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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "M wie Mutter- M wie Monster"
RessourcentypCall for Papers
TitelM wie Mutter- M wie Monster
BeschreibungM wie Mutter - M wie Monster
Université Libre de Bruxelles
7. und 8. März 2011

Eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit will uns glauben machen, dass immer mehr Frauen ihre Kinder töten. Sie ersticken ihre Neugeborenen und - Zeichen äußerster Perversion - bewahren oder verstecken die toten Körper wie in vielen bekanntgewordenen Fällen in Deutschland, in den Niederlanden oder wie vor kurzem in Douai, in Frankreich. Verleugnung der Schwangerschaft, Kindsmord oder eine gestörte Psyche in einer Zeit, in der ein Schwangerschaftsabbruch straffrei ist und Verhütungsmöglichkeiten allen offen stehen sollten.
Kindstötung, eine schier unfassbare Tat, wirkt seit jeher faszinierend und abstoßend zugleich. Die Medizin schlägt Erklärungsversuche mit beeindruckenden Namen wie das „Münchhausen-Syndrom“ oder „Unwed mother syndrome“ vor. Auf künstlerischem Gebiet hat das Motiv spätestens seit Euripides’ Medea eine lange Tradition in der Weltliteratur. Von Goethe über Dostojewski bis Faulkner war das Motiv erstaunlicherweise über lange Zeit eine Männerdomäne. Früher waren Kindsmörderinnen als Furien oder Hexen verhasst und verschrien, doch stellt sich die Frage, wie solche Frauen heute bewertet werden, ob sich ihre Beschreibung und die vermuteten Motive, parallel zur Darstellung der Weiblichkeit im Allgemeinen, geändert haben.

Seit 1980 scheint das Phänomen mit anderen Augen betrachtet zu werden und bezeichnend hierfür ist die Neuschreibung des Medea-Mythos durch feministische Schriftstellerinnen. Die Freisprechung der Medea stützt sich auf das feministische Postulat, dass Frauen, die zu so einer Tat fähig sind, nur Opfer der patriarchalischen Gesellschaft sein können. Ab den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wagen immer mehr Schriftstellerinnen und Filmemacher (unter anderem Elfriede Jelinek in Lust, Thea Dorn in Die Brut, Renate Dorrestein in Een haart van steen oder Philippe Claudel in seinem Film Il y a longtemps que je t’aime ) die politische Unkorrektheit, indem sie den traditionellen weiblichen Werten ein Ende setzen und für ihre Protagonistinnen offen das Recht auf Boshaftigkeit fordern. Ist aus der kriminellen Tat des Opfers ein Akt der Befreiung, der äußersten Emanzipation geworden?
Der Kindsmord stellt über die Jahrhunderte hinweg auch die Frage nach den Beziehungen zwischen Frauen und Kriminalität und Frauen und Mutterschaft. In der Vergangenheit wurden Frauen erwiesenermaßen viel öfters von schweren kriminellen Taten freigesprochen, weil man ihnen diese Taten einfach nicht zutrauen wollte. Der Kindsmord jedoch steht im klaren Gegensatz zur allgemeinen gesellschaftlichen Auffassung der friedfertigen Frau. Die „Mördermutter“ (Kindsmörderin, Gewalttäterin, oder auch die Engelmacherin oder das geisteskranke Kindermädchen Jeanne Weber, die 1906 als «die Menschenfresserin der Goutte d'Or» bekannt wurde) verkörpert somit das schlechthin Böse. Die Straftat der Kindstötung ist geschlechtsspezifisch, Frauen verstoßen gegen das angeblich natürliche Gebot der Mütterlichkeit und Mutterliebe, die doch ein fester Bestandteil der weiblichen Geschlechterrolle sind, zumindest so wie unsere Gesellschaft diese Rolle festgelegt hat. Diese dämonische Weiblichkeit schürt so nicht nur die Angst vor der unberechenbaren Frau, sondern wird auch als Bedrohung des ureigensten Kerns der Gesellschaft – der Familie – gesehen.
Die Kunst spielt bei der veränderten Darstellungsweise unbestreitbar auch eine Rolle. Die angebliche Authentizität der Fakten hat zwar einen medialen Effekt zur Folge, der natürlich die Sensationspresse anzieht, sehr oft aber auf Kosten der künstlerischen Qualität geht. Wenn jetzt also der Aspekt der Authentizität in den Hintergrund tritt, bleibt die Frage, mit welchen künstlerischen Mitteln (in der Literatur, bildenden Kunst und im Film), die Geschichte der mordenden Mütter vermittelt wird und ob dabei möglicherweise die Monstrosität dieser Mütter wieder aufgehoben wird.

Zentrales Ziel dieser zwei Forschungstage ist eine pluridisziplinäre Betrachtung der verschiedenen Darstellungen dieser „Monster-Mütter“, sowie eine Diskussion über die mit diesem sozialen und künstlerischen Phänomen verbundenen Fragen. Wir unterstützen insbesondere folgende Forschungsansätze:

- Eine gender-orientierte Sichtweise auf die Frage, inwiefern sich der Blick der männlichen oder weiblichen Autoren oder Künstler auf diese Monstermütter geändert hat.
- Eine historische Sichtweise, die sich mit der Entwicklung der Darstellungsweise dieser Mütter, aber auch mit ihren Taten befasst: Sind die jeweiligen Betrachtungsweisen abhängig von ihrer Zeit und dem jeweiligen Kontext? Hat sich somit die Definition des monströsen Charakters dieser Frauen über die Jahre hinweg geändert?
- Wie wird das Phänomen, ausgehend von konkreten Fällen - und in transversaler Sicht, die kulturellen und geographischen Unterschieden Rechnung trägt - in der Literatur, der bildenden Kunst, der Fotografie oder auch im Film behandelt?
- Die Rezeptionsforschung der Medienangebote (von Zeitungen und anderen Printmedien über Fernsehen, Internet und Blogs usw.).
- Pluridisziplinäre Sichtweisen, die auch soziologische, politische, juristische und medizinische Analysen miteinbeziehen.
Die Vorträge können auf Englisch oder Französisch (und nur bedingt auf Deutsch ) gehalten werden und sollten 20 Minuten nicht überschreiten.
Bitte senden Sie Vorschläge für Ihre Beiträge, sowie ein Abstract (max. 2000 Zeichen), einen kurzen Lebenslauf (max. 5 Zeilen), sowie eine Beschreibung Ihrer Forschungs- bzw. Lehrschwerpunkte bis spätestens zum 15. Januar 2011 ausschließlich an folgende Mailadresse: sages@ulb.ac.be

Organisation:
Muriel Andrin, Vanessa D’Hooghe, Patricia Munoz Cabrera, Barbara Obst (Mitglieder von SAGES/Université Libre de Bruxelles)

SAGES ist das transversale Forschungszentrum für Genderstudien der Université Libre de Bruxelles (ULB), dessen Zielsetzung es ist, innerhalb der Fakultät Philosophie & Literaturwissenschaften eine interdisziplinäre und transversale Forschungsperspektive zu fördern, die sich innerhalb der Lehr- und Forschungsfelder Film, Kunst, Geschichte, Sprach- und Kulturwissenschaften, Literatur, Philosophie, Informations- und Kommunikationswissenschaften bewegt.

Der Entwicklung der Genderforschung an der Fakultät liegt die Notwendigkeit zugrunde, etwaige Verbindungen zwischen kulturellen Besonderheiten und Genderkonstrukten aufzuzeigen und Einsichten in die Entwicklung diese Perspektive innerhalb der wissenschaftlichen Fachrichtungen der Fakultät zu gewinnen.
Neue kulturelle Strukturen sowie eine neue Dynamik innerhalb der Geschlechterbeziehungen (u.a. aufgrund unserer postkolonialen Gesellschaft) verleihen der Reflexion über die Genderaspekte eine neue und aktuelle Dringlichkeit.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBruxelles
Bewerbungsschluss15.01.2011
Beginn07.03.2011
Ende08.03.2011
PersonName: Barbara Obst 
Funktion: Assistentin 
E-Mail: bobst@ulb.ac.be 
KontaktdatenName/Institution: Muriel Andrin SAGES / ULB -  
Strasse/Postfach: Avenue Franklin Roosevelt 
Postleitzahl: 1050 
Stadt: Bruxelles 
E-Mail: sages@ulb.ac.be 
LandBelgien
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Genderforschung; Literatur nach 1945; Motiv- u. Stoffgeschichte
Klassifikation19.00.00 1990 bis zur Gegenwart; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.11.00 Österreich > 19.11.07 Stoffe. Motive. Themen
Ediert von  H-Germanistik
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