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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige ""Esskultur" und "Architektur" (Sektion auf dem 13. Internationalen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Semiotik)"
RessourcentypCall for Papers
Titel"Esskultur" und "Architektur" (Sektion auf dem 13. Internationalen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Semiotik)
BeschreibungCall for Papers
Sektion "Esskultur" und "Architektur"
13. Internationaler Kongress der Deutschen Gesellschaft für Semiotik (DGS)
12.-16. Oktober 2011, Universität Potsdam

Der kulinarische Diskurs der Stadt

Städte sprechen eine kulinarische Sprache: An der einen Ecke fordert eine Biobrause auf, sich selbst zu regieren, in Bahnhofsnähe lädt ein überdimensioniertes Croissant rund um die Uhr zum Frühstück ein, in der Bäckerei werben schlüpfrige „Spitzengebäcke“ in dessousähnlich gestalteten Brötchentüten um den hungrigen Passanten, und ein Fast-Food-Riese weist unterwegs die Richtung mit dem markentypologisch vertrauten Appell „This way to have it your way“. Logos, Ikone und Schriftzüge vermitteln das Gefühl, an vielen Orten willkommen, ja zuhause zu sein. Essen im urbanen Konsumraum verspricht Ich-Funktionen und Leistungsbereitschaft in diverse Richtungen zu steigern. Gelenkt wird der Appetit dabei von einem symbolischen Ernährungsbewusstsein, das sich auf eine orthorektische Norm der Wissensverkörperung als soziale Normalisierungs- und Ausgrenzungsstrategie stützt.

Dieser „To-Go“-Trend folgt der Entwicklung, dass Esskulturen ihre Bindung an kulturelle Rhythmen und familiäre Traditionen allmählich verlieren und sich im Zuge globalisierter Lebens- und Arbeitsbedingungen an öffentlichen Orten „ereignen“. Der aktuelle Ernährungsbericht dokumentiert diesen Wandel. Es wird eine signifikante Zunahme des Fast-Food- sowie des Außerhaus-Verzehrs verzeichnet, der interessanterweise „oft mit einem Verzehr größerer Portionsmengen und besonders energiedichter Lebensmittel verbunden (ist) und die große Schmackhaftigkeit von Speisen hat das Potenzial, die normale Hunger-Sättigungs-Regulation zu stören“ (DGE-Ernährungsbericht 2008, Bonn, S. 113). Analog zu diesem Kontextwandel vollzieht sich ein Formwandel der Nahrungsmittel. Das Lebensmitteldesign richtet sich an international standardisierten Verpackungsgrößen und Warenformen aus (Big Mac, Coca Cola, Bagel etc.), die dem sozialpsychologisch relevanten Single- oder Pralinéprinzip entsprechen.

Doch warum entscheiden sich Verbraucher für physiologisch ungünstigere, reichhaltigere Kost, bloß weil sie ihren Hunger an öffentlichen Plätzen stillen? Ist diese Tendenz allein mit dem von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung angebotenen Argument der größeren „Schmackhaftigkeit“ zu erklären? Geschmack folgt doch sozialen Codes und kulturellen Wissensmaximen, was in der Ernährungssoziologie hinreichend belegt ist (Bourdieu, Setzwein), kurz „Menschen essen nicht das, was sie mögen, sondern sie mögen das, was sie essen“ (Marvin Harris). Warum verändert sich das Essverhalten mit zunehmender Außerhausverpflegung überhaupt?

Die Sektion „Esskultur“ der Deutschen Gesellschaft für Semiotik (DGS) kooperiert auf dem kommenden DGS-Kongress im November 2011 in Potsdam zur Erkundung dieser Frage mit der Sektion „Architektur“, um sich dem öffentlichen Diskurs des Essens zuzuwenden wie er im klein- und großstädtischen Straßenbild repräsentiert ist. Dort werden Nahrungsmittel mit anspielungsreichen Namen in attraktiven Inszenierungen so beworben, dass sich im städtischen Diskurs der Nahrung ein breites Habitus-Spektrum spiegelt („ökologisch“, „luxuriös“, „gesundheitsbewusst“, „erlebnisorientiert“ etc.).

Es soll an Thesen und Methoden der aktuellen Linguistic-Landscape/Cityscape-Forschung angeknüpft werden, die semiotische und linguistische Elemente der urbanen Umgebung wie Geschäftsnamen, öffentliche Zeichen, Straßenzeichen, kommerzieller Texte, Poster, Ankündigungen, Graffiti, Restauranttafeln, Touristeninformationen sowie Installationen des Stadtmarketing auf ihren Beitrag zur urbanen Identitätsbildung untersucht (exemplarische Studien existieren u.a. für die Großstädte Brüssel, Montreal, Paris, Jerusalem und Dakar).

Hinter dem Augenmerk auf die städtische Textlandschaft steht die Annahme, dass das im öffentlichen Kontext produzierte Netzwerk an Aussagen und Texten zum kommunikativen Haushalts einer Gesellschaft zählt (Luckmann), der den Rahmen für Meinungen und Vorstellungen abgibt: „Although (...) we do not pay much attention to the ‘linguistic landscape’ it is a vast and pervasive domain of communication, to which the mass of speakers are constantly exposed, and which can therefore amplify an individual communicative occurence of linguistic expression. The speakers and audience understand and process the message, and integrate it into their own semiotic, linguistic and semantic space”. Die Sprache der Nahrung im öffentlichen Raum generiert eine spezifische Vernunft: Sie führt Begründungs- und Argumentationsmuster ins öffentliche Bewusstsein ein, die soziale Machtrelationen abbilden und legitimieren („good-reasons“). Die Beobachtung eines wuchernden schriftbasierten Diskurses über Nahrung im öffentlichen Raum passt zum einen zur Wissensexplosion und den flankierenden Kampfansagen der EU-Politik gegen „epidemisches Übergewicht“. Zum anderen zeugt die modeabhängige Nahrungs-Repräsentation von einer „Krise der Praxis“, die sich an pathologisierenden Etiketten wie „Anti-Aging“, „Adipositas“ oder „metabolischem Syndrom“ entzündet. Die dispositiv überformte „Wirklichkeit des Essens“ in ihrer räumlichen Realität/ Realisierung bildet den thematischen Bezugspunkt der gemeinsamen Tagungssektion.

Für den runden Tisch werden knappe Referate erbeten, die sich an folgenden kultursemiotischen Deutungsrahmen orientieren:

o „Von der Passage zum Modul“. Das 20. Jahrhundert hat das Konsumieren und seine Räume explizit gemacht. Malls und Shoppingcenter treten als Un- oder Nicht-Orte frei von Identität und Geschichte aus dem alten Stadtkern heraus. Neuere Einkaufshallen, die in abgeschlossene Moduleinheiten des Konsumierens zerlegt sind, verabschieden mit ihrer Funktionalität und Grenzziehung den Menschentypus des Flaneurs zugunsten des gouvernementalistischen homo oeconomicus.

o „Auf dem Weg zur Dauersnackkultur?“. Mit der Außerhausverlagerung des täglichen Einkaufs und Verzehrs anthropologisieren sich in der räumlichen Ordnung des Sichtbaren (Systemgastronomie, Einkaufszentren, Küchendesign) neue Sozialisationsformen und mit ihnen Typen subjektiver Selbstaneignung. Rollenverteilungen, Selbst- und Körperbilder kristallisieren sich in einer gesundheitsbewussten (Dauer-)Snackkultur im öffentlichen Konsumraum und weniger in der häuslichen Tischgemeinschaft.

o „Container-Food“. Kultursemiotisch lässt sich das Formprinzip der „Zelle“ als Generalmetapher der Moderne (Modul, Container etc.) auf die Räumlichkeiten einer entrhythmisierten Esskultur applizieren. Ihr historisches Vorbild ist die Heil durch Selbstbesinnung versprechende Mönchszelle. Moderne Räume für Selbstsorge und Autonomiestreben liegen analog in der modularen „Apartment-Wohnung“ als Prototyp des Massenwohnungsbaus, in der funktionalisierten Einbauküche (Frankfurter Küche), im rationalisierten Kartonverkauf der Lebensmitteldiscounter sowie im Verpackungsparadigma separierter Lebensmittelkörper („Pralinenschachtel-Prinzip“).

o „Kulinarische Ästhetik und Erlebnisgastronomie“. Essen wird als ästhetisches Ereignis nach (koch-)künstlerischen Prinzipien an besonderen Orten unter besonderen Beteiligten zelebriert (Museen, Kirchen, Hallen, Schlösser, Weingüter, Schiffe etc.). Dabei gewinnen Speise und Umgebung zusätzliche Bedeutungsebenen (Kompensation, Geschichte, Finesse als Distinktion etc.).



Der 13. Internationale Kongress der „Deutschen Gesellschaft für Semiotik“ (DGS) findet vom 12.-16- Oktober 2011 an der Universität Potsdam statt und trägt den Titel „Repräsentation, Virtualität, Praxis“. Programm und Teilnahmebedingungen sind auf der Internetseite der DGS unter www.semiose.de zu finden.

Abstracts zur Sektion „Der kulinarische Diskurs der Stadt“ werden bis zum 15. Februar 2011 per E-Mail an die DGS-Beiräte der Sektionen „Esskultur“ und „Architektur“ erbeten:

Jun.-Prof. Nicole M. Wilk: nicole.m.wilk@uni-paderborn.de

Prof. Dr. Claus Dreyer: claus.dreyer@t-online.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortPotsdam
Bewerbungsschluss15.02.2011
Beginn12.10.2011
Ende16.10.2011
PersonName: Nicole M. Wilk 
Funktion: Kontakt 
E-Mail: nicole.m.wilk@uni-paderborn.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur- u. Kulturgeschichte
Klassifikation00.00.00 ohne thematische Zuordnung
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