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Ergebnisanzeige "Jenseits des beredten Schweigens. Neue Perspektiven auf den sprachlosen Augenblick"
RessourcentypCall for Papers
TitelJenseits des beredten Schweigens. Neue Perspektiven auf den sprachlosen Augenblick
BeschreibungCall for Papers: Jenseits des beredten Schweigens. Neue Perspektiven auf den sprachlosen Augenblick (Sammelband) (31.10.2011)

Mit dem Aufkommen der modernen Bestrebungen, die Welt durch Worte zu begreifen und diskursiv einzuholen, setzte, besonders nach dem linguistic turn mit Wittgenstein, Austin, Ryle, Searle, Butler und vielen anderen, die Konzentration darauf ein, wie man etwas sagt und was dieses Sagen für einen Sprachkörper bedeutet, wie es ihn konstituiert. Als gegenläufige Bewegung zu diesem gleichsam methodisch abgesicherten Blick auf Begriffe durch Sprachanalyse setzte eine Konjunktur des Schweigethemas ein, die auch vom letzten Satz von Wittgensteins Logisch-philosophischer Abhandlung (1921/22), dem Tractatus logico-philosophicus, antizipiert wurde. Daneben ist die Rede vom Mystischen, das sich zeigt (TLP 6. 522). Hart Nibbrigs Rhetorik des Schweigens (1981), Steiners Sprache und Schweigen (1973) oder Luhmann/Fuchs‘ Reden und Schweigen (1989) markieren Eckpunkte eines neu artikulierten Interesses an dem, was sich nicht sagen läßt, sondern in einer oft als deiktisch verstandenen Bewegung aufscheint oder aufgewiesen wird.
Die neuere Diskussion fragt explizit nach „Strategien der Sprachabwendung im 20. Jahrhundert“ (Alloa/Laagay (Hgg.) 2008), den „Silences in Pascal, Rousseau and Beckett“ (Loevlie 2003) oder der „Philosophie des Schweigens – Schweigen in der Philosophie“ (Piltz 1987). Die Besonderheit des vorliegenden Sammelband-Projektes ist die Sicht auf das Schweigen als eine, die es nicht im Motiv aufgehen läßt. Es genügt nicht zu sagen, was man durch einen Moment des Schweigens gewinnt (Schweigen hier nur als Ausdruck eines letztlich teleologisch-zweckrationalen Wunsches), es gilt vielmehr, dieses Schweigen in seiner heterogen verfaßten Phänomenalität selbst in den Blick zu nehmen. Als Komplement der Diskussion der Sprachphilosophie als Sprachverführungskritik (Kainz, Wittgenstein, Birnbacher u.a.), des wirkmächtigen „Lassen wir uns nicht behexen!“ (Wittgenstein, Zettel 690) erkundet die Phänomenologie des Schweigens die Welt der Zeichen mit Blick auf die Pausen zwischen ihnen. Folgende Aspekte sind dabei wichtig:

- Schweigen und Nichtmotivik
Schweigen als nichtmotivische Bedingung der Rede (Markewitz 2006) versteht den Moment des Schweigens nicht als beredt, vielsagend, anschließbar an einen Diskurs der Zwecke, der Schweigen als Mittel bewertet, einen Zweck zu erreichen. Schweigen ist vielmehr Ausweis der Tautologizität des Gegebenen, d.h. dem Wissen davon, daß wir uns (de facto) mit dem begnügen, was ist, ohne dieses Wissen, das sich in der Orientierung an gelebten Sprachpraxen und Wortverwendungsregeln äußert, an einen heiligen, höheren, nicht mehr profanen Bereich zu binden.

- Schweigen und Bilderrede
Die „Bilderrede“ war eine Intuition Benjamins, der damit das Unaussprechbare, Andere, einem neuen Ausdrucksmodus zuführte (Der Baum und die Sprache in: Ehrenspeck, Böhme (Hgg. 2009)). Die gegenwärtig starke Bilddiskussion im Horizont der kantischen Bestimmung von Gedanke und Anschauung mit den Exponenten Boehm, Belting, Didi-Huberman, Wiesing u.a. rückt die Sprache der Bilder wieder in den Vordergrund, die mehr ist als das ruhende, festgestellte Motiv, die eher die Eigenmacht von Bild und Zeichnung performativ herausarbeitet (Mitchell, Bredekamp u.a.). Die gegenwärtige Bilddiskussion läßt sich an die Frage nach dem nicht mehr beredten Schweigen anschließen: Rede und Wort werden in Bildern nicht kompensiert oder durch piktoriale Strukturen bloß ersetzt. Die Referenz der „Ähnlichkeit“ wurde mit Goodman, Scholz und anderen als obsolet deutlich, älteren Vorstellungen darüber verhaftet, worin der Differenzpunkt der Bilder bestehe. Inwiefern die Sprache der Bilder als nichtmotivisch verstanden werden kann, d.h. als nicht beredt, soll in Untersuchungen beschrieben werden, die vor allem den Eigen-Sinn des Bildes herausstellen (Mersch, Bredekamp u.a.), das dem Eigensinn des Schweigens, auch als Signatur von Tendenzen der Unbegrifflichkeit (Blumenberg 1979/2007) und Unbestimmtheit (Gamm 1994) als nichtmotivischem entspricht.

- Schweigen als Lebensform
Mit diesem zentralen Begriff Wittgensteins wird das „Hinzunehmende, weil Gegebene“ (Philosophische Untersuchungen, S. 226/S. 572) bezeichnet. Lebensformen im Plural verbürgen die Verwobenheit von Sprache und Handlung als konstitutiv für sprachliche Bedeutung. In einer Lebensform (nicht-monistisch gedacht, vgl. die Diskussion von Garver, Haller (1984) und Ferber (1994)) weisen sich die Zugehörenden in bestimmter Weise als Sprachbenutzer aus. Kann es, so soll gefragt werden, Lebensformen geben, die dem Schweigen verpflichtet sind als Grundbedingung ihrer Konstitution? Luhmann und Fuchs gehen mit den Bemerkungen über die Mönche (1989) in diese Richtung. Schweigen erscheint nicht zuletzt als Instrument der Ausdifferenzierung nicht nur der funktionalen Gesellschaft. Gefragt werden soll nach der Natur solcher Differenzierungsbemühungen: Was treibt das Schweigen als Schweigen voran, wie treibt das Schweigen Kommunikationen voran? Es ist die Frage nach der operationalen Qualität des Schweigemodus: Wie ist er innerhalb einer bestehenden Semantik situiert? Die Auseinandersetzung etwa mit Wittgensteins Lebensformbegriff (vgl. Lütterfelds/Roser (Hgg.) 1999) kann darüber Auskunft geben.

- Schweigen und Kulturkritik
Adorno/Horkheimers Kulturkritik als Aufklärungskritik (1944/1947) bezog sich auf das Beispiel des Odysseus, der sich den Stimmen der Sirenen aussetzte, während er sich vor ihnen schützte wie der moderne Mensch vor den Verlockungen des Nichtidentischen. Kafkas Text Das Schweigen der Sirenen erscheint als Reflex auf die kulturell überformten Erwartungen, eine Kultur habe Kultur der Rede zu sein. Die Sprache wird als Kombination von Soziologemen deutlich: Wer kann die Sprache lieben, wer findet eine Heimat im sprachlichen (wie im sprachlosen?) Augenblick? Schweigen erscheint, mit George Steiner, nicht zuletzt als Ausdruck des Trostes gegen die Vormachtstellung des Wortes, das im Angesicht des Unmenschlichen, der Katastrophe des 20. Jahrhunderts, bestehen bleibt.

- Schweigen als Verweigerung der Dezision
Jenseits des beredten Schweigens erscheint Schweigen auf operationaler Ebene als Verweigerung der Entscheidung für einen Ausdrucksmodus, Sprache oder Bild. Stattdessen: Schweigen um reden zu können, als Voraussetzung gelingender Signifikation überhaupt, Bedeutungsentstehung. Das Schweigen auf der Ereignisebene, als Nicht-Reden, ist nicht neu, sondern erinnert an die Art und Weise, wie sprachliche Bedeutung entsteht, es handelt sich um die Aktualisierung eines früher im Gebrauch schon Beglaubigten und Gewußten von dem unsere Lerngeschichte (vgl.etwa Wittgenstein, PU 5) Zeugnis gibt.

- Nicht-rhetorisches Schweigen
Im Sinne von Novalis‘ Prosatext Monolog bekümmert sich die Sprache um sich selbst. Rhetorik aber weist auf etwas, das sie sprachlich erreichen will. Nicht-rhetorisches Schweigen jenseits einer persuasiven Wirkintention weist in diesem Sinne auf den Verzicht auf eine Absicht. Der sprachlose Augenblick in der Tradition dieses Loslassens des Intentionsbegriffs (der in der Debatte um Urheber und Autorschaft neu diskutiert wird) ist der Moment, in dem deutlich wird, was Worte nicht vermögen. Nicht die Substituierbarkeit der Rede durch ein Gefühl, das im Schweigen gewonnen wird, steht hier an erster Stelle, sondern ein Schweigen, das sich erst in zweiter Linie als Kommunikationsmittel versteht. Was passiert in der Sprache, auf Produktions- wie Rezeptionsseite, im philosophischen wie fiktiven Text, wenn Schweigen nicht mehr beredt ist? Auf diese Fragen möchte der Sammelband Antworten geben.
Einreichung von Exposées (ca. 500 Worte) bis zum 31. Oktober 2011 an Dr. Sandra Markewitz, sandramarkewitz@yahoo.de
Der Band wird im Aisthesis Verlag (Bielefeld) erscheinen. Abgabetermin für die fertigen Beiträge (ca. 20 Seiten) ist der 30. November 2012.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss30.11.2011
Beginn10.05.2011
Ende30.11.2011
PersonName: Kopp, Detlev [Dr.] 
Funktion: Honorarprofessor  
E-Mail: detlev.kopp@web.de 
KontaktdatenName/Institution: Dr. Detlev Kopp 
Strasse/Postfach: Melanchthonstr. 57 
Postleitzahl: 33615 
Stadt: Bielefeld 
Telefon: 0521-65228 
Fax: 0521-172812 
E-Mail: detlev.kopp@web.de 
LandDeutschland
Zusätzliches SuchwortSchweigen
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft
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