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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Wiederaufgelegt. Zur Appropriation von Texten und Büchern in Büchern"
RessourcentypCall for Papers
TitelWiederaufgelegt. Zur Appropriation von Texten und Büchern in Büchern
BeschreibungCFP: Wiederaufgelegt. Zur Appropriation von Texten und Büchern in Büchern

Workshop zur Vorbereitung eines Sammelbandes und einer Anthologie
5. – 7. Mai 2011, Kunstbibliothek Berlin
Deadline für Abstracts: 20.12.2010

Was Jorge Luis Borges 1939 in "Pierre Menard, Autor des Quijote" noch imaginierte, ist inzwischen aus der Literatur nicht mehr wegzudenken: Seit den 1950er Jahren, insbesondere in den letzten Jahren, entstehen zunehmend Bücher, für die keine neuen, eigenen Texte mehr produziert werden. Statt dessen werden bereits existierende Texte und gar ganze Bücher re-ediert, das heißt: wiederaufgelegt, abgeschrieben, katalogisiert, aktualisiert, kopiert, paraphrasiert, imitiert, plagiiert, variiert, zensiert, manipuliert, korrigiert, rekontextualisiert etc. und in (zumeist kleinen) Verlagen herausgebracht. Die 'recycelten' Texte und Bücher entstammen dabei unterschiedlichsten Diskursen: von der Philosophie und Psychologie über die Massenmedien und Populärkultur bis hin zur Kunst und Literatur. Im Fall der Appropriation literarischer Werke, der im vorliegenden Projekt besondere Beachtung geschenkt werden soll, werden mit Vorliebe kanonische Texte appropriiert, etwa Büchner, Flaubert, Hemingway, Joyce, Mallarmé, Melville, Milton, Rossetti, Poe, Puškin, Shakespeare, Stein.
Als Leitmotto der gegenwärtigen Welle von Appropriationen von Büchern und Texten dient häufig eine Aussage des Konzeptkünstlers Douglas Huebler aus dem Jahr 1969: "the world is full of objects, more or less interesting; I do not wish to add any more". Sie kann, wie Michalis Pichler in seinen "Statements of Appropriation" (2009) zeigt, ohne Weiteres auf die Literatur übertragen werden: "The world is full of texts, more or less interesting; I do not wish to add any more." Beispielhaft kann für diese Attitüde auch das folgende Statement Ron Sillimans stehen: "The New Sentence? The Old Sentence, reframed, is enough." Kreativität und Originalität müssen bei dieser Art von "uncreative writing" an ungewohnter Stelle gesucht werden – nicht im Text selbst, der 'geklaut' ist, sondern im speziellen Umgang mit diesem, im Konzept. Denn wie in der Concept Art wird das angeeignete Material einer Idee unterworfen und neu aufbereitet. Der Konzeptdichter Kenneth Goldsmith formuliert in Abwandlung eines berühmten Statements von Sol LeWitt: "When an author uses a conceptual form of writing, it means that all of the planning and decisions are made beforehand and the execution is a perfunctory affair. The idea becomes a machine that makes the text." Auf dieser Analogie zur Concept Art gründet die Bündelung der oben beschriebenen Phänomene unter dem Label des Conceptual Writing, das in den letzten Jahren – geschickt lanciert von einer Gruppe US-amerikanischer Dichter und Literaturwissenschaftler um Craig Dworkin und Kenneth Goldsmith – zunehmend an Verbreitung und Akzeptanz gewinnt und von Craig Dworkin als "Poesie des Intellekts, nicht der Emotion" definiert wird.
Da der künstlerischen Appropriation von Texten und Büchern also ein Verständnis von Sprache, Schrift, Text und Buch zugrunde liegt, das statt der Semantik ihre Qualität als Material, Objekt, Datenmenge, Schriftbild, Layout in den Vordergrund stellt, wirkt sie häufig provokant. Und da die Auswahl und die Art der Behandlung der Ausgangstexte implizit als Kommentierung derselben wirken, stellen Appropriationen darüber hinaus meist auch eine parodistische und/oder intervenierende und immanent politische Geste dar. Zudem werden mit ihr traditionelle ästhetische und juristische Kategorien wie Original, Kopie, Autor, Urheberschaft in Frage gestellt. Im Gegensatz etwa zur appropriation art Sherrie Levines in den 1980er Jahren und zu den jüngsten 'Plagiaten' Helene Hegemanns hat dies bisher jedoch weder zu stürmischen Erregungen im Kunst- und Literaturbetrieb noch zu einer tiefer gehenden Beachtung in der Wissenschaft geführt. Das mag daran liegen, dass die Werke bisher alles andere als einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind und im normalen Buchhandel selbstredend nicht zu finden sind. Literaturbetrieb und -wissenschaft ignorieren jedenfalls weitgehend experimentelle und konzeptuelle Literatur und Künstlerbücher, die Diskussion von Strategien der Appropriation beschränkt sich hier meist klassisch auf Fragen des Plagiats, der Intertextualität, des Zitats und der Collage/Montage und betrifft allenfalls die Popliteratur. Und in der Kunst(-wissenschaft) wurde bisher – sieht man von einzelnen Werken wie Marcel Broodthaers "Un Coup de Dès (image)" und John Cages "Writing-Through Finnegans Wake" oder dem gegenwärtigen Boom von Ed Ruscha-Appropriationen ab – noch kaum konstatiert, dass zunehmend auch Literatur, Texte und das Medium Buch zum Objekt künstlerischer Appropriationen geworden sind. So ist bspw. kaum bekannt, dass Sherrie Levine nicht nur Fotos von Walker Evans unter ihrem Namen ausgestellt, sondern auch Flauberts "Un Cœur Simple" neu aufgelegt, mit ihrem Namen auf dem Cover und einer ISBN versehen und in den Buchhandel gebracht hat.


Das vorliegende Projekt soll das oben beschriebene Phänomen erstmals erfassen und bekannter machen, es dabei in einen größeren Kontext stellen und einen ersten, umfassenden Überblick über seine Bandbreite in historischer, systematischer und komparatistischer Sicht geben. Gefragt sind vor allem übergreifende Beiträge zur künstlerischen Appropriation von (insbesondere literarischen und philosophischen) Texten und Büchern in Büchern – und zwar nicht nur in der amerikanischen und westeuropäischen Literatur und Kunst, sondern gern auch in anderen Sprach- und Kulturräumen, etwa dem südamerikanischen oder osteuropäischen.

Zu dem Workshop in Berlin vom 5.-7. Mai 2011 sollen neben WissenschaftlerInnen (v.a. der Literatur- und Kunstwissenschaften) auch KünstlerInnen und ggf. VerlegerInnen eingeladen werden. Aufgehen sollen die Ergebnisse des Workshops in einem Sammelband mit wissenschaftlichen Beiträgen und einer Anthologie mit künstlerischen Werken.


Der projektierte Sammelband könnte sich in folgende Sektionen gliedern:
1) einführende, überblicksartige und vergleichende Beiträge zur Kontextualisierung des Phänomens (Vorläufer und Parallelen, etwa Duchamp, concept art, conceptual writing, appropriation art, fluxus, pop art, Popliteratur, copy art, experimentelle Poesie, Oulipo, L=A=N=G=U=A=G=E Poetry, Situationismus, Moskauer Konzeptualismus etc.)

2) übergreifende theoretische und systematisierende Beiträge zu grundlegenden Kategorien und Konzepten (etwa zur Frage von Autorschaft – Originalität; Original – Kopie, Wiederholung, Objektivität – Subjektivität; zur Umwertung der Werte: "unboring boring", "uncreative writing"; zur Appropriation zwischen Kritik, Intervention, Détournement, Parodie)

3) Systematisierende und vergleichende Beiträge zu typischen Formen, Operationen und Verfahrensweisen der Appropriation von Texten und Büchern (z.B. zu Operationen der Verdichtung, Subtraktion, Addition, Permutation, Inversion, Löschung, Visualisierung, Übersetzung; zum ordnenden Umgang mit Datenmengen in Archiv, Katalog, Enzyklopädie, Alphabet; zu Art und 'Tiefe' des Eingriffs und seiner Markierung; zu Fake / Imitation / Plagiat der Buch- und Covergestaltung im Stile bestimmter Verlage oder Buchgenres und -formate etwa bei Reclam- oder Gallimard-Appropriationen oder im Fall von äußerlichen Anleihen bei der Bibel, Handbüchern, Katalogen, Bilderbüchern, etc.)

4) Studien mit besonderem Fokus auf der Appropriation von Werken aus der Literatur und Philosophie. Denkbar sind sowohl vergleichende Studien zu einzelnen AutorInnen/Werken, die mehrfach appropriiert wurden (etwa Shakespeare oder Mallarmé) als auch zu DichterInnen/KünstlerInnen, die mehrere literarische Appropriationen vorgelegt haben (etwa Rodney Graham) als auch zu Spezialfällen wie Popliteratur und erasure poetry.

Weitere Vorschläge sind willkommen.

Abstracts im Umfang von max. 2 Seiten (inkl. Arbeitstitel und kurzer Biobibliographie) richten Sie bitte bis 20.12.2010 an annette.gilbert@fu-berlin.de. Die Beiträge zum Workshop können gern Skizzencharakter haben und sollen als Diskussionsgrundlage dienen. Sie sollten bis 10.04.2011 vorliegen, damit sie an alle Beteiligten vor Beginn zur Vorbereitung verschickt werden können.

Das Projekt wird gefördert von der VolkswagenStiftung. Die Kosten für Anreise und Übernachtung können erstattet werden.

Organisation und Kontakt:
Dr. Annette Gilbert
Dilthey Fellow der VolkswagenStiftung
Peter Szondi-Institut für AVL an der FU Berlin
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin
e-mail: annette.gilbert@fu-berlin.de


Als erste Orientierung seien folgende Beispiele von Appropriationen genannt:
Heimrad Bäcker: nachschrift, Derek Beaulieu: Flatland. A Romance in Many Dimension, Derek Beaulieu: Local Colour, Caroline Bergvall: Via, Jen Bervin: Nets, Marcel Broodthaers: Un coup de Dés (image, Marcel Broodthaers: Charles Baudelaire: je hais le mouvement qui déplace les lignes, Riccardo Boglione: Ritmo D – Feeling the blanks, Bob Brown: Gems: A Censored Anthology, James Lee Byars: P.I.I.T.L., John Cage: Writing through Finnegans Wake; Ulises Carrion: SONNET(S), Gerhild Ebel: Die neue Versleere, Cerith Wyn Evans: Un Coup de Dés (2009), Rob Fitterman: The Sun also also rises, Rodney Graham: La Veranda, Rodney Graham: The System of Landor's Cottage, Rodney Graham: Through the Forest, Peter Greenham: Aus deutscher Lyrik, Robert Groborne: Une lecture ... (du Livre des ressemblances, Edmond Jabès), Paul Heimbach: Textbetrachtung. Textabschnitt aus Entweder – Oder von Sören Kierkegaard, Matthew Higgs: Total Despair, Ronald Johnson: Radi Os, Thomas Kapielski: Gadamer, Thomas Kapielski: Ungares Gulasch; Martin Kippenberger: William Holden Company; Yves (Klein): Peintures. Preface de Pascal Claude; Jarosław Kozłowski: "Reality", Michael Maranda: Un Coup de Dés, Steve McCaffery: Dark Ladies (2006), Scott McCarney: Diderot Americana, Simon Morris: re-writing Freud, A.R. Penck: Analysis; Tom Phillips: A Humument. A Treated Victorian Novel, Michalis Pichler: SOME MORE SONNET(S), Michalis Pichler: Der Einzige und sein Eigentum, Michalis Pichler: Un Coup de Dés, Simon Popper: Ulysses, Dmitrij Prigov: Evgenij Onegin Prigova Puškina, Edition Ex Libris des Salon-Verlags; Allen Ruppersberg: Henry David Thoreau's Walden, Nick Thurston: Reading the Remove of Literature, Timm Ulrichs: Raymond Chandler: Playback, Timm Ulrichs: Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner techn. Reproduzierbarkeit. Die Fotokopie der Fotokopie der Fotokopie, Vadim Zacharov: Auf einer Seite: Dante Alighieri I "Die Hölle", Heimo Zobernig / Adolf Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Büchern / Über den Umgang mit Menschen
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBerlin
Bewerbungsschluss20.12.2010
Beginn05.05.2011
Ende07.05.2011
PersonName: Gilbert, Annette [Dr.] 
Funktion: Organisatorin 
E-Mail: annette.gilbert@fu-berlin.de 
KontaktdatenName/Institution: Peter Szondi-Institut für AVL 
Strasse/Postfach: Habelschwerdter Allee 45 
Postleitzahl: 14195  
Stadt: Berlin 
E-Mail: annette.gilbert@fu-berlin.de 
Internetadresse: http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we03/mitarbeiter/wissmitarbeiter/gilbert/index.html 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Literatur nach 1945
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
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