulturfördernde Sublimierung preisen soll“. Das Bestreben der Psychoanalyse, die heterogenen Phänomene des Triebs (Nahrungstrieb, Bildungs- und Wissenstrieb, Frühjahrstrieb, Überlebenstrieb, Fortpflanzungstrieb) unter einem oder zwei Zentralaspekten zu fassen steht in einer Spannung zu „polythematischen“ Triebtheorien wie der Instinktlehre bei McDougall.

Eine weitere Dimension des Triebbegriffs lässt sich aus der um 1800 verbreiteten Analogie von biologischem Reproduktions- und literarischem Schöpfungstrieb (Wellbery) rekonstruieren. Der derzeitigen Konjunktur von biologischen Erklärungsmustern zur Kunstrezeption lässt sich aufschlussreich dieses Paradigma einer anthropologischen Konstante des Schaffenstriebs zur Seite stellen, die im 19. Jahrhundert bis zu Nietzsches – wiederum dualer – Konzeption apollinischer und dionysischer „Kunsttriebe“ reicht. Literaturgeschichtlich scheint sich der Trieb, der im Bildungsroman noch hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt seiner möglichen Kontrolle verhandelt wird, in den Verbrechens- und Wahnsinnsnarrativen ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Gegenstand der literarischen Beschreibung zu verselbständigen, etwa bei Poe (als „urge“, „impulse“) und Maupassant („tentation, „instinct“), oder Melville („monomania“). Trieb als eine letztlich unhinterfragbare und unerklärliche Größe nimmt bereits seit dem 18. Jahrhundert eine doppelte Funktionsstelle ein: einerseits als lebensbegründende anthropologische Konstante, andererseits als pathologisch besetztes Phänomen der Devianz. Die Merkwürdigkeit dieser Konstellation, also der Suche nach einem konstitutiven Merkmal für Leben, das gleichzeitig als Bedrohung des Lebens von innen heraus verstanden wird, geht der Workshop nach.

Der Workshop ist öffentlich, um vorherige Anmeldung wird bis zum 1. Juli 2011 unter info@ici-berlin.org gebeten.

Programm:

10.30-10.45 Christoph Holzhey: Begrüßung
10.45-11.00 Jan Niklas Howe: Einführung
11.00-11.45 Mario Grizelj (München/Zagreb): Die Mönche und ihre Triebe. Die Erregung durch Bilder
12.00-12.45 Bastian Ronge (Berlin): Adam Smiths 'Principles of Human Nature'
12.45-13.30 Jan Völker (Berlin): Idee, Arbeit, Exkretion: Bildungstrieb zwischen Kant und Hegel
15.00-15.15 Kai Wiegandt: Einführung
15.15-16.00 Johannes Türk (Bloomington): Wiederholung als Schicksal: Freuds Triebnarrative
16.00-16.45 Rupert Gaderer (Weimar): Rechtgefühl um 1900, oder: Wie die Querulanz paranoid wurde
16.45-17.30 Lars Koch (Siegen): ‚Mein Gott, hilf meiner kranken Seele bald!’ Der Trieb als Angstmaschine in Döblins frühen Erzählungen
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBerlin
Anmeldeschluss01.07.2011
Beginn07.07.2011
Ende07.07.2011
PersonFunktion: Kontakt 
E-Mail: info@ici-berlin.org 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/20767

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 28.06.2011 | Impressum | Intern