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Ergebnisanzeige "Der Produktivitätsdiskurs und seine Ausschlüsse"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelDer Produktivitätsdiskurs und seine Ausschlüsse
BeschreibungDer Produktivitätsdiskurs und seine Ausschlüsse

Interdisziplinäre Tagung des SFB 600 „Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart“ (Universität Trier) in Kooperation mit dem Duitsland Instituut (Universiteit van Amsterdam) und seines Graduiertenkollegs sowie mit dem Goethe-Institut Niederlande

Veranstalterinnen
Dr. habil. Nicole Colin (Duitsland Instituut Amsterdam)
Prof. Dr. Franziska Schößler (Universität Trier)

7.-9. Oktober 2010

Veranstaltungsort
Goethe-Institut Amsterdam
Herengracht 470
1017 CA Amsterdam


Der Produktivitätsdiskurs, also die Entscheidung darüber, was als produktiv bewertet wird, was hingegen als schmarotzend-dekadente Ausbeutung, kann als leitendes Paradigma gelten, das nicht nur den Bereich der Arbeit organisiert, sondern über systemische Kopplungen auch den Geschlechter- wie Ethnizitätsdiskurs. Solides Handwerk und Ackerbau als Inbegriff der produktiven Arbeit werden beispielsweise im 19. Jahrhundert und danach den als spekulativ gebrandmarkten Finanzoperationen (an der Börse) entgegengesetzt und diese „dubiosen“ Aktivitäten allem voran jüdischen Akteuren zugeschrieben. Insbesondere ab den 1870er Jahren verfestigt sich die Zuordnung von jüdischer Prosperität und städtischer Moderne (auch als Ausdruck der grassierenden Dekadenz) und damit die Phantasie vom reichen jüdischen „Urbantypus“, der als Börsianer „Raub am Volksvermögen“ betreibt (Karl Lueger) oder aber als Kaufhausbesitzer die Bedürfnisse korrumpiert und sich durch Preisabsprachen (Trust) der Arbeit entzieht – so die beliebten Zuschreibungen, die vielfach an Topoi langer Dauer anschließen (Wucher, Zinsgeschäfte etc.).

Die im ausgehenden 19. Jahrhundert dominant werdende Konsumtion, vor allem die Luxuskonsumtion, die sich durch die maschinelle Fertigung demokratisiert, wird hingegen auf die „willensschwache“ Frau verschoben, die sich im grand magasin ihrem Kaufrausch hingibt und zur Kleptomanie neigt. Neue Wirtschaftspraktiken, und zwar insbesondere diejenigen, die sich durch ihre Selbstreferenzialität und die Temporalisierung von (damit kontingenten) Werten auszeichnen (wie das Aktiengeschäft) und die labile Grenze des Notwendigen (Bedürfnisses) überschreiten, werden auf Minoritäten verschoben, die in ethnischer und/oder geschlechtlicher Hinsicht markiert, zudem pathologisiert bzw. kriminalisiert werden.

Diese Tendenz zeichnet sich in der Phase der bürgerlichen Moderne in einer Vielzahl von Disziplinen ab, in der Medizin (die sich mit der Pathologie der Kleptomanin beschäftigt oder mit den Krankheitsdispositionen des korpulenten, zuckerkranken Juden – so die kollektive Phantasie), der Rechtswissenschaft und Kriminologie (in denen sich u.a. der Begriff der „ungeregelten Lebensführung“ für die Ausgrenzung und Kriminalisierung bestimmter „unproduktiver“ gesellschaftlicher Gruppen in der Gesellschaft einbürgert), in der Wirtschaftsgeschichte (allem voran in Werner Sombarts Kapitalismusanalysen) und in der Literatur (vgl. Heinrich Manns Im Schlaraffenland, Fontanes L’Adultera, Thomas Manns Buddenbrooks etc.).

Kann dem Begriff der Produktivität also der Status eines Dispositivs für die Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen zugeschrieben werden, so erstaunt im europäischen Vergleich der aktuellen Debatten in den Sozial- und Politikwissenschaften, dass in Deutschland die segregierende Funktion des Produktivitätsdiskurses nur äußerst selten in den Blick rückt. Bis vor kurzem war beispielsweise der Begriff der „Exklusion“ in den Diskussionen über wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit kaum gebräuchlich. Zugleich schreibt beispielsweise die zeitgenössische deutschsprachige Literatur, insbesondere die zahlreichen Wirtschaftsdramen und -romane, den asymmetrischen Produktivitätsdiskurs unbedenklich fort.

Die Tagung untersucht die Exklusionsformen des wirtschaftlichen Produktivitätsdiskurses allem voran für die bürgerliche Moderne, also im Zeitraum vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, so dass Brüche, aber auch Kontinuitäten kenntlich werden können. Dabei sollen die Folgen verminderter Produktivität auch in den Kontext der am Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Europa aufkommenden und das 20. Jahrhundert weitgehend beherrschenden sozialen Bewegung gestellt werden. In welchem Verhältnis steht die Armut, deren Bekämpfung ebenfalls zum Diskursphänomen avanciert, zur Frage der Produktivität? Und welche Rolle spielt in der Geschichte der Frauenbewegung das „Recht auf Arbeit“ für die Emanzipation und Beseitigung ausgrenzender Stereotype. Darüber hinaus soll das Verhältnis von nationalen Differenzen und transnationalen, ideologischen Gemeinsamkeiten im Vergleich der Länder (wie den USA oder den Niederlanden) ausgelotet werden bzw. deren gegenseitige Beeinflussung analysiert werde.

Folgende Fragen könnten in den Mittelpunkt rücken:
1. Wo verlaufen jeweils die Grenzen zwischen Produktivität und Nicht-Produktivität (auch im Bereich einer guten/schlechten Luxuskonsumtion)? Welche Aktivitäten gelten als Ausbeutung, als Bereicherung, als Schmarotzertum, das sich der „Früchte fremder Arbeit“ bedient?
2. Welche Aktivitäten werden welchen Gruppen zugeschrieben (Judentum, Orientalismus, Weiblichkeit) und wie verlaufen die Argumentationen? Führen die externen Zuschreibungen zur Entwicklung habitueller Affirmierungs- oder Transformierungsstrategien in den Gruppen selbst?
Welche Metaphern organisieren die Exklusionsformen?
Welche Kontinuitäten und Transformationen der Exklusionsformen lassen sich ausmachen?
3. Welche Theorien werden hierzu in welchen Ländern entwickelt? Lassen sich Wechselwirkungen zwischen diesen und den jeweiligen nationalen Interessen und ideologischen Diskursen konstatieren? Wird die Beziehung zwischen Produktivität und Exklusion in sozialen und politischen Theorien, die sich mit Ausgrenzungsphänomenen beschäftigen, berücksichtigt? Werden Methoden der Integration sozial marginalisierter Gruppen über eine Steigerung ihrer Produktivität wissenschaftlich reflektiert?
Wie beeinflussen sich literarische, wissenschaftliche, journalistische, ideologische etc. Diskurse? Welche Phantasien werden in welchen Feldern aufgegriffen und umgeschrieben?

In den drei Sektionen:
– Antisemitismus/Antikapitalismus
– Weibliche Produktivität
– Künstlerische und intellektuelle Arbeit
sollen interdisziplinäre Bezüge hergestellt werden.


Tagungsprogramm


Donnerstag, 7. Oktober 2010


14.30 - 15.00
Begrüßung, Einführung

15.00 - 16.30
Urs Stäheli (Basel)
Produktive Fiktionen – Zur Semantik der Produktivität in der Börsenspekulation

Andreas Langenohl (Gießen)
Die Börse als Grenzgebiet des Gesellschaftlichen? Finanzmarkt und Soziologie an der Wende zweier Jahrhunderte

16.30
Kaffeepause

17.00 - 18.30
Nicolas Berg (Leipzig)
Produktivitätsforderungen an Juden im 19. Jahrhundert – Ein historischer und semantischer Überblick

Sharon Gordon (Jerusalem)
Productive Money? Theodor Mommsen on the Jews and the German Nation State

20.30 Abendvortrag
Klaus-Michael Bogdal (Bielefeld)
Schmarotzer und Nichtsnutze. ‚Zigeuner‘ und die Ökonomie


Freitag, 8. Oktober 2010

9.00 - 10.30
Matthew Lange (Whitewater, Wisconsin)
Wider den ‚jüdischen‘ Geist: Antisemitismus und die Gestaltung einer ‚deutschen‘ Wirtschaftsgesinnung

Anthonya Visser (Leiden)
Der Osten und der Mythos Arbeit. Zur (Selbst-)Konstruktion einer kulturellen Minderheit

10.30
Kaffeepause

11.00 - 12.30
Iulia-Karin Patrut (Trier)
Wahrheit(en) der Nation. ‚Zigeuner-/innen‘ und Ökonomien des Realen in europäischer Perspektive

Sigrid Wadauer (Wien)
Unlautere Konkurrenz? Bodenständige Gewerbe und Handel ohne fixen Standort

12.30
Mittagessen

14.30 - 16.00
Jessica Richter (Wien)
Geschlechtsspezifische Lebensunterhaltsstrategien von Knechten, Mägden und Hausgehilfinnen in Österreich (1918-1938)

Birgit Althans (Trier)
Klatsch als müßiges Geschwätz? – Diskursivierung des weiblichen Sprechens bei der Arbeit zwischen Ratgeber-Literatur und Scientific Management

16.00
Kaffeepause

16.30 - 18.00
Gaby Pailer (Vancouver)
Zwischen großstädtischer Dekadenz und landwirtschaftlicher Idylle – Die Gestaltung weiblicher Produktivität in Hedwig Dohms „Plein Air“ (1891) im Kontext der sozialen Bewegungen im Kaiserreich

Gespräch mit Karin Hausen (Berlin) über Geschlecht und Arbeit
Moderation: Joachim Umlauf (Paris)

19.30
Abendessen


Samstag, 9. Oktober 2010

9.30 - 11.00
Axel Haunschild (Trier)
Emotional and Aesthetic Labour – Arbeitssoziologische Perspektiven und das Beispiel Theater

Bernd Blaschke (Berlin)
Das nennen Sie Arbeit?! Produktivität und Oppositionen in Bohème-Bewegungen 1900/2000

11.00
Kaffeepause

11.30 - 12.15
Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld)
Die Arbeit tun die anderen? Helmut Schelskys Intellektuellenkritik

Abschlussdiskussion

Kontakt:
Totzke, Ariane
E-mail: totz1201@uni-trier.de
Web: http://www.sfb600.uni-trier.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortAmsterdam
Beginn07.10.2010
Ende09.10.2010
PersonName: Totzke, Ariane 
Funktion: Ansprechpartnerin 
E-Mail: totz1201@uni-trier.de 
KontaktdatenName/Institution: SFB 600 „Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart“ (Universität Trier) 
Postleitzahl: 54286 
Stadt: Trier 
Telefon: +49 (0)651 201 3291 (Zentrale Geschäftsstelle) 
Fax: +49 (0)651 201 3293 
E-Mail: sfb600@uni-trier.de 
Internetadresse: http://www.sfb600.uni-trier.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/15670

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