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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Störungen im Raum - Raum der Störung"
RessourcentypCall for Papers
TitelStörungen im Raum - Raum der Störung
Beschreibung„Störungen im Raum - Raum der Störungen“

Wissenschaftliche Tagung vom 24.-26. Februar 2011
am Zentrum für Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien
der Universität Zielona Góra

Tagungsleitung und Veranstalter:
Prof. Dr. Carsten Gansel (Universität Gießen, Deutschland)
und Prof. Dr. Pawel Zimniak (Universität Zielona Góra, Polen

Der Workshop versteht sich als Fortsetzung einer Tagung zum „Prinzip Störung“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die vom 05.- 07. Juli 2010 an der Justus-Liebig-Universität Gießen (Schloss Rauischholzhausen) stattfand. Im Anschluss an neuere epistemologische und semiologische Begriffsdefinitionen zur Kategorie ‚Störung‘ (insbes. von Ludwig Jäger) ging es darum, die Kategorie Störung präziser zu fassen. Die ausgerichtete Tagung soll sich nunmehr explizit auf den Zusammenhang von Störung und Raum in der Literatur konzentrieren. Ausgegangen wird auch hier von einem modernisierungstheoretischen Ansatz, wonach in einer globalisierten Welt die bis dahin gültigen Gesetze, Normen, Vereinbarungen zunehmend durch Prozesse der Hybridisierung unterlaufen bzw. ergänzt werden. Mit dem Begriff der ,Hybridisierung‘ ist ein Konzept u.a. von soziologischer Theoriebildung umschrieben, der anders als die These vom ‚Kampf der Kulturen’ Hybridisierung als eine zunehmende Vermischung von lokalen und globalen Räumen und Identitäten versteht. Von daher bilden sich – so die Position – im Rahmen von Globalisierung allmählich Formen einer transnationalen Kultur heraus. Hybridisierung bedeutet ein ‚Dazwischensein’, (‚in betweeness’), genauer: die Verbindung von Nicht-Zusammengehörigem in einem soziokulturellen Zwischenraum. Dabei bleiben die tieferliegenden Kulturbestandteile etablierter Gemeinschaften nicht nur erhalten, sondern können durch die technologischen Rationalisierungsschübe fortwährend restabilisiert werden. Gleichzeitig provozieren Hybridität und Transkulturalität fundamentalistische Gegenreaktionen. Weil mit dem Prozess von Hybridisierung Kartierungen und Grenzziehungen keineswegs aufgehoben sind, gewinnt die „soziologische Beobachtung und Theoriebildung vom Standpunkt der Grenzprozesse sozialer Systeme“ (G. Preyer) im Rahmen von Modernisierungstheorien zunehmend an Bedeutung.

An dieser Schnittstelle ergibt sich eine Verbindung zu dem in und von unterschiedlichen Disziplinen markierten Spatial turn. Eine Art Konsens besteht dabei in der Annahme, dass die „Konstruktion der Grenze zwischen dem Innenraum einer Gemeinschaft und der Außenwelt jenseits dieser Grenze“ als eine „elementare Operation der Herstellung sozialer Wirklichkeit“ zur verstehen ist (B. Giesen). Hartmut Böhme hat nun mit einem durchaus kritischen Blick auf den Spatial Turn und die topische Wende betont, dass Kultur die „je spezifische Weise“ darstellt, „in der Menschen sich selbst und Objekte im Raum bewegen“. „Raum wird erst eröffnet und ausgerichtet durch Bewegung“, so Böhme. Diese auf reale Phänomene bezogene Überlegung lässt sich auf die maßgeblichen Kategorien eines Erzähltextes übertragen. Jurij M. Lotmann hat diesbezüglich bereits in frühen Arbeiten auf die besondere Bedeutung des Raumes innerhalb der Narration verwiesen und dafür plädiert, von einer „Sprache des künstlerischen Raums“ als einem „besonderen modellbildenden System“ zu sprechen. Der Raum fungiert also als eine mit Sprachzeichen narrativ erzeugte Konstruktion, die nicht nur kulissenhaft das Setting eines Textes meint, sondern performativ die Subjekt-Objekt-Beziehungen konstituiert. Inzwischen gilt die literarische Raumdarstellung als ein „Oberbegriff für die Konzeption, Struktur und Präsentation der Gesamtheit von Schauplätzen, Landschaft, Naturerscheinungen und Gegenständen“ (Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, 536).

Die Bewegung von Figuren durch konkret situierte Räume kann somit als eine Grundvoraussetzung für das Erzählen von Geschichten gelten. Die Art und Weise, wie Figuren Räume erleben und gestalten, sagt viel über sie selbst aus. Figuren betreten Räume, sie orientieren sich im Raum und sie eignen sich diese an. Die soziale Beschaffenheit der Räume beeinflusst wiederum die Handlungen der Figuren und kann in vielfältiger Weise Auslöser von konflikthaften Prozessen sein und Störungen in der Textwelt produzieren. Störungen entstehen dabei vor allem dann, wenn es um Auseinandersetzungen oder das Überschreiten der Raumgrenzen geht. Grenzüberschreitungen als „bedeutsame Abweichung von der Norm“ (J. Lotman) oder „Denormalisierung“ setzen Reflexions- und Handlungsprozesse überhaupt erst in Gang. Michail M. Bachtin hat auch darum den raumsemantischen Eigenwert literarisch inszenierter Schwellenbereiche als „Orte, an denen es zu Krisen …, zum Fiasko und zur Auferstehung, zur Erneuerung“ kommt, herausgestellt. Die auslösenden wie markierenden Faktoren von Prozessen der Grenzziehung lassen sich nun mit der elementaren Kategorie der „Störung“ fassen. Störungen sind nach a) ihrer Intensität, b) ihrem Raum (‚Ort’ der Störung) und c) der Zeit ihres Auftretens unterscheid- und wahrnehmbar.

Da Texte und Bilder immer wieder Zwischenräume gestalten und Grenzüberschreitungen inszenieren, erscheint es angeraten, nach der narrativen Funktion und handlungstragenden Bedeutung von liminalen Räumen (V. Turner), heterotopen Orten (M. Foucault) oder ‚Dritten Räumen‘ zu fragen, in denen es durch Entstrukturierung von Ordnung möglich wird, Störungen durchzuspielen. Spätestens hier wird ein Bezug zu Außenseitern, Randfiguren, ‚Figuren der Störung‘ (u.a. „Adoleszente“, „Denunzianten“, „Dissidenten“, „Intriganten“, „Psychopathen“) oder ‚Figuren des Dritten‘ offenbar, die aufstörende, gegebenenfalls zerstörende Wirkungen in und auf Räume(n) haben können.

Zu beachten ist zudem der Umstand, dass innerhalb eines Prozesses von gesellschaftlicher Modernisierung durch technische Neuerungen von der Eisenbahn, den Segelflug, über die Ballonfahrt, den Motorflug bis hin zum Flugzeug eine körperliche Bewegung im dreidimensionalen Raum möglich wurde und es zu einer veränderten Raumwahrnehmung kam. Walter Benjamin etwa hat angemerkt, dass das Flugzeug das „Monopol der Vertikale“ durchbrochen habe. Diese neuen Verbindungen von Bewegung und Wahrnehmung führen schließlich zu einer neuen Ästhetik und haben Folgen für die narrative Gestaltung von Texten, mithin das Zusammenspiel von ‚story‘ und ‚discours‘. Es macht also einen Unterschied, ob es um die literarische Darstellung der ‚Eroberung‘ fremder Räume im 19. Jahrhundert etwa in Nordamerika geht, die Wahrnehmung der Urbanität moderner Großstädte in den 1920er Jahren oder aber um aufstörende Raumerfahrungen in einer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts.

Die Tagung zielt darauf, in diachroner Perspektive an ausgewählten Texten den skizzierten Zusammenhang von Störung und Raum zu diskutieren. Weitere Konkretisierungen und Präzisierungen durch die Referenten/innen sind innerhalb des vorgegebenen Themenrahmens ausdrücklich erwünscht.

Bei Interesse bitten wir um Rückmeldung mit einem konkreten Themenangebot bis zum 31. Dezember 2010 an eine der beiden folgenden Adressen:

Prof. Dr. Carsten Gansel
Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Str. 10
35394 Gießen
Carsten.Gansel@germanistik.uni-giessen.de

Prof. Dr. Pawel Zimniak
Uniwersytet Zielonogórski
Instytut Filologii Germańskiej –
Wydział Humanistyczny
ul. Wojska Polskiego 69
65–762 Zielona Góra, Polen
P.Zimniak@ifg.uz.zgora.pl

Web: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm/forschung/tagungen

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm/for...
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortZielona Góra
Bewerbungsschluss31.12.2010
Beginn24.02.2011
Ende26.02.2011
PersonName: Prof. Dr. Carsten Gansel 
Funktion: Mitveranstalter 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
KontaktdatenName/Institution: Prof. Dr. Carsten Gansel 
Strasse/Postfach: Otto-Behaghel-Straße 10B 
Postleitzahl: 35394 
Stadt: Gießen 
Telefon: 0641-9929121 (Sekretariat) 
E-Mail: carsten.gansel@germanstik.uni-giessen.de 
Internetadresse: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Erzähltheorie; Literatur 1880 - 1945; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturdidaktik; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Themen; Medien- u. Kommunikationstheorie; Motiv- u. Stoffgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914); 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945); 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989); 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart
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