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Ergebnisanzeige "Die Spürbarkeit der Zeichen – Beiträge zu einer literarästhetischen Theorie der Berührung"
RessourcentypCall for Papers
TitelDie Spürbarkeit der Zeichen – Beiträge zu einer literarästhetischen Theorie der Berührung
BeschreibungDie Spürbarkeit der Zeichen –
Beiträge zu einer literarästhetischen Theorie der Berührung

Interdisziplinäre und internationale Tagung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main,
Campus Westend
26. – 28. September 2011


Call for papers

Noch heute zählt Roman Jakobsons 1960 entstandener Essay ›Linguistik und Poetik‹ zu den wenigen kanonischen Texten, die sich auf der Grenzlinie von Sprach- und Literaturwissenschaft bewegen. Sein Verfasser sucht darin die poetische Funktion der Sprache als eine eigene, von anderen Funktionen durchaus unterscheidbare und dennoch nicht ausschließlich im Bereich der Poesie anzutreffende Sprech- oder Schreibweise zu bestimmen. Die poetische Funktion zeichne sich, so Jakobson, dadurch aus, daß sie das Äquivalenzprinzip auf die syntagmatischen Kontiguitätsrelationen übertrage, konkret: daß sie für die regelmäßige Wiederkehr analoger sprachlicher Einheiten sorge, seien diese klanglicher, metrischer, rhythmischer, rhetorischer oder syntaktischer Art. »Jede Sequenz ist ein Simile« (110), jede Ähnlichkeit, jede Symmetrie oder (symmetrische) Kontrapunktik wird im Sinne einer Darbietungsform »ausgewertet« (113), die das Augenmerk zu Lasten der Referenz »auf die BOTSCHAFT als solche« (92), und das heißt für Jakobson: »auf die Spürbarkeit der Zeichen richtet« (93). Da es sich bei diesen Zeichen um optisch-visuelle und akustisch-auditive Phänomene handelt, ist diese Einschätzung in doppelter Perspektive wörtlich zu nehmen: Durch den Begriff der Spürbarkeit werden implizit nicht nur die Zeichen als materiale Erscheinungen, als Schrift- und Lautgebilde ausgewiesen, die über definierte Raum/Zeit-Koordinaten verfügen; die Rede ist an dieser Stelle von nichts Geringerem als der physischen Beziehung wenigstens zweier (oder vieler) Körper, dem Kontakt, der im Wege der Berührung ebenso zwischen den Zeichen wie zwischen den Zeichen und ihren Lesern oder Hörern zustandekommt.

Erwartungsgemäß ist Jakobson diesen Implikationen nicht nachgegangen – ihre Erörterung hätte den Fokus seiner ursprünglichen Interessen deutlich überschritten. Ähnliches gilt jedoch auch für die Literaturwissenschaft, die den Faden im Prinzip hätte aufnehmen können, unter dem Eindruck der sie bis zur Jahrtausendwende bestimmenden Konstruktivismen – allen voran der Dekonstruktion – aber keinen Gefallen an dieser Aufgabe gefunden hat. In beiderlei Hinsicht, historisch und systematisch, wäre man im deutschsprachigen Wissenschaftsraum nämlich kaum umhingekommen, sich mit Herder als gedanklichem Sparringspartner zu befassen und eine Theoriedebatte zu riskieren, die sofort den Verdacht des Gestrigen, des (scheinbar) längst Überholten, genährt hätte – steht Herders Name doch für eine (proto)phänomenologisch gegründete »Philosophie des Gefühls«, des leibhaftigen Fühlens und Berührens, die sich nicht als »bloße Metapher« versteht (II, 298), die vielmehr im Kontext der seit Aristoteles geführten und im 18. Jahrhundert durch Wahrnehmungstheoretiker wie Berkeley, Diderot oder Condillac intensivierten Diskussion um die Rolle des Tastsinns auf der Basis einer am ›Realsein‹ orientierten Ontologie operiert. ›Sein‹ – ›Etwas‹ – ist Herder zufolge »unerweislich« (I, 19) und dementsprechend »unzergliederlich« (I, 13), ist »die Grundlage alles unseres Denkens« (I, 14); »wo kein Materiale zu denken ist«, gibt es nicht nur nichts zu denken, es gibt »auch keine innere Möglichkeit«, die ›Denken‹ genannt werden könnte (I, 17). Die eindimensionale Begründungsformel des Rationalismus, Descartes’ Devise ›cogito ergo sum‹, hat deshalb einer zweistelligen Reflexionsfigur Platz zu machen, die da lautet: »Ich fühle mich! Ich bin!« und die im Blick auf ihr sachliches Memento: den konkreten Berührungssinn, konsequenterweise nach einer »zweiten Philosophie« verlangt – einer »Physiologie der Seele«, die sich der »in diesem fühlenden Ich« spürbar werdenden »Empfindungen von Außen« anzunehmen versteht (IV, 236). Denn genau das meint dieses Postulat: Ohne Außen kein Innen, ohne sinnlichen Kontakt zu einem ›Fremdkörper‹ keine sich bildende Selbsterfahrung. Mit Bezug auf die »höchsten Begriffe der Philosophie«, »Anziehung und Zurückstoßung« (IV, 235), schreibt Herder: »Es ist also Krieg und Frieden unter allen Wesen! Sonne mit Sonne: Planet mit Planet: Körper mit Körper: Mensch mit Mensch« (IV, 239) – um schließlich im Rahmen einer seiner wichtigsten ästhetischen Schriften, der erstmals 1778 anonym publizierten ›Plastik‹, in Form einer schon beantworteten Frage festzuhalten: »[A]lle Eigenschaften der Körper, was sind sie, als Beziehungen derselben auf unsern Körper, auf unser Gefühl?« Und so ist das Konzept, das Herder vor diesem Hintergrund entwickelt, nichts anderes als eine sinnlich fundierte, ›materialistische‹ Erkenntnistheorie, die ihren Ausgangspunkt nicht beim ›Ohr‹ und nicht beim ›Gesicht‹, sondern bei der »fühlende[n] Hand« sucht (IV, 245): »Was Undurchdringlichkeit, Härte, Weichheit, Glätte, Form, Gestalt, Rundheit sei? Davon kann mir so wenig mein Auge durchs Licht, als meine Seele durch selbstständig Denken einen leibhaftigen, lebendigen Begriff geben. Der Vogel, das Pferd, der Fisch hat ihn nicht; der Mensch hat ihn, weil er nebst seiner Vernunft auch die umfassende, tastende Hand hat« (IV, 249). Das nicht zu unterschlagende Problem besteht allerdings darin, daß Herder die Bindung der genannten Form (oder Gestalt) an das Materiale und dessen räumlich definierter Körperlichkeit je länger, desto merklicher schwinden läßt. Ist ›Form‹ – oder gar die ›solide‹, materialgesättigte Form – zunächst ein Synonym für ›Körper‹, ist zunehmend von ›schöner Form‹ die Rede, und das bedeutet: von einer Form, die den Körper, indem sie ihn als Medium, als Mittel der Präsentation begreift, seiner ihm eigenen Qualitäten beraubt. Die ›fühlende Hand‹ fühlt nicht den Körper, nicht das sich ihr darbietende Materiale, sie fühlt die »schöne Bildung« (IV, 253). Oder zeichentheoretisch (und nach dem Muster de Saussures zugleich metaphysisch) formuliert: An die Stelle des Sinnlichen tritt der Sinn. Unübersehbar wird diese Verschiebung, die aus der intendierten Aisthetik erneut eine Ästhetik rationalistischer Provenienz zu machen droht, sobald Herder in der Auseinandersetzung mit Lessings ›Laokoon‹ die Frage zu erörtern beginnt, unter welchen Vorkehrungen es dem Bildhauer erlaubt sei, seine Statuen in Gewänder zu hüllen. Denn außer Diskussion steht: Der Kunstverständige will »statt edler und schöner Körper« weder »Steinklumpen« noch »Matratzen«, noch »toten Fels«, er will nicht die »fremde, unwesentliche Last« fühlen, die ihn daran hindert, zum Wesentlichen vorzudringen (IV, 260f.) – weshalb denn die Griechen, wie Herder behauptet, ihren marmornen Götterfiguren nasse Gewänder übergeworfen haben, auf daß »der tastende Finger betrogen« werde und durch die Hülle hindurch die gesuchte (zweifelsfrei von Winckelmanns Idealisierungsprogramm geprägte) Schönheit ertaste (IV, 263f.).

In dieser Auskunft steckt daher so etwas wie die kleine Ironie der eingangs erwähnten wissenschaftsgeschichtlichen Konstellation – mit Herders Konzept hätte man sich, unter Ausklammerung seiner onto(theo)logischen Prämissen, womöglich doch noch auf der Seite der Sinnpflege arrangieren können. Die eigentliche – große – Ironie liegt dagegen in dem Gang, den die Literaturwissenschaft seit einem guten Jahrzehnt selbst genommen hat. In dem Bemühen, sich als Kulturwissenschaft neu zu erfinden und das angestammte philologisch-hermeneutische Forschungsterrain zu erweitern, ist nicht allein die Bereitschaft gewachsen, diverse Fragestellungen der bis heute zur Hilfswissenschaft degradierten, für jeden Überlieferungsprozeß indessen unabdingbaren Materialpflege einzubeziehen; es ist darüber hinaus auch eine Situation entstanden, in der sich die Theorieimpulse diesseits und jenseits der konstruktivistischen Argumentationen nicht mehr nur abwehrend zur Kenntnis nehmen lassen. Exemplarisch erinnert sei an die von Paul de Man bereits in den 80ern des letzten Jahrhunderts angestoßene Debatte um ›Phänomenalität und Materialität bei Kant‹ (1984), an das von Bruno Latour beschworene ›Parlament der Dinge‹, das sich der unauflöslichen Verschränkung materialer, gesellschaftlicher und diskursiver Entitäten verpflichtet weiß (›Nous n’avons jamais été modernes‹, 1991), an Judith Butlers Vorschlag, im Rahmen der Genderdiskussion zum Begriff der Materie und der Materialität des Körpers zurückzukehren (›Bodies That Matter‹, 1993), an die wissen(schaft)skritische Forderung Donna Haraways, die Welt der (materialen) Objekte als Agentin der Wissensproduktion zu begreifen (›Situiertes Wis¬sen‹, 1995), an den von Dieter Mersch unternommenen Versuch, auf die (materialen) Grenzen des Symbolischen aufmerksam zu machen (Was sich zeigt, 2002), an Hans Ulrich Gumbrechts Aufruf, die kursierenden Vorstellungen von Sein und Sinn zu überdenken (›Diesseits der Hermeneutik‹, 2004), oder eben an die von Louis Althusser gleichfalls in den 80ern ins Spiel gebrachte Skizze eines ›aleatorischen‹, aus (atomaren) Körperkontakten resultierenden Materialismus, der sich im Gegenzug zur Marxschen Variante völlig unerwartet als das Kernstück einer mit und gegen Heidegger entworfenen Ontologie kontingenter Faktizität entpuppt. Aus Althussers Nachlaß zwar reichlich verspätet an die Öffentlichkeit gelangt (1994/2007; ›Materialismus der Begegnung‹, 2010), ist diese Skizze in sachlicher Hinsicht dennoch nichts anderes als der Vorbote der »Ontologie des Körpers« (C 18), die der Derrida-Schüler (und -Kritiker) Jean-Luc Nancy inzwischen als die gegenwärtig noch einzig mögliche Ontologie zur Debatte stellt. Diese Einschätzung mag auf Widerspruch stoßen; philosophiegeschichtlich verdienen Nancys Überlegungen aber schon deshalb – und gar hierzulande – Beachtung, weil sie, ohne daß der Name je fiele, aller präzisierenden und radikalisierenden Korrekturen ungeachtet eine verblüffende Nähe zu den Positionen Herders unterhalten.

So beginnt auch Nancy mit einer (durch Aristoteles’ Περì ψυχῆς angeleiteten) Lektüre von Descartes’ ›Prima Philosophia‹, dies allerdings nicht wie Herder in der Absicht, die Ego-Formel umzuschreiben; Nancy will im Gegenteil – und gegen die eingebürgerte Lesart – zeigen, »daß die res cogitans für Descartes ein Körper ist« (C 119). »Bei Descartes ist das Denken fühlend«, schreibt Nancy, »und insofern es fühlend ist, rührt es an die ausgedehnte Sache, ist es das Berühren des Ausgedehnten« (C 118), oder traditionell gesprochen: das Berühren der res extensa, von der es im Augenblick der Berührung nicht nur seinerseits berührt, von der es zugleich zu einem »Sich-Spüren« (C 119), einem Akt der reflexiven (Selbst-)Bewußtseinsbildung stimuliert wird. ›Fühlendes Denken‹ heißt also zunächst ganz im Herderschen Sinne Körperkontakt, heißt sensuelle Kommunikation zwischen Körpern, die sich in ihrer Zuordnung, als fremder oder eigener Körper, allererst durch diese Berührung, das Ereignis des »Aufeinandertreffens« (C 31) zu erkennen geben – weshalb Nancy genausogut sagen kann, »daß ›Ich‹ eine Berührung ist« (C 120): ein »Innen, das sich als Außen spürt« (C 119). Im Gegensatz zu Herder gelingt es Nancy jedoch, die Pointe herauszuarbeiten, die in der Logik einer solchen Konstellation angelegt ist. Läßt sich das ›Ich‹ als Berührung verstehen, folgt daraus nämlich geradezu zwingend, was es mit besagtem ›Innen‹ auf sich hat. »Das ›Innere‹«, schreibt Nancy, »findet sich nirgends anders als zwischen Außen und Außen«, wobei »dieses Zwischen« ebenfalls ein »Außen« ist (FF 53); berührend berührt, »bin [ich] für mich selbst ein Außen« (C 115), oder präziser noch: eine »Außenbeziehung« (C 111), die seit Aristoteles den Namen ›Seele‹ trägt. Es verbietet sich daher, »von Körper und von Denken als voneinander losgelöst zu sprechen, als ob sie jeder für sich einen Bestand haben könnten: Sie sind […] ihr gegenseitiges Berühren« (C 35). Und das wiederum heißt: Körper und Denken – oder auch Körper und Sinn – sind insofern gleichursprünglich, als der Körper – und zwar »jedes Mal« (C 27), in seiner je einzigartigen, sinnlich-materialen Existenz – das absolute »Organ des Sinns« ist (C 65), ein Körper unter Körpern, der (sich) »unaufhörlich […] denkt« (C 97), ohne darum das ›sich‹ und mit ihm den Sinn zu seiner Verfügung zu haben, da es ›sich‹ und »Sinn nie nur für einen [Körper], sondern immer von einem zum anderen, immer zwischen dem einen und dem anderen […] gibt« (SPS 54). Wie das phänomenale (Da)Sein wird Sinn grundsätzlich geteilt, ist eine Frage der körperlichen Teil¬habe. Und dennoch gilt: Die »Stätte des Körpers ist […] das Statt-Haben des Sinns« (C 102), ist der allem Symbolischen zuvorkommende »Einbruch des Sinns, der die Existenz konstituiert« (C 26). Von Gewicht erweist sich dabei nach wie vor der phänomenologische Kardinalgedanke, der dem Körper eine unauflösliche, weil physiologisch bedingte und demzufolge prinzipiell sinnlich-sinnhafte Verankerung in der Welt unterstellt, doch wird auch dieser Gedanke in einem entscheidenden Punkt modifiziert. Anders als Husserl, der aus der kinästhetisch-taktilen Empfindungsaktivität des Körpers, dem Paradigma der ›sich berührenden Hände‹, eine Transzendentalphilosophie ableitet, und anders als Merleau-Ponty, der Körper und Intellekt in einer chiastischen, gewissermaßen uranfänglichen Verschränkung interagieren sieht, geht Nancy, eine Freudsche Nachlaßnotiz zitierend, die behauptet: »Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon« (C 23), von einer (Seins-)Exposition aus, die sich in doppelter Weise realisiert: als Extension des Körpers und als Extension des Sinns, die einander nicht zu durchdringen vermögen. Beide – der berührbare physische Körper und das nicht-berührbare Denken, die »Nervenwaage, die das Denken sein muß« (C 41) – sind in ihrer wechselseitigen Berührung, der bei aller Nähe keine Unmittelbarkeit, sondern eine Grenzerfahrung, die Erfahrung von Distanz, Trennung, Unterbrechung, Diskontinuität innewohnt, undurchdringlich, bleiben »hartnäckige partes extra partes« (C 73), erweisen sich als widerständige Oberflächen, die im Tasten unantastbar sind.

Was sich auf diesem Wege: dem Wege einer ›materialistischen‹ Ontologie (vgl. SPS 131) eröffnet, ist die Chance, Körper und Denken nicht mehr nach metaphysischem Muster, weder den Körper als Transzendenz des Sinns noch den Sinn als körperlose Idealität denken zu müssen. Gedacht werden kann der »Körper des Sinns« (C 25) im Wortverstande – seine Phänomenalität in der Gleichzeitigkeit von Präsenz und Nicht-Präsenz, Materialem und Immaterialem, kurz: die realiter existierende Chimäre eines »materielle[n] Sinn[s]«, die Nancy ihrer (logischen) Denkunmöglichkeit wegen »eine Verrücktheit«, einen »Krampf[] im Denken« nennt (C 94). Tatsächlich ist diese Vorstellung einer unaufhebbar diskreten Kontiguität aber nicht nur eine Herausforderung der abendländischen Philosophie, sei sie idealistischen oder realistischen Zuschnitts; zu einer Herausforderung auch der Literaturwissenschaft wird dieser Ansatz in dem Moment, in dem Nancy den Zweitsinn von corpus aktiviert und sich die Rede vom Körper zugleich als Rede vom Text – beziehungsweise einer Sammlung von Texten nach Art des corpus iuris – sowie der daran geknüpften Aktivitäten des Schreibens und Lesens, ja mehr noch: in dem sich die ›Ontologie des Körpers‹ »als Schrift« entpuppt (C 20). Im Rahmen einer globalen »Ökotechnik«: einer Welt, die »sich als Welt der Körper […] erschafft« (C 77), sind Schreiben und Schrift das an den Körper adressierte Denken: »Ein Berühren, ein Tasten, das wie ein Anschreiben ist: wer schreibt, der berührt nicht, indem er anfaßt, in die Hand nimmt, *begreift, sondern er berührt, indem er sich richtet, sich sendet an die Berührung eines Draußen« (C 14). ›Schreiben‹ heißt infolgedessen nicht, irgendwelcher Bedeutungen habhaft zu werden – jedenfalls nicht in erster Linie und erst recht nicht unter dem Vorzeichen der Poesie; an erster Stelle steht die »Geste«, die es unternimmt, an den »Sinn zu rühren« (C 20) respektive »den Körper […] mit dem Unkörperlichen ›des Sinns‹ zu berühren«, um so »an der Grenze, am äußersten Rand« der sich distinkt kontaktierenden Sphären »das Unkörperliche anrührend« und »aus dem Sinn eine Berührung zu machen«. Mit einem Faible für die zweifelhaften Erzeugnisse trivialliterarischer Herkunft hat es daher nichts zu tun, wenn Nancy erklärt, kein Schreiben zu kennen, »das nicht berührt« (C 14f.) – denn ›Berührung‹ ist in diesem Zusammenhang keineswegs metaphorisch, sondern wie einst bei Herder literal gedacht und für Nancy inmitten seiner Ausführungen Anlaß zu einer Leser/innen-Apostrophe, die konkreter nicht sein könnte. »Ob wir es wollen oder nicht«, schreibt Nancy, »auf dieser Seite« – der Seite 10 von ›Corpus‹ – »berühren sich Körper, oder sie ist selbst Anrühren (meiner Hand, die schreibt, Ihrer, die dieses Buch in Händen hält). Dieses Berühren ist unendlich umgeleitet, aufgeschoben – Maschinen, Transporte, Fotokopien, Augen und wieder andere Hände haben sich dazwischen gestellt –, doch sie bleibt der winzige, beharrliche, hauchdünne Kern, das winzige Staubkorn eines allenthalben unterbrochenen und doch allenthalben fortgeführten Kontakts. Am Ende rührt Ihr Auge an die gleichen Schriftzüge, die das meine nun berührt, und Sie lesen, was ich geschrieben habe, und ich schreibe Ihnen. Irgendwo hat das Statt« (C 47f.). Wie jede Berührung hat also auch die des Schreibens und der Schrift ein Datum, hat Ort und Zeit – wobei mitgedacht werden muß, daß die Schrift in Gestalt des »sichtbare[n] Strich[s]« das (materiale) Medium ist (SPS 132), durch den die per se körperlose Sprache »als Körper« erscheint (C 63), genauer: als Körper von Körpern – den sogenannten Wörtern oder Buchstabenfigurationen –, die »füreinander und für die Dinge« nicht weniger undurchdringlich als andere Körper sind (C 51). Steht das wahrhaft berührende, das poetische Schreiben zur Debatte, zieht es Nancy deshalb vor, vom ›Ent-Schreiben‹ zu sprechen und, wo möglich, es selbst zu praktizieren, ein Schreibverfahren, das die Schrift »im Spiel eines unbezeichnenden Zwischenraums […] von der Bedeutung entfernt«, indem es »die Wörter stets aufs neue von ihrem Sinn loslöst und sie ihrem Ausgedehnten überläßt. Ein Wort, solange es nicht restlos in einem Sinn aufgeht, bleibt im Wesentlichen zwischen den anderen Wörtern ausgedehnt, derart angespannt, daß es sie berührt, ohne jedoch zu ihnen zu gelangen« (C 63). Schreiben und Lesen werden auf diese Weise zu einer »Frage des Tastens« – »unter der Bedingung, daß sich das Tasten nicht konzentriert, nicht […] eine Unmittelbarkeit beansprucht, die alle Sinne und ›den‹ Sinn miteinander verschmelzen ließe«. Was dabei zutage tritt, zeigt sich als »eine ›Buchstäblichkeit‹, die nicht mehr zu lesen ist« (C 76), oder noch einmal mit Jakobson formuliert: in den Fokus der Wahrnehmung rückt die Spürbarkeit der Zeichen, zu der keine Hermeneutik, keine noch so entwickelte Entzifferungskunst, wohl aber »der [!] Korpus der Sinne« Zugang findet (M 32).

Quellen: Aristoteles: Περì ψυχῆς /Über die Seele, hg. v. Horst Seidl, Hamburg 1995; Johann Gottfried Herder: Werke in zehn Bänden, hg. v. Martin Bollacher u.a., Frankfurt a.M. 1985ff.; René Descartes: Meditationen über die Erste Philosophie, hg. v. Gerhart Schmidt, Stuttgart 1976; Edmund Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie, HUA IV, Den Haag 1991, §§ 35-47; Roman Jakobson: Linguistik und Poetik, in ders.: Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921-1971, hg. v. Elmar Holenstein u. Tarcisius Schelbert, Frankfurt a.M. 1979, S. 83-121; Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare, München 1986; Jean-Luc Nancy: Die Musen (M), Stuttgart 1999; singulär plural sein (SPS), Berlin 2004; Corpus (C), Berlin 2. Aufl. 2007; Ausdehnung der Seele, Berlin 2010; Fremdartige Fremdkörper (FF), in: Kunst. Bild. Wahrnehmung. Blick. Merleau-Ponty zum Hundertsten, hg. v. Antje Kapust u. Bernhard Waldenfels, München 2010, S. 51-60.
Literatur: Claudia Benthien: Haut. Literaturgeschichte – Körperbilder – Grenzdiskurse, Reinbek b. Hamburg 1999; Natalie Binczek: Kontakt: Der Tastsinn in Texten der Aufklärung, Tübingen 2007; Hartmut Böhme: Der Tastsinn im Gefüge der Sinne, in: Anthropologie, hg. v. Gunter Gebauer, Leipzig/Stuttgart 1998, S. 214-225; Georg Braungart: Leibhafter Sinn. Der andere Diskurs der Moderne, Tübingen 1995, S. 55-107; Jacques Derrida: Berühren, Jean-Luc Nancy, Berlin 2007; Ian James: The fragmentary Demand. An Introduction to the Philosophy of Jean-Luc Nancy, Stanford 2006; Stephan Kammer: Überlieferung. Das philologisch-antiquarische Wissen im frühen 18. Jahrhundert (Habilitationsschrift, Goethe-Universität Frankfurt); Antje Kapust: Berührung ohne Berührung. Ethik und Ontologie bei Merleau-Ponty und Levinas, München 1999; Sybille Krämer: Medium, Bote, Übertragung. Kleine Metaphysik der Medialität, Frankfurt a.M. 2008, S. 54-66; Tasten, hg. v. der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH, Schriftenreihe-Forum 7, Göttingen 1996; Inka Mülder-Bach: Im Zeichen Pygmalions. Das Modell der Statue und die Entdeckung der »Darstellung« im 18. Jahrhundert, München 1998; On Jean-Luc Nancy. The sense of philosophy, hg. v. Darren Shepard u.a., London/New York 1997; Taktilität, hg. v. Ralf Schnell (LiLi 117: 2000); Taktilität – Sinneserfahrung als Grenzerfahrung (Das Magazin des Instituts für Theorie 12/13: 2008); Ulrike Zeuch: Umkehr der Sinneshierarchie. Herder und die Aufwertung des Tastsinns seit der frühen Neuzeit, Tübingen 2000.



In Umrissen ist damit eine systematische Ausgangslage skizziert, angesichts derer sich für die geplante Tagung eine dreifache Zielsetzung ergibt: 1. geht es um die Absicht, schrittweise zu einer Diskussion aufzuschließen, die – anders als in Frankreich und den USA – in Deutschland trotz einer offenbar noch längst nicht ausgeschöpften Theorietradition bislang so gut wie nicht geführt wird; 2. um die Klärung eines gegenwärtig vielfältig beanspruchten Begriffsfeldes, das insbesondere von kulturwissenschaftlich interessierter Seite durch Kategorien wie ›Materialität‹, ›Ding‹, ›Sache‹ oder ›Reales‹ gekennzeichnet, im Horizont simpler Subjekt/Objekt-Beziehungen jedoch keineswegs zureichend fundiert ist; 3. um eine merklich veränderte Perspektivierung basaler rhetorischer, ästhetischer und schreib-/schrifttheoretischer Fragestellungen sowie die Erschließung von Schrift-/Text-Konstellationen, an denen die Literaturwissenschaft bis zum heutigen Tag mehr oder weniger achtlos vorübergegangen ist. In allen drei Punkten versteht sich die Tagung als konsequente Fortführung dreier publizistisch bereits dokumentierter Projekte: ›Prima Materia. Beiträge zur transdisziplinären Materalitätsdebatte‹, hg. v. Sigrid G. Köhler, Jan Christian Metzler, Martina Wagner-Egelhaaf, Königstein/Taunus 2004; ›Stimme und Schrift. Zur Geschichte und Systematik sekundärer Oralität‹, hg. v. Waltraud Wiethölter, Hans-Georg Pott, Alfred Messerli, München 2008; ›Der Brief – Ereignis & Objekt‹, Katalog der Ausstellung im Freien Deutschen Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum, hg. v. Anne Bohnenkamp u. Waltraud Wiethölter, Frankfurt a.M./Basel 2008; ›Der Brief – Ereignis & Objekt. Frankfurter Tagung‹, hg. v. Waltraud Wiethölter u. Anne Bohnenkamp, Frankfurt a.M./Basel 2010.


Vorgesehen sind jeweils 30-minütige (Original-)Vorträge mit anschließender, gleichfalls 30-minütiger Diskussion, und zwar zu den folgenden vier Schwerpunkthemen:


I. Rhetorik der Referenz
Unabhängig von der Frage, ob man der Theorie der Berührung in ihrer proto- oder ihrer postphänomenologischen: in der Variante Herders oder Nancys den Vorzug gibt – in beiden Fällen steht außer Zweifel, daß sie geeignet ist, allem voran und diesseits aller spezifisch linguistischen Probleme ein erneutes Nachdenken über den Status dessen einzuleiten, was man unter ›Referenz‹ zu verstehen hat. Denn zu beantworten ist dies weder ausschließlich mit dem Hinweis auf eine kognitive Operation (oder dem Primat des Begriffs) noch allein unter Berufung eines fühlbaren Körper-Außen (oder dem Primat des Realen). Hingegen spricht vieles dafür, daß es sich lohnen könnte, abermals dort anzusetzen, wo die antike Rhetorik von Aristoteles bis Quintilian die Prämissen einer vom Rhythmus des Körpers und dem Wohlklang der Stimme, von Mimik und Gestik getragenen Rede entwickelt hat, die dem obersten Stilprinzip der σαφήνεια (lat. perspicuitas) entsprechend durch Deutlichkeit, Transparenz und Veranschaulichungskraft (ἐνάργεια) ihren Gegenstand präsent zu machen, ihn sinnlich – evidentiell – vor Augen zu führen vermag. Nach Maßgabe solcher ›Augenscheinlichkeit‹ (und der ihr zugrundeliegenden Affektenlehre) soll der Zuhörer regelrecht sehen, was qua Rede verhandelt wird, und er soll so sehen – im Sog der tropisch erzeugten Bilder dem Sachverhalt körperlich so nahekommen –, daß er darüber die Kunstfertigkeit der Rede und sich selbst in der Rolle eines primär Unbeteiligten vergißt. Im besten Falle macht er dann Erfahrungen von einer Qualität, der sich nicht einmal der ausgewiesene Rhetoriklehrer entziehen kann; häufig habe er sich derart ergriffen gefühlt, schreibt kein Geringerer als Quintilian, »daß es nicht nur Tränen bekundeten, die mich überkamen, sondern sogar Erblassen und ein solcher Schmerz, als wäre er echt« (VI 36). Denn offenbar gelingt es der τέχνη ῥητορική, wie Nancy vermutlich formulieren würde, mit dem ›Unkörperlichen des Sinns‹ über den Bruch hinweg, »welcher der [impenetrable] Körper selbst ist« (C 110), den Körper zu berühren, während umgekehrt der Körper – oder überhaupt das Materiale, die Materie – zu den Gegenständen zählt, die seit jeher die Redekunst in besonderer Weise herausgefordert haben. Das Forschungsterrain, das sich hier eröffnet, reicht jedenfalls von den naturphilosophischen Konzepten der Vorsokratiker bis zu den jüngsten der erwähnten Materalitätsdiskurse; im Rahmen der Tagung käme es darauf an, dieses Terrain zumindest an der einen oder anderen seiner herausgehobenen Stellen exemplarisch zu erkunden.

Quellen: Aristoteles: Τέχνη ῥητορική / Rhetorik. Übersetzung, mit einer Bibliographie, Erläuterungen und einem Nachwort von Franz G. Sieveke, 3. Aufl., München 1989 (III.); Cicero: De oratore / Über den Redner. Lat. /Dt. Übersetzt und hg. v. Harald Merklin (III.); Quintilian: Institutio oratoria / Ausbildung des Redners, hg. u. übers. v. Helmut Rahn, 3. Aufl., Darmstadt 1995 (VI. und VIII.).
Literatur: Davide Giuriato: Deutlichkeit. Zur Genealogie eines undeutlichen Begriffs (work in progress, Goethe-Universität Frankfurt); Sehnsucht nach Evidenz, hg. v. Karin Harrasser (Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1: 2009); »Intellektuelle Anschauung«. Figurationen von Evidenz zwischen Kunst und Wissen, hg. v. Sibylle Peters u.a., Bielefeld 2006; Martina Wagner-Egelhaaf: Gott und die Welt im Perspektiv des Poeten. Zur Medialität der literarischen Wahrnehmung am Beispiel Barthold Hinrich Brockes, in: DVjs 71/2 (1997), S. 183-216.


II. Ästhetik der Berührung
Wo immer Anschaulichkeit im Spiel ist, ist der Schritt von der Rhetorik zur philosophischen Ästhetik, und das bedeutet: zu jener Theorie der Sinnlichkeit nicht weit, wie Baumgarten sie, im Vollzug eben dieses Schrittes und in Anknüpfung an Leibniz’ Empfindungslehre, Mitte des 18. Jahrhunderts als Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis begründet hat. Als Schlüssel zu dieser Disziplin dient Baumgarten bekanntlich die cognitio sensitiva: eine Vorstellungsart eigenen Rechts, die der Vernunfterkenntnis – der cognitio distincta – nicht etwa nach- oder beigeordnet, sondern als deren unentbehrliches Implement zu begreifen ist. Folgt die Vernunft in ihrem Streben nach ›formaler‹ Perfektion der Logik des Allgemeinen, ist die sinnliche Erkenntnis auf ihrem Weg zu ›materialer‹ Vollkommenheit einer Logik des Singulären, des Individuellen, der Fülle des phänomenal Wahrnehmbaren und seiner Merkmale verpflichtet. Weniger bekannt ist allerdings, daß Baumgarten dabei von einer Position aus argumentiert, die das menschliche Erkenntnisvermögen in doppelter Weise, zunächst durch die nicht aufzulösende Bindung an die offenbar limitierte Treffsicherheit des sprachlichen Ausdrucks, dann aber vor allem durch die ebensowenig abzustreifende, von Fall zu Fall geprägte Körperlichkeit des Denkens grundsätzlich beschränkt sieht. »Aus der Stellung meines Körpers in dieser Welt kann erkannt werden«, so Baumgarten in seiner ›Metaphysica‹ von 1739, »warum ich mir diese Dinge dunkler, jene klarer, andere deutlicher vorstelle, das heißt: Meine Vorstellungen richten sich nach der Stellung meines Körpers in dieser Welt«. Auf dieser Überzeugung beruht indessen nicht nur die sensualistische Ästhetik des 18. Jahrhunderts (s.o.); diese Sätze könnten ebensogut über der Ästhetik Merleau-Pontys stehen (»Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, daß jedes Sichtbare aus dem Berührbaren geschnitzt ist, daß jedes taktile Sein […] der Sichtbarkeit zugedacht ist […]« [SU 177]), wie sie der Sache nach noch die Kunstauffassung Nancys begründen – den Gedanken an eine Form des sich selbst berührenden Berührens, die »ihre Verfahren und Materialien offenleg[t]« (M 19). Die Tatsache, daß sich Nancy in diesem Zusammenhang auf Hegel beruft, überrascht insofern nicht, als Hegels phänomenologischer Prämisse zufolge der ›Sinn‹ – heiße er (aboluter) Geist, Wahrheit oder Idee – materialiter »zur Erscheinung kommen oder fühlbar werden« muß (M 68). Woran es gleichwohl fehlt, sind die Bausteine zu einer historischen Systematik, die imstande wäre, den Entfaltungsprozeß einer ›Ästhetik der Berührung‹ auch in seinen Latenzphasen nachzuzeichnen.

Quellen: Alexander G. Baumgarten: Texte zur Grundlegung der Ästhetik, Hamburg 1983 (Met. § 512); Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare (SU), München 1986,: Jean-Luc Nancy: Die Musen (M), Stuttgart 1999.
Literatur: Davide Giuriato: Deutlichkeit. Zur Genealogie eines undeutlichen Begriffs (work in progress, Goethe-Universität Frankfurt)


III. Schreib- und Schriftkörper
In der Nachfolge von Kittlers Aufschreibesystemen (1985) sowie im Kontext einer Reihe weiterer Anregungen – Derridas Schriftphilosophie, Flussers Phänomenologie der Gesten, Barthes’ Reflexionen über die Körperlichkeit des Schreibens, die Debatten um die sog. critique génétique, das allmählich gewachsene Interesse an Handschriften, an Typographien etc. – hat sich innerhalb weniger Jahre eine Forschung zur ›Genealogie des Schreibens‹ etabliert, die sich im wesentlichen mit der Rekonstruktion von Schreibszenen und der sich im Akt des Schreibens bemerkbar machenden Widerstände befaßt. Nahezu nicht in den Blick ist bisher jedoch das unter materialen Aspekten Nächstliegende geraten – die Frage, was sich im Kontakt zwischen Schreib- und Schriftkörper ereignet, welche Berührungen, welche Kommunikations-, Abwehr- oder Übereignungsprozesse sich zwischen der schreibenden Hand /den schreibenden Händen und den jeweils konkret involvierten Materialien, dem Schreibwerkzeug, der Schreibflüssigkeit, den Schriftzügen und dem Zeichenträger (respektive den Figurationen am Bildschirm), vollziehen. Unabhängig von der stofflichen Beschaffenheit dieser Materialien scheint es um nachhaltige Prägungen, um die Produktion absenter Präsenzen, um Vorgänge der Ein- und Entkörperung, beziehungsweise im Zuge der Rezeption um die Berührung von Abwesenheiten zu gehen, wie man dies im Falle von Gesichtsmasken und physisch hergestellten Körperabdrücken kennt. Ein früher, verblüffend hellsichtiger Hinweis auf diese Sachlage findet sich bei Seneca, der einen seiner Korrespondenzpartner schon im 1. Jahrhundert n. Chr. wissen läßt: »Daß du mir häufig schreibst, dafür danke ich dir: denn auf diese Weise […] zeigst du dich mir. Niemals empfange ich einen Brief von dir, ohne daß wir nicht sofort zusammen sind. Wenn uns Bilder abwesender Freunde willkommen sind […], wieviel willkommener ist ein Brief, der echte Spuren des abwesenden Freundes, echte Zeichen herbeibringt! Denn was beim Anblick das Süßeste ist, das gewährt des Freundes Hand, dem Briefe aufgedrückt – wiederzuerkennen« (SW, 40, 1). Derart ›echte‹ – nämlich indexikalische – Zeichen, die als Körperrelikte ihre Herkunft bezeugen, lassen sich aber nicht nur im Rahmen von Briefschreibeszenen beobachten; sie bevölkern selbstredend auch die literarische Schreibszene und fordern dazu auf, das Dispositiv ›Autorschaft‹ um die irritierende, das gewohnte Funktions- und Begriffsgefüge aus den Angeln hebende Rolle des Schreibers/der Schreiberin zu erweitern – im Nu ist das vertraute Erzähler-›Ich‹ eines fiktionalen Textes nicht mehr die gewohnte Leerdeixis, die mit keiner Realität verrechnet werden darf, sondern eine Anzeige des/der tatsächlich Schreibenden, gleichgültig, ob er/sie dabei wie Kafka im ›Oxforder Oktavheft 4‹ anläßlich des Protokolls über den Machtkampf zweier (oder seiner?) Hände [!] den Stift über das Papier führt (Eintrag 20, 100ff.) oder wie Kracauer in die Tastatur seiner G/geliebten Schreibmaschine greift (›Das Schreibmaschinchen‹).

Quellen: Franz Kafka: Oxforder Oktavhefte 3 & 4. Historisch-Kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften, Drucke und Typoskripte, hg. v. Roland Reuß u. Peter Stängle, Frankfurt a M./Basel 2008; Siegfried Kracauer: Schriften, hg. v. Inka Mülder-Bach, Bd. 5/2, Frankfurt a.M. 1990; Lucius Annaeus Seneca: Lettre à Lucilius, hg. v. F. Prechac, Paris 1969ff.
Literatur: Ottmar Ette: Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft. Eine Programmschrift im Jahr der Geisteswissenschaften, in: Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft. Programm – Projekte – Perspektiven, hg. v. Wolfgang Asholt u.a.. Tübingen 2010, S. 11-38; Thorsten Gabler: Studien zur Materialästhetik brieflicher Kommunikation (1750-1930) (work in progress, Goethe-Universität Frankfurt); Zur Genealogie des Schreibens, Bde. I-III, hg. v. Martin Stingelin, Davide Giuriato, Sandro Zanetti, München 2004ff.; Georges Didi-Huberman: Ähnlichkeit und Berührung. Archäologie, Anachronismus und Modernität des Abdrucks, Köln 1999; Waltraud Wiethölter: Von Schreib- und Schriftkörpern. Zur Materialität der Briefschreibeszene, in: Der Brief – Ereignis & Objekt. Frankfurter Tagung, hg. v. Waltraud Wiethölter u. Anne Bohnenkamp, Frankurt a.M./Basel 2010, S. 92-133.


IV. ZeichenBerührung(en)
Kafkas Notizhefte sind zugleich aber auch ein Paradebeispiel für die Fragestellungen, die sich in Anbetracht von Berührungskonstellationen der semiotischen Art ergeben. Im Falle Kafkas beginnt dies mit den auffälligen Querstrichen, die in einfacher, doppelter oder vervielfachter Ausführung einerseits dazu dienen, die Einträge voneinander zu trennen, sie auf Abstand zu halten, und die andererseits, in ihrer Funktion als Grenzlinien, auf das anschaulichste die Orte markieren, an denen die jeweiligen Formationen, die durch diese Rahmung individualisierten Schriftkörper aufeinandertreffen und miteinander kommunizieren – was zur Konsequenz hat, daß weit über Kafka hinaus (und hinter Kafka zurück) nach dem adäquaten Lektüremodus von ›Texten‹ zu fragen ist, die sich zureichend weder als autonome Gebilde noch als Fragmente beschreiben lassen. Diese Schriftkörper nehmen Fühlung auf, sie berühren sich, produzieren an ihren Kontaktstellen, in den Zwischenräumen ihres multilateralen Beziehungsgeflechts, Sinn und halten sich dennoch mittels eindeutig abgesteckter Zonen, sozusagen Haut an Haut, voneinander fern. Hinzu kommen unterschiedliche Formen von Tilgungen, Überschreibungen oder Interlinearskripturen, die den ursprünglichen Figurationen erst recht auf den Leib rücken, sich über sie legen, doch ebenso unterschiedliche Reaktionsformen: rasch vorgenommene, durch Punktierung angezeigte Wiedergutmachungsakte, knappgefaßte Zusätze, raumfordernde Erweiterungen etc. hervorrufen. Und schließlich die ganz basalen Kontaktnahmen, die ihrer scheinbaren Banalität halber kaum je bemerkt werden – die Tatsache, daß sich Seite für Seite Papier und Bleistift- respektive Tintenstiftspuren, daß sich Buchstaben und Buchstabenfolgen, Interpunktionszeichen und ›Zeichen‹ nichtkodierter, im Falle der Randzeichnungen zuweilen auch ikonischer Natur begegnen, daß sich Wörter zu Wörtern, Zeilen zu Zeilen, Abschnitte zu Abschnitten gesellen und daß sich am Ende gar, als die das jeweilige Heft konstituierenden Teile, die beschrifteten/bezeichneten Seiten selbst berühren – allererst auf diesem Wege entstehen die materialen Parameter, die Instrumente, die handwerklichen Stimuli, die Formate und Rhythmusgeber, die dem Schreiber die literarische Produktion erlauben. Und wie angedeutet: Kafka ist allenfalls ein spektakulärer, aber kein Einzelfall. Einblicke in das materiale Voraussetzungsgefüge sinnproduzierender Zeichenprozesse und damit in die unverzichtbare Mitsprache des Materialen beim Denken geben inzwischen, dank einer Editionspolitik, die das Faksimile und die reichhaltigen Möglichkeiten typographischer Gestaltung für sich entdeckt hat, eine ganze Reihe weiterer Werk- oder Einzelausgaben, nicht zu reden von den zahllosen Manuskripten und Typoskripten, die unveröffentlicht in den Archiven ruhen und mit denen in körperlichen Kontakt zu kommen, wie im jüngsten der ›Marbacher Magazine‹ nachzulesen, nichts Geringeres bedeutet, als den Unterschied zwischen »Küssen und Geküsstwerden« zu erleben (63). Da nach der Logik der Berührung indessen beides zusammenfällt, steht außer Diskussion, was sich an das Ereignis anzuschließen hat: Es gilt, Lesekonzepte zu entwickeln, die sich der Produktivität, um nicht zu sagen: der Kreativität des Materialen zu nähern versuchen.

Quellen: Franz Kafka: Historisch-Kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften (s. unter III); Heinrich Steinfest: Ein Detail am Rande, in: Randzeichnungen. Nebenwege des Schreibens, Marbacher Magazin 129, Marbach 2010, S. 11-63.
Literatur: Bilder der Handschrift. Die graphische Dimension der Literatur, hg. v. Davide Giuriato u. Stephan Kammer, Frankfurt a.M. 2006; Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine, hg. v. Gernot Grube u.a., München 2005; Daten sichern. Schreiben und Zeichnen als Verfahren der Aufzeichnung, hg. v. Christoph Hoffman u. Barbara Wittmann, Zürich/Berlin 2008; Notieren, Skizzieren. Schreiben und Zeichnen als Verfahren des Entwurfs, hg. v. Karin Krauthausen u. Omar Nasim, Zürich/Berlin 2010; Die Sichtbarkeit der Schrift, hg. v. Susanne Strätling u. Georg Witte, München 2006; Martina Wagner-Egelhaaf: »Stigma und Berührung« – Droste anders lesen, in: Transformationen. Texte und Kontexte zum Abschluss der Historisch-kritischen Droste-Ausgabe, Bielefeld 2002, S. 33-48; Spuren erzeugen. Zeichnen und Schreiben als Verfahren der Selbstaufzeichnung, hg. v. Barbara Wittmann, Zürich/Berlin 2009.



Wir erbitten Ihren Beitrag zu einem der genannten Schwerpunktthemen. Bitte schicken Sie per e-mail einen Themenvorschlag und eine Skizze Ihres Beitrags (ca. 3 Seiten) bis zum 15. Oktober 2010 an die Adresse Wiethoelter@lingua.uni-frankfurt.de.



Prof. Dr. Waltraud Wiethölter
Goethe-Universität Frankfurt a.M.
Institut für deutsche Literatur und deren Didaktik
Grüneburgplatz 1
D-60629 Frankfurt am Main

Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Germanistisches Institut
Hindenburgplatz 34
D-48143 Münster
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortFrankfurt am Main
Bewerbungsschluss15.10.2010
Beginn26.09.2011
Ende28.09.2011
PersonName: Wiethölter, Waltraud [Prof. Dr.]  
Funktion: Veranstalter  
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