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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Ambivalenz und Kohärenz. Untersuchungen zur narrativen Sinnbildung"
RessourcentypCall for Papers
TitelAmbivalenz und Kohärenz. Untersuchungen zur narrativen Sinnbildung
BeschreibungAMBIVALENZ UND KOHÄRENZ
UNTERSUCHUNGEN ZUR NARRATIVEN SINNBILDUNG
Symposion Bergische Universität Wuppertal, 16.-18. November 2007

Veranstalter: Zentrum für Erzählforschung
Prof. Dr. Michael Scheffel, Julia Abel M.A., Dr. Andreas Blödorn

Themenvorschläge bitte bis zum 1.3.2007 einreichen.

Narrationen werden in der aktuellen, kulturwissenschaftlich akzentuierten Forschung in der Regel als 'Darstellung einer nicht-zufälligen Ereignisfolge' bestimmt. So verstanden, tragen Narrationen auf grundlegende Weise zur Sinnbildung bei, indem sie aus kontingentem Geschehen kohärente Ordnungen in Form von Geschichten herstellen: Ereignisse folgen in ihnen nicht bloß aufeinander, sondern auseinander. Nicht zuletzt dank dieses Verständnisses von Erzählen konnte Narrativität in den letzten Jahren zu einem Paradigma der Kulturwissenschaften werden. Disziplinenübergreifend betont man so z.B. die identitätsstiftende Bedeutung narrativer Organisation von Sinn (etwa in der phänomenologisch ausgerichteten Philosophie, der Psychologie, der Soziolinguistik und der Neurobiologie).

Dem skizzierten theoretischen Verständnis von 'Narration' steht jedoch die empirische Tatsache entgegen, dass in Erzählungen explizite kausale Verknüpfungen oftmals fehlen und Kohärenzbildung vielfach durch Mehrdeutigkeit und Brüche unterlaufen wird. Unabhängig von Roman Jakobsons alter These einer fundamentalen Ambiguität des Poetischen schlechthin, richten neuere sprach- und textzentrierte Ansätze wie die Dekonstruktion ihre Aufmerksamkeit denn auch auf Brüche und Ambivalenzen und heben gerade die mangelnde Eindeutigkeit eines kohärenten Sinns in Erzählungen hervor.

Angesichts der Komplexität narrativer Sinnbildungsprozesse erweist sich die Berücksichtigung lediglich eines der beiden genannten Aspekte wohl als unzureichend. Für die narrative Organisation von Sinn scheint vielmehr – zumal im Bereich literarischer Erzählungen – gerade das Spannungsverhältnis von Ambivalenz und Kohärenz kennzeichnend, vielleicht sogar konstitutiv zu sein. Der Komplexitätsreduktion einerseits, wie sie durch die Zusammenhang herstellende Narration erfolgt, steht andererseits die Komplexitätssteigerung durch semantische, ggf. ambige Mehrfachkodierung gegenüber.

Wie organisieren Narrationen nun angesichts dieses Spannungsverhältnisses Sinn und Sinnstörungen? Im Unterschied zur aktuellen Tendenz, wahlweise 'Ambivalenz' oder 'Kohärenz' zu akzentuieren, möchte sich das Wuppertaler Symposion dem Zusammen- und Wechselspiel beider Phänomene widmen und aus theoretischer und anwendungsbezogener Sicht das Spannungsfeld abstecken, in dem sich narrative Sinnbildungsprozesse zwischen diesen beiden Polen vollziehen.

Zum allgemeinen theoretischen Rahmen des Symposions gehören folgende Überlegungen und Fragen:
Die mit dem Erzählen gemeinhin verbundene Herstellung von "Zusammenhang aus Einzelheiten" (Volker Klotz) vollzieht sich erzählpragmatisch betrachtet zwischen zwei Organisationszentren, die sich als die beiden strukturierenden "Ich-Hier-Jetzt-Systeme" (Dietrich Weber) des Erzählten (histoire) und des Erzählens (discours) fassen lassen. Wie aber verhält sich der sukzessiv organisierte Ablauf der Narration, der auf dem Prinzip stringenter Kausalverknüpfungen basiert, zum erzählten Geschehen und zur erzählten Geschichte?

Paul Ricœur bestimmt diesen Prozess der (Re)Figuration von Wirklichkeit als "Fabelkomposition" ("mise en intrige") und versteht ihn als jenen "Vorgang, der aus einer bloßen Abfolge eine Konfiguration macht": Kohärenz stellt sich somit durch narrative Strukturierung von Einzelheiten her. Im Zentrum des Kon-Figurierens steht dabei die Schaffung eines Kausalzusammenhangs. Wie aber lassen sich die Formen und Regeln narrativer Verknüpfung im Einzelnen fassen? Darf man hier überhaupt im streng logischen Sinn von Kausalität sprechen? Und worin besteht das spezifisch Narrative solcher Erklärungsmuster?

Der logisch-chronologische Zusammenhang von Geschehen und seine tatsächliche Präsentation als erzählte Geschichte kann in konkreten Narrationen auf unterschiedlichen Ebenen in seinem Kausalzusammenhang 'unterbrochen' sein:
Narrative Ambivalenz kann zum Beispiel entstehen, indem verschiedene Erklärungsmuster für erzähltes Geschehen miteinander konkurrieren: Mehrdeutigkeit betrifft in solchen Fällen das Problem der 'Synthesis des Heterogenen' (Ricœur), d.h. der Wahrnehmung, Ordnung und Darstellung von Geschehen selbst. So kann es etwa zu einem Geschehen zwei oder mehrere einander widersprechende Erklärungsmuster geben (ohne dass eine Erzählung damit zwangsläufig als 'phantastisch' zu klassifizieren wäre).

Es können aber auch narrative Vermittlungs- oder Darstellungsmuster miteinander konkurrieren, etwa, indem Handlungsschemata auf der Ebene von Genre- oder Gattungskonventionen und (kon-)textuelles Wissen bzw. spezifische Realisierungsform einer Handlung divergieren.
Eine systematische Erfassung narrativer Formen von Sinnorganisation müsste darüber hinaus historische und kulturelle Spezifika in den Blick nehmen und der Frage nachgehen, wie Textstrukturen und Rezeptionsprozesse bei der narrativen Sinnbildung zusammenhängen.

Im Einzelnen sind Beiträge etwa zu folgenden Themenfeldern vorstellbar:

1) Theoretische Grundlagen:
- Kohärenz und Narrativität aus Sicht der Texttheorie
- Erzählen als Kohärenzbildung – Ambivalenz der poetischen Sprache
('Strukturalismus revisited')
- Funktionen von Kohärenz und Mehrdeutigkeit (z.B. Metareflexion von Sprache,
Erzählen, Gattung, Genre)
- Kohärenzbildung beim Lesen (Leseforschung)

2) Ambivalenz und Kohärenz auf der Ebene erzählerischer Darstellung (Zeit, Modus, Stimme):
- Mehrdeutigkeit im Blick auf den pragmatischen Status der Erzählrede
- Ambivalenz im Bereich der Fokalisierung: Mehrdeutigkeit durch (nicht markierte) Fokalisierungswechsel
- Erzählperspektive: zwei Sichtweisen auf ein Geschehen, mit unterschiedlichen
Stimmen verbunden; verschiedene Formen von Wahrnehmung
- Mehrdeutigkeit im Blick auf die zeitlich-räumliche und kausale Ordnung von
Geschehen
- Mehrdeutigkeit als Ergebnis von Abweichungen von einem gattungs-
/genrespezifischen Handlungsmuster

3) Ambivalenz und Kohärenz auf der Handlungsebene der erzählten Welt (Motivierung, Handlungsmodelle):
- Mehrdeutigkeit im Blick auf den ontologischen Status des Erzählten
- alternative Ausgänge einer Geschichte
- Bedeutung von Ambivalenz für die Kohärenz als Ganzheit der erzählten
Geschichte (konstitutiv oder kontraproduktiv?)


4) Kulturwissenschaftliche und interdisziplinäre Perspektivierung:
- Kohärenz und Narrativität aus kognitionspsychologischer Sicht
- Kohärenz und Narrativität aus Sicht der Kulturtheorie (z.B. soziologisch,
philosophisch oder kulturwissenschaftlich)
- Kohärenz und Narrativität aus Sicht der Geschichtswissenschaft
- Sinnbildung aus theologischer Sicht
- Kohärenz vs. Ambivalenz in Alltagserzählungen (Linguistik)
- Kohärenz und Mehrdeutigkeit als rezeptive bzw. kognitive Phänomene


5) Einzelfallstudien
- zu unterschiedlichen Epochen
- aus verschiedenen Philologien


Es ist beabsichtigt, die Beiträge des Symposions vorab in schriftlicher Form zur Vorbereitung an alle Teilnehmer zu versenden, um die Vorträge des Symposions eingehender diskutieren zu können.

Über Beitrags-Vorschläge – sowohl exemplarischer als auch theoretisch ausgerichteter Art – würden wir uns sehr freuen. Bitte senden Sie ein kurzes Exposé Ihres Beitrags (max. 2000 Zeichen) bis zum 1. März 2007 per e-Mail an alle Herausgeber. Eine Veröffentlichung der Beiträge ist geplant.

Bergische Universität Wuppertal
Fachbereich A: Geistes- und Kulturwissenschaften
Allgemeine Literaturwissenschaft/Neuere deutsche Literaturgeschichte
Gaußstr. 20
42119 Wuppertal

Prof. Dr. Michael Scheffel
Tel.: 0202/439-2362/-2249
Fax.: 0202/439-3338
e-Mail: scheffel@uni-wuppertal.de

Julia Abel, M.A.
Tel.: 0202/439-2882
Fax.: 0202/439-3338
e-Mail: julia.abel@uni-wuppertal.de

Dr. Andreas Blödorn
Tel.: 0202/439-2882
Fax.: 0202/439-3338
e-Mail: bloedorn@uni-wuppertal.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortWuppertal
Bewerbungsschluss01.03.2007
Beginn16.11.2007
Ende18.11.2007
PersonName: Scheffel, Michael [Prof. Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: scheffel@uni-wuppertal.de 
KontaktdatenName/Institution: Bergische Universität Wuppertal, Allgemeine Literaturwissenschaft/Neuere deutsche Literaturgeschichte 
Strasse/Postfach: Gaußstr. 20 
Postleitzahl: 42119 
Stadt: Wuppertal 
Telefon: +49 (0)202-4392362 
Fax: +49 (0)202-4393338 
E-Mail: fages@uni-wuppertal.de 
Internetadresse: http://www.fba.uni-wuppertal.de/allgemeine_literaturwissenschaft/ 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeErzähltheorie
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie
Ediert von  H-Germanistik
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