VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Pietismus und Ökonomie 1650-1750"
RessourcentypCall for Papers
TitelPietismus und Ökonomie 1650-1750
BeschreibungCall for papers

Tagung "Pietismus und Ökonomie 1650-1750"
Mainz, 1.-3. Nov. 2012

"Gott ist Capitalist, Der keinen hat betrogen" schreibt der zum Umfeld August Hermann Franckes gehörende
J.A. Wiegleb in einem Gedicht von 1716. Die ökonomische Metaphorik in Heilsfragen
verweist auf eine fundamentale Ambivalenz im Verhältnis von Pietismus und Ökonomie. Sie ist
einerseits gekennzeichnet durch eine meist selbstverständliche Anwendung moderner technischer
Mittel und ökonomischer Prinzipien der Zeit innerhalb der Frömmigkeitsbewegungen des 18.
Jahrhunderts sowie einer effizienten Organisation und Administration, insbesondere im
Einflussbereich August Hermann Franckes. Diese wohlwollende Einstellung gegenüber ökonomischer
Rationalität ging andererseits einher mit einer Kritik an bestimmten Begleiterscheinungen der
zeitgenössischen ökonomisch-gesellschaftlichen Praxis wie etwa an der Vernachlässigung der Armen
und ihrer religiösen Erziehung oder Invektiven gegen höfisches Leben und Luxus.
Diese ambivalente Beziehung der bedeutendsten nachreformatorischen religiösen Reformbewegung
im mitteleuropäischen Protestantismus zu ökonomischem Denken und Handeln soll im Zentrum der
Tagung stehen. Das Thema hatte in der traditionellen Pietismusforschung bislang wenig Konjunktur.
Die hier angestrebte Verhältnisbestimmung von Pietismus und Ökonomie versteht sich nicht vorrangig
als Weiterführung der berühmten These Max Webers von der Geburt des Kapitalismus aus den
frühneuzeitlichen Frömmigkeitsbewegungen. Vielmehr soll durch die innovative Verbindung von
Theologie, Kirchengeschichte, Geschichte der Frühen Neuzeit und Wirtschaftsgeschichte ein Thema
empirisch und interdisziplinär vermessen werden, das auch über die engeren Fachgrenzen hinaus
großes Interesse und fruchtbare Erkenntnisse erwarten lässt.
Die Tagung wird vorbereitet von einem interdisziplinären und internationalen Arbeitskreis (Wolfgang
Breul / Mainz, Benjamin Marschke / Humboldt State (USA), Markus Matthias / Utrecht (NL),
Alexander Schunka / Erfurt-Gotha, Veronika Albrecht-Birkner / Siegen) und soll vom 1.-3. Nov. 2012
in Mainz stattfinden.

Eine Annäherung an das Thema „Pietismus und Ökonomie“ kann in unterschiedlichen Facetten
geschehen. Vorläufig werden vier Themenkreise unterschieden:

1. Ökonomie pietistischer Einrichtungen
Der Pietismus, insbesondere Franckescher Prägung, wird traditionell mit der Gründung und dem Unterhalt
von Waisenhäusern und anderen Einrichtungen der Sozialfürsorge sowie deren Wirtschaftsbetrieben
verbunden. Einige Forschungen haben in den vergangenen Jahrzehnten Korrekturen am
tradierten Bild frommer Sozialökonomie angebracht (Sträter, Spaans). Doch fehlt es an der
Einordnung in die allgemeineren Zusammenhänge von Ökonomie und Sozialfürsorge um 1700 sowie
insbesondere an Untersuchungen zu vielen Detailfragen, z.B.:
- exemplarische Analysen der Ökonomie von Waisenhäusern und Schulen im pietistischen Kontext
und im Vergleich mit anderen ähnlichen Einrichtungen,
- Innovationen und Rezeption technischer und administrativer Neuerungen in pietistischen
Einrichtungen und darüber hinaus,
- Aspekte der ökonomischen Theorie und Praxis der Franckeschen Stiftungen in Glaucha bei Halle
oder etwa der Herrnhuter Niederlassungen in Europa und Nordamerika im internationalen Vergleich,
- Fundraising und zugehörige Publizistik für pietistische Einrichtungen,
- Theorie und Praxis der Armenversorgung in pietistischer Sicht.

2. Pietistische Wirtschaftsethik
Der Neuansatz des Pietismus in der Eschatologie, die „Hoffnung besserer Zeiten“ auf Erden, eröffnete
für das Welthandeln neue Perspektiven, sie band dieses aber zugleich stärker als in anderen
Zukunftskonzepten an religiöse Orientierungspunkte. Diese Spannung bot Ansatzpunkte für
wirtschaftsethische Fragestellungen, die seit der Dissertation von Ernst Bartz (1934) keine
grundlegende Erörterung mehr erfahren haben. Zu fragen ist insbesondere nach
- wirtschaftsethischen Aussagen wichtiger Vertreter und Strömungen des Pietismus (einschließlich
des radikalen Pietismus) und ihrer Kontextualisierung innerhalb der ökonomischstaatswissenschaftlichen
Diskussionen des 18. Jahrhunderts,
- Beschreibungen und Begründungen des Ideals einer schlichten und einfachen Lebensführung sowie
nach Kritik an Luxus, Reichtum und Erscheinungsformen höfischen Lebens,
- alternativen Modellen von Eigentum und Besitz und ihrer religiösen Begründung (z.B.
Gütergemeinschaft),
- Wahrnehmung pietistischer Ökonomie in grundlegenden historiographischen oder
sozialwissenschaftlichen Entwürfen (Max Weber, Carl Hinrichs etc.).

3. Pietistische Zeitökonomie
Die neue Eschatologie brachte insbesondere im Bereich des Halleschen Pietismus auch einen anderen
Umgang mit der Zeit hervor. Die Gegenwart wurde zur „offenen Tür“ (A.H. Francke; vgl. Apk 3,8;
4,1) für die Gestaltung einer verheißungsvollen Zukunft. Dies nahm die Gläubigen in die Pflicht, auf
Zeitvertreib zu verzichten und in der „Hoffnung besserer Zeiten für die Kirche hier auf Erden“
(Spener) am „Bau der Stadt Gottes“ (Francke) bzw. des Reiches Gottes tätig mitzuwirken. Zu fragen
ist u.a. nach
- dem Zusammenhang von pietistischer Eschatologie und Zeitökonomie,
- dem alltäglichen Umgang mit der Zeit in pietistischen Kreisen (Tagebücher, Zeitreglements, Losungspraxis),
- Kritik an Zeitverschwendung und barocken Divertissements, gerade vor dem Hintergrund der
Entwicklung einer neuen Freizeitkultur im 18. Jahrhundert.

4. Pietistische „Heils-Ökonomie“
Mit der Betonung der praktischen Frömmigkeit und der religiösen Erfahrung hielten im Pietismus
zumindest ansatzweise Vorstellungen von religiöser Verdienstlichkeit wieder Einzug in die
protestantische Theologie, von denen sich die Reformation dezidiert verabschiedet hatte. Für
ökonomische Aspekte in der pietistischen Soteriologie wäre insbesondere zu fragen nach
- den Vorstellungen von Belohnung und Wiedervergeltung in pietistischen Werbeschriften für
Einrichtungen der Sozialfürsorge und der Kinder- und Jugendbildung,
- dem Zusammenhang von Tun und Ergehen in paradigmatischen Werken zur pietistischen Ethik,
- der Anwendung ökonomischer Prinzipien und Metaphorik in pietistischer Theologie und
Frömmigkeit.
Die angesprochenen Themenkreise verstehen sich zunächst nur als grobe Gliederung des
Gesamtthemas. Wichtig erscheinen in allen Fällen die Einbettung des Verhältnisses zwischen
Ökonomie und Pietismus in die allgemeineren sozioökonomischen Strukturen und Probleme des
späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts, der Vergleich mit den Ideen und Praktiken anderer religiöser
und konfessioneller Gruppen über den Pietismus hinaus und schließlich insbesondere die Dimension
von Ökonomie, Profit und Heilserlangung in Verbindung mit diversen Frömmigkeitsbewegungen im
transatlantischen Raum. Da sich bereits im 18. und verstärkt dann im 19. Jahrhundert sowohl in
wirtschaftlicher und gesellschaftlicher als auch in theologie- und frömmigkeitsgeschichtlicher Hinsicht
grundlegende Veränderungen vollzogen, die spätere Phänomene schwer vergleichbar machen, soll
sich die Tagung auf den Zeitraum 1650 bis 1750 konzentrieren. Dabei können auch ältere Wurzeln
und Traditionen, soweit der Pietismus auf diese explizit oder implizit zurückgiff, Berücksichtigung
finden. Im Rahmen einer weiteren Tagung können zu einem späteren Zeitpunkt Entwicklungen ab der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts thematisiert werden.

Themenvorschläge für Referate sind bis zum 28. Februar 2011 zu richten an Prof. Dr. Wolfgang
Breul, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Evangelisch-Theologische Fakultät, Saarstr. 21, 55099
Mainz, breul@uni-mainz.de.

Nach Annahme des Themas wird um Vortragsskizzen im Umfang von etwa 500 Wörtern bis zum 30.
Juni 2011 gebeten.
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.ev.theologie.uni-mainz.de/Dateien/Pietismus_und_Oekonomie_C...
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortMainz
Bewerbungsschluss28.02.2011
Beginn01.11.2012
Ende03.11.2012
PersonName: Breul, Wolfgang [Prof. Dr.] 
Funktion: Koordinator 
E-Mail: breul@uni-mainz.de 
KontaktdatenName/Institution: Evangelisch Theologische Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Seminar für Kirchengeschichte 
Strasse/Postfach: Saarstr. 21 
Postleitzahl: 55099 
Stadt: Mainz 
Telefon: 06131/39-20735 
Fax: 06131/39-20820 
E-Mail: breul@uni-mainz.de 
Internetadresse: http://www.ev.theologie.uni-mainz.de/1905.php 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeSprache und Gesellschaft (Diskursanalyse, Ethnographie, Sprachkritik, Sprachplanung, Sprachpolitik); Literatur 1580 - 1700; Literatur 1700 - 1770
Zusätzliches SuchwortPietismus Ökonomie
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 11.00.00 17. Jahrhundert > 11.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 11.00.00 17. Jahrhundert > 11.04.00 Pietismus; 12.00.00 18. Jahrhundert > 12.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/17480

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 13.01.2011 | Impressum | Intern