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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Grimmelshausen und das Wissen vom Menschen"
RessourcentypCall for Papers
TitelGrimmelshausen und das Wissen vom Menschen
BeschreibungGrimmelshausen und das Wissen vom Menschen

Tagung, Basel 2012 (14.6.-16.6.2012)

veranstaltet von Prof. Dr. Rosmarie Zeller (Basel), in Verbindung mit Prof. Dr. Maximilian Bergengruen (Genf) und der Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen-Gesellschaft (unter Vorbehalt der Finanzierung).

Die germanistische Forschung, die sich mit der Literatur seit dem 18. Jahrhundert befasst, interessiert sich bekanntlich seit über zwanzig Jahren für anthropologische Fragestellungen. Sie fragt nach psychischen und physischen Krankheitskonzepten in der Literatur, nach Theorien zum Verhältnis von Leib und Seele, nach Vorstellungen über Lebensalter, Geschlechterkonzeptionen, dem Verhältnis von Kultur und Natur, Mensch und Tier etc. Demgegenüber findet diese Vorgehensweise im Bereich der Barockliteratur, anders als etwa in der Geschichtswissenschaft und Philosophie, nur zögerlich Resonanz. Einzelne Ausnahmen bestätigen eher die Regel.

Man könnte nun argumentieren, dass sich die Vernachlässigung von anthropologischen Fragestellungen in der Literatur der Frühen Neuzeit historisch begründen ließe, etwa durch die Beobachtung, dass sich erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts die Anthropologie als „eine neue Disziplin“ formiert, die Literatur mithin auch erst ab diesem Zeitpunkt an ihr partizipieren kann.

Literatur, die Menschen verschiedener Herkunft, verschiedener Lebensalter, in den unterschiedlichsten Situationen darstellt, muss jedoch, so das Gegenargument der Antragssteller, notwendigerweise Vorstellungen über den Menschen entwickeln und generiert damit, absichtlich oder unabsichtlich, anthropologisches Wissen.
Aus diesem Grund soll auf der Tagung das beschriebene Desiderat an- und der Frage nachgegangen werden, inwieweit im Werk Grimmelshausens, aber auch bei Autoren von sogenannten niederen Romanen in seinem Umkreis, anthropologische Denkfiguren manifest werden.

Grimmelshausens Werk eignet sich für die Erprobung einer solchen Fragestellung in besonderer Weise, weil er in seinen Romanen, insbesondere im Simplicianischen Zyklus, ein umfangreiches Personal vorführt, das verschiedenen Schichten, Regionen, Geschlechtern und Altersstufen entstammt und sich daher in besonderer Weise eignet, Konzepte des Menschen oder genauer der Menschen zu entwickeln.
Wie alle künstlerischen Äusserungen hängen auch die Romane Grimmelshausens aufs engste mit dem Wissen und den Vorstellungen ihrer Zeit zusammen. Er bedient sich intensiv und extensiv aus ganz verschiedenen Quellen, um die in seinen Romanen vorgeführten anthropologischen Modelle literarisch zusammen- und in Szene zu setzen.

Von höchster Bedeutung in diesem Zusammenhang sind die, von Grimmelshausen häufig verwendeten, Kompilationswerke wie etwa Hyppolitus Guaroninonius‘ Die Greuel der Verwüstung Menschlichen Geschlechts, Tomaso Garzonis Piazza universale oder Pedro Mexías Geschicht- Natur- und Wunderwald.
Zu denken ist auch an die umfangreiche Literatur von kurzen moralischen Erzählungen, in welchen Verhaltensnormen, Vorstellungen zu Lebensaltern usw. transportiert werden wie G. Ph. Harsdörffers Schauplatz-Sammlungen (der Grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte von 1649ff. sowie der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte von 1650) oder Pierre Boaistuaus Schauplatz der Welt, Peter Laurembergs Acerra philologica, oder Johannes Paulis Schimpf und Ernst usw.

Anthropologisches Wissen wird sodann in Texten präsentiert, welche sich mit fremden Völkern befassen, z. B. in Reisebeschreibungen wie Adam Olearius‘ Offt begehrter Beschreibung der Newen Orientalischen Rejse […] von 1647; von großer Bedeutung sind darüber hinaus die Texte aus dem Umkreis der Querelles des femmes, die für die Literatur des Barock eine wichtige Rolle spielen, weil sie das Geschlechterverhältnis und die Institution der Ehe thematisieren.

Ein weiterer wichtiger Einsatzpunkt ist weiterhin die Hexen- und Teufelsliteratur, von der man weiß, dass Grimmelshausen sie ausführlich studiert und dass er die dort vorgefundenen Theoreme literarisch adaptiert hat. Wichtige Stichwortgeber sind hier u. a. Heinrich Kornmanns Mons Veneris von 1614, Johannes Praetorius’ Blockes-Berges Verrichtung von 1668 sowie der Anthropodemus plutonicus von 1666.
Auf der Tagung soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit Grimmelshausen sich durch seine Romane veranlasst sieht, anthropologische Konzepte selbst zu entwickeln oder bestehende Konzepte aufzunehmen und in sein bestehendes literarisches Setting zu integrieren. Mithin ist zu untersuchen, inwieweit seine Anthropologica mit Vorstellungen in medizinischen, theologischen, moralischen Texten der Zeit in Beziehung stehen und welche spezifisch literarische Funktion diese bei ihm selbst einnehmen.

Ein weiterer Schwerpunkt soll auf der Frage liegen, inwieweit das anthropologische und medizinische Wissen der Zeit seinerseits bereits narrative Strukturen bereithält, die mit den literarischen bei Grimmelshausen Überschneidungen aufweisen und so zu einer Wechselwirkung führen.

Zu denken wäre dabei an die narrativen Strukturen von Bekehrungsgeschichten, die bekanntlich genauen Genrevorgaben folgen (die sie auch in einem Roman nicht verlieren); gleiches würde für medizinische Heilungsgeschichten gelten. Auch die Struktur von Exempeln und Exempelliteratur könnte in diesem Zusammenhang unter der Fragestellung betrachtet werden, inwieweit die ursprüngliche rhetorische Formung anthropologischen oder medizinischen Wissens im literarischen Text beibehalten oder verändert wird.

Schliesslich wäre zu überlegen, ob in den Texten Grimmelshausens das extern aufgenommene Wissen in seiner rhetorischen Formung bevorzugt für die poetische Reflexion des eigenen Schreibprozesses herangezogen wird.

Folgende Themenbereiche sollen auf der Tagung diskutiert werden:

- Lebensalter, Kindheit und Entwicklung

- Vererbung Herkunft, Familie, falsche und richtige Eltern

- Lebensläufe im Werk Grimmelshausens, im Schelmenroman und Roman comique sowie in Nachahmungen des Simplicissimus und im Werk Johann Beers

- Weiblichkeit vs. Männlichkeit, Grenzüberschreitungen

- die narrative Rolle von Affekten

- Personen- und Figurenkonzepte: Narr, „Landstörtzer“ (Vagant), Pilger, Soldat, Hure, Einsiedler, Adlige

- Der gottgefällige Mensch und das Teuflische in ihm / die narrative Funktion von Krankheiten und Heilungen

- ethnologische Differenzen

- Abgrenzung Tier / Mensch, Kultur / Natur

Wir bitten um die Einsendung von Exposés (nicht länger als eine Seite) bis zum 20.5. 2011 per Mail an: jill.buehler@unige.ch.
Web: http://germa.unibas.ch/home/

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBasel
Bewerbungsschluss20.05.2011
Beginn14.06.2012
Ende16.06.2012
PersonName: Zeller, Rosmarie [Prof. Dr.] 
Funktion: Professorin 
E-Mail: Rosemarie.Zeller@unibas.ch 
KontaktdatenName/Institution: Jill Bühler, Département de langue et de littérature allemandes , Université de Genève  
Strasse/Postfach: 12, Boulevard des Philosophes  
Postleitzahl: 1211 
Stadt: Genève 4 
Fax: + 41 (0)22 379 73 52 
E-Mail: jill.buehler@unige.ch 
LandSchweiz
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Genderforschung; Geschichte der Germanistik; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 1580 - 1700; Motiv- u. Stoffgeschichte
Zusätzliches SuchwortGrimmelshausen
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft; 01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft > 01.03.00 Germanistik; 03.00.00 Literaturwissenschaft; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte; 11.00.00 17. Jahrhundert
Ediert von  H-Germanistik
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