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Ergebnisanzeige "Perturbationen oder Das „Prinzip Störung“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften: Hybridisierung, Grenzräume, Figurationen der Störung"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelPerturbationen oder Das „Prinzip Störung“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften: Hybridisierung, Grenzräume, Figurationen der Störung
BeschreibungPerturbationen oder Das „Prinzip Störung“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften: Hybridisierung, Grenzräume, Figurationen der Störung.

Wissenschaftliche Tagung auf Schloss Rauischholzhausen
05.- 07. Juli 2010

Tagungsleitung und Veranstalter:
Prof. Dr. Carsten Gansel und Norman Ächtler
in Verbindung mit Prof. Dr. Peter v. Möllendorff, Prof. Dr. Silke Tammen und Prof. Dr.Franz-Josef Bäumer (Universität Gießen)

Mit dem Ende des Kalten Krieges nach 1989 und dem fortschreitenden Globalisierungsprozess ist es zu einem grundlegenden Wandel der weltweiten Machtverhältnisse gekommen. Die bis dahin gültigen nationalen wie internationalen Gesetze, Normen, Vereinbarungen werden zunehmend durch hybride Strukturen unterlaufen bzw. ergänzt. Unter dem Begriff der ›Hybridisierung‹ setzt sich mittlerweile ein Ansatz soziologischer Theoriebildung durch, der die zunehmende Vermischung von lokalen und globalen Identitäten untersucht. Im Rahmen globalisierter Wirtschaftsprozesse, technologischer Entwicklungsschübe und durch die gesteigerte Mobilität bestimmter Entitäten bilden sich allmählich Formen einer transnationalen Kultur heraus. Freilich bedeutet dies nicht, dass es zu einer einfachen Fusion von Kulturen und ethnischen Identitäten kommt.
Weil mit dem Prozess von Hybridisierung Kartierungen und Grenzziehungen keineswegs aufgehoben sind, gewinnt die »soziologische Beobachtung und Theoriebildung vom Standpunkt der Grenzprozesse sozialer Systeme« (G. Preyer) im Rahmen von Modernisierungstheorien zunehmend an Bedeutung. An dieser Schnittstelle ergibt sich nun eine Verbindungslinie zu dem in und von unterschiedlichen Disziplinen markierten spatial turn mit dem entsprechenden raumsemantischen Metaphernkomplex. Als eine Art Konsens gilt die Annahme, dass die »Konstruktion der Grenze zwischen dem Innenraum einer Gemeinschaft und der Außenwelt jenseits dieser Grenze« als eine »elementare Operation der Herstellung sozialer Wirklichkeit« zur verstehen ist (B. Giesen). Relativ offen bleibt dagegen die Frage nach den Ursachen sowie den Orten soziokultureller Grenzziehung. Insofern stehen u.a. folgende Probleme zur Diskussion: Warum, aufgrund welcher Anstöße, kommt es zu fortgesetzten soziokulturellen Grenzziehungen? Wo, auf welchem Feld, werden solche Grenzen abgesteckt? Wodurch, vermittels welcher Operationen, werden Grenzziehungen kenntlich gemacht? Auf die Frage nach den Ursachen bzw. den Indikatoren für Prozesse der Grenzziehungen gibt es von Seiten der Geistes- bzw. Sozialwissenschaften eine vorläufige Antwort, die sich auch mit naturwissenschaftlichen Theorien deckt. Aus systemtheoretischer Perspektive werden externe »Irritationen« beziehungsweise »Störungen« als Ursache für den anhaltenden selbstreferenziellen Prozess systemischer Autopoiesis angesehen. Ähnlich der naturwissenschaftlichen Adaptionstheorien werden Umweltphänomene als »aufstörend« begriffen, wenn sie einen Informationsverarbeitungsprozess in Gang setzen; mithin auf (Re) Stabilisierung angelegte innersystemische Kommunikation anregen. Neuere epistemologische und semiologische Begriffsdefinitionen perspektivieren die Kategorie der »Störung« entsprechend als eine Grundvoraussetzung von Kommunikation und »zentrales Verfahren der sprachlichen Sinnproduktion« (L. Jäger). Es sind »Signale der Störung« (A. Kümmel/E. Schüttpelz), die Kommunikationsprozesse nicht nur anregen, sondern auch eine selbstreflexive Dimension einziehen. Diskursanalytische Ansätze formulieren derartige Erkenntnisse mit Blick auf Gesellschaften. Dabei wird die Irritation von Toleranzgrenzen zu einem wesentlichen Mittel von gesellschaftlichem Wandel insofern, als fortwährende »Denormalisierungen« (J. Link) ein beständiges Ausloten bestehender kollektiver Konsensus herausfordern. Begreift man gesellschaftliche Grenzziehung in diesem Sinn als integrative und stabilisierende semiologische Leistung kollektiver Kommunikationsprozesse und »Grenze« mithin als flexible diskursive Größe, so lassen sich die auslösenden wie markierenden Faktoren mit der elementaren Kategorie der »Störung« fassen. Störungen entfalten ihre Wirkungspotenzen von einem intersystemischen medialen Zwischenraum aus. ›Kultur‹ bzw. das kulturelle Feld lässt sich als ein solcher ›Ort der Störung‹ beschreiben. Als kommunikative Konfliktzonen werden kulturelle Zwischenräume von Akteuren bevölkert, die über medial oder performativ sublimierte Formen des Aufstörens dazu beitragen, den Prozess gesellschaftlicher Selbstverständigung voran zu treiben. Handlungsrollen und Kulturpraktiken des Störens machen in diesem Bereich modellhaft wie stellvertretend das Infragestellen und Überschreiten der temporär gesetzten Toleranzgrenzen offener Gesellschaften möglich. Fasst man Kultur als Handlungsund Symbolsystem, so wird es möglich eine Verbindung herzustellen zwischen aufstörenden Handlungsrollen und daraus hervorgehenden Texten. Am Beispiel des literarischen Felds wird dies in besonderer Weise evident. Wenn Literatur als eine besondere Form der »Selbstbeobachtung von Gesellschaften« gilt, dann gerade deshalb, weil in literarischen Texten in besonderem Maße Störungen und das subversive Unterlaufen von Normen gestaltet und verhandelt werden. Diese Störungen wiederum sind maßgeblich an spezifische Raum-, Handlungs- und Konfliktkonstellationen gebunden. Es nimmt daher nicht wunder, wenn Literaturwissenschaft bereits früh auf die herausgehobene Rolle literarischer Raummodelle bei der Aneignung und Vermittlung von Wirklichkeit hingewiesen hat. Über und mit ihnen ist auf die besondere Abbildfunktion wie das Strukturierungspotential von literarischen Texten verwiesen. Dies ist ein Grund, warum Jurij M. Lotman das Textmedium als eine Form von Übersetzung versteht. Als »endliches Modell der unendlichen Welt« transformiert es komplexe Zusammenhänge in vereinfachte raumbildende Strukturen. Erzählte Welten spiegeln damit auch soziale Grenzziehungen modellhaft wieder. Grenzüberschreitungen als »bedeutsame Abweichung von der Norm« oder »Denormalisierung« setzen Reflexions- und Handlungsprozesse überhaupt erst in Gang.
Die Tagung setzt sich unter dem Thema »Perturbationen« das Ziel, in einem ersten Teil Beiträge zu diskutieren, deren Anliegen es ist, den ›Begriff Störung‹ in den Geistes- und Sozialwissenschaften theoretisch konziser zu fassen. Auch mit Blick auf Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Forschung, wird der Versuch unternommen, weitere Schritte auf dem Weg hin zu einer allgemeinen ›Theorie der Störung‹ zu gehen.

Tagungsprogramm:

Montag, 5. Juli
14:30 – 15:30 Uhr Prof. Dr. Carsten Gansel/ Norman Ächtler (Gießen): Das „Prinzip Störung“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften – Eine Einführung.

Sektion 1: Perturbationen – Theoretische Grundlagen
15:30 – 16:15 Uhr Prof. Dr. Ludwig Jäger (Aachen/Köln): Störung als Evidenzverlust. Überlegungen zur operativen Logik der kulturellen Semantik.

16:15 – 17:00 Uhr Prof. Dr. Jürgen Link (Dortmund): Normalitätsgrenzen, Normalitätsklassen und normalistisches Krisenmanagement global.

17:00 – 17:15 Uhr Kaffeepause

17:15 – 18:00 Uhr Prof. Dr. Gerhard Preyer (Frankfurt): Irritation – Systemtheoretische Grundlagen.

18:00 – 18:45 Uhr Dr. Markus Rautzenberg (FU Berlin): Die Gegenwendigkeit der Störung. Perturbation als medientheoretische Kategorie.

19:00 Uhr Abendessen


Dienstag, 6. Juli

09:00 – 09:45 Uhr PD Dr. Peter J. Uhlhaas (Frankfurt a.M.): Psychiatrische Störungen als Gegenstand der Hirnforschung.

Sektion 2: Das „Prinzip Störung“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften: Kunst- Religions- und Sozialwissenschaften
09:45 – 10:30 Uhr Prof. Dr. Silke Tammen (Gießen): Stolpersteine – Bodenbilder: Wahrnehmungs- und Erinnerungsverstörungen.

10:30 – 11:15 Uhr Prof. Dr. Franz-Josef Bäumer (Gießen): Metaphern des Raumes und Bilder des Lebendigen zur Entgrenzung und Abgrenzung des Religiösen – die Rede von Tod und Sterben in der katholischen Katechese um 1950/60 als komplexe Störungsbewältigung.

11:15 – 11.30 Uhr Kaffeepause

11:30 – 12:15 Uhr Prof. Dr. Wilfried von Bredow (Marburg): Grenzen – Verstörung am Rande der Ordnung.

12:15 – 13:00 Uhr Prof. Dr. Thomas Noetzel (Marburg): Institutionalisierte Störungen: Heterotopien in der funktional differenzierten Gesellschaft.

13:00 – 14:00 Uhr Mittagspause

Sektion 3: Das „Prinzip Störung“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften: Literatur- und Filmwissenschaften

14:00 – 14:45 Uhr Prof. Dr. Peter von Möllendorff (Gießen): Merkwürdige Todesfälle. Der antike Autor als störanfällige Größe im Kommunikationssystem der antiken Literatur.

14:45 – 15:30 Uhr Prof. Dr. Annette Simonis (Gießen): Figurationen von Störung in der Lyrik der Postmoderne und Gegenwart – am Beispiel von Rolf Dieter Brinkmann und Durs Grünbein.

15:30 – 16:15 Uhr Dr. Lars Koch (Siegen): Re-Figurationen der Angst. Typologien absoluter Feindschaft im Gegenwartskino.

16:15 – 16:30 Uhr Kaffeepause

Sektion 4: Das „Prinzip Störung“ in den Medienwissenschaften

16:30 – 17:15 Uhr Dr. Arndt Niebisch (Greensboro): Was ist „Noise”? Kommunikation zwischen Störung und Rauschen.

17:15 – 18:00 Uhr Heiner Apel/Andreas Corr/Anna Valentine Ullrich (Aachen): Produktive Störungen - Pause, Schweigen, Leerstelle.

18:00 – 18:45 Uhr Björn Ganslandt (Gießen): Turn up the noise: Störungen im digitalen Editorial Design.

19:00 Uhr Abendessen


Mittwoch, 7. Juli

Sektion 5: Handlungsrollen und Strategien der Störung im soziokulturellen Kontext

09:00 – 09:45 Uhr Dr. Hans-Christian Stillmark (Potsdam): Notbremsen, Skandale und Gespenster. Sprengung der Kontinuität – (Kunst-)Arbeit an der Revolution –Sprengung des Selbst (Brecht, Müller, Braun).

09:45 – 10:30 Uhr Dr. Matthias Braun (BstU Berlin): Monika Marons Roman „Flugasche“ – Ein Beispiel für Aufstörung und Aushandlung gesellschaftlicher Toleranzgrenzen in einer geschlossenen Gesellschaft.

10:30 – 11:15 Uhr Dr. Gregor Schwering (Siegen): Störenfriede – zum Störverhalten der Provokation

11:15 – 11.30 Uhr Kaffeepause

11:30 – 12:15 Uhr PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek (FU Berlin): „Ruhestörer“ – Deutsch-jüdische Intelligenz zwischen Stereotype und subversiver Strategie.

12:15 – 13:00 Uhr Antonia Rahofer (Innsbruck): Nomaden des Krieges? Migration als Störungsprinzip in der Kunst und Literatur jugoslawischer Nachfolgestaaten.

13:00 – 14:00 Uhr Mittagspause


Sektion 6: Topographien und Figurationen der Störung

14:00 – 14:45 Uhr Prof. Dr. Thomas Bredohl (Regina/Kanada): Deutsche "Störungen": Berlins Platz des 18. März als Ort zwischen Erinnern und Vergessen."

14:45 – 15:30 Uhr Prof. Dr. Pavel Donec (Charkow): „Hybrides“ als Subkonzept der GRENZE und seine Implikationen.

15:30 – 16:15 Uhr Prof. Dr. Sonja Klocke (Galesburg/USA): Figurationen der Störung in Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“.

16:15 – 17:00 Uhr Dr. Verena Ronge (Wuppertal): Gender trouble in der Zwischenwelt? Weiblicher Vampirismus als Störung der Geschlechterordnung in Elfriede Jelineks „Krankheit oder moderne Frauen“.
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm/for...
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortSchloss Rauischholzhausen bei Gießen
Anmeldeschluss30.06.2010
Beginn05.07.2010
Ende07.07.2010
PersonName: Prof. Dr. Carsten Gansel 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
KontaktdatenName/Institution: Norman Ächtler/ Justus-Liebig-Universität Gießen/ Institut für Germanistik 
Strasse/Postfach: Otto-Behaghel-Str. 10B 
Postleitzahl: 35394 
Stadt: Gießen 
Telefon: 0621/99-29084, 0621/99-29121 
E-Mail: norman.aechtler@germanistik.uni-giessen.de 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Themen; Medien- u. Kommunikationstheorie
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.16.00 Literarisches Leben
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