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Ergebnisanzeige ""Zwischen didaktischem Auftrag und grenzüberschreitender Aufstörung? Aktuelle Entwicklungen in der (deutschsprachigen) Kinder- und Jugendliteratur""
RessourcentypCall for Papers
Titel"Zwischen didaktischem Auftrag und grenzüberschreitender Aufstörung? Aktuelle Entwicklungen in der (deutschsprachigen) Kinder- und Jugendliteratur"
Beschreibung"Zwischen didaktischem Auftrag und grenzüberschreitender Aufstörung? Aktuelle Entwicklungen in der (deutschsprachigen) Kinder- und Jugendliteratur".

Wissenschaftliche Tagung am Zentrum für Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien (ZGM) der Universität Zielona Góra vom 30. September bis zum 02. Oktober 2010

Tagungsleitung und Veranstalter:
Prof. Dr. Carsten Gansel (Universität Gießen) und Prof. Dr. Pawel Zimniak (Universität Zielona Góra)
in Verbindung mit Dr. Roswitha Budeus-Budde (Süddeutsche Zeitung/München).


Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends haben sich nicht nur in der deutschsprachigen Literatur Veränderungen abgezeichnet, die ihren Kern in einer neuen Lust am Erzählen fanden. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass bereits Ende der 1990er Jahre eine neue Erzählergeneration mit Texten hervorgetreten ist, von der Literaturkritiker meinten, sie würde „so saftig, unterhaltsam und unbekümmert“ erzählen, „wie einst der junge Grass“ (Volker Hage). Gefeiert wurde zudem eine neue Lust am Erzählen. Als Belege für diesen Trend galten so unterschiedliche Autoren wie Thomas Brussig, Zoe Jenny, Alexa Henning von Lange, Judith Hermann, Benjamin Lebert, Benjamin von Stuckrad-Barre oder Juli Zeh. Die meisten der Texte waren vor ihrer Entdeckung innerhalb der Allgemeinliteratur bereits zur Lektüre junger Leute geworden. Die Entwicklungen ab 2000 vertieften dann einen Prozess, der sich bereits seit den 1970er Jahren abzeichnete: Die Annäherung von Allgemeinliteratur auf der einen und Kinder- und Jugendliteratur auf der anderen Seite. Diese Annährung, die auch eine Grenzüberschreitung bedeuten kann, war nur möglich, weil inzwischen sämtliche jener Darstellungsweisen, die ursprünglich der Allgemeinliteratur vorbehalten blieben, auch im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur ihren Platz haben. Auf den Ebenen von ‚story’ und ‚discourse’ unterscheiden sich die avancierten Texte aus dem Bereich der Kinder- und Jugendliteratur nicht mehr grundsätzlich von Texten - etwa der genannten jungen wie auch der arrivierten Autoren. Eine Grenzüberschreitung im Handlungssystem Literatur zeigt sich nicht zuletzt darin, dass eine Autorin wie A. Hennig von Lange für ihren Text „Ich habe einfach Glück“ (2002), der nicht an junge Leser adressiert ist, mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde.

Grundsätzlich geht es – so kann man sagen – auch den Autoren, die für junge Leser schreiben, nicht darum, die Texte dem vermeintlichen Fassungsvermögen der potentiellen Rezipienten anzupassen, mithin eine „Zielgruppe“ zu bedienen. Entscheidend ist für sie vielmehr die Frage, ob der Einsatz der literarischen Mittel dazu beiträgt, dass die Geschichte, die erzählt wird, funktioniert und – bei aller möglichen Verfremdung – die Wirklichkeit von Kindern und Jugendlichen erfasst wird. Die Texte sowie die poetologischen Überlegungen von Autoren wie Mirijam Pressler, Kirsten Boie, Jutta Richter, Andreas Steinhöfel, Zoran Drvenkar, Tormod Haugen, Mats Wahl, Kevin Brooks – um nur einige zu nennen – bestätigen diese Auffassung. Inzwischen existiert im Symbolsystem Kinder- und Jugendliteratur eine nicht abgeschlossene Vielfalt künstlerischer Präsentationen, Gattungen, Genre; es gibt eine Vielzahl literarischer Niveaus wie Qualitäten, die nicht – das sei deutlich betont – gegeneinander auszuspielen sind. Texte aus dem KJL-System sind gerade nicht (mehr) an eine besondere ästhetische Form gebunden, prinzipiell ist alles möglich!

Das provoziert die Frage, wie weit die noch existierenden Grenzen aufgelöst werden (können) und welche Folgen, ja möglicherweise Störungen, sich daraus für das Symbol- und Handlungssystem Literatur ergeben. Die Frage nach Störungen betrifft vor allem das „Was“ und „Wie“ der literarischen Darstellung. Mit anderen Worten:

Wie weit geht eine Literatur, die in Kinder- und Jugendbuchverlagen oder in speziellen Programmen der Publikumsverlage erscheint und – bei aller Offenheit – letztendlich doch Kinder und Jugendliche erreichen will?
Bis zu welchem Punkt können Kindheits- und Adoleszenzkrisen erfasst werden? In welchem Maße ist es möglich, noch existierende Tabus zu brechen und über einen „harten Realismus“ oder phantastische Präsentationen über Liebe und Sexualität, Gewalt und Gewaltphantasien in der Spanne zwischen Störung und Zerstörung zu erzählen?
Auch für eine besondere Gattung wie das Bilderbuch steht die Frage, welche Stoffe und Themen mit welchen künstlerischen Formen gestaltet werden und in welchem Maße auch hier das „Prinzip Störung“ eine Rolle spielt.

Nun wird mit Blick auf offensichtliche Grenzüberschreitungen oftmals auf den Trend zum sogenannten All-Age-Buch bzw. zu Cross-Over-Titeln verwiesen. Gemeint sind damit Texte, die von Kindern und Jugendlichen wie Erwachsenen gleichermaßen gelesen werden. Dieses Phänomen ist allerdings keineswegs so neu, wie mitunter behauptet. Bereits in der deutschen Romantik finden sich vermehrt derartige Texte. Zu denken ist dann später an J. R. R. Tolkien, an Michael Ende und seine „Unendliche Geschichte“ (1979) oder Jostein Gaarder. Gaarder hat mit seinem in mehr als 54 Sprachen übersetzen Bestseller „Sofies Welt“ (1991) diese Entwicklung verstärkt. So richtig zum Durchbruch kam das All-Age-Phänomen dann aber mit Joanne K. Rowlings „Harry Potter“. Ohne auf neue Weise eine Einteilung in U- und E-Literatur zu konstruieren, stellt sich das Problem, ob die gegenwärtigen Entwicklungen sich nicht in einem gewissen Gegensatz zum skizzierten Phänomen des All-Age-Buches befinden und letztlich in eine andere Richtung tendieren: Könnte es sein, dass in neuer Weise trivialere Muster der Allgemeinliteratur für jugendliche Adressaten zugerichtet werden? Offensichtlich ist zumindest, dass eine Reihe dieser erfolgreichen Texte – zu denken ist dabei auch an die Vampir-Romane von Stephenie Meyer – nicht unbedingt in klassischen Jugendbuchverlagen erscheinen.

Im Unterschied zu diesen Texten haben es Romane, die über einen mitunter „harten Realismus“ und auf literarisch innovative Weise von heutiger Kindheit und Jugend erzählen, auf dem Buchmarkt ausgesprochen schwer. Und dies obwohl gerade diese Autoren versuchen, der „wirklichen Wirklichkeit“ von Kindern bzw. Jugendlichen mit all ihren Bedrängnissen auf die Spur zu kommen. Dies hat Folgen für das „Was“ und „Wie“ des Erzählens, die literarische Darstellung muss sich nämlich den veränderten Figuren- und Handlungskonstellationen sowie neuen Räumen öffnen. Für den Roman der mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichneten polnischen Jungautorin Dorota Maslowska („Schneeweiß und Russenrot“) trifft dies wie – in anderer Weise – für den englischen Autor Kevin Brooks durchaus zu. Dass diese Texte „doppelsinnig“ im besten Sinne sind und von jungen Lesern wie Erwachsenen rezipiert werden (können), steht außer Frage. Aber gilt dies auch für das Phänomen All-Age in seiner Breite? Was ist in dem Fall, da es eine bewusste Grenzüberschreitung von Tabu-Bereichen gibt, wie sich dies derzeit in Teilen der Fantasy abzeichnet, in der Gewaltdarstellungen und Horror eine zunehmende Rolle spielen oder diverse Spielarten von Sexualität zum Darstellungsgegenstand werden. Es steht angesichts dieser Entwicklungen für die ‚Handlungsrolle Rezeption’ die Frage, ob die jungen Leser diese Grenzüberschreitungen überhaupt als Störung wahrnehmen oder aber angesichts der Erfahrungen aus den Medien und dem Internet bereits als ‚selbstverständlich’ einordnen? Wie sehen die Autoren diese Entwicklungen und welche Rolle spielen in diesem Prozess die Verlage selbst?
Die hier nur angedeuteten Aspekte zielen darauf, Entwicklungen im Symbol- und Handlungssystem Literatur zu diskutieren und zudem ins Gespräch mit jenen zu kommen, die die Produzenten und Leser der Texte sind. Dabei sollen in diesem Rahmen ausdrücklich auch Entwicklungen in der polnischen Literatur mit einbezogen werden.

Neben den skizzierten Aspekten zielt die Tagung grundsätzlich darauf, Entwicklungen seit 2000 zu erfassen, mithin die verschiedenen Gattungen und Subgattungen einer (modernen) Literatur für Kinder und Jugendliche. Es geht um Spielarten des Kinderromans oder Facetten des Adoleszenzromans, angesprochen ist das zeitgeschichtliche Erzählen, der Krimi für junge Leser, aber auch neue Trends im Bereich des Sachbuchs. Reflektiert werden sollte schließlich auch der Umstand, dass es zunehmend Übersetzungen sind, die auf dem deutschen Markt erfolgreich sind.

Weitere Konkretisierungen und Präzisierungen durch die Referenten/innen sind innerhalb des vorgegebenen Themenrahmens ausdrücklich erwünscht.

Bei Interesse bitten wir um Rückmeldung mit einem konkreten Themenangebot bis zum 15. Juli 2010 an eine der beiden folgenden Adressen:


Prof. Dr. Carsten Gansel
Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Str. 10B
35394 Gießen
carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de

Prof. Dr. Pawel Zimniak
Uniwersytet Zielonogórski
Instytut Filologii Germańskiej
ul. Wojska Polskiego 71A
65–762 Zielona Góra, Polen
P.Zimniak@ifg.uz.zgora.pl

Web: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm/forschung/tagungen/cfp-kjl

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortZielona Góra (PL)
Bewerbungsschluss31.07.2010
Beginn30.09.2010
Ende02.10.2010
PersonName: Carsten Gansel 
Funktion: Mitveranstalter 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
KontaktdatenName/Institution: Prof. Dr. Carsten Gansel/ Justus-Liebig-Universität Gießen/ Institut für Germanistik 
Strasse/Postfach: Otto-Behaghel-Str. 10B 
Postleitzahl: 35394  
Stadt: Gießen 
Telefon: 0621/99-29121 
E-Mail: carsten.gansel.@germanistik.uni-giessen.de 
Internetadresse: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm/uber-uns/wimi/gansel 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Literaturdidaktik
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.09.00 Gattungen und Formen; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.09.00 Gattungen und Formen > 05.09.07 Kinder- und Jugendliteratur; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.08.00 Gattungen und Formen
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
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