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Ergebnisanzeige "Literatur und Nicht-Wissen: Historische Konstellationen in Literatur und Wissenschaft, 1750-1930"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelLiteratur und Nicht-Wissen: Historische Konstellationen in Literatur und Wissenschaft, 1750-1930
BeschreibungTagung an der ETH Zürich, 7.-9. Oktober 2010

Ohne einen zumindest impliziten Bezug auf ‚Nicht-Wissen‘ kann ‚Wissen‘ nicht erklärt werden. Dies zeigt sich bereits daran, dass die Behauptung von ‚Wissen‘ zwar ein Gefüge von Erkenntnissubjekten und Wahrheitsparadigmen voraussetzt, innerhalb dessen eine bestimmte Aussage als subjektiv gewiss und objektiv wahr aufgefasst werden kann, dass ein solch positiver, vom jeweiligen Kontext abhängiger Bezugsrahmen allein aber nicht genügt. Die Behauptung von ‚Wissen’ erfordert dazu stets eine Abgrenzung von dem, was es nicht ist, was aus der Perspektive dieses ‚Wissens‘ ‚Nicht-Wissen‘ ist. ‚Wissen‘ und ‚Nicht-Wissen‘ stehen deshalb in einem dynamischen, geradezu paradoxen Verhältnis: Nur in Absetzung vom unendlichen Gebiet des ‚Nicht-Wissens‘ kann erklärt werden, was ‚Wissen‘ sein soll, ebenso wie umgekehrt nur vom definierten Bereich des ‚Wissens‘ aus zu entscheiden ist, was vom Standpunkt der jeweiligen Erkenntnissubjekte und Wahrheitsparadigmen aus als insuffizient, in-akzeptabel und damit als ‚Nicht-Wissen’ beurteilt werden muss.

Damit ist eine Verschränkung von ‚Wissen‘ und ‚Nicht-Wissen‘ bezeichnet, die aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann. Wird ein als aktuell verstandenes Wissen gegenüber einem veralteten oder zukünftigen Wissen, einem Nicht-Mehr- oder Noch-Nicht-(Genau-)Wissen profiliert, zeigt sie sich erstens als Relation zeitlicher Art. Aus dieser Sicht charakterisieren Prozesse des Vergessens, Entdeckens, Präzisierens und Neubewertens die Beziehung zwischen Wissen und Nicht-Wissen, eine Beziehung, die insofern aber nie bloß als Ersetzung eines Nicht-Wissens durch Wissen beschrieben werden kann, weil jedes Wissen synchron immer wieder ein neues Nicht-Wissen produziert. Zweitens kann sie als hierarchisch-räumliche Beziehung begriffen werden. Als Nicht-Wissen erscheint dann etwa ein Populärwissen, das vom Standpunkt vermeintlich ‚echten Wissens‘ als Schwundstufe (ab-)qualifiziert wird, aber auch ein ‚anderes Wissen‘ bzw. ein ‚Pseudowissen‘, von dem ein dominantes Paradigma sich in kultureller, geschlechtlicher, ethnischer oder klassenmäßiger Sicht abgrenzt. Drittens kann Nicht-Wissen durch eine modale Differenz von Wissen abgegrenzt wer-den. Aus dieser Perspektive mag Nicht-Wissen dem Wissen durchaus als ähnlich und ihm vergleichbar erscheinen, doch ohne dass ihm der geforderte Grad an Sicherheit und Überprüfbarkeit zugesprochen werden kann. Vom anerkannten Wissen ist es hierbei als ein bloß mögliches oder wahrscheinliches Wissen unterschieden. Diese dritte Beziehung zwischen Wissen und Nicht-Wissen kann schließlich zur direkten Entgegensetzung führen; aus Sicht der Erkenntnissubjekte und Wahrheitsparadigmen erscheint das Nicht-Wissen dann schlicht als ‚falsches Wissen‘.

Diese Verschränkungen von ‚Wissen’ und ‚Nicht-Wissen’ hat Literatur auf vielfältige Weise aufgenommen. Dass Literatur an Wissen beteiligt ist, ist durch verschiedene literaturwissenschaftliche Zugänge schon seit längerem herausgearbeitet worden: Sie kann Wissen hervorbringen, darstellen, verarbeiten und reflektieren, indem sie es rhetorisch formiert, narrativ relationiert und fiktional erprobt. Da sie keinen eigenen Wissensgegenstand besitzt, sondern vielmehr durch ihre sprachliche Form und eine spezielle modale, oft narrative und fiktionale Zugangsweise zu den von ihr repräsentierten Gegenständen definiert ist, zeichnet sie sich in wissenshistorischer Hinsicht vor allem auch dadurch aus, dass sie ungewöhnliche Kombinationen von Wissensbeständen herstellt und in von Wissenschaften vernachlässigte Gebiete vordringt. Aufgrund dieser starken Affinität zum Nicht-Wissen nimmt Literatur eine wissensgeschichtlich prominente strategische Position ein: Sie verwandelt Grenzen des Wissens in Schwellen des Wissens; sie positioniert sich an Orten, wo Wissenschaften keine exakten Ergebnisse erzielen können oder dürfen; sie erzählt fiktionale Geschichten über Problembereiche des Wissens der Zeit; und sie stößt vor in Bereiche, in denen ein verifizierbares Wissen nicht zu erlangen ist.

Im Rahmen des Forschungsprojekts „Literatur und Nicht-Wissen, 1750-1930“ soll die damit angedeutet Funktion von Literatur bei der Darstellung, Reflexion und Bearbeitung von ‚Nicht-Wissen’ genauer untersucht werden. Während ein für den Februar 2010 geplanter Workshop sich vor allem den Konzepten, Modellen und Theorien zuwenden soll, die den Bereich von Literatur und Nicht-Wissen erschließen helfen können, will sich die hier angekündigte Tagung dagegen stärker um historische Präzisierungen bemühen: Anhand von Diskussionen konkreter Einzelbeispiele und einschlägiger Konstellationen soll hier etwa gezeigt werden, wie Nicht-Wissen in den poetologischen Auseinandersetzung mit den Wissenschaften um 1800 bearbeitet wird; wie wissenschaftliches Wissen und Nicht-Wissen in den Literaturen des Realismus und Naturalismus narrativ erprobt und umspielt werden; oder wie Nicht-Wissen die am ‚Zufall‘ orientierten Theorien und Praktiken moderner, avantgardistischer Literatur steuern soll.

Dabei wird erstens davon ausgegangen, dass ‚Nicht-Wissen’ – egal ob es ein noch unbekanntes oder ein bereits bestimmtes, gleichsam einkalkuliertes Nicht-Wissen ist – nicht nur negativ als Kehrseite des Wissens zu bestimmen ist, sondern dass ihm auch positive Funktionen zukommen: dass es hergestellt wird, um epistemologische und ästhetische, aber auch politische und ökonomische Ordnungen zu etablieren, stabilisieren oder auch zu delegitimieren. Zweitens wird angenommen, dass Literatur in den Jahren von 1750 bis 1930 eine herausragende Rolle bei der Verhandlung und Produktion von Ordnungen des Nicht-Wissens zukommt, indem sie Nicht-Wissen nicht nur auf inhaltlicher Ebene reflektiert, sondern es oft auch als Anstoß und Prinzip genuin literarischer Verfahrensweisen aufnimmt. Und drittens wird davon ausgegangen, dass diese Verfahrensweisen sich historisch in irreduzibel verschiedener Weise ausformen und auch dem entsprechend zu beschreiben sind: Bestimmen in den Jahren um und nach 1750 vor allem die allgemeine Etablierung und die beginnende Ausdifferenzierung der Erfahrungswissenschaften einerseits sowie die Neuausrichtung von Literatur als ‚Dichtung‘ andererseits den Umgang mit Nicht-Wissen in Literatur und Wissenschaft, so sind es in den Jahren nach 1850 besonders der Darwinismus und andere neue Theoriemodelle (von Maxwell bis Heisenberg) sowie die realistischen, naturalistischen und avantgardistischen Literaturen, die die Bedingungen der Möglichkeit von Wissen und damit auch der Figuration von Nicht-Wissen abermals grundsätzlich veränderten.

Tagungsprogramm:

ETH Hauptgebäude, Rämistr. 101, G 60, Aula


Donnerstag, 7. Oktober 2010

09.15 Michael Gamper, ETH Zürich: Begrüßung

09.30 Achim Geisenhanslüke, Regensburg: Zwischen Ironie und Ignoranz. Skizze einer Poetik des Nicht-Wissens (Platon, Locke, Nietzsche)

11.00 Jutta Müller-Tamm, FU Berlin: „... latent werden“. Lichtenbergs Psychologie des Nicht-Wissens

12.00 Cornelia Ortlieb, TU Berlin: Poetische Nihilisten und andere Formen der Nichtphilo-sophie

15.00 Petra Renneke, Paderborn/Cincinnati: Novalis’ Mathe-Poetik als Transformation historischen Nicht-Wissens

16.00 Michael Bies, ETH Zürich: Lebendiges Nicht-Wissen. Zu Alexander von Humboldts „Ansichten der Natur“

17.30 Stefan Willer, ZfL Berlin: Vom Nicht-Wissen der Zukunft. Literatur und Prognostik 1750-1930


Freitag, 8. Oktober 2010

09.30 Stefan Rieger, Bochum: Stille Post. Kommunikationseffekte der Unwissentlichkeit

11.00 Anne Seitz, Bochum: Die Medizin vor verschlossenen Türen. Mysterium und Nicht-Wissen bei Joris-Karl Huysmans

12.00 Sören Stange, LMU München: Arbeit am Nicht-Wissen. Wissenschaften um 1925 und Musils „Mann ohne Eigenschaften“

15.00 Rüdiger Campe, Yale: Ereignis der Wirklichkeit. Über Erzählung und Probabilität bei
Balzac (Ferragus) und Poe (Marie Rogêt)

16.00 Virginia Richter, Bern: Hidden Origins: Nicht-Wissen und Erzählen über Evolution


17.30 Manuela Günter, Köln: Geschichtsklitterung. Vom Gegenstand der Literatur-Wissenschaft am Beispiel des historischen Romans


Samstag, 9. Oktober 2010

09.30 Nicolas Pethes, Bochum: Noch nicht Wissen. Die Fallsammlung als Prototheorie in Zeitschriften der Spätaufklärung

10.30 Roland Borgards, Würzburg: Proteus anguinus (Goethe, Oken, Büchner): Mythozoologie als liminale Wissensform

12.00 Michael Gamper, ETH Zürich: Wetter-Rätsel. Literarische Meteorologie und das Nicht-Wissen der Wissenschaften


Adresse:
ETH Hauptgebäude, Rämistr. 101, G 60, Aula

Web: http://www.lw.ethz.ch/veranstaltungen.htm

Kontakt:
Michael Bies
E-mail: bies@gess.ethz.ch

Michael Gamper
E-mail: gamper@gess.ethz.ch

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.lw.ethz.ch/veranstaltungen.htm
VeranstaltungsortZürich
Anmeldeschluss06.10.2010
Beginn07.10.2010
Ende09.10.2010
PersonName: Michael Bies, Michael Gamper 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: bies@gess.ethz.ch, gamper@gess.ethz.ch 
KontaktdatenName/Institution: SNF-Förderprofessur für Literaturwissenschaft 
Strasse/Postfach: Rämistrasse 101 
Postleitzahl: 8092 
Stadt: Zürich 
Telefon: 044 632 71 73 
E-Mail: bies@gess.ethz.ch, gamper@gess.ethz.ch 
Internetadresse: http://www.lw.ethz.ch 
LandSchweiz
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.04.00 Methodik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.03.00 Vergleichende Literaturgeschichte
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