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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Letzte Briefe. Neue Perspektiven auf das Ende einer Kommunikation"
RessourcentypCall for Papers
TitelLetzte Briefe. Neue Perspektiven auf das Ende einer Kommunikation
BeschreibungLetzte Briefe. Neue Perspektiven auf das Ende einer Kommunikation

Eine Tagung im Gleimhaus Halberstadt (30. Juni bis 2. Juli 2011)
Call for papers (deadline: 28. Feb. 2011)

Thema:
"Verzeihen Sie mir diese Epistola. Ich erwarte keine Antwort darauf." Korrespondenzen enden aus den verschiedensten Gründen: Weil die Beziehung abgebrochen wird, weil der Postweg ungewiss oder weil der nahe Tod desto gewisser ist. "Dies sind nun die letzten Zeilen, übermorgen Mittag dürfen wir Dich erwarten." Manchmal markiert der letzte Brief auch nur eine Änderung des Personenstands oder des Wohnorts, die einen weiteren brieflichen Austausch entbehrlich macht. Häufiger noch wächst bestimmten Briefen unbeabsichtigt der Status eines letzten Briefs zu, weil ein Unglücksfall in der Biografie oder der Überlieferungsgeschichte einen Briefwechsel beendet, doch gerade hier scheint manchmal eine "fatale Zweideutigkeit" im zuletzt entstandenen Brief das Ende bereits zu enthalten. Die monologische Tendenz, die jedem Zeugnis noch des intensivsten brieflichen Austauschs innewohnt, verabsolutiert sich im letzten Brief; häufig aber ist sie erst ex post wahrnehmbar oder möglicherweise erst von Nachgeborenen hineingelesen.
Das Ende einer Korrespondenz ist ein idealer Ausgangspunkt für verschiedene Erkenntnisinteressen: Fragen der Erzähltheorie (Narrative des Endes), der kommunikativen Konfiguration (pragmatisch und theoretisch), der Rezeption (Zuschreibungen, Anthologisierung, Edition) oder der kulturellen Codierung (Abschied und Neuanfang, heroica dicta). Zur Debatte stehen Korrespondenzschlüsse seit dem 18. Jahrhundert, in dem sich die Briefkultur von der Rhetorik zunehmend entfernte und die Episteln zu einem Medium der Aussprache und Identitätskonstruktion zwischen Authentizität und Fiktionalität wurden. Beispiele aus dem 19. oder 20. Jahrhundert sind ebenfalls willkommen.
Die Tagung im Gleimhaus Halberstadt ist eine Arbeitstagung, bei der den Referentinnen und Referenten die Chance zum intensiven Austausch über ein For-schungsthema gegeben werden soll, für das es bisher weder eine Tradition noch verbindliche Parameter gibt. Teilnahmevoraussetzung ist die Anwesenheit über die gesamte Dauer der Tagung.

Problemaufriss:
"Letzte Briefe" ist der Titel einer Mappe in Günther Weisenborns Nachlass, in dem Fotokopien und Abschriften von letzten Briefen Hingerichteter aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufbewahrt sind. Dies mag auch die erste Assoziation sein, die der Titel der Tagung erweckt: Letzte Briefe vor dem Tod. Der Tod mag der des Empfängers oder des Schreibenden sein. Im ersten Fall schreibt ein Verfasser unwissend, dass der Adressat schon verstorben ist (und bekommt Antwort von dritter Hand: "Ihr Herrn S. zugedachter Brief...") oder ob der Adressat seinen Brief noch erhalten wird ("ich hoffe, dass mein Schreiben Dich noch erreicht..."); im Extremfall schreibt er, obwohl er weiß, dass der Adressat schon verstorben ist ("Liebe G., heute schreibe ich Dir einen letzten Brief, so als wärest Du noch mitten unter uns..."). Im andern Fall ist der Brief der letzte eines noch Lebenden, der entweder nicht weiß, dass er keinen weiteren Brief mehr schreiben wird ("ich habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je"), oder es ist der Brief einer dem Tode Geweihten, die weiß, dass sie bald, aber nicht genau, wann sie sterben wird ("Ich werde täglich elender, möchte wohl ein schlimm End’ nehmen"); vielleicht ist es auch der Brief eines, der genau weiß, wann er sterben wird, weil er sich selbst zum Tod bestimmte ("die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war") oder von anderen zum Tod verurteilt wurde ("Das Unglück macht immer mitfühlend; das ist meine letzte Betrachtung").
Letzte Briefe einer Korrespondenz oder eines Korrespondenzabschnittes können aber auch in weniger existenziellen Situationen entstehen. Zum Beispiel mag ein gemeinsames Geschäft abgetan sein ("ich danke Gott, dass wir dies zusammen durchgestanden"), der Abschied unter Weiterlebenden mag vorläufig ("Ehe ich von hier weggehe, muß ich noch ein Lebenszeichen von mir geben ... Leben Sie recht wohl") oder endgültig sein ("ich bitte Sie, mir nicht mehr zu schreiben"), er kann aus Verbundenheit ("Wenn ich nur ein bischen zärtlich an euch denke; so bewegt michs zu sehr... Ich will deswegen in einiger Zeit nicht schreiben") oder aus Enttäuschung ("Es wird uns nicht schwerfallen, Sie von den unangenehmen Gefühlen zu überzeugen, die wir in dem Augenblick empfinden, da wir die Feder wieder ergreifen... Wir baten Sie... Indessen ist ein ganzes Jahr vergangen") resultieren, vielleicht sind es aber auch nur die letzten Briefe vor der Hochzeit nach längerer Vorgeschichte ("so schreib ich denn endlich den letzten Brief an mein ... Mädchen, den letzten! – ich bin so voll Freude" / "Heute schreibe ich dir zum letztenmale... Tausend unendlichen Dank der gütigen Vorsehung, die uns so weit geholfen").
Eine Korrespondenz kann aus vielen letzten Briefen bestehen ("Du schreibst mir zuviel" – "An Deinem letzten Brief ... lese ich immer noch"), wie es beispielsweise für Autoren im Gefängnis gilt, die jederzeit damit rechnen müssen, dass der gerade geschriebene Brief der letzte ist. Die Tatsache, dass ein Briefwechsel mehrere letzte Briefe enthalten kann, muss die Aufmerksamkeit auf Schreibstrategien lenken, die bestimmte Briefe zum Telos einer Korrespondenz machen (sollen), die de facto gar nicht die letzten Briefe einer Korrespondenz sind. Ohnehin ist zu bedenken, dass Briefwechsel oft eher flüchtig verzahnte Monologe als Wortwechsel sind. Manche Schreiber neigen, aus welchen Gründen auch immer, ohnehin zum Abbruch von Texten wie von Beziehungen. In rhetorischer Hinsicht ist also zu beachten, ob ein Briefwechsel dazu tendiert, das durch ihn möglicherweise hinausgeschobene Ende beständig zu beschwören. Vielleicht werden aber auch rhetorische Strategien benutzt, um das Ende einer kommunikativen Beziehung zu überspielen. Nicht immer erheischt der Brief die Antwort, die der Schreiber sich zu wünschen vorgibt. Andererseits ist der Brief und damit der kommunikative Akt objektiv immer schon abgeschlossen, auch wenn die Antwort dringend erwünscht ist oder wird.
Häufig und immer wieder signifikant ist das beredte Schweigen des Adressaten, also die Unterlassung der Antwort, also die Unterbrechung der idealen Korrespondenzkette und doch unausdrücklich ein kommunikativer Akt. Der explizite Abschiedsbrief steht dagegen von vornherein in der merkwürdigen Situation, dass er ein Ende vorweg nimmt, dass noch nicht eingetreten ist, weil er es zwar behauptet, aber zugleich negiert, denn materialiter ist er ja ein Zeichen der (noch) bestehenden Kommunikation. Dies lenkt die Aufmerksamkeit auf paradoxale Verhältnisse zwischen biografischer Zeit, Weltzeit und Briefzeit. Im Extremfall verewigt der Brief den Abschied, insofern er sich bei jeder Lektüre erneut realisiert, besonders bei flaschenpostartigen Briefen an unbekannte Empfänger in einer ungewissen Zukunft. Er streicht aber auch, zumindest was den Absender angeht, die Zukunft, in die er gerichtet ist, durch und delegiert mitunter seine offenen Fragen ("an Unbekannt... Du... kannst vielleicht einmal, wenn dich meine Zeilen erreichen sollten, die Zusammenhänge deuten“). Er konserviert aber auch Vergangenheit, insofern die Empfänger „nicht mehr älter werden können in“ den Absendern, die ihr Leben oder den Kontakt verloren haben.

Die Tagung will die angerissenen Themenfelder anhand von Fallstudien bearbeiten. Wünschenswert ist dabei ein ebenso interdisziplinärer wie epochal komparatistischer Blick auf briefliche Zeugnisse seit dem 18. Jahrhundert. Angesprochen sind Philosophen, Historiker, Linguisten, Germanisten, Romanisten, Anglisten, Medien- und Kommunikationswissenschaftler sowie andere interessierte Kulturwissenschaftler. Der Schwerpunkt sollte auf außerliterarischen Briefen liegen, fiktive Briefe können aber kontrastiv in die Überlegungen miteinbezogen werden.

Tagungsort und -zeit:
Gleimhaus, Domplatz 31, 38820 Halberstadt,
Do. 30.6.2011, 14 Uhr, bis Sa. 2.7.2011, 13 Uhr.

Organisation:
PD Dr. Arnd Beise, Universität Paderborn, arnd.beise@uni-paderborn.de
Dr. Ute Pott, Gleimhaus Halberstadt, gleimhaus@halberstadt.de
PD Dr. Jochen Strobel, Universität Marburg, strobel@staff.uni-marburg.de

Hinweise zur Bewerbung:
Vorschläge für einen Beitrag in Form eines 30minütigen Referats in deutscher
Sprache sollen als maximal 2seitiges Expose bis spätestens 28. Februar 2011
per eMail-Anhang an die Organisatoren (arnd.beise@uni-paderborn.de) gesandt
werden. Vorbehaltlich der Bewilligung entsprechender Drittmittelanträge
werden Reise- und Unterkunftskosten übernommen. Über die Vorschläge wird
binnen eines Monats entschieden (Rückmeldung per eMail).
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortHalberstadt
Bewerbungsschluss28.02.2011
Beginn30.06.2011
Ende02.07.2011
PersonName: PD Dr. Arnd Beise (mit Dr. Utr Pott, Halberstadt; PD Dr. JOchen Strobel, Marburg) 
Funktion: V-Prof. für Neuere deutsche Literatur/Literaturdidaktik an der Universität Paderborn 
E-Mail: arnd.beise@uni-paderborn.de 
KontaktdatenName/Institution: PD. Dr. Arnd Beise, Universität Paderborn, Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft 
Strasse/Postfach: Warburger Straße 100 
Postleitzahl: 33098  
Stadt: Paderborn 
Telefon: 05251-60-2895 
Fax: 0391-5476224 
E-Mail: arnd.beise@uni-paderborn.de 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeTextlinguistik (Textbegriff, Textgrammatik, Textsorten, Hypertexte, Textsortengeschichte); Medien- u. Kommunikationsgeschichte (Hand-, Druckschrift, Film, Rundfunk, Computerspiel usw.); Rhetorik
Zusätzliches SuchwortBriefe; Epistologie; Kommunikations-Ende
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.10.00 Stilistik. Rhetorik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.05.00 Anthologien; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.09.00 Gattungen und Formen > 05.09.05 Weitere Formen; 12.00.00 18. Jahrhundert > 12.11.00 Gattungen und Formen > 12.11.05 Weitere Formen; 13.00.00 Goethezeit > 13.12.00 Gattungen und Formen > 13.12.05 Weitere Formen; 14.00.00 Romantik > 14.10.00 Gattungen und Formen > 14.10.05 Weitere Formen; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.13.00 Gattungen und Formen > 15.13.05 Weitere Formen; 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914) > 16.13.00 Gattungen und Formen > 16.13.05 Weitere Formen; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.16.00 Gattungen und Formen > 17.16.05 Weitere Formen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.08.00 Gattungen und Formen > 18.08.05 Weitere Formen; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.08.00 Gattungen und Formen > 19.08.05 Weitere Formen
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