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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Ästhetischer Heroismus. Konzeptionelle und figurative Paradigmen des Helden"
RessourcentypCall for Papers
TitelÄsthetischer Heroismus. Konzeptionelle und figurative Paradigmen des Helden
BeschreibungHeroische Figuren gehören seit je zum Repertoire des kulturellen Bewusstseins. Selbst unser „postheroisches“ (Münkler 2007) Zeitalter ist von einer erstaunlichen Omnipräsenz des Helden geprägt. Doch die Konfiguration dieses menschlichen Phänotyps unterliegt einer permanenten Umwertung und Umakzentuierung. Erschien der antike Heros noch als Steigerung des Menschlichen ins Göttlich-Allgemeine, ist der moderne Held Ausdifferenzierungs-, Marginalisierungs- und Reaktualisierungsprozessen unterworfen, die den inneren Brüchen und Ambivalenzen des geistesgeschichtlichen Phänomens ‚Moderne‘ Rechnung tragen (Früchtl 2004).

Aufgrund der Multivalenz seiner Erscheinungen liegt es nahe, in der Vielgestaltigkeit das erste Charakteristikum des Helden zu sehen. Die Ausweitung seiner Phänomenologie resultiert nicht zuletzt aus einem inflationären Begriffsgebrauch, so dass es unmöglich geworden scheint, eine operationale Bestimmung der Projektionsfigur ,Held‘ zu liefern. Konsequent lässt sich behaupten, dass „kein allgemeines Modell“ ausreiche, „den Helden zu identifizieren“, und er demnach über „keine intrinsische Qualität“ (Lehmann 2009) verfüge. Demgegenüber werden mit der Figur des Helden noch immer kanonische Eigenschaften und Werte assoziiert, wird mit seiner Präsenz noch immer ein vergleichsweise konkreter Erwartungshorizont aufgerufen. Für eine Präzisierung des Paradigmas ,Held‘ können immerhin verschiedene Bestimmungsfaktoren zusammengetragen werden, die ein konsistentes, wenngleich vorläufiges Bild ergeben: Liminalität und Transgression (Kollmann 2004); Exzeptionalität, Unzeitgemäßheit, Vorbildlichkeit und Konstruiertheit (Immer 2008); Differenzqualität, Krisenhaftigkeit und Projektionalität (Schinkel 2010).

Konstitutiv ist der Held auf Darstellung angewiesen. Ohne Beglaubigung der heroischen Tat durch die Zeugenschaft anderer bleibt der außergewöhnlichen Handlung die Anerkennung verwehrt. Erst aus der Strukturbeziehung von Aktion und Admiration entfaltet sich die Differenz von Held und Kollektiv (Reemtsma 2009). Wesentlicher Vollzugsraum sowohl der Beglaubigung als auch der Bewunderung des Helden ist die Kunst. Narrativ wird seine Handlung reproduziert und stilisiert, rhetorisch wird seine Erscheinung vermittels Strategien der aemulatio zum Exemplum idolisiert. Aufgrund der Aufmerksamkeit, die der Held beansprucht, avanciert er zum Zentrum literarischer, bildkünstlerischer, filmischer, computeranimierter u.a. Gestaltungen. Das bedingt wiederum die Formenvielfalt des ästhetischen Heroismus, in dessen Rahmen die Figur des Helden bestimmte Zeicheninventare, festgelegte Formen der Repräsentation und konkrete wirkungsästhetische Konzepte generiert.

Der geplante Sammelband soll zum einen Ansätze versammeln, die das Phänomen des ästhetisch vermittelten Heroismus theoretisch zu systematisieren versuchen. Zum anderen sind Beiträge erwünscht, die Repräsentations- und Organisationsformen des Heroischen im Medium der Kunst untersuchen. Im Rekurs auf einzelne Fallbeispiele können die Faktur und die Funktionalisierung konkreter Heldenbilder analysiert werden. Projektiert ist, den Sammelband in fünf übergreifende Sektionen zu gliedern:

1. Typologie/Phänomenologie/Differenz
Der Versuch, ein Modell heroischer Phänotypen zu etablieren, ist prominent mit Thomas Carlyles Vorlesungen „On Heroes, Hero-Worship and the Heroic in History“ (1840) verbunden. Fortgesetzt wurde dieser Entwurf mit Ralph Waldo Emersons Vorlesungen „Representative Men“ (1850) und noch mit Joseph Campbells Studie „The Hero with a Thou-sand Faces“ (1943). Lassen sich aus diesen Modellbildungen überzeitliche Strukturen für die Konzeptualisierung des Heroischen ableiten? Inwieweit sind diese Gruppen von historischen Verschiebungen gekennzeichnet, wenn sich beispielsweise eine Binnengruppe von Heldenfiguren als „Hesitant Heroes“ (Ziolkowski 2004) beschreiben lässt?

2. Repräsentation/Ästhetisierung/Inszenierung
Helden sind medial konstruierte Figuren. Doch mit welchen ästhetischen Praktiken und Techniken werden sie repräsentiert und inszeniert? Inwiefern unterscheidet sich die Ästhetisierung des Heroischen in den einzelnen Künsten und Kunstgattungen? Etablieren beispielsweise die Visualität der Filmwelten und die Virtualität der Computerwelten neue Heldenfiguren? Auch stellt sich die Frage, inwiefern die künstlerische Präsentation des Helden zur Selbstreflexion über seine Konstruktion herausfordert (Früchtl 2009). Und inwiefern spielt die Geschlechterdifferenz für die ästhetische Konstruktion von Heldentum eine Rolle, wenn sich etwa in der Literatur und ästhetischen Theorie um 1800 ein männlich-erhabenes von einem weiblich-anmutigen Heldentum (Marwyck 2010) abgrenzen lässt?

3. Emotionalität/Affektmodulation/Identifikation
Heroische Konstruktionen sind in vielfacher Hinsicht mit der Inszenierung und Modulation von Gefühlen verbunden. Von der Wut des Achill, dem Leid des Aristotelischen Tragödienhelden, über die vollkommene Überwindung des Emotionalen im Ideal des stoischen Helden, den Wechsel von Leid und Selbstüberwindung im Konzept des Pathetisch-Erhabenen, bis hin zum Ideal des coolen Helden im Film stellt sich der Held als eine nicht nur mit äußeren Gefahren, sondern zugleich mit den eigenen Emotionen kämpfende Figur dar. Die ästhetische Inszenierung des Heroischen wiederum zielt auf eine Affektmodulation des Rezipienten, die Wahrnehmung einer Person als Heros basiert wesentlich auf affektiven Reaktionen, die durch die mediale Darstellung gezielt gesteuert wird. Zugleich forciert das Identifikationsmodell ‚Held‘ die Bindung zwischen Figur und Rezipient. Welche affektmodulierenden Strategien nutzen die einzelnen Medien und Kunstgattungen zur Inszenierung des Heroischen? Welche Konstruktionen von Emotionalität prägen die Inszenierungen heroischer Subjekte? Welche Formen ästhetischer Identifikation (Jauß 1974) treibt der ästhetische Heroismus hervor?

4. Ökonomie/Vermarktung/Warencharakter
Der Held dient in der vom Kapitalismus geprägten Moderne vor allem als anthropologischer Gegenentwurf zur Zweckrationalität wirtschaftlichen Handelns. Mit dem ‚Erwerbsbürger‘ gemein hat der Held zwar das Ethos der Tat, doch das heroische Handeln weist über das Einzelinteresse hinaus, auf einen überindividuellen Zweck. Die materielle Versorgung des Hel-den ist in den meisten Heldenmythen unhinterfragt gegeben. Dieser scheinbare Gegensatz zwischen der Welt der Ökonomie und der Welt des Heros wird in modernen Heldenmythen jedoch wiederholt reflektiert und in Szene gesetzt (vgl. z.B. die Doppelidentität von Bruce Wayne und Batman). Prinzpiell lässt sich feststellen, dass der ökonomische und der ästhetisch-heroische Diskurs vielfach miteinander verzahnt sind. So kommt es in der kapitalistischen Moderne schon früh zu einer Heroisierung des Bürgers (Schlaffer 1973), später zur heroischen Aufwertung des modernen Ökonomen etwa in amerikanischen Self-Made-Man-Mythen und schließlich zur Heroisierung der Erwerbsarbeit in Arbeiterbiografien (Schmidt 2010). Nicht zuletzt ist der ästhetisch repräsentierte Held selbst ein bedeutender ökonomi-scher Faktor, da er als Werbemarke zur Massenware wird. Wie verhält sich in der westlichen Mythenbildung seit der Antike der Heros zum Geld? Wie wiederum die Ästhetik des Geldes zum Heroischen? Und wie sehen die ökonomischen Produktionsbedingungen des Heroischen aus?

5. Historisierung/Funktionalisierung/Ideologisierung
Heldenbilder unterliegen stetiger Veränderung und damit dem historischen Wandel. Welche geschichtlichen Paradigma lassen sich in der Entwicklung heroischer Modelle ausmachen (z.B. Disselkamp 2002)? Welche sozialgeschichtlichen Verschiebungen in der Konzeptualisierung des Helden können beobachtet werden? Inwiefern ändert sich z.B. das Projektionsbild vom besonderen Einzelnen, wenn sich im Rahmen des Kriegsheldentums eine Umakzentuierung vom Heroismus zum Viktimismus durchsetzt (Sabrow 2008)? Und wie verhält sich die postmoderne Konjunktur von Figurationen des Helden im Zeitalter „postheroischer Gesellschaften“ (Münkler 2007)?


Literatur

Disselkamp 2002 – Martin Disselkamp: Barockheroismus. Konzeptionen ‚politischer‘ Größe in Literatur und Traktatistik des 17. Jahrhunderts. Tübingen 2002.
Früchtl 2004 – Josef Früchtl: Das unverschämte Ich. Eine Heldengeschichte der Moderne. Frankfurt a. M. 2004.
Früchtl 2009 – Josef Früchtl: Und diesen Unsinn glauben wir. Zur Selbstreflexion der Heldenfigur im Film. In: Merkur 63 (2009), H. 9/10, S. 965–972.
Immer 2008 – Nikolas Immer: Der inszenierte Held. Schillers dramenpoetische Anthropologie. Heidelberg 2008.
Jauß 1974 – Hans Robert Jauß: Levels of Identification of Hero and Audience. In: New Literary History 5 (1974), Nr. 2, S. 283–317.
Kollmann 2004 – Anett Kollmann: Gepanzerte Empfindsamkeit. Helden in Frauengestalt um 1800. Heidelberg 2004.
Lehmann 2009 – Hans-Thies Lehmann: Wunsch nach Bewunderung. Das Theater um den Helden. In: Merkur 63 (2009), H. 9/10, S. 772–781.
Marwyck 2010 – Mareen van Marwyck: Gewalt und Anmut. Weiblicher Heroismus in der Literatur und Ästhetik um 1800. Bielefeld 2010.
Münkler 2007 – Herfried Münkler: Heroische und postheroische Gesellschaften. In: Merkur 61 (2007), H. 8/9, S. 742–752.
Reemtsma 2009 – Jan Philipp Reemtsma: Der Held, das Ich und das Wir. In Mittelweg. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 36 (2009), H. 4, S. 41–64.
Sabrow 2008 – Martin Sabrow: Heroismus und Viktimismus. Überlegungen zum deutschen Opferdiskurs in historischer Perspektive. In: Potsdamer Bulletin für zeithistorische Studien 43/44 (2008), S. 7–20.
Schinkel 2010 – Eckhard Schinkel: Die Helden-Maschine. Zur Aktualität und Tradition von Heldenbildern – Stichworte zu einem schillernden Begriff. In: Die Helden-Maschine. Zur Aktualität und Tradition von Heldenbildern. Hg. vom LWL-Industriemuseum. Essen 2010, S. 8–18.
Schlaffer 1973 – Heinz Schlaffer: Der Bürger als Held. Sozialgeschichtliche Auflösungen literarischer Widersprüche. Frankfurt a. M. 1973.
Schmidt 2010 – Jürgen Schmidt: Helden der Freiheit – Helden der Arbeit? Heldenbilder in Arbeiterautobiografien um 1900. In: Die Helden-Maschine. Zur Aktualität und Tradition von Heldenbildern. Hg. vom LWL-Industriemuseum. Essen 2010, S. 93–103.
Ziolkowski 2004 – Theodore Ziolkowski: Hesitant Heroes. Private Inhibition, Cultural Crisis. Ithaca, London 2004.


Exposés (max. 2500 Zeichen; inkl. Arbeitstitel) für Beiträge zum Sammelband „Ästhetischer Heroismus“ senden Sie bitte bis zum 30. April an folgende Adressen: Dr. Nikolas Immer (immer@uni-trier.de) und Dr. Mareen van Marwyck (m.vanmarwyck@web.de). Eine Rückmeldung erfolgt bis spätestens Ende Mai. Die fertigen Beiträge (Umfang ca. 15 bis 20 Druckseiten) sollen bis zum 1. September 2011 vorliegen.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss30.04.2011
PersonName: Immer, Nikolas [Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: immer@uni-trier.de 
Name: Marwyck, Mareen van [Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: m.vanmarwyck@web.de 
KontaktdatenName/Institution: Universität Trier, Fachbereich II: Germanistik 
Postleitzahl: 54286 
Stadt: Trier 
Telefon: +49-651-201-2311 
Fax: +49-651-201-3909  
E-Mail: immer@uni-trier.de 
Internetadresse: http://www.uni-trier.de/index.php?id=29960 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Motiv- u. Stoffgeschichte
Klassifikation00.00.00 ohne thematische Zuordnung
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